Jean Bodin

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie

Wechseln zu: Navigation, Suche
Jean Bodin

Jean Bodin (* 1529 oder 1530 in Angers; † 1596 in Laon) gilt als der erste französische Staatstheoretiker von Rang. Er gilt als Begründer des modernen Souveränitätsbegriffes und früher Befürworter des Absolutismus.


Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Leben und Schaffen

Bodin (latinisiert auch Joannes Bodinus Andegavensis) wuchs auf in kleinen Verhältnissen (als Sohn eines Schmiedes) in Angers. Er erhielt seine Ausbildung im dortigen Karmeliterkloster, wo er auch Novize wurde. Gegen 1550 ging er, wohl ohne das Mönchsgelübde abgelegt zu haben, nach Paris und studierte an der Universität, aber auch am humanistisch orientierten Collège du Roi. Er kam so nicht nur mit der üblichen orthodoxen Scholastik in Berührung, sondern offenbar auch mit der ramistischen Philosophie. Ein unbewiesenes Detail in seiner Biographie (das aber auch auf einer zufälligen Namensgleichheit beruhen könnte) ist eine mögliche Verwicklung in Häresieprozesse 1547/48 und ein Aufenthalt im calvinistischen Genf.

In den 1550er Jahren studierte er an der Universität Toulouse römisches Recht und wurde hier auch als akademischer Lehrer tätig. Sein besonderes Interesse scheint schon zu dieser Zeit der vergleichenden Rechtswissenschaft gegolten zu haben.

Ab 1561 war er als Anwalt am Parlement von Paris zugelassen. Allerdings betätigte er sich weiterhin auch als Theoretiker. Ein erstes Produkt dieser Jahre war 1566 die Schrift Methodus ad facilem historiarum cognitionem (Methode zur leichteren Kenntnis der Geschichte), worin er nachweist, dass historisches Wissen ein besseres Verständnis der Gegenwart ermöglicht. Wenig später folgte die Réponse de J. Bodin aux paradoxes de M. de Malestroit (1568). Hierin analysiert Bodin offenbar als erster oder einer der ersten quasi wissenschaftlich das vor dem 16. Jahrhundert unbekannte Phänomen der Inflation, d.h. der schleichenden Geldentwertung durch eine zu starke Vermehrung der Zahlungsmittel, hier der Münzen, die mit dem Gold und Silber aus Amerika geprägt wurden.

1569/70, während des zweiten Religionskrieges, war er in Paris inhaftiert, wobei es sich vielleicht um eine Art Schutzhaft handelte zum Zweck, ihn den Verfolgungen katholischer Eiferer zu entziehen, die ihn wohl nach wie vor als heimlichen Sympathisanten des Protestantismus betrachteten.

Nach seiner Freilassung gehörte er zur engeren Umgebung des präsumtiven Thronerben, des jungen Herzogs von Alençon-Anjou, der allerdings bald nach seiner Thronbesteigung 1574 ermordet wurde. In diesen Jahren wurde Bodin zu einem der Wortführer der Politiques, einer Gruppe von pragmatisch eingestellten Leuten, die einen Ausgleich zwischen Katholiken und Protestanten anstrebten. Zugleich brachte er seine politischen Gedanken zu Papier in seinem wichtigsten Werk Les six livres de la République (1576, dt. „Sechs Bücher vom Staatswesen“). Hierin plädiert er für ein Regime, an dessen Spitze ein „souveräner“ Monarch steht, der mit fast absoluter Macht und unabhängig von den jeweiligen, z.B. religiösen, Parteiungen in seinem Staat regiert.

Ebenfalls 1576 nahm Bodin als Delegierter des Dritten Standes an den in Narbonne tagenden Generalständen teil, wo er versuchte, mäßigend auf die katholische Partei einzuwirken.

Im selben Jahr verheiratete er sich in Laon und übernahm dort von seinem Schwiegervater das Amt des königlichen Generalleutnants und Staatsanwalts, das er bis zu seinem Tod bei einer Pestepidemie ausübte.

Vielleicht resultierte aus dieser Amtstätigkeit seine nachfolgende Annäherung an die katholische Partei und vor allem sein Interesse für Hexenprozesse. 1580 nämlich publizierte er ein weiteres erfolgreiches, in mehrere Sprachen (auch ins Deutsche) übersetztes Werk, La Démonomanie des sorciers. Das heute in Literaturgeschichten gern übergangene Werk ist ein Handbuch der Hexer- und Hexenkunde samt Verfahrensratschlägen und Argumentationshilfen für Richter, die laut Bodin vor der Verhängung der Todesstrafe nicht zurückschrecken dürfen.

In politisch-ideologischer Hinsicht blieb er jedoch eher seiner Tendenz zu Pragmatismus und Toleranz treu. Hiervon zeugt ein als Manuskript nachgelassenes Werk (dessen Echtheit von manchen bezweifelt wird), das Colloqium heptaplomeres de rerum sublimium arcanis abditis. Dieses „Siebenergespräch über die verborgenen Geheimnisse der erhabenen Dinge“ zeigt eine friedliche Diskussion unter sieben Weisen verschiedener Religionen und Weltanschauungen, die sich am Ende auf die grundsätzliche Gleichwertigkeit ihrer Überzeugungen einigen.

[Bearbeiten] Die staatstheoretischen Werke Bodins

Solange Bodin sich im politischen Leben befand, schrieb er staatstheoretische und politologische Schriften. Die erste war das 1568 erschienene Werk Réponse aux paradoxes du seigneur de Malestroit, worin erstmals das damals rätselhafte Phänomen der Inflation erklärt wird, und zwar zutreffend aus der starken Vermehrung der Geldmenge, die mit dem Gold und Silber aus den spanischen Kolonien in Amerika geprägt und in Umlauf gebracht wurde.

Staatsformenschema
nach Bodin
Souverän
Einer Monarchie
Wenige Aristokratie
Alle Demokratie

Bodins wichtigstes Werk kam 1576 heraus, die Schrift Les six livres de la République, wobei république die allgemeine Bedeutung Staat (lat. res publica) hat und nicht die von Republik im modernen Sinne. Ähnlich wie die anderen politischen Denker seiner Zeit (z. B. Thomas Hobbes) war Bodin mit dem Problem der religiösen Bürgerkriege konfrontiert, die Europa seit der Reformation heimsuchten. In Frankreich waren dies die Hugenottenkriege. Klarsichtig erkannte er, dass dieser Konflikt hier nicht zuletzt deshalb schwer beizulegen war, weil die Krone stets auf Seiten der Katholiken stand, also Partei war, und deshalb nicht schlichtend auftreten konnte. Die einzige Lösung war für Bodin deshalb eine „souveräne“, über den Konfessionen stehende Instanz: der Staat im neuzeitlichen Sinne, zu dessen theoretischer Grundlegung er einen entscheidenden Beitrag geleistet hat, wobei er selbst letztlich eine absolutistische und zentralistische Monarchie propagiert. Anders als Hobbes entwickelte er seine Theorie nicht aus abstrakten Prinzipien, sondern versuchte zu zeigen, dass seine Prinzipien bereits Grundlage der meisten Verfassungen Europas seien.

Bodin verstand den Staat ganz nach der traditionellen, auf Marcus Tullius Cicero zurückgehenden Definition als Menge von Familien und ihnen gehörenden Gütern, aber er macht eine entscheidende Erweiterung, wenn er dieser Definition hinzufügt, dass das Gemeinwesen durch eine oberste Gewalt und Vernunft gelenkt werde („summa potestate ac ratione moderata“). Damit führt er die Idee der Souveränität (Souveränitätsthese) in die politische Philosophie ein. Souveränität ist eine beständige und unbedingte Gewalt über alle Bürger, mit dem Recht, Gesetze zu geben oder aufzuheben. Der souveräne Herrscher ist dabei keiner anderen irdischen Instanz gegenüber verantwortlich – er ist jedoch an das göttliche Recht oder Naturrecht gebunden, das in den scholastischen Diskussionen des Mittelalters definiert wurde.

[Bearbeiten] Paradoxon, Heptaplomeres und De Magorum Daemonomania

Nachdem er sich in einer späteren Phase seines Lebens immer mehr zurückgezogen hatte, widmete sich Bodin eher metaphysischen Fragen. In dieser Zeit schrieb er Bücher wie das Paradoxon oder vor allem das Heptaplomeres, wo er in Dialogform darstellt, wie sich sieben weise Männer in freundschaftlichem Gespräch über die verschiedenen Weltanschauungen austauschen und zu dem Schluss kommen, alle seien im Sinne von Spielarten der Naturreligion gleichwertig. Hier offenbart er also eine tolerante Grundeinstellung im Sinne der Politiques. Allerdings ist Bodins Autorschaft des Heptaplomeres strittig. Faltenbacher ist schon seit langem und David Wootton seit etwa 1999 der Überzeugung, dass Bodin keinesfalls der Autor dieses Textes sein kann. Auch Jean Céard und Isabelle Pantin in Paris sind gegen die Annahme.[1]

Bodin ist schon früh mit Hexenprozessen in Berührung gekommen, denn in seinem Buch führt er an, dass er 1549 einem Prozess beigewohnt habe, bei dem sieben Menschen der Zauberei angeklagt worden seien. Ohne Zweifel hat er jedoch vor allem durch seine juristische Tätigkeit als Anwalt am Pariser Parlement und am Präsidialgericht von Laon mit Zaubereidelikten zu tun. Er selbst führt den Prozess gegen Johanna Harwilerin aus dem Jahr 1579 als ausschlaggend für das Entstehen dieses unter Hexentheoretikern hochgeschätzten Werkes an: Dies „hat mir Anlaß unnd Ursach geben / die Feder inn die Hand zunemmen / um die Matery von den Hexen und Unholde / welche heutigs tags jedermann so verwunderlich frembd fürkommet / auch bey vielen keinen glauben gewinnet / nunmal ausßführlich zu erklären.“ Über die hier formulierte erste Zielsetzung seines Buches hinaus betont er, dass er sein Hexenbuch schreibe, „damit man sich darvor [vor der Hexerei] zu hüten habe / und der sachen alsdann / wann man von disen / so solche stuck brauchen / urtheilen solle / ein gründliches wissen möge haben“. Dies sei besonders für Richter wichtig, die Hexenprozesse führen müssten, damit sie nicht „der blauen Brillen nach urtheilten“.

Bodin nahm bereits Ideen der Quantitätstheorie vorweg, wie sie später auch von David Hume geäußert wurden.

[Bearbeiten] Anmerkungen

  1. Näheres in dem von F. herausgegeben Tagungsband Magie, Religion und Wissenschaften im Coll. heptaplomeres, Darmstadt 2002.

[Bearbeiten] Werke

  • Colloquium heptaplomeres de rerum sublimium arcanis. Olms, Hildesheim 1970 (Repr. d. Ausg. Schwerin 1857)
  • De Magorum Daemonomania. Libri IV. Olms, Hildesheim 2003, ISBN 3-487-11794-0 (Repr. d. Basel 1581)
  • Methodus ad facilem historiarum cognitionem. („Die Methode die Geschichte auf einfache Art zu verstehen“), erschienen 1566
  • Sechs Bücher über den Staat. Beck, München
  • Vom ausgelasnen wütigen Teuffelsheer. ADEVA, Graz 1973, ISBN 3-201-00821-4 (Repr. d. Ausg. Straßburg 1591)

[Bearbeiten] Literatur

  • Henri Baudrillart: Jean Bodin et son temps. Tableau des théories politique et des idées économique au 16 éme siècle. Scientia-Verlag, Aalen 1964 (Repr. d. Ausg. Paris 1853).
  • Roger Chauviré: Jean Bodin. Auteur de la "République", Champion, Paris 1914.
  • Karl F. Faltenbacher (Hrsg.): Magie, Religion und Wissenschaften im Colloquium heptaplomeres. Ergebnisse der Tagungen in Paris 1994 und in der Villa Vigoni (Beiträge zur Romanistik; Bd. 6). Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2002, ISBN 3-534-16024-X.
  • Elisabeth Feist: Weltbild und Staatsidee bei Jean Bodin. Niemeyer, Halle/Saale 1930.
  • Gottschalk E. Guhrauer: Die Heptaplomeres des Jean Bodin. Zur Geschichte der Cultur und Literatur im Jahrhundert der Reformation. Slatkine, Genf 1971 (Repr. d. Ausg. 1841).
  • Peter C. Mayer-Tasch: Jean Bodin. Eine Einführung in sein Leben, sein Werk und seine Wirkung. Verlag Parerga, Düsseldorf 2000, ISBN 3-930450-51-8.
  • Horst Denzer (Hrsg.): Jean Bodin. Verhandlungen der internationalen Bodin Tagung in München / Proceedings of the International Conference on Bodin in Munich / Actes du colloque international Jean Bodin à Munich, C. H. Beck, München 1973, ISBN 3-406-02798-9.
  • Marie-Dominique Couzinet, Histoire et Méthode à la Renaissance. Une Lecture de la Methodus ad facilem historiarum cognitionem de Jean Bodin, Vrin, Paris 1996, ISBN 2-7116-1246-5.
  • Claudia Opitz-Belakhal: Das Universum des Jean Bodin. Staatsbildung, Macht und Geschlecht im 16. Jahrhundert. Campus Verlag, Frankfurt/M. 2006, ISBN 3-593-38207-5.
  • Thomas Gergen: Art. Bodin, Jean (1529/30-1596). In: Albrecht Cordes, Heiner Lück, Dieter Werkmüller, Ruth Schmidt-Wiegand (Hrsg.), Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte, 2., völlig überarbeitete und erweiterte Auflage, Band I, Erich Schmidt Verlag, Berlin 2008, Sp. 692-694. ISBN 978-3-503-07912-4

[Bearbeiten] Weblinks

Persönliche Werkzeuge
Buch erstellen