Jean Krämer

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Sechs Assistenten von Behrens am Arbeitsplatz: (von li.) Mies van der Rohe, Meyer, Hertwig, Weyrather (dahinter), Krämer, Gropius (mit Plan), 1908[1]

Jean Krämer (gelegentlich auch Kremer oder Kraemer geschrieben) (* 11. März 1886 in Mainz-Kastel; † 1943) war ein deutscher Architekt, der in Berlin und im Umland zahlreiche Bauten realisieren konnte. Er bevorzugte Elemente des Expressionismus mit Hinwendung zur Neuen Sachlichkeit. Besonders bekannt wurde Krämer durch seine Um- und Neubauarbeiten verschiedener Berliner Straßenbahnbetriebshöfe in den 1920er Jahren, in der Literatur wird er deshalb häufig als „Hausarchitekt der Berliner Straßenbahn“ bezeichnet.

Leben[Bearbeiten]

Nach dem Schulbesuch studierte Krämer an der Technischen Hochschule Darmstadt Architektur. Noch während der Ausbildung trat er in das Atelier von Peter Behrens ein und wurde ab 1906 dessen Büroleiter. Im Jahr 1916 übernahm er die Nachfolge von Ludwig Mies van der Rohe als Leiter des Neubabelsberger Ateliers von Peter Behrens.[2]

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges eröffnete Jean Krämer 1918 ein eigenes Büro in Schöneberg bei Berlin. Dort entstanden im Lauf vieler Jahre Pläne von Ingenieurbauten, Industrieanlagen, städtebaulichen Komplexen, Mehrfamilienwohnhäusern, Landhäusern, luxuriösen Villen, Verwaltungsgebäuden, Bauten für kulturelle und sportliche Zwecke sowie komplette Inneneinrichtungen. Sein Schaffensschwerpunkt lag auf Fabrikgebäuden, Wohnbauten und Sportanlagen. Ein wichtiges Prinzip seiner Architekturentwürfe war die Einpassung der geplanten Gebäude in bereits vorhandene Baukomplexe und Straßenführungen. Die klare und funktionelle Anordnung der Räume im Inneren eines Gebäudes mit geräumigen Nebengelassen und Eingangsbereichen bestimmten die äußere Gestaltung seiner Bauten. Mit kleinen dekorativen Details gelang Krämer auch eine Nuancierung bei ansonsten langen Häuserzeilen, beispielsweise mit Bauvorsprüngen oder unterschiedlich gestalteten Hauseingängen.

Krämers Atelier konnte bis zu dessen Tod unzählige Bauten im Großraum Berlin verwirklichen, von denen heute viele unter Denkmalschutz stehen.

Entwürfe und Bauten[Bearbeiten]

Ein erster Auftrag für das neue Büro war die Planung und Ausführung eines Industriekomplexes in Berlin-Tempelhof, Oberlandstraße, für die Norddeutsche Kühlerfabrik (1918/1919).[3]

Ab 1920 übernahm Krämer die Weiterführung der von Peter Behrens begonnenen Wohnbausiedlung für die Arbeiterfamilien des AEG-Lokomotivwerkes in Hennigsdorf bei Berlin. 1922 waren die Gebäude bezugsfertig, bei deren Bau Krämer nach den Ideen des Reformwohnungsbaus vorging: „Menschen, die unter geordneten Bedingungen und in gesunder Luft leben können, erbringen größere Leistungen. [...] Vom Standpunkt des Arbeiters aus sollten derartige Kleinwohnungen durchdacht werden.“ Krämer gelang trotz der Anlage als Reihenhaussiedlung eine Auflockerung derart, dass die Siedlung eher einen Gartenstadtcharakter erhielt. Diese Wohnsiedlung ist auch unter dem Namen Rathenauviertel bekannt und steht heute unter Denkmalschutz.[4][5][6]

Im Zeitraum 1923 bis 1930 erhielt das Büro von Krämer eine Fülle von Aufträgen, die deshalb hier nicht exakt chronologisch dargestellt werden können. Wahrscheinlich wurden mehrere Projekte parallel bearbeitet und gebaut.

Der jüdische Möbelfabrikant Norbert Wiener aus Potsdam ließ sich vom Büro Krämer 1922 eine dreigeschossige Villa projektieren, die im Ortsteil Neubabelsberg in der Augustastraße 40 (der heutigen Rosa-Luxemburg-Straße) errichtet wurde. Sie ist Bestandteil einer Landhauskolonie, in der andere Architekten der Moderne wie Max Landsberg ihre Ideen verwirklichen konnten. In dieser Villa wohnte Konrad Adenauer von Mai 1934 bis April 1935, der spätere Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland.[7]

Im gleichen Jahr baute Krämer im heutigen Bezirk Treptow-Köpenick, Ortsteil Oberschöneweide, ein Beamtenwohnhaus für die Niles-Werkzeugmaschinenfabrik (Wilhelminenhofstraße 85)[8], ein Mietshaus in der Schillerpromenade 11–12 (1922/1923) und eine Neubausiedlung für die Gemeinnützige Wohnungsbau-Gesellschaft (Gebag) im Bereich Zeppelinstraße/ An der Wuhlheide/ Fontanestraße/ Triniusstraße (1924/1925), die heute auch Fontanehof genannt wird.[9][10][11]

Der Verkehrsturm am Potsdamer Platz 1932

1924 schuf Jean Krämer ein heute weltweit bekanntes kleines Verkehrsbauwerk, den Verkehrsturm am Potsdamer Platz. Der Entwurf orientierte sich an den Ampeltürmen, die in den USA gerade aufgestellt worden waren. Dieser Verkehrsturm war damit die erste elektrische Ampelanlage in Europa, wobei die drei Ampelfarben nebeneinander angeordnet waren. In den 1930er Jahren wurde der Verkehrsturm bei einer Umgestaltung des Platzes entfernt. Der heutige Turm ist ein Nachbau auf Basis von Krämers Plänen, der jedoch keine Regelfunktion mehr erfüllt.[2]

Berliner Pferdebahnwagen anno 1885

Nachdem sich 1920 zahlreiche Straßenbahnunternehmen in Berlin und den im selben Jahr eingemeindeten Vororten zur Berliner Straßenbahn zusammengeschlossen hatten, waren die von den sehr zahlreichen Fuhrunternehmen genutzten Ställe und Wagenhallen nun zu modernisieren und ein repräsentativer Verwaltungsbau für die neue Gesellschaft wurde angestrebt. Diese Aufträge gingen größtenteils an Jean Krämer. Zu den ausgeführten Bauten (gemeinsam mit dem Architekten Gerhard Mensch) gehören die ehemaligen Stallungen im heutigen Ortsteil Wedding (Müllerstraße 77–82/ Belfaster Straße/ Londoner Straße), die 1925–1927 mit stilistisch passenden Wohnhäusern für die Angestellten der Straßenbahngesellschaft und einem Verwaltungsgebäude ergänzt wurden. Bald nach der Fertigstellung des Betriebshofs Müllerstraße nannte man die ganze Anlage auch „Straßenbahnstadt“. Schmückende Reliefs in den Fassaden wurden von Richard Bauroth angefertigt.[12] 1958 wurden die Hallen als Betriebshof für Straßenbahnen stillgelegt. Später richteten die Verkehrsbetriebe eine Wartungswerkstatt für Omnibusse darin ein.[13][14] Ein weiterer von Krämer neu gestalteter Straßenbahnbetriebshof befand sich in Moabit (Huttenstraße/ Wiebestraße 29–30/ Sickingenstraße)[15], 1965 nach Stilllegung der Straßenbahn einige Zeit als Kulturzentrum genutzt. In den Anfangsjahren des 21. Jahrhunderts zog ein Dienstleistungszentrum in die nun total sanierten und Wiebehallen genannten Gebäude.[16][17]

ehemaliger Straßenbahn-Betriebshof in Moabit, heute Classic Remise Berlin

Hinzu kamen Umbauarbeiten und Neubauten für die Hauptwerkstatt Uferstraße an der Panke (Badstraße/ Uferstraße/ Gottschedstraße; sogenannte Uferhallen) (1926–1931) mit Werkstatt, Lager, Sägewerk, Personalräumen, Kraftwerk mit Kesselhaus,[18] das Hauptgebäude der neuen Straßenbahn-Betriebsgesellschaft in Berlin-Mitte am Leipziger Platz samt kompletter Innenausstattung (um 1925), das Straßenbahndepot in Tempelhof (Bereich Friedrich-Wilhelm-Straße/ Kaiserin-Augusta-Allee; 1924/1925)[17] und ein Straßenbahnbetriebshof mit Wohnanlage im Neuköllner Ortsteil Berlin-Britz (Gradestraße 4–17/ Holzmindener Straße/ Wussowstraße; Erweiterungsbauten 1927–1930 mit Wohnanlage).[19][20]

Tribüne des BVG-Stadions, 1927 von Jean Krämer

Auch Sportbauten projektierte Krämer, bekannt ist die Zuschauertribüne des BVG-Stadions in Lichtenberg, die um 1925 fertiggestellt wurde.[21] Es darf angenommen werden, dass auch die übrigen Bauten auf diesem Sportgelände (Freibad mit Sprungturm, Pförtner- und Sanitärhäuschen) aus Krämers Atelier stammen, denn sie sind zeitgleich gebaut worden.

Max Osborn, in den 1920er-Jahren ein führender Berliner Kunst- und Architekturkritiker, kommentierte Krämers Arbeiten:[2] „Derselbe Mann, der mit Bindern und Eisenträgern auf vertrautem Fuße steht und die kühnsten Konstruktionen berechnet, macht sich nun mit wahrer Lust daran, solche Häuser von der Fassade bis zur letzten Türklinke durchzuformen, sie praktisch, elegant und liebenswürdig auszugestalten...“

1924 gewannen die Architekten Jean Krämer und Johann Emil Schaudt den Wettbewerb für einen Ergänzungsbau einer Messehalle, den sie dann ausführen konnten. Es handelte sich um eine Ausstellungshalle des Vereins Deutscher Motorfahrzeug-Industrieller in der Charlottenburger Kantstraße, die bereits 1914 gebaut worden war.[22] 1926 lieferte Krämer die Pläne für eine neue Halle auf dem Gelände der Akkumulatorenfabrik AFA (heute: BAE Batterien) in Berlin-Oberschöneweide.[2]

In Berlin-Wittenau wurde zwischen 1928 und 1931 ein Volksschulgebäude als Backsteinbau mit bogenförmigem Grundriss nach Entwürfen von Jean Krämer und Hans Krecke errichtet. Die seit 2010 dort untergebrachte Sekundarschule erhielt in diesem Jahr den Namen Jean-Krämer-Schule. Die Schule galt bei ihrer Fertigstellung als eine der modernsten in Berlin. Sie war mit Zeichen- und Musiksälen, einer Waschküche für hauswirtschaftlichen Unterricht, einer Lehrküche, Räumen für den Werk- und den naturwissenschaftlichen Unterricht, einer Lehrer- und Schülerbücherei sowie zwei Turnhallen ausgestattet.[23] Immer wieder übernahm Krämer Privataufträge für Wohnhäuser in Steglitz, Köpenick, Neubabelsberg oder Wannsee.[2][24][25] Auch größere Wohnanlagen in verschiedenen Bezirken Berlins wurden von Krämer geplant, dazu gehören Teile der Gartenstadt am Südwestkorso (auch unter Rheingauviertel bekannt) in Berlin-Wilmersdorf, an der insgesamt 14 namhafte Architekten beteiligt waren.[26][27][28] sowie die Siedlung Charlottenburg II (Knobelsdorffstraße / Geisenheimer Straße; 1927–1930), gemeinsam mit dem Architekten Otto Rudolf Salvisberg.[29]

Nicht alle Bauwerke aus dem Atelier von Jean Krämer sind hier dargestellt, in der Denkmalliste von Berlin finden sich noch weitere Industrie- und Wohnbauten.[30][31][32][33][34][35]

In der Zeit des Nationalsozialismus waren die Architekturentwürfe von Jean Krämer immer weniger gefragt, sie entsprachen nicht dem Zeitgeist. Er konnte begonnene Bauten vollenden, aber kaum noch größere Aufträge ausführen.

Literatur[Bearbeiten]

  • Architekt Jean Krämer in Berlin. Sonderheft der Zeitschrift „Neue Baukunst“, 2. Jahrgang 1926, Heft 18.
  • Max Osborn: Jean Krämer. Friedrich Ernst Hübsch Verlag, Berlin 1927. seltene Monographie, prägnante Einbandgestaltung im Stil der „Neuen Typographie" von Krämer selbst entworfen
als Nachdruck: Gebr. Mann, Berlin 1996, ISBN 3-7861-1832-9. herausgegeben von Roland Jaeger, mit einem Nachwort zur Neuausgabe von Piergiacomo Bucciarelli
  • Helmut Engel (Hrsg.): Straßenbahndepot – Markthalle, ein Berliner Baudenkmal verändert sich. Berlin 1998 (zu Geschichte und Umnutzung des Depots in Tempelhof)
  • Elke Linder-Buchholz, Michael Bienert: Die zwanziger Jahre in Berlin. Ein Wegweiser durch die Stadt. story Verlag, Berlin 2005, ISBN 978-3-929829-28-0.

Die Kunstwissenschaftlerin Karen Grunow (* 1977), freie Journalistin in Berlin, arbeitet an einer Dissertation zum umfangreichen Werk Jean Krämers.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. C. Arthur Croyle: Hertwig: The Zelig of Design. (Teaser). (PDF; 9,3 MB) Culicidae Press, 2011, S. 102. ISBN 9780557729692.
  2. a b c d e Seite nicht mehr abrufbar, Suche im Webarchiv:[1] [2] Vorlage:Toter Link/www.berlinerkunstsalon.de„Berliner Kunstsalon“, Homepage des Kunstsalons Rhein Ruhr, Abschnitt „Häuser für die Straßenbahn. Der Architekt Jean Krämer“ von Karen Grunow; abgerufen am 16. Februar 2009
  3. Baudenkmal Norddeutsche Kühlerfabrik in Tempelhof
  4. Satzung zum Schutz des Denkmalbereichs der AEG-Siedlung (sog. Rathenauviertel), 1993
  5. 9 Ansichten des Hennigsdorfer Rathenauviertels bei immonet.de
  6. Veröffentlichung 2006 mit Erwähnung der Siedlung
  7. Brandenburgische Denkmalpflege, Heft 1(1993), S. 48; PDF
  8. Baudenkmal Beamtenwohnhaus in Oberschöneweide
  9. Baudenkmal Mietshaus Schillerpromenade
  10. Wohnsiedlung Oberschöneweide
  11. Detaillierte Darstellung der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung zur Gebag-Siedlung
  12. Baudenkmale Depots und Wohnhäuser Müllerstraße
  13. BVG-Betriebshof Müllerstraße bei berlin-street.de. Abgerufen am 17. Februar 2009
  14. Die Straßenbahnstadt von Jean Krämer; Ausschnitt aus dem Buch Der Wedding - auf dem Weg von Rot nach bunt von Gerhild H. M. Komander; online. Abgerufen am 17. Februar 2009
  15. Straßenbahndepot Moabit
  16. Archivhomepage Meilenwerk Berlin. Neu abgerufen am 16. September 2012
  17. a b Baudenkmal Straßenbahndepot Tempelhof
  18. Baudenkmal Straßenbahndepot Wedding
  19. Homepage (Archiv) Schotterschnecke.de, neu abgerufen am 16. September 2012
  20. Straßenbahndepot Gradestraße
  21. Tribüne des BVG-Stadions
  22. Info des Bezirksamts Charlottenburg-Wilmersdorf; abgerufen am 17. Februar 2009
  23. Homepage BA Reinickendorf; abgerufen am 16. Februar 2009
  24. Schulgebäude in Wittenau
  25. Kurzinfo über das Haus in Wannsee, abgerufen am 18. Februar 2009
  26. Baudenkmal Gartenstadt Südwestkorso
  27. Kurzinfo und Bilder zum Rheingauviertel in Wilmersdorf; abgerufen am 18. Februar 2009
  28. Christoph Bernhardt: Bauplatz Groß-Berlin. In: Google Bücher. Abgerufen am 25. November 2010 (S. 223 wird nicht angezeigt).
  29. Jean Krämer. In: archINFORM. Abgerufen am 18. Februar 2009
  30. Produktionshalle, Werkstor und Mauer für AEG in Oberschöneweide
  31. Lagerhalle für das AEG-Kabelwerk in Oberschöneweide
  32. Wohnhäuser in der Eisenzahnstraße 19–27; 1929/1930
  33. Anbau an einen Straßenbahnbetriebshof in Berlin-Pankow, Ortsteil Niederschönhausen
  34. Ergänzungsbauten für die Bergmann Elektrizitätswerke in Pankow, Ortsteil Wilhelmsruh (1936-41): Verwaltung, Gummifabrik, Halle für Munitionsherstellung, Abwasserhebeanlage
  35. Baudenkmal Villa Weber in der Ostendorfstraße 60 in Köpenick

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Jean Krämer – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien