Jens Weidmann

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Jens Weidmann.

Jens Weidmann (* 20. April 1968 in Solingen) ist ein deutscher Volkswirt. Er wurde am 1. Mai 2011 zum bis dahin jüngsten Präsidenten der Deutschen Bundesbank ernannt und ist Vorstandsmitglied der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel.

Ausbildung[Bearbeiten]

1987 erlangte Weidmann sein Abitur am Gymnasium in der Taus in Backnang, Baden-Württemberg. Danach studierte er Volkswirtschaftslehre an der Universität Paul Cézanne in Aix-en-Provence, in Paris und an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Dabei absolvierte er Praktika im deutschen Wirtschaftsministerium, in der Banque de France und in der Zentralbank von Ruanda.

Seine Promotion begann er 1993 bei dem Mannheimer Ökonomen Roland Vaubel, unterbrach sie dort nach einem Jahr und setzte sie an der Universität Bonn bei dem Geldtheoretiker Manfred Neumann fort, wo er sie 1997 mit dem Dr. rer. pol. abschloss.[1] Zweitgutachter war der ehemalige Bundesbankpräsident Axel Weber, damals Professor in Bonn.

Berufliche Tätigkeit[Bearbeiten]

Von 1997 bis 1999 arbeitete er beim Internationalen Währungsfonds. Anschließend wurde er Generalsekretär des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Nachdem Axel Weber, der seit 2002 Mitglied des Sachverständigenrats war, 2004 zum Bundesbankpräsidenten ernannt wurde, berief er Jens Weidmann zu seinem Abteilungsleiter für Geldpolitik und monetäre Analyse und später zum stellvertretenden Leiter des Zentralbereichs Volkswirtschaft. 2006 berief Bundeskanzlerin Angela Merkel Jens Weidmann zum Leiter der Abteilung IV (Wirtschafts- und Finanzpolitik) im Bundeskanzleramt.[2][3][4] Nachdem Weidmann bereits die Verantwortung für die inhaltliche und strategische Vorbereitung der G20-Runde innehatte, übertrug ihm die Bundeskanzlerin im Dezember 2009 zusätzlich die Rolle des G8-Chefunterhändlers („Sherpa“).[5]

Im Februar 2011 gab Angela Merkel seine Nachfolge als Präsident der Deutschen Bundesbank als Nachfolger von Axel Weber bekannt.[6][7][8] Die Ernennungsurkunde erhielt er am 29. April 2011 vom damaligen Bundespräsidenten Christian Wulff.[9] Als Präsident der Deutschen Bundesbank ist er Mitglied des EZB-Rates.

In seiner Antrittsrede stellte er fest:

„In der Geldpolitik geht es um den Ausstieg aus den krisenbedingten Sondermaßnahmen sowie um eine klare Trennung der Verantwortlichkeiten von Geld- und Fiskalpolitik.“[10]

Seitdem beschäftigt die griechische Finanzkrise die europäische Politik, die Politik einzelner Länder der Eurozone, die EZB und die Notenbanken in hohem Maße.

Im Juli 2011 äußerte Weidmann in der Zeit deutliche Kritik an der deutschen Politik und sprach sich gegen den Aufkauf von Staatsanleihen durch den europäischen Rettungsfonds aus.[11] Im September 2011 distanziert sich Weidmann von der Krisenpolitik der Europäischen Zentralbank EZB, die mit ihren geldpolitischen Maßnahmen zur Beruhigung der Märkte beträchtliche Risiken in ihre Bilanz genommen habe, für welche mit 27 Prozent der deutsche Steuerzahler gerade stehen müsse.[12] Vor dem Haushaltsausschuss des Bundestages kritisierte Weidmann die Aufstockung des Garantierahmens für den EFSF auf 780 Milliarden Euro.[13] Im Februar 2012 warnte Weidmann vor den wachsenden Risiken innerhalb des Euronotenbanksystems Target 2 und schlug eine stärkere Besicherung der Forderungen vor, die gegenüber den finanzschwachen Notenbanken in Euroländern einen Wert von mehr als 800 Milliarden Euro (davon allein für die deutsche Bundesbank ca. 500 Milliarden Euro) erreicht hatten. Die Anforderungen an die Sicherheiten waren auf Grund der Finanzkrise durch einen Beschluss des EZB-Rates abgebaut worden.[14]

Im Juni 2012 wies er die Forderung des italienischen Premiers Mario Monti zurück, Italien solle Milliarden aus den Euro-Rettungsschirmen EFSF und ESM erhalten, ohne die dafür vorgesehenen Auflagen zu erfüllen:

„Der Vorschlag Montis läuft auf eine durch die EU-Verträge verbotene Staatsfinanzierung durch die Notenpresse hinaus.[15]

Im September 2012 votierte Weidmann in der EZB-Ratssitzung als Einziger mit "Nein" gegen den Beschluss der EZB, unter bestimmten Bedingungen unbegrenzt Staatsanleihen der Mitgliedsländer kaufen zu wollen. Das Vorgehen der EZB sei zu nah an einer Staatsfinanzierung und verteile erhebliche Risiken zwischen den Steuerzahlern verschiedener Länder. Weidmann forderte eine öffentliche Debatte zum Aufkauf von Staatsanleihen. Diese wird vom Finanzminister Deutschlands abgelehnt.[16][17]

Am 11. und 12. Juni 2013 verhandelte das Bundesverfassungsgericht; dabei wurden unter anderem Weidmann und Jörg Asmussen befragt. [18]

Im September 2014 wies Weidmann auf Risiken der EZB-Politik (v.a. Niedrigzinsen und Ankauf von Pfandbriefen) sowie von Kreditpaketen (Asset Backed Securities/ABS) hin.[19]

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

  • SZ: Interview (23. Juni 2013): Der Aufkauf von Staatsanleihen durch die EZB ist "grundsätzlich problematisch"
  • SZ: Interview (25. Juni 2013): Weidmann fordert, dass die Bilanzen der europäischen Banken streng geprüft und bereinigt werden müssen. Außerdem müsse es die Möglichkeit geben, Banken zu schließen.
  • FAZ.net 12. Oktober 2013: Weidmann nervt! (ein Kommentar von Patrick Welter)

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Manfred J. M. Neumann, Jens Weidmann, The information content of German discount rate changes, European Economic Review 42 (9), 1667-1682 (1998), doi:10.1016/S0014-2921(97)00110-4.
  2. Andreas Rinke und Olaf Storbeck, Personalwechsel im Kanzleramt: Merkel wirbt Bundesbank Volkswirt ab, Handelsblatt, 2. Februar 2006.
  3. Peter Ehrlich und Mark Schieritz, Jens Weidmann: Merkels OrdnungspolitikerVorlage:Webarchiv/Wartung/Nummerierte_Parameter, Financial Times Deutschland, 2. Februar 2006.
  4. Claus Hulverscheidt, Merkels Adlatus, Süddeutsche Zeitung, 4. August 2008.
  5. Gipfel-Beauftragter: Merkel beruft neuen Super-Sherpa, Spiegel Online, 10. Dezember 2009.
  6. Claus Hulverscheidt, Bundesbank: Nachfolge von Axel Weber – Weidmann – ein Mann für alle Fälle, Süddeutsche Zeitung, 15. Februar 2011.
  7. Martin Greive, Neuer Bundesbank-Chef: Sein Ex-Professor hält Weidmann für ungeeignet, Die Welt, 16. Februar 2011.
  8. Johannes Aumüller, Der Kollege ist einfach nur beleidigt, Süddeutsche Zeitung, 17. Februar 2011.
  9. Bundespräsident ernennt Weidmann zum neuen Bundesbank-Chef, Reuters Deutschland, 29. April 2011.
  10. Rolf Obertreis: Der Mahner in Frankfurt. In: badische-zeitung.de, Nachrichten, Wirtschaft, 27. April 2012 (28. April 2012)
  11. Bundesbankpräsident Weidmann attackiert deutsche Euro-Politik. Zeit Online, 13. Juli 2011, abgerufen am 26. August 2011.
  12. Bundesbank-Chef warnt vor Milliarden-Risiken, Spiegel Online, 17. September 2011.
  13. Weidmann warnt weiter vor Transferunion, faz.net, 19. September 2011.
  14. dab/Reuters: Weidmann warnt Draghi vor Bilanzrisiken. In: SPIEGEL ONLINE, Wirtschaft, 1. März 2012 (28. April 2012)
  15. sueddeutsche.de 23. Juni 2012: Bundesbank-Chef bremst Monti, Wachsender Druck auf die EZB
  16. http://www.handelsblatt.com/politik/konjunktur/geldpolitik/ezb-politik-schaeuble-und-weidmann-gehen-auf-distanz/7140088.html
  17. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/weidmann-bekraeftigt-seine-kritik-an-ezb-anleihenkaeufen-a-854402.html
  18. welt.de: Top-Ökonom Sinn wirft EZB Verschleierung vor
  19. FAZ.net 13. September 2014: Weidmann: Zunehmend Risiken durch EZB-Krisenpolitik
  20. http://www.bundesbank.de/Redaktion/DE/Reden/2013/2013_02_25_weidmann.html?nn=2104