Jaime Paz Zamora

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Jaime Paz Zamora (* 15. April 1939 in Cochabamba) war vom 6. August 1989 bis zum 6. August 1993 Präsident von Bolivien. Zwischen 1982 und 1984 diente er als Vizepräsident.

Gründung der MIR und Allianz mit Hernán Siles Zuazo[Bearbeiten]

Paz Zamora (entfernt verwandt mit dem dreimaligen bolivianischen Präsidenten Víctor Paz Estenssoro) studierte in Belgien und wurde ein glühender Unterstützer der linken bzw. progressiven Sache in den turbulenten Sechzigerjahren. Nachdem er von Diktator Hugo Banzer verbannt worden war, war er 1971 einer der Gründer der Linken Revolutionären Bewegung (Movimiento de Izquierda Revolucionaria, MIR), ursprünglich ein Mitglied der Sozialistischen Internationale. Bald erwarb die MIR die Unterstützung eines großen Teils der marxistischen Intelligenz des Landes, vor allem unter Universitätsstudenten. Nachdem Paz 1978 nach Bolivien zurückgekehrt war, ging die MIR eine Allianz mit dem Movimiento Nacionalista Revolucionario de Izquierda des früheren Präsidenten Hernán Siles Zuazo ein. Das Resultat war die Bildung der Unidad Democrática y Popular (UDP). Es war ein für beide Seiten vorteilhaftes Bündnis, denn einerseits besaß Siles alles, woran es der MIR mangelte (Erfahrung und Legitimation bei der von der Revolution von 1952 stammenden Arbeiterklasse), während Paz Zamora Siles andererseits die Unterstützung der Studenten und jungen Intellektuellen sicherte.

Die ergebnislosen Wahlen von 1978 und 1979[Bearbeiten]

Die UDP nahm mit Siles Zuazo auf der Liste an den Wahlen vom Juni 1978 teil. Die Wahl wurde jedoch annulliert, dies aufgrund der Aufdeckung eines massiven Wahlbetrugs durch den Kandidaten General Juan Pereda. 1979 wurden aus diesem Grunde Neuwahlen durchgeführt. Auch diese liefen schief, da Hernán Siles Zuazo von der UDP mit Paz Zamora zwar Wahlsieger wurde, aber nicht die nötige Mehrheit von 50 % erreichte, die für eine Direktwahl nötig gewesen wäre. Also wurde es dem Kongress überlassen, die nächste Regierung zu bestimmen, wie in der bolivianischen Verfassung festgelegt. Überraschend (oder auch nicht, wenn man den damaligen Mangel an demokratischer Praxis in Bolivien berücksichtigt) konnte sich der Kongress nicht auf einen Kandidaten einigen, egal, wie viele Abstimmungen abgehalten wurden. Letztendlich rief der Kongress den Vorsitzenden des Senats, Dr. Wálter Guevara, als Übergangspräsidenten aus. Außerdem wurde ein weiterer Versuch für 1980 angekündigt.

Die Wahlen von 1980[Bearbeiten]

Beunruhigenderweise begann der ultrarechte Flügel des bolivianischen Militärs zu verstehen zu geben, dass dieses keinesfalls den Einzug der „Extremisten“ Siles und Paz Zamora in den Palacio Quemado akzeptieren würde, doch die Vorbereitung der Wahl ging unvermindert weiter. Im April stürzte das kleine, gemietete Flugzeug, in dem Paz Zamora und eine Delegation von UDP-Politikern reisten, im Altiplano nahe La Paz ab. Dabei starben alle Passagiere bis auf den Vize-Präsidentschaftskandidaten. Das Flugzeug hatte einer Gesellschaft gehört, deren Eigner Oberst Luis Arce Gómez war, der später Innenminister unter der rücksichtslosen Militärdiktatur Luis Garcia Mezas werden sollte. Niemand zweifelt daran, dass der Zwischenfall ein Attentat war. In der Folge erholte sich Paz von seinen Verbrennungen und stieg wieder in den Wahlkampf ein, getragen von der steigenden Unterstützung als Folge des „Unfalls“. Der Sieger dieser dritten Wahl in drei Jahren war erneut das Siles Zuazo-Paz Zamora-Bündnis. Die beiden wären vereidigt worden, wenn General Luis García Meza nicht am 17. Juli 1980 geputscht hätte; eine Aktion, die den demokratischen Prozess brutal unterbrach.

Die UDP an der Macht und Paz Zamora als Vizepräsident (1982–85)[Bearbeiten]

Paz Zamora floh zunächst ins Exil, kehrte aber 1982 zurück, als das Experiment des Militärs seinen Zenit überschritten hatte und die bolivianische Wirtschaft am Rande des Kollapses war. Für die Streitkräfte, deren Ruf während der Diktatur von 1980 bis 1982 stark gelitten hatte, war ein hastiger Rückzug der einzige Weg aus der Misere. Im Oktober 1982 wurden die Ergebnisse der Wahlen von 1980 nachvollzogen, um die Kosten einer weiteren Wahl einzusparen, und Siles Zuazo wurde eingeschworen; Jaime Paz Zamora diente als sein Vizepräsident. Die Situation der Wirtschaft allerdings war düster, bald entwickelte sich eine Hyperinflation im Land. Siles hatte große Probleme, die Situation zu kontrollieren. Er erhielt auch kaum Unterstützung von den politischen Parteien oder den Kongressmitgliedern. Die Gewerkschaften, geleitet Juan Lechín Oquendo, lähmten die Regierung mit andauernden Streiks. An dieser Stelle (1984) löste sich auch die MIR unter Paz Zamora von der Regierung; diese Aktion kann man sehr wohl als Verlassen des sinkenden Schiffes bezeichnen. Währenddessen sank die Popularität Siles' auf einen Rekordtiefstand, auch durch die Hyperinflation bedingt, die mit von 1982 bis 1985 dauernd zur viertlängsten jemals bekannten Inflation wurde.

Änderung der Ideologie (1985–89)[Bearbeiten]

1985 veranlasste die Unfähigkeit der Regierung den Kongress, Neuwahlen anzusetzen; dabei wurde auch die Tatsache hervorgehoben, dass Siles ursprünglich schon vor fünf Jahren gewählt worden war. Die MIR bewegte sich in dieser Zeit nach dem Bruch mit Siles unabhängig, noch immer vom allgegenwärtigen Paz Zamora geführt, der auch den Präsidentschaftskandidaten der Partei darstellte. Paz Zamora landete bei der Wahl auf einem respektablen dritten Platz, als Präsident gewählt wurde Víctor Paz Estenssoro von der MNR. Während der Periode von 1985 bis 1989 durchlief die MIR wichtige ideologische Veränderungen, als Paz Zamora und Oscar Eid mit ihren marxistischen Auffassungen brachen. Dies war die Zeit der Perestroika, und die Tage der totalitären Machthaber in Osteuropa schienen gezählt zu sein. Der Schwenk im Programm der MIR vom linken Flügel ins bürgerlich-liberale Umfeld verursachte einige wichtige Übertritte zum politischen Gegner, von denen der bekannteste der von Antonio Araníbar war. Dennoch gewann die Partei an Einigkeit und Zusammenhalt. Auch das Wählerpotenzial nahm durch diese Aktion stark zu.

Die Wahl von 1989 und die Allianz mit Hugo Banzer[Bearbeiten]

Im Mai 1989 kandidierte Paz Zamora einmal mehr für das Präsidentenamt. Er landete nicht weit hinter den Siegern Gonzalo Sánchez de Lozada und Hugo Banzer auf Rang drei. Wie gewöhnlich erreichter keiner der drei Kandidaten die nötige absolute Mehrheit um gewählt zu werden, also begann der Kongress wieder einmal zu beraten. Paz Zamora hatte zwar geschworen, niemals mit Banzer zusammenzuarbeiten, der die MIR in den Siebzigerjahren verfolgt hatte. Doch Banzer hatte heftig mit der MNR des Wahlsiegers Sánchez de Lozada gebrochen; als die Gelegenheit zu einer Koalition mit Banzer auftrat, ergriff Paz Zamora sie. Diese Aktion kostete ihn und die MIR in den folgenden Jahren alles. Am 5. August 1989 wurde Paz Zamora durch den Kongress zum Präsidenten erklärt - dank der politischen Unterstützung durch Hugo Banzer. Diese Koalition zwischen MIR und ADN wurde als Einigung zu Gunsten Boliviens und des Fortschritts des demokratischen Prozesses dargestellt. Viele Bürger unterstützten das, andere revoltierten.

Die Präsidentschaft Paz Zamoras (1989–93)[Bearbeiten]

Die Regierungszeit des Jaime Paz Zamora war ziemlich ereignislos. Durch seine Allianz mit Banzer und seinen neuen Ansichten in seinen Handlungsmöglichkeiten beschränkt, schreckte der Präsident davor zurück, größere Veränderungen in die Wege zu leiten. Er lehnte die komplette Ausrottung der Kokapflanze, wie von George H. W. Bush vorgeschlagen, ab. Er verteidigte das medizinische und industrielle Potenzial des Kokas, doch er erreichte nur sehr wenige konkrete Resultate. Seine wiederholten Wahlkampfparolen, er wolle die neoliberale Politik seines Vorgängers, Dr. Paz Estenssoros, rückgängig machen, führten zu nichts, außer dass der Großteil der Privatisierungen Bestand hatte. Alles in allem „wurstelte“ sich Paz Zamora durch seine Amtszeit, ohne die in ihn als linkesten Kandidaten gesetzten Erwartungen auch nur im Entferntesten zu verwirklichen. Das wichtigste innere Ereignis der Paz Zamora-Periode hatte so auch nichts mit dem Präsidenten zu tun: 1993 konnte sich Bolivien für die Fußball-Weltmeisterschaft 1994 qualifizieren. Auf der anderen Seite wurde seine Amtszeit von ernsten Korruptionsvorwürfen geprägt.

In der Außenpolitik verhandelte Paz Zamora dafür erfolgreich über die Abtretung eines Hafens an der peruanischen Küste.

Weitere Misserfolge und das vorläufige Karriereende[Bearbeiten]

Die MIR und Paz Zamora gingen aus der Legislaturperiode von 1989-93 deutlich geschwächt hervor, besonders, nachdem Paz Zamoras wichtigster Helfer, Oscar Eid, wegen Drogenhandels zu einer Haftstrafe verurteilt worden war. Aus alten Verpflichtungen unterstützte die MIR in den Präsidentenwahlen von 1993 Hugo Banzer, doch das Vorhaben misslang. Statt dessen wurde Gonzalo Sánchez de Lozada vom MNR vereidigt. 1997 wurde erneut Paz Zamora als Kandidat aufgestellt, wieder landete er auf Rang drei. Beim nächsten Versuch, 2001, wurde er abgeschlagen Vierter. Währenddessen wurde auch die MIR-Fraktion im Kongress auf einen Bruchteil der ursprünglichen Stärke reduziert. Paz Zamoras letzte Teilnahme an einer Wahl war im Jahr 2005 eine Art Gouverneurswahl. Jaime Paz Zamora verlor wieder einmal gegen einen MNR-Kandidaten, einen früheren Kongresspräsidenten namens Cossío. Damit scheint seine Karriere ein ziemlich trauriges Ende gefunden zu haben; eine Karriere, die von großen Erwartungen, vielen Korruptionsskandalen und einer Reihe von Wahlniederlagen gezeichnet war. Wahrscheinlich besiegelte Paz Zamora sein eigenes Schicksal, als er 1989 die Allianz mit General Banzer einging und alles verriet, wofür er jemals gestanden hatte. Die kurzzeitigen Erfolge (die Präsidentschaft) wiegen die langen Jahre voll von Niederlagen nicht auf.

Persönliches[Bearbeiten]

Jaime Paz Zamora ist von seiner Ex-Frau Carmen Pereira Carballo geschieden.

Er ist Professor für Soziologie und Politikwissenschaften.

Weblinks[Bearbeiten]

Vorgänger Amt Nachfolger
Víctor Paz Estenssoro Präsident von Bolivien
19891993
Gonzalo Sánchez de Lozada