Jan Cornelius (Liedermacher)

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Jan Cornelius (* November 1953 in Hage bei Norden) ist ein ostfriesischer Liedermacher und lebt in Jemgum.

Überblick[Bearbeiten]

Cornelius begann seine Karriere als Liedermacher 1977. Mit seinem Bruder Jürn trat er als plattdeutsches Folk-Duo unter dem Namen „Jan & Jürn“ auf und nahm vier LPs auf. Ab 1984 veröffentlichte er als Solist. Trotz seines Erfolges hat Jan Cornelius seinen Lehrerberuf nie aufgegeben.

Leben und Wirken[Bearbeiten]

Geboren wurde Jan Cornelius im November 1953 in Hage bei Norden.[1] Sowohl Vater als auch Mutter waren Dorfschullehrer in der Hagermarsch. 1959 zog die Familie nach Jemgum, wo eine Rektorenstelle frei geworden war und die zur Verfügung gestellte Lehrerdienstwohnung überdies eine Kohlenzentralheizung besaß.[2] Für die Söhne Jan und Jürn zog der Umzug eine erste Bekanntschaft mit der plattdeutschen Sprache nach sich und in der Folge nahm das Plattdeutsche im Hause Cornelius die Stellung einer Umgangssprache ein. Er lernte Blockflöte und Klavier spielen, wünschte er sich als Zwölfjähriger aber eine elektrische Gitarre. Der Vater kaufte ihm eine klassische und bestand auf Unterricht, den Jan nach sechs Wochen aufgab.[2] Im Alter von 14 Jahren trat er dem CJVM – Christlicher Verein Junger Männer bei und war parallel im kirchlichen Posaunenchor aktiv. 1967 erfolgte die Gründung der ersten eigenen Band „The Crew“. Mitglieder waren Peter Heikens, Udo Pflüger und Dieter Scharmacher.[1] Sein musikalisches Engagement und der dadurch hervorgerufene Mangel an Zeit für andere Dinge trugen zu einem verspäteten Erwerb des Abiturs am Ubbo-Emmius-Gymnasium in Leer und einem Studienbeginn erst mit 22 Jahren bei. Danach studierte er ab 1975 Germanistik und Musik mit dem Ziel des Lehramts in Oldenburg. Mit dem dortigen Berater für Erstsemester Adalbert Kirchhoff gründete er mit ihm sowie Gunnar Olsen und Ludger Bojert die „Poly Skiffle und Rock GmbH“. Cornelius, der das Banjo spielte, konnte von den Gagen sein Studium finanzieren. Die Umstellung auf Tanzmusik und die zunehmend aufwändigere Technik, sowie seine Vorliebe für eher sanftere Stücke führten schließlich zum Abschied von der Band.

Die Entdeckung der plattdeutschen Sprache als Stilmittel in Thomas Manns Roman „Buddenbrooks“, mit dem er sich während seines Germanistikstudiums intensiv befasste, und ein Auftritt von Hannes Wader ließen in Cornelius das Bewusstsein für die plattdeutsche Sprache wachsen. Jan und sein in der Schlussphase zur Skiffle-Band gestoßener Bruder Jürn stießen bei ihrer Suche nach alten Liedern auf die „Folkalternative Strackholt“.[3] Der Text „Lü, kommt bianner, dat word nödig Tied, för de Free to strieden, dat is bold sowiet, en Pulverfatt word van de Wahnsinn regeert, wi flegen in’t Lücht, wenn neet bold wat gebört“ (Leute, kommt zusammen, es ist nötig Zeit, für die Freiheit zu kämpfen, es ist bald soweit, ein Pulverfass des Wahnsinns regiert, wir fliegen in die Luft, wenn nicht bald etwas geschieht) zeugt von der Sympathie mit der 68er Studentenbewegung und seinen Aktivitäten in der Öko- und der Friedensbewegung.

In der Aula der Plytenbergschule in Leer kam es 1977 zu einer ersten öffentlichen Aufführung des plattdeutschen Programms, das aus der Zusammenarbeit der Brüder hervorging und ein Repertoire an spiel- und singbaren traditionellen plattdeutschen Liedern umfasste.[1] Mit dem Kontakt zu dem Ostfriesen-Barden Karl Dall kam ein Plattenkontrakt zum ersten Album „Jan und Jürn – Lieder auf Platt“ mit ausschließlich plattdeutschen Liedern zustande.[4][5]

1984 nach der letzten gemeinsamen Produktion „Stünnen glieden“ erfolgte die Trennung der Brüder. Jan beendete sein Studium, es folgten Referendariat und Lehrerberuf. Jürn entwickelte sich musikalisch in Richtung der Sparten Rock und Jazz, wurde Schauspieler an der Wilhelmshavener Landesbühne und produziert Kinder- und Jugendmusik.[6] Jan Cornelius veröffentlichte den Gedichtband „Achter mien Ogen“.[7] Mit den Brüdern Ralf und Mathias Diesel wurden plattdeutsche Lieder aufgenommen, doch der große Erfolg blieb auch nach zehn gemeinsamen Auftritten im Jahre 1986 aus, ein Anknüpfen an die Errungenschaften der Zeit mit seinem Bruder war nicht möglich. In Begleitung seiner Lebensgefährtin fuhr Cornelius zwei Jahre lang mit einem Segelschiff durch das Mittelmeer. Zurück an der Osterstegschule in Leer tätig, wurde Cornelius mit Anfragen bezüglich Soloauftritten konfrontiert.[1] Er traf auf Klaus Hagemann, einen Bekannten aus der Studienzeit und lange Jahre als Gitarrist bei den „Emsland Hillbillies“ tätig gewesen. Die Idee eines „Heimschläfer-Konzerts“ entstand. Konzerte wurden nur noch auf heimischem Boden beziehungsweise in einem Radius gegeben, der eine Rückkehr nach Hause noch in derselben Nacht ermöglichte. Gerd Brandt aus Wilhelmshaven wirkte in den Kreativphasen als Korrektiv und Produzent mit.[8]

1989 wurde die erste CD mit dem Titel „Neje Mörgen“ publiziert, die eine Verarbeitung der während Jans Mittelmeerreise in Tagebuchform niedergeschriebenen Entwürfe und Gedanken darstellte. Es schloss sich Anfang der 1990er Jahre ein Projekt an, das im Zusammenhang mit seinem Lehrerberuf und seine Engagement für den Erhalt der plattdeutschen Sprache stand: Er machte es sich zum Ziel, diese Sprache an die Schulkinder weiterzugeben und die Menschen von der Vorstellung zu befreien, sie hindere die Kinder am Erlernen des Hochdeutschen, was vielmehr einzig durch eine falsche Übertragung der niederdeutschen Grammatik zustande komme.[9] Jedoch registrierte Cornelius bei seinen Schülern eine fehlende Resonanz auf traditionelle plattdeutsche Kinderlieder, sodass sich eine Umorientierung auf moderne Arrangements vollzog, zusammen mit den Chorschülern entworfen.[10] Dazu gehörten beispielsweise das „Kaugummileed“ oder das Lied von „Robby Roboter“. Begleitend zur 1996 publizierten CD wurde ein Liederheft konzipiert, das anderen Schulen und Kindergärten die Möglichkeit geben sollte, ihrerseits die plattdeutsche Sprache in spielerischer Form an die Kinder weiter zu vermitteln. 1997 erschien das Konzeptalbum „Windgesang“, eine plattdeutsche Liedsammlung zum Thema Windmühlen, mit der Folkgruppe Laway umgesetzt.[7] 1998 unterstützte die Folkgruppe um Gerd Brandt Cornelius erneut bei der Erstellung der CD „Töverland“ (Zauberland).[10] Diese beinhaltete im Gegensatz zu „Windgesang“ keine Vertonungen niederdeutscher Autoren, sondern ausschließlich eigene Texte und Melodien.

Privates[Bearbeiten]

Seit 1993 ist er mit der Lehrerin Christina Baum verheiratet, die ebenfalls an der Ostersteg-Schule unterrichtet. Die beiden bewohnen eine mittlerweile 347 Jahre alte Mühle am Deich, die 20 Jahre zuvor von seinen Eltern erworben und vor dem Verfall gerettet wurde.

In seinem langjährigen musikalischen Schaffensprozess identifiziert Cornelius zwei Höhepunkte: seinen Auftritt mit einer Kindergruppe anlässlich eines Festes im Garten von Schloss Bellevue und die Bekanntschaft mit dem damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker sowie die Interviews mit dem britischen Nachrichtensender BBC bezüglich einer Sprachkursreihe, in der er den Part eines Repräsentanten des Plattdeutschen einnahm.[11]

Mit seinen Vertonungen, die 1992 auf der CD „En Vögelfeer“ erschienen, brachte er seine Verehrung für die 1991 verstorbene Lyrikerin Greta Schoon zum Ausdruck. Nachdem sie 1990 schwer erkrankt war, verbrachte er viel Zeit mit ihr und führte mit ihr Gespräche. 1993 erhielt er den Bad Bevensen-Preis für besondere Interpretationen auf dem Gebiet des niederdeutschen Liedes, 1996 den Keerlke-Preis für seine Verdienste um das neue plattdeutsche Kinderlied und schließlich 2001 den Heinrich-Schmidt-Barrien-Preis für sein Bemühen um den Erhalt der plattdeutschen Sprache.

Musikverständnis[Bearbeiten]

Jan Cornelius greift bei seiner „handwerklichen“ Musik Traditionelles auf, bringt eigene Texte, Vertonungen und Übertragungen ein und versieht alles mit einer persönlichen Poesie, um seine Zielgruppe direkt ansprechen zu können. Die Lieder sind oftmals so konzipiert, dass ein Verstehen jedes einzelnen Wortes zum Begreifen des Gesamtinhalts nicht erforderlich ist. Vielmehr kreiert er musikalische Stimmungsbilder, die weniger auf eine verstandesgemäße, sondern auf eine intuitive Aufnahme abzielen. Gleichzeitig ermöglicht aber erst die Kenntnis der plattdeutschen Sprache das Genießen und Wertschätzen der Musik und der Texte in sämtlichen Facetten und Nuancen. Hierbei ist die Absicht der Weitergabe und des Erhalts des Plattdeutschen ausschlaggebend. Die Themen des Jemgumer Liedermachers sind beispielsweise der Gesang des Windes, der Lauf der Zeit und des Lebens, das Auf und Ab der Gezeiten und der Liebe, der Zauber des Töverlands und der beruhigenden Landschaft des Nordens, insbesondere der ostfriesischen Landschaft und deren Veränderungen. Er philosophiert über die Sehnsucht nach Geborgenheit, über Alltagsmühen und die Träume von einer besseren Welt.

Seinen Angaben zufolge entstehen seine Kompositionen nicht auf dem Notenblatt. „Sie entstehen im Kopf, mal finde ich den passenden Text zur Melodie, die ich lange in mir getragen habe, mal finde ich die Töne zu einem Text, der mir einfiel“.[12] Johann P. Tammen sagte anlässlich seiner Laudatio für Jan Cornelius bei der Verleihung des Bad-Bevensen-Preises an diesen im Jahre 1993: „In der Szene ist doch der Totentanz zugange, hör ich immer häufiger – und wer geht denn schon gerne auf Beerdigungen …? Aber […] da wo die Kunst hin will, ins Licht nämlich, da war’s doch schon immer duster. Was die wirklichen Künstler nie sonderlich irritierte. Konstanz und Qualität, die schaffen immer wieder eine Bahn […]“[13] „Seine Lieder erzählen von der Liebe, dem Leben, der Landschaft, sie beschreiben das Gestern, das Heute und geben die Hoffnung für ein besseres Morgen nicht auf. Dabei scheut Jan Cornelius sich nicht, in seine Seele blicken zu lassen, immer wieder seine Verbundenheit zur plattdeutschen Sprache und seine Sorge um die Natur zum Ausdruck zu bringen. Geprägt von seinem ostfriesischen Zuhause besingt er in seinen Liedern natürlich auch Wolken, Wind und Wasser. Dieses tut Jan Cornelius aber nicht klischeehaft, sondern immer mit einer kritischen Distanz, mit einem Blick für die Sorgen der Menschen, ihre Ängste und Nöte in einer immer hektischeren und unübersichtlicher werdenden Welt“.[14]

Diskografie[Bearbeiten]

Die Diskografie des Musikers unter Einbeziehung von bisher noch unerwähnten Veröffentlichungen:

  • 1978 – Lieder auf Platt
  • 1979 – To Huus
  • 1980 – Siet an Siet (im Duo Jan & Jürn)
  • 1980 – All tosamen in Strackholt
  • 1981 – Stünnen glieden
  • 1984 – Musik im moor
  • 1989 – Alltiet weer in Strackholt
  • 1989 – ...un dat was Sömmer
  • 1990 – Neije Mörgen
  • 1991 – Hopp-Popp-Tirreltopp (gemeinsam mit Margret Specht)
  • 1992 – EenVögelfeer
  • 1993 – Winterwiehnacht Kinnertied (gemeinsam mit Kinderchören)
  • 1994 – Tiedenloop
  • 1996 – Kandidel
  • 1997 – Windgesang (mit Laway)
  • 1998 – Töverland
  • 2001 – Waterdanz (mit Begleitung von Klaus Hagemann)
  • 2003 – Wulkenkieker (mit Klaus Hagemann und Gastmusikern)
  • 2005 – Spegelbiller (mit Klaus Hagemann und Christa Ehrig)
  • 2007 – Dreeklang

Auszeichnungen[Bearbeiten]

  • 1993: Bad-Bevensen-Preis für besondere Interpretationen auf dem Gebiet des niederdeutschen Liedes
  • 1996: Keerlke des Vereins Oostfreeske Taal für seine Verdienste um das Plattdeutsche Kinderlied[15]
  • 2001: Heinrich-Schmidt-Barrien-Preis

Literatur[Bearbeiten]

  • Silke Arends-Vernholz: Wolkengucker aus Passion. In: Ostfriesland Magazin. 4/2004, S. 124–126.
  • AWI: Der Spielmann in der Mühle. Liedermacher und Lehrer – Jan Cornelius aus Jemgum ist kein Geheimtipp mehr. In: Ostfriesische Ferienzeitung. 2004, S. 8.
  • Grieta Bottin, Traute Dittmann: Verleihung des Bad-Bevensen-Preises an Jan Cornelius. In: 46. Bevensen-Tagung 17.–19. September 1993. Wagener, Mannheim 1993, S. 106–122.
  • Torben Brinkema: Das Plattdeutsche ist nicht verloren. Heute: Jan Cornelius. Liedermacher und Lehrer. In: nachgefragt – das interview. rheiderlandEcho. 2001, S. 8–10.
  • Heinz J. Giermanns: „Buddenbrooks“ als Anschieber der Liedermacher-Karriere. In: Karl Dall half Cornelius-Brüdern bei der ersten Platte. Rheiderland Zeitung, Nr. 192, 148. Jahrgang, 2007.
  • Heinz J. Giermanns: Lehrjahre bei der „Gesellschaft mit beschissenen Hacken“. In: Jan Cornelius: vom Blockflötenschüler zum Beat-Rebellen. Rheiderland Zeitung Nr. 200, 148. Jahrgang, 2007.
  • Heinz J. Giermanns: In der „Bundesliga“ der Folkmusik. In: Jan und Jürn und die Zeit danach. Rheiderland Zeitung Nr. 203, 148. Jahrgang, 2007.
  • Menna Hensmann: Der Musiker aus der Region. Jan Cornelius aus Jemgum. In: Höchstpersönlich. OMA 12/98. 1998, S. 102–105.
  • Rudolf Herbig: Wirtschaft – Arbeit – Streik – Aussperrung an der Unterweser. Aus der Wirtschafts-, Sozial- und Gewerkschaftsgeschichte zwischen 1827 bis 1953. RMG Werbe- und Verlagsgesellschaft Wolframs-Eschenbach, 1979.
  • Harald Schirrmann: Jetzt wirst du alt, Cornelius. In: SonntagsReport. Nr. 3, 16. Jahrgang, 2001, S. 7.
  • Heinz-Wilhelm Schnieders: Ich möchte, dass man mich versteht. In: Wie gut, dass es euch gibt. Pädagogisches im Gegenwind. De Utrooper, Leer 1994, S. 105–113.
  • WJ: Niveauvolle plattdeutsche Chansons. In: Ostfriesische Nachrichten. 10. Dezember 2007.
  • Arne Peters:Sprache vermittelt auch Heimat.[16] (Stand: 15. November 2009).
  • Ostfriesisches Landesmuseum Emden:Jan Cornelius – Dreeklang.[17]
  • Gerd Spiekermann: Man immer noch leevt dat Wort un singt., 1992.[18]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c d Giermanns 2007
  2. a b Arends-Vernholz 2004, S. 125.
  3. Schnieders 1994, S. 105.
  4. Der Komödiant hatte im Rheiderland eine Mühle erworben und erhoffte sich von der Familie Cornelius, die Anfang der 1970er Jahre in Jemgum einen Mühlenstumpf zu Wohnzwecken umgebaut hatten, hilfreiche Tipps für die Raumgestaltung. Mehrere sich anschließende Besuche führten ihm Jan und Jürns musikalische Aktivitäten vor Augen. Im Februar 1978 erfolgte von seiner Seite ein Angebot an die Brüder bezüglich der Aufnahme einer Schallplatte mit ihren Liedern, was mithilfe des Tontechnikers Günther Pauler umgesetzt wurde
  5. Hensmann 1998, S. 102.
  6. Hensmann 1998, S. 103.
  7. a b Arends-Vernholz 2004, S. 126.
  8. Hensmann 1998, S. 103–105.
  9. Brinkema 2001, S. 9–10.
  10. a b Hensmann 1998, S. 105.
  11. Brinkema 2001, S. 9.
  12. AWI 2004, S. 8.
  13. Bottin, Dittmann (1993), S. 110.
  14. aus dem Ostfriesisches Landesmuseum Emden 2009.
  15. oostfreeske-taal.de
  16. Sprache vermittelt auch Heimat.
  17. Jan Cornelius – Dreeklang.
  18. Man immer noch leevt dat Wort un singt.