Jan Patočka

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Jan Patočka (1971)
Photo: Jindřich Přibík
Patočkas Grab in Prag

Jan Patočka (* 1. Juni 1907 in Turnov; † 13. März 1977 in Prag) war ein tschechoslowakischer Philosoph.

Leben[Bearbeiten]

Patočka ließ sich 1925 an der Karls-Universität in den Fächern Romanistik, Slawistik und Philosophie immatrikulieren, ging 1928 an die Pariser Sorbonne, an der er das erste Mal Edmund Husserl begegnete. 1931 schreibt er seine Dissertation und lehrt seit 1932 Philosophie, geht aber im selben Jahr zum Studium an die Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin und studiert seit 1933 Phänomenologie in Freiburg.

Dort wird er von Husserl und Martin Heidegger unterrichtet. Hier begegnet er auch seinen künftigen lebenslangen Freund, dem Husserl-Assistenten Eugen Fink. Im selben Jahr erhält er eine Professur am Gymnasium in Prag. Er gehört zu den Mitbegründern des deutsch-tschechischen Cercle philosophique de Prague, im selben Jahr zu dessen Sekretär gewählt, die deutsche Seite vertrat Ludwig Landgrebe.

1936 habilitierte er mit seiner Arbeit Přirozený svět jako filosofický problém (Die natürliche Welt als philosophisches Problem), welches die tschechische Philosophie auf Jahre hinaus beeinflusste. 1937 nimmt er die Stelle des verantwortlichen Redakteurs der philosophischen Zeitschrift Česká mysl (Der tschechische Geist). 1938 wird er Mitglied des Pariser Institut International de Philosophie.

Während der Nazi- und Kommunisten-Diktatur wurde ihm bis auf die Jahre 1948 bis 1950 und nach dem Prager Frühling 1968 bis 1972 jegliche Tätigkeit an der Universität verboten und Patočka arbeitete als Übersetzer am Masaryk-Institut, des pädagogischen Instituts der Akademie der Wissenschaften und dem philosophischen Institut. Daneben hielt er Vorträge in Privaträumen, in den sechziger Jahren auch als Gastdozent in Deutschland und Frankreich. 1968 berief man Patočka zum Professor an der Karls-Universität, schon 1972 wurde er zwangspensioniert.

1977 wurde Patočka zusammen mit Václav Havel und Jiří Hájek zum Sprecher der Charta 77. Anschließend wurde er immer wieder verhört. Nach einem dieser Verhöre musste er in ein Krankenhaus eingeliefert werden und starb an Apoplexie. Seine Bestattung wurde zum Ereignis des antikommunistischen Widerstandes.

Werke[Bearbeiten]

Damit der Nachlass von Jan Patočka nicht den tschechoslowakischen Behörden in die Hände fiel, wurde er kopiert und nach Wien gebracht. Dort wurde er dokumentiert und wissenschaftlich bearbeitet. Neben zahlreichen Samisdatveröffentlichungen vor 1989 gibt es eine deutschsprachige Werkausgabe, und seit 1990 wird eine tschechische Gesamtausgabe ediert.

Deutschsprachige Publikationen[Bearbeiten]

  • Jan Patočka - Ausgewählte Schriften. Editor / herausgegeben am IWM Wien, published / verlegt bei Klett-Cotta, Stuttgart 1987-1992.
    • Band I: Kunst und Zeit . Herausgegeben von Klaus Nellen und Ilja Srubar. Einleitung von Walter Biemel. 1987, ISBN 3-608-91460-9, 597 S.
    • Band II: Ketzerische Essais zur Philosophie der Geschichte. Herausgegeben von Klaus Nellen und Jiri Nemec. Einleitung von Paul Ricoeur. 1988, ISBN 3-608-91461-7, 497 S.
    • Band III: Die natürliche Welt als philosophisches Problem. Phänomenologische Schriften I. Herausgegeben von Klaus Nellen und Jiri Nemec. Einleitung von Ludwig Landgrebe. 1990, ISBN 3-608-91462-5, 319 S.
    • Band IV: Die Bewegung der menschlichen Existenz. Phänomenologische Schriften II. Herausgegeben von Klaus Nellen, Jiri Nemec und Ilja Srubar. Einleitung von Ilja Srubar 1991, ISBN 3-608-91463-3, 650 S.
    • Band V: Schriften zur tschechischen Kultur und Geschichte. Herausgegeben von Klaus Nellen, Petr Pithart und Miroslav Pojar. 1992, ISBN 3-608-91491-9, 371 S.
  • Eugen Fink und Jan Patočka. Briefe und Dokumente, 1933-1977. herausgegeben von Michael Heitz und Bernhard Nessler. 1999
  • Jan Patočka, Texte, Dokumente, Bibliographie, herausgegeben von Ludger Hagedorn und Hans R. Sepp, Freiburg/München 1999 ISBN 3-4954-7962-7
  • Jan Patočka, Vom Erscheinen als solchem Texte aus dem Nachlaß, herausgegeben von Helga Blaschek-Hahn und Karel Novotný. Freiburg 2000
  • Andere Wege in die Moderne Studien zur europäischen Ideengeschichte von der Renaissance bis zur Romantik. Würzburg 2006 ISBN 3-8260-2846-5

Tschechischsprachige Publikationen[Bearbeiten]

  • Přirozený svět jako filosofický problém (Lebenswelt als philosophisches Problem), Prag 1936
  • Aristoteles, jeho předchůdci a dědicové (Aristoteles, seine Vorgänger und Erben), Prag 1963
  • O smysl dneška (Um den Sinn von Heute), Prag 1969
  • Kacířské eseje o filosofii dějin (Ketzerische Essys über Philosophie der Geschichte), Prag 1975 (Selbstverlag)
  • Negativní platonismus (Negativer Platonismus), Prag 1990
  • Platón. Přednášky z antické filosofie (Plato. Vorlesungen über antike Philosophie), Prag 1991
  • Tři studie o Masarykovi (Drei Studien über Masaryk), Prag 1991
  • Evropa a doba poevropská (Europa und die nach-europäische Zeit). Prag 1992
  • Úvod do fenomenologické filosofie (Einleitung in die phänomenologische Philosophie), Prag 1993
  • Tělo, společenství, jazyk, svět (Leib, Gemeinschaft, Sprache, Welt). Vorträge 1968–69. Prag 1995
  • Sebrané spisy 1-20 (Gesammelte Werke 1-20). Oikumene, Prag (bis 2010 sind 15 Bänder erschienen).

Literatur[Bearbeiten]

  • Armin Homp, Markus Sedlaczek (Hrsg.): Jan Patočka und die Idee von Europa. MiOst, Berlin 2003, ISBN 3-980808-31-9.
  • Jacques Derrida: Den Tod geben. In: Anselm Haverkamp (Hrsg.): Gewalt und Gerechtigkeit. Derrida - Benjamin. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1994, ISBN 3-518-11706-8.
  • Helmuth Vetter (Hrsg.): Lebenswelten. Ludwig Landgrebe, Eugen Fink, Jan Patočka. Frankfurt am Main u. a. 2003 (Reihe der Österreichischen Gesellschaft für Phänomenologie; Band 9). ISBN 3-631-50137-4.
  • Sandra Lehmann: Der Horizont der Freiheit. Zum Existenzdenken Jan Patočkas. Würzburg : Königshausen und Neumann, 2004, ISBN 3-8260-2961-5.
  • Filip Karfík: Unendlichwerden durch die Endlichkeit. Eine Lektüre der Philosophie Jan Patočkas. Würzburg : Königshausen und Neumann, 2008, ISBN 978-3-8260-2866-3.
  • Dalibor Truhlar: Jan Patočka. Ein Sokrates zwischen Husserl und Heidegger. Sonderpublikation des Universitätszentrums für Friedensforschung Wien, 1996.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Jan Patočka – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien