Jan Tschichold

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Jan Tschichold (1963)

Jan Tschichold (geboren als Johannes Tzschichhold, auch Iwan Tschichold, ivan tschichold) (* 2. April 1902 in Leipzig; † 11. August 1974 in Locarno, Schweiz) war Kalligraf, Typograf, Schriftentwerfer, Plakatgestalter, Autor und Lehrer.

Er war einer der Wortführer der Neuen Typographie. Sein bekanntester Schriftentwurf ist die Sabon, eine Antiqua.

Biografie[Bearbeiten]

Johannes Tzschichhold wurde 1902 als Sohn eines Schriftenmalers in Leipzig geboren und beschäftigte sich schon früh mit Kalligrafie. 1919 begann er in der Schriftklasse von Hermann Delitsch ein Studium an der Leipziger Akademie der Künste. Aufgrund seiner außergewöhnlichen Leistungen avancierte er bald zum Meisterschüler des Rektors Walter Tiemann – einem Schriftenentwerfer bei der Gebr.-Klingspor-Gießerei – und wurde damit beauftragt, seine Kommilitonen zu unterrichten. Gleichzeitig erhielt er die ersten Aufträge im Rahmen der Leipziger Messe und machte sich 1923 als typografischer Berater einer Druckerei selbständig.

Bisher nur mit historischer und traditioneller Typografie befasst, nahm seine Arbeit nach seinem ersten Besuch im Bauhaus eine völlig neue Richtung: Tzschichhold lernte wichtige Künstler wie Laszlo Moholy-Nagy, El Lissitzky, Kurt Schwitters u.a. kennen, deren Bestreben es war, im Rahmen der Neuen Typographie des Bauhauses die Schemata herkömmlicher Typografie aufzubrechen, neue Ausdrucksweisen zu finden und zu einer weitaus experimentelleren Arbeitsweise zu gelangen. Gleichzeitig aber wollte man standardisieren, vereinfachen und praktischer vorgehen. Tzschichhold folgte begeistert den neuen Grundsätzen, nannte sich sogar aus Sympathie zu den vorwiegend aus dem Osten kommenden Strömungen Iwan und (vereinfacht geschrieben) Tschichold.

Aufgrund seiner Begeisterung und Fachkompetenz wurde er zu einem der bedeutendsten Vertreter der Neuen Typographie. Im Unterschied zu anderen fiel er nicht völlig aus dem historischen und fachlich begründeten Rahmen, sondern machte die avantgardistischen Ideen allgemein gebrauchsfähig. In einem vielgerühmten Sonderheft der Typographischen Mitteilungen von 1925 mit dem Titel Elementare Typografie stellte er die neuen Ansätze in Thesenform zusammen.

Es folgte eine Phase der Anwendung: 1926 wurde er von Paul Renner – dem Schöpfer der Futura – an die Münchener Meisterschule für Typografie berufen. Hier nannte er sich auf Drängen der Behörden Jan Tschichold. Es entstand u. a. eine Plakatreihe für den Münchner Phoebus-Palast. Viele Film-Plakate für diesen größten deutschen Filmpalast prägten den öffentlichen Raum der Stadt: Klare, freigestellte, z. T. fette Schrift. Balken die die Fläche betonen, aber nicht zerteilen, und immer wieder Diagonalen.

1929 entwarf er eine Schrift, die die sprachlichen Laute besser umsetzen sollte als das traditionelle Alphabet, mit teils sehr eigenwilligen Zeichen. 1931 gestaltete er die Schriften Zeus, Transito, und Saskia sowie die Uhertype-Standard-Grotesk für ein frühes Fotosatzsystem. Mit Schwitters und vielen anderen gründete er 1928 den "Ring neue Werbegestalter"

Von Jan Tschichold gestalteter Bucheinband (1942).

1933 fand die Neue Typographie durch die Machtübergabe an die Nazis ein jähes Ende, Tschichold selbst wanderte in die Schweiz aus. Hier begann er eine neue, radikal andere und zugleich konservativere Phase seines Schaffens, in der er die Grundsätze der Neuen Typographie vehement ablehnte. Auch wenn diese an allen Stellen seines späteren Werkes noch durchscheinen, schlug er doch einen weitaus traditionalistischeren Weg ein, griff z. B. die Verwendung von älteren Antiqua-Schriften, Ornamentik, symmetrische Anordnung u.a. wieder auf. In diesem Zusammenhang lieferte sich Tschichold 1946 eine in den Typographischen Mitteilungen ausgetragene Auseinandersetzung mit Max Bill, einem Befürworter der Neuen Typographie.

1943 hatte Tschichold in der Fachzeitschrift Schweizer Buchhandel den Wettbewerb „Die schönsten Schweizer Bücher“ ausgelobt, der im Folgejahr erstmals stattfand und noch heute vom Schweizer Verlegerverband und dem Bundesamt für Kultur getragen wird.[1]

Tschichold arbeitete für den Basler Birkhäuser Verlag als Buchhersteller und ging 1947 für zwei Jahre nach England, wo er unter anderem für Penrose Annual arbeitete und die Neugestaltung der Penguin Books und ein Konzept für deren typografische Gestalter erarbeitete; er zeichnete dabei auch für die Typographie der seit 1939 erscheinenden Reihe King Penguin Books verantwortlich, die der deutschen Insel-Bücherei nachempfunden war. Zurück in der Schweiz wirkte er weiterhin unermüdlich bis zu seinem Tode 1974.

Im Jahr 1964 wurden Arbeiten von ihm auf der documenta III in Kassel in der Abteilung Graphik gezeigt. 1966 entsteht die Sabon – benannt nach dem Garamond-Schüler Jacob Sabon, der die Garamond nach Frankfurt brachte – eine Renaissance-Antiqua im Stil der Garamond, die sich durch ihr rundes, klares Schriftbild mit einer für eine Garamond relativ hohen Mittellänge auszeichnet. Das besondere an diesem Schriftcharakter ist, dass er in allen drei damals vorhandenen Satzsystemen (Handsatz, Zeilenguss- (Linotype) und Buchstabenguss(Monotype)-Maschinensatz) vollkommen gleich aussah, das Schriftbild also nicht durch deren technische Besonderheiten beeinträchtigt wird.

1965 wurde Tschichold für seine Verdienste um die Schrift mit dem Gutenberg-Preis der Stadt Leipzig geehrt.

Schriften[Bearbeiten]

  • Transito (Schriftgiesserei Amsterdam, 1931)
  • Saskia (Schelter & Giesecke, Leipzig 1931)
  • Zeus (1931)
  • Uhertype-Standard-Grotesk (1931)
  • Sabon (1967)

Siehe auch[Bearbeiten]

Werke[Bearbeiten]

  • Die neue Typographie. Ein Handbuch für zeitgemäß Schaffende, Verlag des Bildungsverbandes der Deutschen Buchdrucker, Berlin 1928.
  •  Eine Stunde Druckgestaltung. Grundbegriffe der Neuen Typografie in Bildbeispielen für Setzer, Werbefachleute, Drucksachenverbraucher und Bibliofilen. Akademischer Verlag Dr. Fritz Wedekind & Co., Stuttgart 1930.
  • Typografische Entwurfstechnik, Akademischer Verlag Dr Fritz Wedekind & Co., Stuttgart 1932.
  • Ausgewählte Aufsätze über Fragen der Gestalt des Buches und der Typographie, Birkhäuser-Verlag, Basel 1975 u. 1987, ISBN 3-7643-1946-1.
  • Schatzkammer der Schreibkunst, Birkhäuser Verlag, Basel 1949 (2. Auflage).
  •  Meisterbuch der Schrift. Ein Lehrbuch mit vorbildlichen Schriften aus Vergangenheit und Gegenwart für Schriftenmaler, Graphiker, Bildhauer, Graveure, Lithographen, Verlagshersteller, Buchdrucker, Architekten und Kunstschulen. 3. unv. Nachdruck der 2. Auflage. Otto Maier-Verlag, Ravensburg 1965, ISBN 3-473-61100-X (englische Ausgabe: Treasury of Alphabets and Lettering. A handbook of type and lettering. Norton Books, New York 1992, ISBN 0-393-70197-2).
  • Erfreuliche Drucksachen durch gute Typografie, Otto Maier-Verlag, Ravensburg 1960 [Reprint]. – Auch: Maro-Verlag, Augsburg 1988, ISBN 3-87512-403-0.
  • foto-auge [zusammen mit Franz Roh], Akademischer Verlag Dr. Fritz Wedekind & Co., Stuttgart 1929 [Reprint]. – Auch: Ernst Wasmuth, Tübingen 1973.
  • Eine Stunde Druckgestaltung, Akademischer Verlag Dr. Fritz Wedekind & Co., Stuttgart 1930.
  • Schriftschreiben für Setzer, Klimsch & Co., Frankfurt a.M. 1931.
  • Typografische Gestaltung, Benno Schwabe & Co., Basel 1935.
  • Chinesischer Farbendruck aus dem Lehrbuch des Senfkorngartens, Holbein-Verlag, Basel 1941 u. 1951.
  • Geschichte der Schrift in Bildern, Holbein-Verlag, Basel 1941 u. 1946. – Auch: Hauswedell, Hamburg 1951 u. 1961. – Engl.: An Illustrated History of Lettering and Writing, o.V., London 1947.
  • Gute Schriftform, Lehrmittelverlag des Erziehungsdepartements, Basel 1941/42, 1943/44 u. 1945/46.
  • Schriftkunde, Schreibübungen und Skizzieren für Setzer, Holbein-Verlag, Basel 1942. – Auch: Schriftkunde, Schreibübungen und Skizzieren [erweiterte Auflage, S. 79–109], Verlag des Druckhauses Tempelhof, Berlin 1951.
  • Der Holzschneider und Bilddrucker Hu Cheng-yen, Holbein-Verlag, Basel 1943 u. 1952.
  • Chinesische Farbendrucke der Gegenwart, Holbein-Verlag, Basel 1944 u. 1953. – Engl.: Chinese Colour Printing of the present day, o.V., London/ New York 1953.
  • Chinesisches Gedichtpapier vom Meister der Zehnbambushalle, Holbein-Verlag, Basel 1947.
  • Was jemand vom Buchdruck wissen sollte, Birkhäuser-Verlag, Basel 1949.
  • Im dienste des buches, SGM-Bücherei, St. Gallen 1951.
  • Die Bildersammlung der Zehnbambushalle, Eugen-Rentsch-Verlag, Zürich/Stuttgart 1970.

Literatur[Bearbeiten]

  • Leben und Werk des Typographen Jan Tschichold, mit einer Einleitung von Werner Klemke, der Bibliographie aller Schriften und fünf großen Aufsätzen von Jan Tschichold sowie über zweihundert, teils bunten Abbildungen. Dresden : Verlag der Kunst, 1977.
  • Günter Bose und Erich Brinkmann (Hrsg.): Jan Tschichold: Schriften 1925–1974. (Zwei Bände): Band 1 1925–1947, Band 2 1948–1974, Brinkmann & Bose, Berlin, 1992 ISBN 3-922660-37-1.
  • Martijn F. Le Coultre, Alston W. Purvis: Jan Tschichold. Plakate der Avantgarde. Katalog, 240 Seiten mit 150 Farbabbildungen. Birkhäuser 2007. ISBN 3-7643-7603-1
  • Christopher Burke: Active literature: Jan Tschichold and New Typography. Hyphen Press, London, 2007. ISBN 978-0-907259-32-9
  • Hans Rudolf Bosshard: Max Bill kontra Jan Tschichold. Der Typografiestreit in der Moderne. Niggli, Zürich, 2012, ISBN 978-3-721-20833-7.
  • IDEA Magazine No 321: Works of Jan Tschichold. [1]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Jan Tschichold – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Beat Koelliker: „Die schönsten Schweizer Bücher“. Eine Idee und ihre Dynamik – 1943 und heute, in: Buchbranche im Wandel, orell füssli Verlag AG, Zürich 1999, ISBN 3-280-02402-1, S. 200–201