Jan Evangelista Purkyně

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Jan Evangelista Purkyně
Jan Evangelista Purkyně
Foto um 1860

Jan Evangelista Ritter von Purkyně (auch Johann Evangelist Purkinje; * 18. Dezember[1] 1787 in Libochowitz bei Leitmeritz; † 28. Juli 1869 in Prag), war ein tschechischer Physiologe.

Familie[Bearbeiten]

Jan Evangelista war der älteste Sohn des Verwaltungsbeamten Josef Purkyně im Dienst des Johann Baptist Karl Walther von Dietrichstein-Proskau-Leslie[2]. Der Vater starb, als er sechs Jahre alt war. Seine Mutter, eine geborene Šafránek, stammte aus einer Bauernfamilie. Purkyně erwähnte sie später als seine erste Lehrerin für hauswirtschaftliche Anatomie und Physiologie.

1827 heiratete Jan Evangelista Purkyně Julia, Tochter des Berliner Anatomen und Physiologen Karl Asmund Rudolphi. Zwei Töchter aus dieser Ehe starben 1832 während einer Choleraepidemie, kurz darauf seine Mutter. Zwei Söhne wurden während seiner Tätigkeit an der Universität in Breslau geboren:

  • Emanuel Ritter von Purkyně (* 17. Dezember 1831 in Breslau, † 23. Mai 1882 in Weißwasser, Bezirk Münchengrätz) wurde 1857 Dr. phil. der Karls-Universität Prag und war Kustos der Botanischen Sammlung des Prager Landesmuseums. 1860 Lehrer und seit 1864 Professor der Naturwissenschaften an der Forstlehranstalt in Weißwasser; er errichtete als Meteorologe rund 700 Messstellen zur Niederschlagsbeobachtung.
  • Karel Purkyně (* 11. März 1834 in Breslau, † 5. April 1864 in Prag) wurde nach einem Studium an den Kunstakademien in Prag, München und Paris Maler und Kunstkritiker in Prag. 1864 Organisator des Prager William Shakespeare-Festes.
    • Cyrill Purkyně (* 27. Juli 1862 in Prag, † 5. April 1937 ebenda) war Professer der Geologie und Mineralogie an der Technischen Hochschule Prag und Mitglied zahlreicher tschechischer und internationaler Fachgesellschaften.
      • Jiří Purkyně (* 7. Dezember 1898 in Laun, † 15. September 1942 in München), studierte Medizin und Philosophie an der Karls-Universität Prag, 1921 Gründungsmitglied der Kommunistischen Partei in der Tschechoslowakei und führender Mitgestalter ihrer Jugendorganisation, 1923 Supplent, später Professor der Geschichte an der Handelsakademie in Königgrätz, Förderer marxistisch-kultureller Vereinigungen und tschechisch-sowjetischer Beziehungen. Im März 1940 verhaftet und später hingerichtet.

Ausbildung und Lebensweg[Bearbeiten]

In den Jahren 1793 bis 1797 besuchte Jan Evangelista Purkyně eine tschechische Volksschule in seinem Geburtsort. Anschließend das Piaristengymnasium in Nikolsburg in Mähren, wo sich das Ordenszentrum und die Zentralverwaltung der Reichsfürsten Dietrichstein befand. Da Purkyně ein talentierter Sänger und Geigenspieler war, erhielt er eine bezahlte Stelle als Chorsänger in der dortigen Kirche. Zunächst beherrschte er nur tschechisch, erlernte aber bald auch die deutsche sowie die lateinische und altgriechische Sprache.

Nach Abschluss des Gymnasiums trat er dem Orden der Piaristen und erhielt den Ordensname Silverius a sancto Joanne Evangelista. Als bester Novize seiner Gruppe beendete er 1805 die Ausbildung zum Ordenslehrer und erhielt einen Lehrauftrag für die zweite Gymnasialklasse. Ein Jahr später bereitete er sich an einem Kolleg in Ostböhmen auf seine Ordination vor. Hier erlernte er die französische und italienische Sprache. In der Ordensbibliothek machte er sich mit der Philosophie des Immanuel Kant, Johann Gottlieb Fichte und Friedrich Wilhelm Joseph Schelling sowie weiteren Wissensgebieten vertraut. Kurz vor dem Ordensgelübde und der Priesterweihe trat er aus dem Orden aus und suchte einen anderen Lebensweg.

Nach einjährigem Philosophiestudium an der Prager Karls-Universität folgte von 1809 bis 1812 eine Hauslehrertätigkeit bei Franz Freiherr Hildtprandt von und zu Ottenhausen in Blatná. Danach studierte er von 1813 bis 1818 Medizin in Prag. Die Vorliebe für die Fächer Anatomie und Physiologie wurde durch den Anatomen Johann Georg Ilg (~ 1771–1836) gefördert. 1818 promovierte Purkyně zum Doktor der Medizin und arbeitete als Assistent der Anatomie und Physiologie als Prosektor. 1823 wurde er an die Universität Breslau berufen, wo er Physiologie und Pathologie lehrte. Im gleichen Jahr, am 11. Dezember, besuchte Purkyně Johann Wolfgang von Goethe in Weimar, dessen Wohlwollen er sehr schätzte. Auch Goethe war von Purkynes Persönlichkeit und Forschungsanliegen beeindruckt.

An der Universität Breslau gelang ihm 1832 nach dem Ankauf eines Mikroskops und mehreren Umzügen des Physiologischen Instituts 1839 die Einrichtung eines experimentell-physiologischen Institutes in einem ehemaligen Karzerraum. Die bahnbrechenden 14 Dissertationen seiner Studenten waren vor 1839 größtenteils in Purkyněs Wohnung entstanden. Diese bescheidene physiologische Forschungsinstitution genoss unter Fachkollegen Anerkennung und wurde als Wiege der Histologie in Mitteleuropa bezeichnet. Auch Johann Nepomuk Czermak wohnte und arbeitete von 1847 bis 1849 im Haus der Familie Purkyně.

Im Oktober 1849 erhielt Purkyně einen Ruf an die Karls-Universität Prag, wo er die Leitung des neu gegründeten Physiologischen Institutes übernahm, welches über vier große und vier kleine Mikroskope verfügte. Johann Czermak begleitete ihn und war von 1850 bis 1855 sein Assistent, habilitierte sich bei ihm für das Lehrfach Physiologie und wurde Privatdozent.

Nach 1853 ließ Purkyněs wissenschaftliches Interesse nach. Die Organisation des Prager Instituts, die Herausgabe der Zeitschrift Živa (1853–1864) und sein Engagement in der National-tschechischen Bewegung des Panslawismus kosteten viel Zeit. Als gewählter Landtagsabgeordneter wurde er einer der Führer der Jungtschechen und vertrat die Gründung einer Universität in Prag mit tschechisch als Lehr- und Studiensprache. 1882 wurde die Karls-Universität mit der Lehrsprache Latein in eine deutsch- und eine tschechischsprachige Universität geteilt.

Wissenschaftliche Forschungsgebiete[Bearbeiten]

In Breslau erforschte Purkyně zunächst die Physiologie des Sehens sowie den Tastsinn und das Schwindelgefühl. Er veröffentlichte 1823 eine Arbeit zur Analyse von Fingerabdrücken, entdeckte 1833 die Schweißdrüsen und beschrieb 1829 die Auswirkungen von Campher, Opium, Tollkirschen und Terpentin auf den Menschen. Weiterhin beschäftigte er sich mit dem Vogelei, pflanzlichen Keimzellen und mikroskopisch-histologischen Untersuchungen von Pflanzen. Experimentelle Pharmakologie und Psychologie, Phonetik, Embryologie und physikalische Anthropologie gehörten ebenfalls zu seinen Arbeitsgebieten. Er war Anhänger der Naturwissenschaft, deren Prinzipien auf Beobachtung und Experiment beruhten.

Purkyně gilt als Entdecker des Augenleuchtens, des Beleuchtungsprinzips des Helmholtz-Augenspiegels. Am Breslauer Institut kam erstmals ein von ihm entwickeltes Mikrotom sowie das Drummond-Kalklicht zur Darstellung mikroskopischer Bilder auf weißem Grund zum Einsatz (Fixierung auf Daguerre-typischen Platten). Purkyně prägte 1837 den Begriff Axencylinder, 1839 den Begriff Enchym (Kennzeichen der Drüsenfunktion) und 1840 den Begriff Protoplasma.

Neben zahlreichen Deonymen der Sinnesphysiologie verdankt die anatomische Nomenklatur Purkyně zahlreiche Begriffe wie

Er entwarf unter anderem einen Apparat (Phorolyt bzw. Kineziskop), der eine Serie projizierter Bilder stehend oder bewegt darstellen konnte.

Politik und kulturelle Bestrebungen[Bearbeiten]

Purkyně war Vorkämpfer der Idee des Panslawismus, einer kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Eigenständigkeit der Slawen. Diese hatte vor allem mit dem Schicksal Polens zu tun, das im Zentrum der Interessenkonflikte der damaligen Großmächte Preußen, Österreich-Ungarn und Russland lag und ständigen Teilungen unterworfen war. Er betrachtete Schlesien als slawisches Gebiet, da etwa ein Viertel der Bevölkerung dieses zu Preußen gehörenden Gebietes sorbisch oder polnisch sprach. Er soll die Annäherung der slawischen Völker, zu denen auch die Tschechen zählen, über die Schaffung einer gemeinsamen Sprache propagiert haben.

Purkyně wurde wegen seiner Beziehungen zu den Nationalbewegungen der Tschechen, Slowaken und Polen von der Geheimpolizei des österreichischen Kronlandes Böhmen in der Monarchie Österreich-Ungarn beobachtet; nur seine Prominenz soll ihn vor staatlichen Repressionen bewahrt haben. 1848 war er Teilnehmer des Slawenkongresses in Prag mit dem Prager Pfingstaufstand; 1861 Abgeordneter des böhmischen Landtags.

Deonyme[Bearbeiten]

Purkinje-Fasern

Impulsendstrecke der kardialen Erregungsausbreitung. 1838 begann er eine Untersuchungsreihe, die sich mit der mikroskopischen Beobachtung von Nervenfasern beschäftigte. In der Originalarbeit von 1845 beschrieb er die mikroskopische Anatomie der Nerven (Hautnerven, Rückenmarksnerven, Hirnnerven, periostale Nerven, Gefäßnerven, Nerven des Auges, intestinale Nerven, urogenitale Nerven) sowie die Nerven der äußeren Oberfläche des Herzens und nervale Strukturen der Herzwand. Er beschrieb hier zwar in Fäden- bzw. Faserformation strukturierte Gebilde (die spezifischen Purkinje-Fasern, heute als primitive Herzmuskelfasern erkannt), hatte aber keineswegs eine Vorstellung von deren physiologischer Bedeutung.

Purkinje-(Ader-)Figur

Die entoptische Wahrnehmung der Netzhautgefäße (Synonyma: Purkinje-Schatten, -Gefäßschattenfigur), die sich dunkel auf gleichmäßig tieforangefarbenem Grund darstellen, kann durch bewegte seitliche Beleuchtung des Auges im verdunkelten Raum oder durch Druck auf den Augapfel (Phosphän) provoziert werden.

Purkinje-Bläschen

1825 bis 1832 studierte Purkyně die frühe Entwicklung des Vogeleies im Körper des Weibchens. Er entdeckte und isolierte das Keimbläschen (Purkinje-Vesikel) an der Stelle des Eidotters, wo sich später der Embryo entwickelt.

Purkinje-Nachbild

Nach dem ersten positiven Nachbild und einer Dunkelpause tritt ein erstes negatives Nachbild auf, das die Komplementärfarben zum Primärbild enthält.

Purkinje-Effekt

1825 untersuchte er die Veränderung der relativen Wahrnehmung farblicher Leuchtkraft bei Dämmerlicht, ein Hinweis auf unterschiedliche visuelle Rezeptorensysteme (Stäbchen- und Zapfensystem, skotopisches (Nacht-) Sehen und photopisches (Tag-)Sehen). Der Begriff erweitertes Purkinje-Phänomen bezeichnet die Helligkeitsverschiebung in die Richtung des kurzwelligen spektralen Lichtanteils.

Purkinje-Sanson-Bilder

Es handelt sich um die Spiegelbilder der vorderen und hinteren Hornhaut sowie auf der vorderen und hinteren Linsenfläche. Die drei erstgenannten Flächen sind Konvexspiegel (es entstehen virtuelle aufrechte Bilder), die letztgenannte Fläche ein Konkavspiegel (es entsteht ein reelles umgekehrtes Bild). Diese Reflexbilder unterscheiden sich in Größe und Lichtstärke. Das leuchtendste Bild ist das Hornhautvorderflächenbild.

Purkinje-Schicht (Stratum gangliosum der Kleinhirnrinde)

Hier befinden sich die großen, birnenförmigen Nervenzellen, die mit zwei bis drei Dendriten senkrecht aufsteigen und sich in einer Ebene verzweigen.

Purkinje-Zelle

Große birnenförmige Nervenzellen im Stratum gangliosum der Kleinhirnrinde.

His-Purkinje-Tachykardie

Rhythmische ventrikuläre Tachykardie

His-Purkinje-Extrasystolie

Arrhythmische ventrikuläre Tachykardie

His-Purkinje-System

Veröffentlichungen[Bearbeiten]

Purkyně veröffentlichte mehr als 80 Beiträge in deutscher, tschechischer und polnischer Sprache, darunter auch Übersetzungen von Friedrich von Schiller: Lyrische Dichtungen, ins Tschechische.

  • Beiträge zur Kenntnis des Sehens in subjectiver Hinsicht. Prag 1818
  • Beobachtungen und Versuche zur Psychologie der Sinne. 1823–26
  • Symbolae ad ovi avium historiam ante incubationem. Breslau 1829
  • Mikroskopisch-neurologische Beobachtungen. Arch Anat Physiol Wiss Med 12 (1845) 281
  • Opera selecta. Prag 1848
  • Gesammelte Schriften. Leipzig 1879
  • Opera omnia. 12 Bd., Prag 1919–1973
Purkyně-Denkmal in Prag

Ehrungen[Bearbeiten]

Jan Evangelista von Purkyně erhielt zahlreiche Anerkennungen der Akademien in Wien, Sankt Petersburg, Paris und der Royal Society in London, war Mitglied von etwa 37 wissenschaftlichen Gesellschaften und wurde 1869 in den erbländisch-österreichischen Adelstand mit dem Prädikat Ritter von Purkyně erhoben. Zu seinen Ehren wurde die 1991 gegründete Jan-Evangelista-Purkyně-Universität Ústí nad Labem nach ihm benannt; zuvor trug seit 1960 die jetzige Masaryk-Universität in Brünn seinen Namen. Er war Mitglied der Königlichen böhmischen Gesellschaft der Wissenschaften.

Auf dem Karlsplatz in der Prager Neustadt erinnert ein Denkmal an den bedeutenden Naturwissenschaftler.

Literatur[Bearbeiten]

  • Biographisches Lexikon zur Geschichte der böhmischen Länder, herausgegeben im Auftrag des Collegium Carolinum (Institut) von Ferdinand Seibt, Hans Lemberg und Helmut Slapnicka, Band III, R. Oldenbourg Verlag München 2000, ISBN 3-486-55973-7, S. 358f.
  • E.Rozsivalová: Jan Evangelista Purkyně. In: Österreichisches Biographisches Lexikon 1815–1950 (ÖBL). Band 8, Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1983, ISBN 3-7001-0187-2, S. 339.
  • R. Heidenhain: Purkinje, Johannes Evangelista. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 26, Duncker & Humblot, Leipzig 1888, S. 717–731.
  • Eberhard J. Wormer: Syndrome der Kardiologie und ihre Schöpfer. München 1989, S. 201–210
  • J. R. Berg, J. Sajner: J. E. Purkyne as a piarist monk. Bull Hist Med 49 (1975) 381
  • Dictionary of Scientific Biography 11, S. 213
  • Vladislav Kruta: Jan Evangelista Purkyne, Physiologist. Prag 1969
  • Erna Lesky: Purkynes Weg. Wissenschaft, Bildung und Nation. Sbb Wien phil-hist Kl 265 (1970)
  • Manfred Vasold: Vermittler zwischen Slawen und Deutschen. Deutsches Ärzteblatt 84 (1987) A-3484
  • Johannes Urzidil: Goethe in Böhmen, Zürich und Stuttgart 1962, S. 449–460
  • Walter Kirsche: Jan Evangelista Purkyně 1787-1868. Ein Beitrag zur 200. Wiederkehr seines Geburtstages. Akademie-Verlag, Berlin 1989, 3-055-00520-1
  • Karl-Heinz Bannasch: Johann Evangelista Purkinje, Wissenschaftler und Freimaurer des 19.Jahrhunderts, in: Zirkelkorrespondenz - vereinigt mit dem Niedersächsischen Logenblatt, 134. Jg. Nr. März 2006, S. 164–168.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Jan Evangelista Purkyně – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Jan Evangelista Purkyně (tschechisch) abgerufen am 15. Januar 2013
  2. Roman von Prochazka: Genealogisches Handbuch erloschener böhmischer Herrenstandfamilien. Ergänzungsband, herausgegeben vom Vorstand des Collegium Carolinum (Institut), Forschungsstelle für die böhmischen Länder, München 1990, S. 31