Jens Jessen

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Jens Peter Jessen (um 1930)

Jens Peter Jessen (* 11. Dezember 1895 in Stoltelund bei Tingleff (Kreis Tondern); † 30. November 1944 in Berlin-Plötzensee) war ein Wirtschaftswissenschaftler, der als engagierter Nationalsozialist während der Zeit des Nationalsozialismus zunächst Karriere machte. Später wandte er sich dem Widerstand gegen das Hitler-Regime zu, wurde nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 auf Hitler vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und in Plötzensee erhängt.

Leben[Bearbeiten]

Jens Peter Jessen wurde als fünftes von zehn Kindern des Gutsbesitzers Jens Ratenburg Jessen und seiner Ehefrau Maria geboren. In Flensburg besuchte er ab 1906 das Alte Gymnasium. Nach dem Abitur zog er 1914 als Kriegsfreiwilliger in den Ersten Weltkrieg und kehrte als Leutnant der Reserve schwer verwundet zurück. 1917 nahm Jessen das Studium der Staatswissenschaften an der Kieler Universität bei Bernhard Harms auf, studierte aber auch am Kolonialinstitut der Hamburger Universität und an der Universität Heidelberg. Im Juli 1920 promovierte er bei Richard Passow in den Staatswissenschaften mit dem Thema Die Entstehung und Entwicklung der Gutswirtschaft in Schleswig-Holstein bis zum Beginn der Agrarreformen. Im August 1920 folgte die erste juristische Staatsprüfung am Oberlandesgericht Kiel und schließlich im Oktober 1920 in den Rechtswissenschaften die Dissertation Der Handelskauf nach nordischem Recht. Nach Auslandsaufenthalten in Kopenhagen als Bankangestellter und in Buenos Aires als Direktor eines Außenhandelsbetriebes schlug er 1927 eine wissenschaftliche Laufbahn ein.

Das Alte Gymnasium das Jens Jessen in Flensburg besuchte (Bild 2013)

An der Göttinger Universität legte Jessen Anfang 1928 seine Habilitation mit einer Arbeit über Agrarprobleme in Argentinien ab.[1] In den folgenden Jahren lehrte er als Privatdozent der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät der Göttinger Universität. Aufgrund seiner Sympathien für den Nationalsozialismus kam er in dieser Zeit in Kontakt mit Parteimitgliedern, unter anderem dem Gauleiter von Südhannover-Braunschweig und späteren Reichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung Bernhard Rust. Er trat 1930 in die NSDAP ein.[2] Jessen arbeitete ab 1931 in der Reichsleitung München in der Wirtschaftspolitischen Abteilung der NSDAP mit, die von Otto Wagener 1930 gegründet worden war. 1932 folgte die Ernennung zum außerordentlichen Professor in Göttingen.

In Kiel wurden im Zuge der nationalsozialistischen „Gleichschaltung“ viele Professoren mit Gewalt von ihren Stellen vertrieben. Ihre Posten nahmen, meistens junge, nationalsozialistisch gesinnte Wissenschaftler ein. Zum Sommersemester 1933 übernahm Jens Jessen in Kiel vertretungsweise eine Professur, im September wurde er endgültig zum ordentlichen Professor für wirtschaftliche Staatswissenschaften berufen. Gleichzeitig wurde er als Nachfolger des von den Nazis abgesetzten Bernhard Harms Leiter des Institutes für Weltwirtschaft und Seeverkehr. Zuvor hatte Jessen sich mit einem Brief an den Reichserziehungsminister Rust in Erinnerung gebracht. Außerdem war Jessen von Harms, der seine Absetzung durch die neuen Machthaber befürchtete und sich um die Zukunft seines Institutes sorgte, in einem Briefwechsel mit dem preußischen Finanzminister Johannes Popitz als Nachfolger ins Spiel gebracht worden. Die Karriere in Kiel war allerdings schon im Februar 1934 wieder zu Ende. Der Direktionalassistent des Institutes Otto Ohlendorf, ein Parteimitglied seit 1925, hatte nämlich einen Bericht über Vorträge des Berliner Ministerialrates im Kultusministerium und Parteigenossen Joachim Haupt verfasst. In den Vorträgen in einem Schulungslager soll Haupt abfällig über den Rektor der Kieler Universität und über den Reichsinnenminister Wilhelm Frick gesprochen haben. Da Jessen dieses Papier ungeprüft weitergeleitet hatte, wurde wegen Verleumdung eines Mitgliedes der Reichsregierung eine polizeiliche Untersuchung eingeleitet. Ende Februar 1934 wurde Jessen auf eigenen Antrag für ein Semester beurlaubt, im Juli wurde ein neuer Leiter des Institutes für Weltwirtschaft ernannt, und am 4. August folgte die Zwangsversetzung als Professor für Staatswissenschaften an die Universität Marburg.

Im April 1935 wurde Jessen dann als Ordinarius für Staats- und Wirtschaftswissenschaften an die Handelshochschule Berlin berufen. In Berlin gestaltete er 1935 die nationalsozialistischen Änderungen des Studiums der Wirtschaftswissenschaften mit und veröffentlichte unter anderem das nationalsozialistisch gesinnte Lehrbuch Volk und Wirtschaft. Das Buch wurde im Völkischen Beobachter von Ottokar Lorenz insbesondere wegen der Interpretation des Führerprinzips stark kritisiert. Die Hanseatische Verlagsanstalt zog das Buch zurück und veröffentlichte Anfang 1936 eine zweite von Jessen leicht veränderte Auflage. Im Sommer 1936 folgte die Versetzung von Jens Jessen an die Berliner Universität, wo er, gefördert durch Johannes Popitz, geschäftsführender Direktor des Staatswissenschaftlich-Statistischen Seminars werden sollte. Dazu wurde allerdings eine Überprüfung der Mitgliedschaft in der NSDAP durchgeführt. Diese ergab angeblich, das Jessen trotz gegenteiliger Angaben nie in die Partei eingetreten war. Erst nach positiven Stellungnahmen, unter anderem durch Otto Wagener, sowie Interventionen durch Popitz und Otto Ohlendorf, inzwischen Referent im Hauptamt des SD, wurde Jessen im Februar 1939 Leiter des Seminars. 1939 wurde er Herausgeber der Fachzeitschrift Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft. Im gleichen Jahr war er unter anderem innerhalb der Akademie für Deutsches Recht mit einer Stellungnahme zur erneuten Reform des Studiums der Wirtschaftswissenschaften tätig. Im Jahr 1940 übernahm er in der Akademie die Leitung der Klasse IV, welche wirtschaftspolitische Tagesfragen beantworten sowie über Neuordnungspläne für die Nachkriegszeit nachdenken sollte. Im März 1943 wurde die Abteilung geschlossen, da sie als nicht kriegswichtig betrachtet wurde. Einige Mitglieder trafen sich weiterhin in der Arbeitsgemeinschaft Erwin von Beckerath.

Jessen wurde am 29. November 1939 von Johannes Popitz als Nachfolger des verstorbenen Harms zur Mittwochsgesellschaft eingeladen und kam so in Kontakt mit der Widerstandsgruppe um Ludwig Beck und Ulrich von Hassell sowie mit dem Kreisauer Kreis.[3] Jessen entwickelte sich zu einem aktiven Mitglied der Widerstandsbewegung.

Ab 1941 wurde der Hauptmann der Reserve als Abteilungsleiter im Stab des Generalquartiermeisters des Heeres Eduard Wagner eingesetzt. Er leitete im Passamt die Passierscheinhauptstelle, die ab 1942 eine selbständige Dienststelle (Qu 6) im Bendlerblock in Berlin war.[4] Jessen war unter anderem bis Herbst 1943 Vorgesetzter von Werner von Haeften. Er organisierte den Widerständlern Reisemöglichkeiten und war Kontaktmann zwischen den Verschwörern. Claus Schenk Graf von Stauffenberg lernte Jessen im Sommer 1942 kennen und wurde von diesem öfters zu Hause besucht.

In Jessens Büro fand zudem durch Vermittlung seines Adjutanten, Oberleutnant Reinhard Limbach,[5] am 22. Dezember 1942 gegen 12 Uhr ein Treffen mit Falk Harnack statt, in dem Jessen erwog, einen Aufschub der Hinrichtung des Widerstandskämpfers der „Roten Kapelle“, Arvid Harnack, als künftigen Verhandlungspartner mit den Sowjets, durch Einflussnahme auf Reichswirtschaftsminister Walther Funk zu bewirken.[6] Anschließend sprach Jessen gemeinsam mit General Hans Oster sofort bei Funk vor, der jedoch nichts zur Rettung Arvid Harnacks unternahm.[7]

Die eigentliche Rolle Jessens in der Widerstandsbewegung ist in vielen Darstellungen über den 20. Juli 1944 unterbewertet oder nicht dargestellt worden. Dass er ein Vordenker des Attentates war, ist dem Tagebuch des Mitverschwörers Ulrich von Hassell zu entnehmen: Für den 20. April 1943 findet sich dort eine Eintragung von Ilse von Hassell: „An diesem Abend sagte Jessen verzweifelt: ‚Es wäre in der Theorie so einfach, diesen Verbrecher (Hitler) zu beseitigen: Der vortragende Offizier bringt eine Mappe mit herein, die Sprengstoffladung enthält, legt die Mappe auf den Schreibtisch von Hitler, lässt sich zu einem verabredeten Telefonanruf herausholen, und Hitler ist beseitigt!‘“ Im Anhang des Tagebuches schreibt der Herausgeber Wolf Ulrich von Hassell: „…Als letzter dieses Kreises wurde Professor Peter Jens Jessen von der Gestapo geholt. Durch seinen Autounfall war er noch stark geschwächt und konnte nicht alleine gehen. Vor seiner Verhaftung war ich noch mehrfach bei ihm. Ihn drängte es im Grunde, zu den Kameraden gebracht zu werden. Am Vorabend des 20. Juli war Graf Stauffenberg mit den Hauptakteuren bei ihm gewesen, um die Pläne nochmals durchzusprechen. Die Gestapo hat das wohl nie erfahren, wie sie überhaupt die Vorgeschichte dieses Umsturzversuchs nicht wirklich erfasst hat. Sie arbeitete mit Terror, mit kriminalistischer Technik, aber ohne wirkliche Einsicht und Klugheit.“[8]

Das Jens-Jessen-Haus mit dem Alten Gymnasium im Hintergrund (Bild 2014)
Die Gedenktafel an Jens Jessen

Nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 auf Hitler folgte am 11. Oktober der Haftbefehl gegen Jessen. Am 7. November 1944[9] wurde er vom Volksgerichtshof unter dem Vorsitz von Roland Freisler wegen „Nichtanzeige eines hochverräterischen Unternehmens“ zum Tode verurteilt und am 30. November in Plötzensee erhängt.

Jens Peter Jessen war seit 1921 mit Käthe Scheffer verheiratet und hatte mit ihr vier Söhne. Sein Sohn Eike Jessen ist Professor für Informatik und war lange Jahre Leiter des Deutschen Forschungsnetzes (DFN); sein Enkel Jens Jessen (* 1955) ist Journalist und war lange Jahre Leiter des Zeit-Feuilletons.

Das Jens-Jessen-Haus in Flensburg neben seiner einstigen Schule, dem Alten Gymnasium, wird als Mahnmal nicht mehr gepflegt. Dem zum Verkauf stehenden Gebäude drohte der Verfall. Im Januar 2011 wurde es an einen neuen Besitzer verkauft. Die Gedenktafel von Jens Jessen, die an dem Haus angebracht war, wurde auf Wunsch des neuen Besitzers abgenommen und wurde darauf im Alten Gymnasium verwahrt. Bald darauf wurde das Haus restauriert. Seit dem Jahr 2014 ist die Gedenktafel wieder am Haus angebracht.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Walter Braeuer: Jessen, Jens. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 10, Duncker & Humblot, Berlin 1974, ISBN 3-428-00191-5, S. 424 f. (Digitalisat).
  • Søren Flott: Der Mann, der Hitler töten wollte - Jens Peter Jessen - ein vergessener Verschwörer, aus dem Dänischen übersetzt von Nis-Edwin List-Petersen Husum Verlag, Husum 2014, ISBN 978-3-89876-716-3
  • Regina Schlüter-Ahrens: Der Volkswirt Jens Jessen: Leben und Werk. Metropolis, Marburg 2001, ISBN 3-89518-335-0.
  • Ulrich von Hassell: Vom andern Deutschland: aus den nachgelassenen Tagebüchern 1938–1944. Atlantis-Verlag, Zürich 1946.
  • Günther Schmölders über Jens Peter Jessen in Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft. 69. Jahrgang, Berliner Verlag Duncker & Humblot
  • Tageszeitung Der Nordschleswiger vom 27. Oktober 1979 und 21. August 1982.
  • Quellen zur Geschichte Schleswig-Holsteins. Teil III Hrsg.: Institut für Regionale Forschung und Information und Landesinstitut Schleswig-Holstein für Praxis und Theorie in der Schule, Verlag Schmidt & Klaunig, Kiel, 1982.
  • Romedio Galeazzo Graf von Thun-Hohenstein: Der Verschwörer: General Oster und die Militäropposition. Berlin 1982 S. 221, [DTV, München 1994], ISBN 3-42310-291-8.
  • Heinrich Scheel: Die „Rote Kapelle“ und der 20. Juli 1944. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft. Ausg. 33, Nrn. 1-6, Seite 330; veröffentlicht von Rütten & Loening, 1985.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Jens Jessen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Geschichte des Lehrstuhls für Finanzwissenschaft der CAU
  2. Frank Lubowitz, Vortrag 27. Januar 2010 in der KZ-Gedenk- und Begegnungsstätte Ladelund
  3. Erzählung des Sohnes
  4. Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 1985, Jg 33, Rütten und Loening Verlag Berlin, S. 330 online hier
  5. http://books.google.de/books?cd=1&id=ZKdmAAAAMAAJ&dq=Zivilleben+Limbach&q=schwester%2C+inge+havemann#search_anchor
  6. Heinrich Scheel: Die „Rote Kapelle“ und der 20. Juli 1944. Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, Ausg. 33, Nrn. 1-6, Seite 330; veröffentlicht von Rütten & Loening, 1985
  7. Thun-Hohenstein, Romedio Galeazzo: Der Verschwörer: General Oster und die Militäropposition, Berlin 1982, S. 221.
  8. Ulrich von Hassell: Vom andern Deutschland. Zürich 1946.
  9. Heinz Grossekettler: Adolf Lampe und die Transformationsprobleme. In:Wirtschaft, Politik und Freiheit, Hrsg. Nils Goldschmidt, S. 102