Jan T. Gross

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Jan Tomasz Gross (* 1. August 1947 in Warschau) ist ein polnisch-amerikanischer Historiker und Soziologe.

Leben[Bearbeiten]

Jan Tomasz Gross ist Sohn von Hanna geb. Szumańska und Zygmunt Gross, einem Überlebenden des Holocaust und PPS-Mitglied, der von Polen versteckt und so gerettet wurde.[1]

Gross studierte Physik an der Universität Warschau und wurde infolge der März-Unruhen 1968 in Polen der Uni verwiesen und fünf Monate inhaftiert, während es zu dieser Zeit zu antisemitischen Übergriffen und Massenentlassungen von Juden kam, woraufhin fast alle Juden das Land verließen. Aufgrund der jüdischen Abstammung väterlicherseits durfte er ausreisen und lebt seit 1969 in den Vereinigten Staaten, deren Staatsbürgerschaft er später annahm.[2] 1975 erwarb er den PhD in Soziologie an der Yale University in New Haven, wo er anschließend bis 1984 als Assistenzprofessor für Social Studies and Soviet Studies lehrte. Von 1984 bis 1992 war er Professor für Social Science an der Emory University, von 1992 bis 2003 für Political Science and European Studies an der New York University. Seit 2003 ist er Professor für Geschichte an der Princeton University, wo er sich auf die Geschichte der Weltkriege spezialisierte. Darüber hinaus war Gross Gastprofessor u. a. an der Harvard University, Stanford University, University of California in Berkeley und Columbia University sowie in Paris, Wien, Krakau und Tel-Aviv.[3]

Von 1994 bis 1998 war er Chefredakteur der Zeitschrift East European Politics and Societies, später Mitbegründer der Vierteljahresschrift Aneks. Gross verfasste eine Reihe von Arbeiten zur Geschichte Polens im Zweiten Weltkrieg.

Für Verdienste um die Verständigung zwischen Polen und anderen Nationen wurde ihm 1996 der Verdienstorden der Republik Polen[4] verliehen. Er war außerdem Senior Fulbright Research Fellow, John Simon Guggenheim Memorial Foundation Fellow und Rockefeller Humanities Fellow.

Kontroversen in Polen[Bearbeiten]

International bekannt wurde er durch das Buch Nachbarn aus dem Jahre 2001, in dem er erstmals die Ermordung der jüdischen Einwohner der Gemeinde Jedwabne durch ein Pogrom der polnischen Mitbürger im Jahre 1941 beschrieb. Vor allem in Polen löste das Buch hitzige Debatten aus und führte zu einer teilweisen Veränderung des weitverbreiteten Geschichtsbildes, die Polen seien immer nur Opfer gewesen.

Im Buch Fear: Anti-Semitism in Poland after Auschwitz beschreibt er den polnischen Antisemitismus in den Jahren 1945–46. Er konzentriert sich auf das Pogrom von Kielce vom 4. Juli 1946, in dem 42 Personen ermordet wurden, beschreibt jedoch auch jene anderer Orte, an denen Juden nach dem Krieg getötet wurden, zum Beispiel Krakau (siehe Pogrom von Krakau).[5][6]

Teilweise unterscheiden sich Titel und Inhalte des englischen Originals von der polnischen Übersetzung. In dieser, bei der der Autor davon ausging, die Leser kennten die Geschichte ihres Heimatlandes, wurde im ersten Kapitel besonders herausgestellt, dass der polnischen Bevölkerung die Verbrechen der Einsatzgruppen wohlbekannt seien, da teils direkt vor ihren Augen begangen. In einem Gespräch mit Deborah Lipstadt bei YIVO am 8. Mai 2008 sagte Gross, er würde dies nun anders handhaben.

Das polnische Parlament (mit der nationalkonservativen PiS als stärksten Partei) reagierte auf das Buch mit der Verabschiedung der sogenannten „Lex Gross” im Jahr 2006. In dem erweiterten § 132a des Strafgesetzbuches wurden jedem bis zu drei Jahre Freiheitsstrafe angedroht, der „öffentlich die polnische Nation der Teilnahme, Organisation oder Verantwortung für kommunistische oder nationalsozialistische Verbrechen bezichtigt.”[7] Am 19. September 2008 hat das polnische Verfassungsgericht das Gesetz als unvereinbar mit der polnischen Verfassung erklärt und aufgehoben.[8]

Das nächste in Polen erschienene Buch "Goldene Ernten" (Złote żniwa, 2011) löste erneut heftige Kontroversen aus. Am Beispiel der Bauern, die vor den deutschen Besatzern geflohene Juden ermordeten, um sie auszurauben, oder nach dem Krieg das Gelände von Treblinka nach Goldzähnen und Schmuck durchwühlten, stellte er die These auf, viele Polen hätten vom Holocaust profitiert.[9]

Werke[Bearbeiten]

  • Jan T. Gross: Polish Society Under German Occupation - Generalgouvernement, 1939-1944. Princeton University Press, Princeton, NJ 1979.
  • Jan T. Gross: W czterdziestym nas matko na Sybir zesłali .... Aneks, London 1984.
  • Jan T. Gross: Revolution from Abroad. The Soviet Conquest of Poland’s Western Ukraine and Western Belorussia.. Princeton University Press, Princeton 1988, ISBN 0-691-09433-0.
    • dt.: Und wehe, du hoffst ...: Die Sowjetisierung Ostpolens nach dem Hitler-Stalin-Pakt; 1939-1941, Freiburg/Br: Herder 1988 ISBN 3-451-08404-X
  • Jan T. Gross: Upiorna dekada, 1939-1948. Trzy eseje o stereotypach na temat Żydów, Polaków, Niemców i komunistów. Universitas, Kraków 1998.
  • Jan T. Gross: Studium zniewolenia. Universitas, Kraków 1999.
  • Lato 1941 w Jedwabnem. Przyczynek do badań nad udziałem społeczności lokalnych w eksterminacji narodu żydowskiego w latach II wojny światowej. in Non-provincial Europe, Krzysztof Jasiewicz ed., Warszawa - London: Rytm, ISP PAN, 1999, pp. 1097-1103
  • Jan T. Gross: The Politics of Retribution in Europe: World War II and Its Aftermath. Princeton University Press, Princeton, NJ 2000, ISBN 0-691-00953-8.
  • Jan T. Gross: Neighbors: The Destruction of the Jewish Community in Jedwabne, Poland. Princeton University Press, Princeton, NJ 2001, ISBN 0-691-08667-2.
  • Jan T. Gross: Wokół Sąsiadów. Polemiki i wyjaśnienia. Pogranicze, Sejny 2003, ISBN 83-86872-48-9.
  • Angst : Antisemitismus nach Auschwitz in Polen. Aus dem Poln. von Friedrich Griese unter Mitarb. von Ulrich Heiße. Berlin : Suhrkamp, 2012, ISBN 978-3-518-42303-5
    • Jan T. Gross: Fear: Anti-Semitism in Poland After Auschwitz. Random House, 2006, ISBN 0-375-50924-0.
    • poln.: Strach: Antysemityzm w Polsce tuż po wojnie. Historia moralnej zapaści. Kraków: Wydawn. Znak, 2008 ISBN 978-83-240-0876-6
  • Jan T. Gross: Golden Harvest. Oxford University Press, 2011, ISBN 978-0-199-73167-1.
    • poln.: Złote żniwa : rzecz o tym, co się działo na obrzeżach zagłady Żydów. Kraków: Wydawn. Znak, 2011 ISBN 978-83-240-1523-8

Weblinks[Bearbeiten]

Fußnoten[Bearbeiten]

  1. Oko w oko z tłuszczą, Rzeczpospolita, (polnisch)
  2. Seite zu Jan T. Gross bei der Princeton University
  3. Andrzej Kaczyński: „Jan Tomasz Gross“, culture.pl
  4. Bucerius Institute for Research of Contemporary German History and Society, University of Haifa, Israel
  5. Marta Kijowska: Schocktherapie statt Rekonvaleszenz. In Neue Zürcher Zeitung vom 26. Januar 2008
  6. Kollaboration durch Nichtstun. St. Galler Tagblatt, 25. Jan. 2008
  7. Alice Bota: Ganz ohne Scham. Ein Buch wirft Polen vor, nach Kriegsende 1500 Juden getötet zu haben., in: Die Zeit, Ausgabe Nr. 5 vom 24. Januar 2008, S. 9
  8. Polen: Strafe für Bezichtigung des Volkes der Verbrechen verfassungswidrig
  9. Gerhard Gnauck: Zweiter Weltkrieg: Schnäppchenjagd in den Ruinen von Treblinka. WELT ONLINE. 25. Februar 2011. Abgerufen am 20. März 2012.