Jerichow (Film)

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Filmdaten
Originaltitel Jerichow
Produktionsland Deutschland
Originalsprache Deutsch
Erscheinungsjahr 2008
Länge 93 Minuten
Altersfreigabe FSK 12
Stab
Regie Christian Petzold
Drehbuch Christian Petzold
Produktion Florian Koerner von Gustorf,
Michael Weber
für Schramm Film Koerner & Weber
Musik Stefan Will
Kamera Hans Fromm
Schnitt Bettina Böhler
Besetzung

Jerichow ist ein deutscher Spielfilm von Christian Petzold aus dem Jahr 2008 mit Benno Fürmann, Nina Hoss und Hilmi Sözer in den Hauptrollen. Die Filmpremiere war am 28. August 2008 im Wettbewerb der Internationalen Filmfestspiele Venedig. Der deutsche Kinostart war am 8. Januar 2009.

Handlung[Bearbeiten]

Der entlassene Afghanistan-Soldat Thomas kehrt nach Jerichow, in den dünn besiedelten Nordosten Deutschlands, in das nach dem Tod seiner Mutter geerbte Haus zurück. Sein letztes Geld wird ihm von Leon, von dem er es sich einst geliehen hatte, abgenommen. Die Vermittlerin von der Arbeitsagentur kann ihm nur einen schlecht bezahlten Saisonjob als Gurkenpflücker vermitteln, und den Einkauf im Supermarkt kann er nur mit Geld vom Staat begleichen.

Durch Zufall lernt er den Türken Ali kennen, der im betrunkenen Zustand mit seinem Auto in einen Graben gefahren ist. Thomas hilft ihm, das Auto wieder auf die Straße zu bringen. Damit Ali nicht von der Polizei angehalten wird, fährt Thomas ihn nach Hause. Dort sieht er zum ersten Mal Alis Frau Laura. Nachdem Ali schließlich doch wegen Trunkenheit der Führerschein abgenommen wird, engagiert dieser Thomas als Fahrer, um seine 45 verpachteten Imbissbuden kontrollieren und beliefern zu können.

Ali will zusammen mit Laura den Einstand von Thomas feiern. Am Strand tanzt Ali betrunken und selbstvergessen zu türkischer Musik. Unbewusst verstrickt er Thomas und Laura in eine gegenseitige Abhängigkeit und der Film entwickelt sich zum Thriller.

Allmählich entwickelt sich ein intensives Verhältnis zwischen Laura und Thomas, von dem Ali jedoch zunächst nichts mitbekommt. Stattdessen wird Alis Alkoholproblem immer deutlicher. Ebenso wird erkennbar, dass Laura in ihrer Ehe mit Ali unglücklich ist, und ihn auch, bevor sie Thomas kennenlernte, bereits betrogen hat. Ali erklärt schließlich, dass er für kurze Zeit zu seinen Verwandten in die Türkei fliegen müsse und überlässt seinen Betrieb während dieser Zeit seiner Frau Laura und Thomas. Es wird deutlich, dass Thomas von Ali sehr geschätzt wird.

Während seiner Abwesenheit beschließen Laura und Thomas gemeinsam, Ali bei seiner Rückkehr zu ermorden, damit sie künftig zusammen leben können. Als Ali schließlich zurückkehrt, fährt ihn Laura an den Strand, wo sich Thomas bereits im Gebüsch versteckt hat. Dort offenbart Ali seiner Frau, dass er nicht, wie er zunächst behauptet hatte, bei seiner Familie in der Türkei war, sondern in einer Klinik in Leipzig. Dort wurde bei ihm eine schwere Krankheit diagnostiziert, seine Lebenserwartung beträgt nur noch zwei bis drei Monate. Laura ist davon berührt und will ihren Plan, Ali zu ermorden, aufgeben. Dieser entdeckt jedoch Thomas und erkennt, dass dieser eine Beziehung mit Laura hat. Er ist außer sich und fordert beide schließlich auf, zu verschwinden. Vor ihren Augen steigt Ali kurz darauf in sein Auto, fährt über die Klippen, stürzt in die Tiefe und stirbt.

Filmidee[Bearbeiten]

„Als wir damals Yella drehten, lasen wir in einer Prignitzer Tageszeitung, dass die Polizei einen Vietnamesen festgenommen hatte. Er stand neben seinem defekten Wagen am Straßenrand. Achsbruch, Hinterachse. Der Kofferraum voller Münzgeld, das reichte für die Festnahme. Es stellte sich heraus, dass dem Mann 45 Imbißstuben gehörten, dass das Geld im Kofferraum Wechselgeld und Tageseinnahmen waren. Er hatte sich ein Geschäft aufgebaut, ein Haus gekauft, etwas außerhalb, in einem Wald, fernab anderer Häuser, für sich und seine Familie.“

Christian Petzold[1]

„Gleichzeitig enthält der Begriff das große Wort ‚Heimat‘. Wenn in Deutschland Leute mit diesem Wort kommen, müssen Ausländer aufpassen. Deshalb fand ich es wichtig, dass es gerade ein Türke wie Ali ist, der mitten in Sachsen-Anhalt das Geld, das Haus und die Firma hat. In der Vorlage von James M. Cain – ‚Wenn der Postmann zweimal klingelt‘ – geht es ja auch um einen Griechen. Dass in Cains Liebesgeschichte auch Rassismus eine wichtige Rolle spielt, fand ich nie genug gewürdigt. Dieser Rassismus ist im Wort ‚Heimat-Building‘ auf furchtbare Weise verborgen.“

Christian Petzold[2]

Drehorte[Bearbeiten]

Der Film wurde vom 21. April 2008 bis zum 6. Juni 2008 in der Prignitz und an der Ostsee unter anderem in Wittenberge, in Rostock und in Ahrenshoop gedreht. In Jerichow wurde nicht gedreht.

Kritik[Bearbeiten]

„Ein vielschichtiges, darstellerisch intensives Drama um Träume, Sehnsüchte und Leidenschaft, in dem die Protagonisten ziellos durchs Leben driften und nur an Güter glauben, die mit den Händen greifbar sind. Auf der Grundlage eines Kriminalromans, den Luchino Visconti bereits 1942 verfilmte (Ossessione), entstand ein beeindruckender Film, der nicht nur deutsche Befindlichkeiten überzeugend spiegelt.“

Lexikon des Internationalen Films[3]

„Mit Jerichow ist Petzold eine faszinierende Fortschreibung seiner Filmographie gelungen, mit unnachahmlichem Blick auf Landschaften vorgetragen, mit knappen Strichen skizzierte Lebenswelt und Arbeitsalltag – und wenn man Generationen später wissen will, wie es in diesem Land aussah, was die Menschen gemacht und wie sie gefühlt haben, dann wird man es hier finden.“

Michael Althen: Frankfurter Allgemeine Zeitung[4]

„Von Anfang an entwickelt Jerichow einen fast physisch erfahrbaren Sog. Er entsteht durch Bilder, die in ihrer lichten Klarheit den deutschen Osten zeigen und doch die Abstraktionskraft einer großen Kinoerzählung besitzen. Und durch Schauspieler, deren Blicke und Körper den Dialogen immer einen Schritt voraus sind.“

Katja Nicodemus: Die Zeit[5]

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Jerichow (PDF; 2,4 MB) Presseheft
  2. Christian Petzold: „Bleiben ist Niederlage“ Der Tagesspiegel vom 5. Januar 2009
  3. Jerichow im Lexikon des Internationalen Films
  4. Jerichow in Venedig: Die Tränen der Frauen Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 28. August 2008
  5. Filmfestspiele: Im Hier und Jetzt Die Zeit vom 4. September 2008
  6. Nominierungen 2009 Deutscher Filmpreis