Jean-Claude Trichet

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Jean-Claude Trichet (2010)
Jean-Claude Trichets Unterschrift, wie sie auf Eurobanknoten abgebildet ist

Jean-Claude Trichet (* 20. Dezember 1942 in Lyon) ist ein französischer Finanzexperte, der von November 2003 bis Oktober 2011 Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) war.

Leben[Bearbeiten]

Jean-Claude Trichet wurde am 20. Dezember 1942 in Lyon als ältestes der drei Kinder eines aus der Bretagne stammenden Universitätsdozenten geboren.[1] Der Vater starb, als Jean-Claude gerade 16 Jahre alt war. Er weckte und förderte sein Interesse an Wissenschaft und Mathematik, aber auch seine Liebe zu Literatur und Poesie, die Mutter seinen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit.[2]

Trichet besuchte in Paris das Lycée Fénelon und das Lycée Condorcet.[1] Nach dem Baccalauréat absolvierte er die École des Mines de Nancy, eine Bergbauakademie in Lothringen[3], die er 1964 als Diplom-Bergbauingenieur (Diplôme ingénieur civil des Mines) abschloss.[4] Im Anschluss daran erlangte er im Jahre 1966 an der Universität von Paris den Master-Titel in Ökonomie (Maîtrise en sciences économiques) sowie am Institut d’études politiques de Paris (Sciences Po Paris) ein Diplom in Politikwissenschaft. Nach ersten Berufserfahrungen als Ingenieur in der freien Wirtschaft besuchte er von 1969 bis 1971 die Elitehochschule École nationale d’administration (ENA) (zu dieser Zeit noch in Paris),[4] die traditionell die Elite der französischen Verwaltungsbeamten ausbildet.

1971 kam er in die Abteilung Wirtschaftsprüfung (Inspection générale des finances – s. frz. wiki) des Wirtschafts- und Finanzministerium Frankreichs. 1974 zunächst Referent in der Generalinspektion für Finanzen, wechselte er ein Jahr später, 1975, ins Schatzamt (Direction générale du Trésor) – der Steuerungszentrale der französischen Geldpolitik. 1976 wurde er Generalsekretär des Interministeriellen Ausschusses für die Verbesserung der industriellen Strukturen (Comité interministériel pour l’aménagement des structures industrielles, CIASI).

1978 avancierte der Finanzexperte zum Berater des damaligen Wirtschafts- und Finanzministers René Monory. Dies jedoch nur für kurze Zeit, denn noch im selben Jahr wurde er Berater des damaligen Präsidenten der Französischen Republik Valéry Giscard d’Estaing für die Bereiche Industrie-, Energie- und Forschungspolitik. Als Giscard d’Estaing in der Präsidentschaftswahl des Jahres 1981 gegen François Mitterrand verlor, ging Trichet wieder ins Schatzamt zurück.[5][6][7] Im Schatzamt nahm er ein breites Aufgabenspektrum wahr (Leiter des Entwicklungshilfebüros, Stellvertretender Direktor der Abteilung Bilaterale Angelegenheiten, Leiter der Abteilung Internationale Angelegenheiten, Vorsitzender des Pariser Clubs – Umschuldung und Schuldenerlass von zahlungsunfähigen Staaten), bevor man ihn im Jahre 1987 zum Leiter des Schatzamtes (Directeur du Trésor) ernannte. Er hielt dieses Amt unter wechselnden – auch sozialistischen – Premierministern bis 1993, als er vom damaligen Premierminister Édouard Balladur zum Chef (Gouverneur) der französischen Zentralbank (Banque de France) ernannt wurde. In dieser Tätigkeit senkte er entschieden die Inflationsrate Frankreichs, forcierte Privatisierungen und war maßgeblich an der Vorbereitung der Euro-Einführung im Zuge der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion beteiligt.[4][8][9]

Im Herbst 1997 schlug Frankreich Jean-Claude Trichet als zukünftigen Präsidenten der (zu diesem Zeitpunkt) noch nicht etablierten Europäischen Zentralbank (EZB) vor. Um die Besetzung des prestigeträchtigen Amtes entspann sich dann eine Konkurrenz mit dem niederländischen Präsidenten des Europäischen Währungsinstituts (EWI) (dem Vorläufer der EZB) Wim Duisenberg, der von der großen Mehrheit der EU-Staaten favorisiert wurde. Im Mai 1998 einigten sich die Staats- und Regierungschefs der EU auf einen Kompromiss: Duisenberg wurde zum ersten Präsidenten der EZB nominiert, allerdings unter der Auflage, die regulär achtjährige Amtszeit nicht voll auszuschöpfen, um die Funktion vorzeitig – bereits 2003 – an Trichet abzutreten.[10][11][6]

Während seiner Zeit im französischen Schatzamt war Trichet auch zuständig für Staatsunternehmen, unter anderem für die (mittlerweile privatisierte) Großbank Crédit Lyonnais, die Frankreich, wegen ihrer fehlgeschlagenen Expansionsgeschäfte, im Jahre 1992 den größten Bankenskandal der Nachkriegsgeschichte bescherte. Ab 2000 ermittelten die Behörden gegen Trichet wegen des Verdachts, er habe Milliarden-Tricks der damaligen Bankspitze bewusst verschleiert. Januar/Februar 2003 wurde gegen Trichet und andere Angeklagte vor einem Pariser Strafgericht der Prozess eröffnet. Am 18. Juni 2003 verkündeten die Richter Trichets Freispruch.[11]

Am 1. November 2003 trat Jean-Claude Trichet das Amt des Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB) an.[12][13] Trichet konnte in der Folge als Garant für die Unabhängigkeit der Europäischen Zentralbank auftreten; so im Jahr 2004, als er dem Druck der deutschen und der französischen Regierung, die Zinsen zu senken, widerstand, und im Dezember 2005, als er gegen den Willen von zehn Regierungen in der Euro-Zone den Leitzins erhöhte.

In der Finanzkrise ab 2007 stellte Trichet in Absprache mit der US-amerikanischen Federal Reserve den Banken US-Dollar zur Verfügung und nahm dafür auf Euro lautende Wertpapiere als Sicherheit an, um die Lage auf dem Geldmarkt zu entspannen.[14] Die EZB übernahm so Wechselkursrisiken der privaten Banken. Es erfolgten zudem mehrere Zinssenkungen, die die Leitzinsen auf ein seit Jahrzehnten nicht mehr erreichtes niedriges Niveau brachten.

Trichet verantwortete in der aktuellen Euro-Schuldenkrise auch den Aufkauf von Staatsanleihen hoch verschuldeter Euro-Staaten durch die Europäische Zentralbank (EZB). Artikel 123 des AEU-Vertrags verbietet eigentlich die Finanzierung mitgliedstaatlicher Haushalte durch die EZB und damit direkte Zentralbankkredite ebenso wie den unmittelbaren Erwerb von Schuldtiteln. Die EZB hatte jedoch spanische, portugiesische und griechische Staatsanleihen von der EZB nicht direkt von den Emittenten übernommen, sondern – mittelbar – auf dem Sekundärmarkt gekauft, was von Kommentatoren als Umgehung des Finanzierungsverbots gewertet wird.[15][16] Bis Ende Mai 2010 hatte die EZB für rund 40 Milliarden Euro Staatsanleihen aus Spanien, Portugal, Irland und Griechenland aufgekauft. Das Gros, rund 25 Milliarden Euro, wurde dabei für griechische Bonds ausgegeben. Zum Zeitpunkt März 2011 hat die Europäische Zentralbank für rund 77 Milliarden Euro Anleihen der Krisenländer aufgekauft. Weil die EZB von dieser Stützungspflicht entbunden werden wollte, drängte Trichet im Zusammenhang mit dem EU-Sondergipfel vom 12. März 2011 darauf, dass der Rettungsfonds EFSF und der ab 2013 geplante permanente Krisenmechanismus ESM (Europäischer Stabilisierungsmechanismus) künftig auch Anleihen vom Sekundärmarkt kaufen können, konnte sich aber nicht durchsetzen.[17][18] Im Juni 2011 schlug Trichet im Rahmen der Diskussion über die Staatsschuldenkrise im Euroraum die Bildung eines europäischen Finanzministeriums vor.[19][20]

Trichets achtjährige Amtszeit endete am 31. Oktober 2011 mitten in der Staatsschuldenkrise im Euroraum. Sein Nachfolger als Präsident der Europäischen Zentralbank ist Mario Draghi.[21]

Jean-Claude Trichet sitzt im Vorstand der G30.[22] Seit April 2012 ist er Vorsitzender des Verwaltungsrates der Brüsseler Denkfabrik BRUEGEL.[23]. Des Weiteren ist er European Chairman der Trilateralen Kommission.

Privates[Bearbeiten]

1965 heiratete Jean-Claude Trichet die Diplomatin und Übersetzerin Aline Rybalka, deren Eltern aus der Ukraine nach Frankreich eingewandert waren. Das Paar bekam zwei Kinder – Pierre-Alexis (Marketing-Direktor beim Telekommunikationsunternehmen Orange) und Jean-Nicolas, Musiker und Produzent elektronischer Musik.[24][6] Trichet lebt mit seiner Familie in Paris.

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Jean-Claude Trichet mit der Karlspreis-Medaille 2011

Preise[Bearbeiten]

  • „Policy maker of the Year“, The International Economy magazine (1991)
  • „Zerilli Marimo“ der Académie des sciences morales et politiques (1999)
  • „Pico della Mirandola“ (2002)
  • Prix franco-allemand de la Culture / Deutsch-Französischer Kulturpreis (2006)
  • „Policy maker of the Year“, The International Economy magazine (2007)
  • Ludwig-Erhard-Gedenkmünze in Gold (2007)[30]
  • „Person of the Year“, Financial Times (2007)
  • „European Banker of the Year 2007“, der Journalistenvereinigung „The Group of 20+1“ (2008)[31]
  • „Central Banker of the Year“, The Banker (2008)
  • „Central Bank Governor of the Year“, Euromoney (2008)
  • Ehrendoktortitel mehrerer Universitäten

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Jean-Claude Trichet – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Jean-Claude Trichet im Munzinger-Archiv (Artikelanfang frei abrufbar)
  2. Jean-Claude Trichet – Monsieur Euro ganz nah. In: Die Welt vom 20.Juni 2010
  3. École des Mines de Nancy in Wikipedia (französisch)
  4. a b c Lebenslauf auf der Website der Europäischen Zentralbank
  5. EZA (EuroZoneAdvisors) Report 542 vom 24. Juni 2003
  6. a b c Who’s Who: Jean-Claude Trichet
  7. Group of Thirty/Mitglieder-Bios/Jean-Claude Trichet
  8. Lebenslauf von Jean-Claude Trichet. In: Wirtschaftswoche vom 6. November 2003
  9. EZB-Präsident Trichet erhält internationale Ehrung. Focus Online, 4. Dezember 2010
  10. Europa. Mit germanischer Färbung. In: Der Spiegel vom 10. November 1997
  11. a b Trichet wartet seit Jahren auf den EZB-Chefposten. In: Süddeutsche Zeitung vom 15. Juli 2003
  12. Trichet zum neuen Zentralbankpräsidenten ernannt. In: Süddeutsche Zeitung vom 16. Oktober 2003
  13. Europäische Zentralbank. Duisenberg tritt ab – Trichet übernimmt. In: Süddeutsche Zeitung vom 27. Oktober 2003
  14. Banken buhlen um Dollar-Kredite der EZB., In: Financial Times Deutschland am 11. September 2008.
  15. Euro-Krise und Rettungsschirm. Weicht das Recht der Politik?, in Legal Tribune Online o.D. (Mai 2010
  16. Wie der Euro-Rettungstopf funktioniert. (hierin: Welche Rechtsgrundlage hat der Rettungsschirm?), In: faz.net am 11. Mai 2010
  17. Niedrigere Zinsen für Griechenland: Euro-Zone verstärkt Rettungsschirm in: Manager-Magazin vom 12. März 2011
  18. Gipfel in Brüssel: Regierungschefs kungeln Euro-Rettung aus, In: Spiegel-Online vom 12. März 2011
  19. Jan Dams, EZB: Trichet fordert europäisches Finanzministerium, In: Die Welt vom 2. Juni 2011, Zugriff am 7. September 2011)
  20. Michael Stabenow, Reiner Burger und Henrike Roßbach, EZB-Präsident: Trichet schlägt europäisches Finanzministerium vor, In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 3. Juni 2011, Zugriff am 7. September 2011
  21. Draghi wird EZB-Präsident, In: Die Zeit, Zugriff am 24. Juni 2011
  22. http://www.group30.org/about.shtml
  23. Neuer Verwaltungsratsvorsitzender des Think Tanks Bruegel: Jean-Claude Trichet. Europäische Bewegung Deutschland, abgerufen am 18. April 2012.
  24. nndb: Jean-Claude Trichet
  25. European Banker of the Year in: Maleki Group, abgerufen am 7. Dezember 2010
  26. Jean-Claude Trichet erhält den Karlspreis. In: Tages-Anzeiger vom 4. Dezember 2010
  27. Rede des Karlspreis-Trägers Jean-Claude Trichet – pdf
  28. Begründung des Direktoriums der Gesellschaft für die Verleihung des Internationalen Karlspreises zu Aachen an den Präsidenten der Europäischen Zentralbank Dr. h.c. Jean-Claude Trichet
  29. Aufstellung aller durch den Bundespräsidenten verliehenen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich ab 1952 (PDF; 6,9 MB)
  30. Wirtschaftsrat der CDU – Gedenkmünze L. Erhard
  31. Trichet zum Banker des Jahres 2007 gekürt. In: Handelsblatt vom 27. Mai 2008
Vorgänger Amt Nachfolger
Wim Duisenberg Präsident der Europäischen Zentralbank
2003–2011
Mario Draghi