Java-Tiger

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Java-Tiger
Java-Tiger fotografiert 1938 von Andries Hoogerwerf im Ujung-Kulon-Nationalpark[1]

Java-Tiger fotografiert 1938 von Andries Hoogerwerf im Ujung-Kulon-Nationalpark[1]

Systematik
Überfamilie: Katzenartige (Feloidea)
Familie: Katzen (Felidae)
Unterfamilie: Großkatzen (Pantherinae)
Gattung: Eigentliche Großkatzen (Panthera)
Art: Tiger (P. tigris)
Unterart: Java-Tiger
Wissenschaftlicher Name
Panthera tigris sondaica
Temminck 1844

Der Java-Tiger (Panthera tigris sondaica) ist eine ausgestorbene Unterart des Tigers, die bis in die 1980er Jahre auf der indonesischen Insel Java beheimatet war. Der Java-Tiger war einer von drei Unterarten, deren Vorkommen auf die Sundainseln beschränkt waren beziehungsweise sind. Die IUCN (International Union for Conservation of Nature and Natural Resources) führt den Java-Tiger seit 2003 als „Ausgestorben“ (extinct).[2]

Merkmale[Bearbeiten]

Java-Tiger waren sehr klein im Vergleich zu anderen Unterarten des Festlands, jedoch größer als Bali-Tiger. Männliche Tiere erreichten eine Körperlänge von 200 bis 245 cm bei einem Gewicht von 100 bis 140 kg. Weibliche Tiere waren kleiner und wogen nur 75-100 kg. Ihre Nase war lang und schmal, ihr Hinterkopf auffallend schmal. Ihr Fell hatte lange dünne Streifen, die etwas zahlreicher waren als beim benachbarten Sumatra-Tiger[3], der einzigen noch lebenden insularen Unterart der Tigers. Die im Vergleich zu den Unterarten des Festlands geringere Körpergröße des Java-Tigers wird mithilfe der Bergmannschen Regel erklärt: die Beutetiere des Java-Tigers sind kleiner als die Arten von Hirschen und Wildrindern, die auf dem asiatischen Festland verbreitet sind. Der Durchmesser der Pfotenabdrücke von Java-Tigern war jedoch größer als die des Bengal-Tigers in Bangladesch, Indien und Nepal.[4]

Lebensraum und Ökologie[Bearbeiten]

Ehemaliges Verbreitungsgebiet des Java-Tigers

Ende des 18. Jahrhunderts waren Tiger über den größten Teil der Insel Java verbreitet. Um 1850 betrachteten die Menschen in den besiedelten Gebieten der Insel Tiger als eine Plage. Bis 1940 hatten Tiger sich in abgelegene Bergregionen und bewaldete Gebiete zurückgezogen. Um 1970 lebten die einzig bekannten Tiger in der Region um den höchsten Berg der Insel, Gunung Betiri (1192 m), an der südöstlichen Küste, die bis dahin wegen des steil abfallenden und schroffen Terrains nicht besiedelt war und 1972 zum Wildreservat erklärt wurde. Zuletzt wurden Tiger im Jahre 1976 in diesem 500 km2 großen Schutzgebiet gesichtet. [5][1]

Als Beutetiere bevorzugten Java-Tiger Mähnenhirsche, Banteng und Wildschweine, seltener Wasservögel und Reptilien. Über Tragzeit, Lebensdauer in freier Wildbahn und in Gefangenschaft gibt es keine Kenntnisse. Bis zum Zweiten Weltkrieg wurden Java-Tiger zwar in einigen indonesischen Zoos gehalten, die jedoch während des Krieges aufgelöst wurden. Nach dem Krieg waren Java-Tiger schon so selten, dass es einfacher war, Sumatra-Tiger zu erhalten.[4]

Ausrottung[Bearbeiten]

Ein Jäger posiert vor einem Tigerfell in Java, 1915
Männer und Kinder posieren mit einem erlegten Tiger im Westen Javas, 1941

Um 1900 lebten 28 Millionen Menschen auf der Insel. Die jährliche Reisproduktion reichte nicht, um die wachsende Bevölkerung angemessen zu versorgen, sodass innerhalb von 15 Jahren 150 % mehr Land für Reisanbau urbar gemacht wurde. 1938 waren noch 23 % der Insel mit natürlichem Wald bedeckt. 1975 gab es jedoch schon weniger als 8 % Wald; die Bevölkerung war auf 85 Millionen Menschen angewachsen.[4]

In dieser von Menschen und ihren Bedürfnissen dominierten Landschaft war die Ausrottung des Java-Tigers ein Prozess, der durch das Zusammenspiel mehrerer Umstände und Ereignisse intensiviert wurde:

  • Tiger und ihre Beutetiere wurden in der Zeit vielerorts vergiftet, als ihr Lebensraum zunehmend reduziert wurde;
  • Natürliche Forstbestände wurden nach dem Zweiten Weltkrieg unkontrolliert zerstückelt, um Land für Anpflanzungen von Teak, Kaffee und Kautschuk urbar zu machen, die Wildtieren keinen geeigneten Lebensraum mehr boten;
  • Mähnenhirsche fielen in den 1960er Jahren in vielen Schutzgebieten und Waldbeständen einer Krankheit zum Opfer;
  • Während der politischen Unruhen nach 1965 zogen sich viele bewaffnete Gruppen in Schutzgebiete zurück, in denen danach keine Tiger mehr überlebten.[1]

Bemühungen zur Wiederentdeckung[Bearbeiten]

Banteng: die Bullen der javanischen Unterart Bos javanicus javanicus sind schwarz
Mähnenhirsche wurden in Meru-Betiri von den Inseln vor Ujung Kulon wieder angesiedelt.[4]

Mitte der 1960er Jahre überlebten Tiger noch in drei Schutzgebieten, die in den 1920-1930ern Jahren in Java eingerichtet wurden: Ujung Kulon, Leuwen Sancang und Baluran. Nach den politischen Unruhen wurden dort keine Tiger mehr gesichtet.
Im Jahre 1971 wurde ein älterer weiblicher Java-Tiger in einer Plantage nahe Gunung Betiri im Südosten Javas erschossen. Seither sind in diesem letzten bekannten Rückzugsgebiet der Katzen keine Jungtiere mehr gesichtet worden. Die Region wurde 1972 zum Meru-Betiri-Wildreservat erklärt, eine kleine Wachtruppe zum Schutz der Fauna und Flora vor Wilderern dort aufgestellt und einige Projekte zum Schutz des Biotops ins Leben gerufen. Das Schutzgebiet war jedoch durch zwei große Plantagen zertrennt, die in den größeren Flusstälern lagen und den am besten geeigneten Lebensraum für Tiger und Beutetiere besetzten. 1976 wurden im östlichen Teil des Schutzgebietes Spuren gefunden, die drei bis fünf Tigern zugeordnet werden konnten. Nur noch wenige Banteng überlebten in der Nähe der Plantagen; Spuren von Mähnenhirschen wurden jedoch nicht mehr gesichtet.[6]

Nach 1979 wurde in Meru-Betiri keine Sichtung von Tigern mehr bestätigt. Seidensticker und Suyono empfahlen 1980, das Wildreservat auszudehnen und den zerstörenden Einfluss von Menschen auf das fragile Ökosystem völlig zu unterbinden. Die indonesische Umweltbehörde setzte diese Empfehlungen 1982 um, als sie das Reservat zum Nationalpark erklärte. Doch für die Rettung der wenigen Tiger in der Region kamen diese Maßnahmen zu spät.[1]

Eine Gruppe von 30 Studenten der indonesischen Landwirtschaftlichen Universität von Bogor (Institut Pertanian Bogor) unternahm 1987 eine Suchexpedition im Meru-Betiri Nationalpark. In fünf Gruppen durchsuchten sie das gesamte Gebiet und fanden Kot und Pfotenabdrücke von Tigern.[7]

Im Westen Javas liegt das Halimun-Reservat, heute integriert in den Nationalpark Halimun Salak. Dort wurde 1984 ein Tiger getötet und 1989 Spuren gefunden, die ihrer Größe nach zu urteilen von einem Tiger stammten. Eine Expedition von sechs Biologen hat jedoch 1990 keine definitiven, direkten Nachweise für Tiger erbracht.[7]

Mit Unterstützung des WWF Indonesien wurde im Herbst 1992 eine weitere Untersuchung im Meru-Betiri Nationalpark geplant, bei der zum ersten Mal Kamerafallen zum Einsatz kamen. Von März 1993 bis März 1994 wurden an 19 Stellen Kameras aufgestellt, die jedoch kein einziges Bild eines Tigers erzielten. In dieser Zeit sind auch keinerlei Spuren entdeckt worden, die auf die Anwesenheit eines Tigers deuteten.[8] Nach Veröffentlichung des abschließenden Berichtes dieser Untersuchung wurde der Java-Tiger für ausgestorben erklärt.[9]

Doch Gerüchte und Hinweise auf die mögliche Anwesenheit von Tigern im Meru-Betiri Nationalpark veranlassten den Leiter des Parks Bapak Indra Arinal eine weitere Suche zu initiieren. Mit Unterstützung des Sumatran Tiger Project wurden im Herbst 1999 zwölf Mitarbeiter des Nationalparks ausgebildet, Kamerafallen aufzustellen und Beobachtungen zu kartieren. Die kanadische The Tiger Foundation stellte Infrarot-Kameras zur Verfügung.[10] Doch der einjährige Einsatz erbrachte lediglich Fotos von wenig Beutetieren, vielen Wilddieben, aber keine von Tigern.[11]

Unbestätigte Sichtungen[Bearbeiten]

Obwohl diese Tigerart als ausgestorben gilt und die Bemühungen zur Wiederentdeckung scheiterten, gab es wiederholte Sichtungen in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrzehnts. Diese Sichtungen sind in Betracht zu ziehen, da sie an verschiedenen Orten und von verschiedenen Personen berichtet wurden. Wissenschaftlich ist festzuhalten, dass diese Sichtungen nicht die Existenz des Java-Tigers bestätigen.

Im November 2008 wurde der Leichnam einer Bergwanderin gefunden, die nach Angaben der ansässigen Dorfbewohner einer Tigerattacke zum Opfer gefallen ist. Gleichzeitig wurden von den Dorfbewohnern Sichtungen gemeldet. Dieses Vorkommnis fand in der Nähe des Mount Merbabu statt.[12] Eine weitere Sichtung bezieht sich auf das Gebiet um Magetan im Januar 2009. Nachdem Gerüchte laut wurden, dass ein weiblicher Tiger mit zwei Jungen gesichtet wurde, kam es zu einer Panik unter der Landbevölkerung, über die in den Medien (u.a. Jawa Pos) berichtet wurde.

Das letzte Vorkommnis, das auch international den Weg in die Presse fand und so für Aufsehen sorgte, fand im November 2010 nach dem Ausbruch des Mount Merapi statt. Es wurden mehrere Tatzenabdrücke in der Vulkanasche vorgefunden, die für die von Tigern gehalten wurden. Ein Nachweis, ob es sich wirklich um Tigerspuren oder die von besonders großen Leoparden handelt, wurde nie erbracht.[13]

Etymologie[Bearbeiten]

Der zoologische Fachterminus Panthera tigris sondaica geht auf den Wortstamm Sunda zurück. Sunda bezeichnet die ehemalige Landmasse, die die heutigen Sunda-Inseln umfasst, also vor allem Java, Sumatra, Sulawesi und Borneo, dessen indonesischer Teil Kalimantan heißt.[14]

Literatur[Bearbeiten]

  • Vratislav Mazák (1979) Der Tiger Panthera tigris. Zweite Ausgabe. Neue Brehm Bücherei 356. A. Ziemsen Verlag, Wittenberg Lutherstadt, 228 p.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Panthera tigris sondaica – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c d Seidensticker, J. (1987) Bearing Witness: Observations on the Extinction of Panthera tigris balica and Panthera tigris sondaica. In: Tilson, R. L., Seal, U.S. (Hrsg.) Tigers of the World. Noyes Publications, New Jersey. Vorschau des Buches
  2. Jackson, P., Nowell, K. (2008) Panthera tigris ssp. sondaica. In: IUCN 2010. IUCN Red List of Threatened Species. Version 2010.4
  3. Mazák, J.H., Groves, C.P. (2006) A taxonomic revision of the tigers (Panthera tigris). Mammalian Biology 71 (5): 268–287 voller Text als pdf
  4. a b c d Seidensticker, J. (1986) Large Carnivores and the Consequences of Habitat Insularization: Ecology and Conservation of Tigers in Indonesia and Bangladesh. Pp 1-42 In: Miller, S.D., Everett, D.D. (Hrsg.) Cats of the World: Biology, Conservation and Management. National Wildlife Federation, Washington DC.
  5. Treep, L. (1973) On the Tiger in Indonesia (with special reference to its status and conservation). Report no. 164, Department of Nature Conservation and Nature Management, Wageningen, The Netherlands.
  6. Seidensticker, J., Suyono, I. (1980) The Javan Tiger and the Meri-Betiri Reserve, a plan for management. International Union for the Conservation of Nature and Natural Resources, Gland. 167pp.
  7. a b Istiadi, Y., Panekenan, N., Priatna, D., Novendri, Y., Mathys, A., Mathys, Y. (1991) Untersuchung über die Carnivoren des Gunung Halimun Naturschutzgebietes. Zoologische Gesellschaft für Arten- und Populationsschutz e.V. Mitteilungen 7 (2): 3-5
  8. Rafiastanto, A. (1994) Camera trapping survey of Javan tiger and other wild animals in Meru Betiri National Park. WWF-IP Project ID 0084-02
  9. Jackson, P., Kemf, E. (1994) Wanted alive! Tigers in the wild : 1994 WWF species status report. WWF Gland.
  10. Tilson, R. (1999) Sumatran Tiger Project Report No. 17 & 18: July - December 1999 grant number 1998-0093-059. Indonesian Sumatran Tiger Steering Committee, Jakarta. voller text als pdf
  11. Breining, G. (2002) What's Our Zoo Got to Do With It? Minnesota Conservation Volunteer. voller text als pdf
  12. Vgl. Detik News, Indonesische Pressemitteilung: 17. November 2008 http://us.detiknews.com/read/2008/11/17/191947/1038555/10/pendaki-wanita-tewas-di-gunung-merbabu-diduga-diterkam-harimau
  13. Vgl. "The Sydney Morning Herald", Pressemitteilung: 2. November 2010: http://news.smh.com.au/breaking-news-world/tiger-rumours-swirl-below-indon-volcano-20101102-17ce0.html
  14. Kock, D. (1995): Zur Benennung des Tigers Panthera tigris L. auf Sunda – Inseln. Säugetierkundliche Mitteilungen 36: 123–126.