Jerusalemer Tempel

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Unter dem Jerusalemer Tempel (hebr. בֵּית־הַמִּקְדָּשׁ, Bet HaMikdasch) versteht man zum einen den Tempel Salomos, welcher Anfang des 6. Jh. v. Chr. durch die Babylonier zerstört wurde, zum anderen den sogenannten Zweiten Tempel (vollendet 515 v. Chr.) bis zu seiner Zerstörung 70 n. Chr. durch die Römer.

Der erste Jerusalemer Tempel ist nach biblischer Darstellung von Salomo auf dem Zion gebaut worden. Archäologen nehmen allerdings an, dass dieser Tempel genauso wie die „salomonischen“ Paläste erst etwa zweihundert Jahre nach der Herrschaft Salomos errichtet wurde.[1] Dieser Tempel wurde wie die gesamte Stadt Jerusalem bei der Eroberung durch die Babylonier unter Nebukadnezar II. 586 v. Chr.[2][3] zerstört.

Nach dem Babylonischen Exil wurde in Jerusalem ein zweiter Tempel erbaut, nach biblischer Darstellung während der Herrschaft des persischen Königs Dareios I. Dieser Tempel wurde ab 21. v. Chr. unter Herodes dem Großen grundlegend umgebaut und schließlich bei der Niederschlagung des Jüdischen Krieges durch die Römer im Jahr 70 n. Chr. zerstört. Die Westmauer dieses Tempels, auch als Klagemauer bekannt, ist bis heute erhalten. Auf dem Tempelberg selbst stehen der Felsendom und die al-Aqsa-Moschee, die nach den heiligen Stätten in Mekka und Medina bedeutendsten Heiligtümer für Muslime.

Tempel Salomos, Rekonstruktion (erster Tempel)
Herodianischer Tempel, Modell (zweiter Tempel)

Das Zeltheiligtum (Mishkan, Stiftshütte)[Bearbeiten]

Modell der Stiftshütte im Timnapark, Israel
Künstlerische Darstellung des Zeltheiligtums
Hauptartikel: Mischkan

Im 2. Buch Mose (Ex 25–27 EU und Ex 36–39 EU) ist die Konstruktion eines zerlegbaren und transportablen Zeltheiligtums sehr detailliert beschrieben. Dort wird das Heiligtum „Zelt der Begegnung“ (Ex 27,21 EU) genannt. Das Zelt diente laut biblischer Darstellung den Israeliten während ihrer Wüstenwanderung und bis zur Zeit König Davids als zentraler Ort der Begegnung mit Gott. Zuerst wurde es auf den Wanderungen mitgeführt, später hatte es seinen Standort in Schilo etwa in der Mitte des Landes Israel.

Nach der biblischen Beschreibung war die Stiftshütte 30 Ellen lang, zehn Ellen hoch und zehn Ellen breit.[4] Im Inneren befand sich das Allerheiligste Kodesh HaKodashim (קדש הקדשים wörtlich „das Heilige der Heiligtümer“) mit der Bundeslade. Einige Forscher sind der Ansicht, dass Details in der Beschreibung des Zeltheiligtums und seiner Zeremonien in Wirklichkeit den Gegebenheiten und den Gebräuchen des späteren steinernen Tempels entstammen und erst nachträglich auf das Zeltheiligtum zurückprojiziert wurden.

Nachdem David Jerusalem von den Jebusitern erobert und zur Hauptstadt Israels gemacht hatte, ließ er das Zeltheiligtum dorthin bringen. Später wurde es möglicherweise in zerlegter Form im Salomonischen Tempel aufbewahrt; spätestens mit der Zerstörung dieses Tempels ging es verloren.

Der Salomonische Tempel[Bearbeiten]

Quellenlage[Bearbeiten]

Informationen über den salomonischen Tempel liefert ausschließlich die hebräische Bibel. Die Aufzeichnungen über den Salomonischen Tempelbau finden sich in 1 Kön 5,15-6,38 EU, und 2 Chr 1,18-5,1 EU, einzelne weitere Notizen außerdem bei Jer 52 EU und in 2 Kön 25 EU. Die biblischen Angaben sind unter historischem Gesichtspunkt allerdings umstritten. Von der Bibel unabhängige historische Zeugnisse sind bisher nicht anerkannt. Insofern gilt die Existenz eines Tempels aus „salomonischer“ Zeit archäologisch als nicht nachgewiesen.[5]

Datierung[Bearbeiten]

Nach biblischen Angaben (1 Kön 6,1 EU) wurde der Bau des ersten festen Tempels von Salomo im vierten Jahr seiner Regentschaft begonnen. Das entspricht nach biblischer Chronologie dem Jahr 957 v. Chr. Die Bauzeit betrug sieben Jahre (1 Kön 6,38 EU). Salomos Regentschaft begann demnach 961 v. Chr.

Nach architektonischen und astronomischen Untersuchungen hat Erwin Reidinger diese Chronologie bestätigt. Er hat dazu den Ort und die geografische Ausrichtung des Allerheiligsten des salomonischen Tempels anhand der noch sichtbaren architektonischen Merkmale des Felsens innerhalb des heutigen Felsendoms und der herodianischen Mauerverläufe zu rekonstruieren versucht und geht davon aus, dass die Daten des Sonnenaufgangs in Richtung der Bauachse dieser Rekonstruktion Rückschlüsse auf die Zeit der ursprünglichen Bauausführung zulassen.[6] Reidingers Grundannahmen und Schlussfolgerungen haben in der archäologischen Wissenschaft keinen größeren Nachhall gefunden.

Plan des Salomonischen Tempels in Jerusalem. Rekonstruktionsversuch von 1858

Bau[Bearbeiten]

Das steinerne Gebäude wurde mit Hilfe phönizischer Baumeister auf dem Berg Moria in Jerusalem errichtet und hatte die Maße von 60 Ellen Länge, 20 Ellen Breite und 30 Ellen Höhe. Es war an drei Seiten mit Seitenzimmern in drei Stockwerken übereinander umgeben, welche zur Bewahrung der Schätze und Gerätschaften des Tempels dienten. Der Eingangsseite vorgelagert war eine Vorhalle, ebenfalls 20 Ellen breit, zehn Ellen tief (1 Kön 6,3 EU) und 120 Ellen hoch (2 Chr 3,4 ELB nach dem masoretischen Text; in wenigen Texttraditionen werden auch 20 Ellen Höhe genannt). Davor standen zwei bronzene Säulen, Jachin und Boas („Festigkeit und Stärke“), die keine konstruktive Funktion hatten, sondern den Eingang zur Vorhalle flankierten. Wie in der Antike üblich befand sich der Eingang im Osten, das Allerheiligste im Westen.

Einrichtung[Bearbeiten]

Das Innere enthielt einen 40 Ellen langen Vorderraum, das Heilige, worin die goldenen Leuchter, der Schaubrottisch und der Räucheraltar standen, und einen durch einen Vorhang davon geschiedenen quadratischen Hinterraum von 20 Ellen Länge, das Allerheiligste, mit der Bundeslade und den zwei großen Cherubim. Beide Räume waren an den Wänden, das Allerheiligste (Adyton) auch am Boden und an der Decke mit Holzwerk getäfelt. Der große Hauptaltar für die Brandopfer stand im Hof, vor dem Eingang des eigentlichen Tempels.

Benutzung und Kult[Bearbeiten]

Man geht heute allgemein davon aus, dass das Heilige nur den Priestern zugänglich war, das Allerheiligste durfte nur der Hohepriester einmal jährlich, am Jom Kippur, betreten. Nach Überlieferung des Talmud wurden allerdings von Zeit zu Zeit Reinigungskräfte von oben in Körben in den Raum hinabgelassen; diese verrichteten ihre Arbeit mit Blick zur Wand, das Betrachten des Inneren des Raumes war ihnen strikt verboten.

Das Tempelgebäude war von einem inneren Vorhof der Priester mit dem Brandopferaltar, dem Reinigungsbecken und anderen Gerätschaften umgeben, und dieser durch Säulengänge mit bronzenen Toren von dem für das Volk bestimmten und von einer Mauer umschlossenen äußern Vorhof getrennt.

Zerstörung[Bearbeiten]

Der Tempel wurde zu Beginn des babylonischen Exils von den Babyloniern zerstört.

Der Zweite Tempel[Bearbeiten]

Rekonstruktion des herodianischen Tempels im Modell des Israel Museums, von Osten gesehen
Plan des herodianischen Tempels in Jerusalem
Treppe an der Südseite des Tempelberges (2009)

Serubbabelischer Tempel [Bearbeiten]

Einige Jahrzehnte nach der Rückkehr der Juden aus dem Babylonischen Exil nach Jerusalem wurde der zweite, nach Serubbabel – Enkel König Jojachins und zugleich Statthalter Persiens in der Provinz Juda – benannte Tempel errichtet. Dieser wurde an gleicher Stätte und zumindest grob nach dem Plan des ersten erbaut und 515 v. Chr. vollendet.[7] Die Auseinandersetzungen um den Neubau des Tempels haben im Haggaibuch ihren literarischen Niederschlag gefunden.

Flavius Josephus zitiert eine Beschreibung von Hekataios von Abdera. Nach dieser war die Umfassungsmauer des Tempelbereichs 500 Fuß (etwa 150 m) lang, die Breite des Hofes war 100 Ellen (etwa 45 m), im Hof befand sich ein quadratischer Altar aus weißen, unbehauenen Steinen, 20 Ellen (neun Meter) an den Seiten und zehn Ellen (4,5 m) hoch, und im Inneren des Tempels waren nur ein Leuchter und ein Altar aufgestellt, beide aus Gold und zwei Talente schwer. Außerdem hätte im Tempel stets ein Ewiges Licht gebrannt.[8] Das Allerheiligste war jetzt leer, da die Bundeslade vermutlich bei der Zerstörung des salomonischen Tempels verloren gegangen war.

Durch Antiochos IV. Epiphanes 169 v. Chr. entweiht, wurde dieser Tempel von Judas Makkabäus wiederhergestellt und militärisch befestigt. Diese Wiederherstellung wird bis heute im Chanukka-Fest gefeiert.

Herodianischer Tempel[Bearbeiten]

Unter Herodes dem Großen begann seit 21 v. Chr. eine gänzliche Umgestaltung des Tempels in großem Maßstab im griechischen Stil (daher Herodianischer Tempel). Diese Tempelanlage war nach Flavius Josephus ein Stadion (zwischen 185 und 200 m) lang und ein Stadion breit.

Im jüdisch-römischen Krieg im Jahr 70 war der Tempel die letzte Schutzwehr der Juden und wurde schließlich von den Römern zerstört.

Überreste und heutige Situation[Bearbeiten]

Es wird angenommen, dass die sogenannte Klagemauer der einzige erhaltene Teil der unter Herodes errichteten Westmauer der Tempelberganlage ist. Orthodoxe Juden betreten den Tempelberg nicht, im Bestreben, ein unwissentliches Betreten des Allerheiligsten und des Orts, wo die Bundeslade stand, zu vermeiden. Wo sich das Allerheiligste genau befand, ist nicht bekannt. Bisweilen wird vermutet, dass es über dem freiliegenden Felsen errichtet war, der heute im Zentrum des Felsendoms liegt.[9]

Nachfolgende Bebauung des Tempel-Areals[Bearbeiten]

Nach der Zerstörung des Tempels errichtete Rom an Stelle des jüdischen einen Jupiter-Tempel. Den Juden wurde das Betreten Jerusalems und des Tempelareals nur am Gedenktag der Tempelzerstörung am 9. Tag des Monats Av gestattet.

Unter dem zum Christentum konvertierten römischen Kaiser Konstantin wurde der Jupiter-Tempel niedergerissen, worauf dieser eine christliche Basilika erbauen ließ. Diese Kirche wurde wiederum in der Regierungszeit von dem zum Heidentum zurück konvertierten römischen Kaiser Julian abgerissen.

Julian plante 363 n. Chr. den Wiederaufbau des jüdischen Tempels in Jerusalem, was jedoch dann zugunsten des Perserfeldzugs zurückgestellt und niemals verwirklicht wurde. Theodoret beschreibt in seiner Kirchengeschichte (Bd. 3, Kap. 20), dass der Bau wohl begonnen wurde, es aber zu übernatürlichen Erscheinungen, schweren Erdbeben und Feuern gekommen sei, wodurch dann die Bauleute schließlich ihr Vorhaben aufgegeben und die Flucht ergriffen hätten.

Seit 691 stehen auf der Tempelstätte der islamische Felsendom und seit 705/715 die Al-Aqsa-Moschee.

Modell des Salomonischen Tempels im Museum für Hamburgische Geschichte (Detailansicht)

Die Frage der Neuerrichtung des Tempels[Bearbeiten]

Seit Jahrzehnten bestehen durch eine kleine Gruppe von Rabbinern Bestrebungen zur Neuerrichtung des Tempels.[10] Allgemein herrscht innerhalb des Judentums die Meinung vor, dass der Bau eines Dritten Tempels erst im messianischen Zeitalter geschehen dürfe.

Die Tempel des Reformjudentums (19. Jahrhundert)[Bearbeiten]

Anfang des 19. Jahrhunderts bildete sich in Deutschland eine an der Aufklärung orientierte Reformbewegung des Judentums. Aus ihr entwickelte sich auch eine Neugestaltung der Synagoge, die nun als Tempel bezeichnet wurde. Gleichzeitig wurde das Ziel aufgegeben, den Tempel in Jerusalem wieder aufzubauen. Einer der ersten Reformtempel war der 1844 in Hamburg eingeweihte Neue Israelitische Tempel in der Poolstraße.

Das „Hamburger Tempelmodell“ des Salomonischen Tempels[Bearbeiten]

Das Hamburger Tempelmodell ist ein über 12 m² großes barockes Architekturmodell des Salomonischen Tempels aus Holz. Es wurde zwischen 1680 und 1692 gebaut. Nach seinem ersten Standort in der Oper am Gänsemarkt gelangte es über London und Dresden (Zwinger, ab 1734)[11][12] wieder nach Hamburg in das Museum für Hamburgische Geschichte (ab 1910). Das vom Hamburger Senator Gerhard Schott in Auftrag gegebene Modell steht in der Tradition zahlreicher Rekonstruktionsversuche in Renaissance und Barock, die sich aus theologischer, bibelkundlicher oder architekturtheoretischer Sicht der Originalgestalt des in der Bibel beschriebenen Tempels zu nähern suchten.

Literatur[Bearbeiten]

  • Theodor A. Busink: Der Tempel von Jerusalem. Von Salomo bis Herodes – eine archäologisch-historische Studie unter Berücksichtigung des westsemitischen Tempelbaus. Bd. 1, Leiden 1970; Bd. 2, Leiden 1980.
  • Israel Finkelstein/Neil A. Silberman: Keine Posaunen vor Jericho. Die archäologische Wahrheit über die Bibel. C.H.Beck, München 2002.
  • Paul von Naredi-Rainer: Salomos Tempel und das Abendland. Monumentale Folgen historischer Irrtümer. DuMont, Köln 1995.
  • Helmut Schwier: Tempel und Tempelzerstörung. Untersuchungen zu den theologischen und ideologischen Faktoren im ersten jüdisch-römischen Krieg (66–74 n. Chr.). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1989, ISBN 3-525-53912-6.
  • Wolfgang Zwickel: Der Salomonische Tempel (Kulturgeschichte der Antiken Welt 83). von Zabern, Mainz 1999, ISBN 3-8053-2466-9.

Siehe auch[Bearbeiten]

 Commons: Jerusalemer Tempel – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Finkelstein/Silberman: Keine Posaunen vor Jericho. C.H. Beck, München 2002, S. 255.
  2. Christoph Levin: Das Alte Testament. Beck, München 3. Auflage 2006. (C.H.Beck Wissen 2160), ISBN 3-406-44760-0, S. 127.
  3. Ton Veerkamp: Die Welt anders. Politische Geschichte der Großen Erzählung, Hamburg: Argument Verlag 2012, ISBN 978-3-88619-353-0, S. 68
  4. Die Größenangaben sind in der Bibel in Ellen angegeben, deren heutige Entsprechung zwischen 45 cm und 52,5 cm liegen kann.
  5. Finkelstein/Silberman: Keine Posaunen vor Jericho, C.H. Beck, München 2002
  6. Erwin Reidinger: Die Tempelanlage in Jerusalem von Salomo bis Herodes aus der Sicht der Bautechnischen Archäologie. In: Biblische Notizen, Beiträge zur exegetischen Diskussion, Heft 114/115, München 2002, 89–150 (Summary 150), ISSN 0178-2967; ders: The Temple Mount Platform in Jerusalem from Solomon to Herod: An Archaeological Re-Examination. In: Assaph, Studies in Art History, Band 9, Tel Aviv 2004, S. 1–64; ISSN 0333-6476; ders.: Der Tempel in Jerusalem: Datierung nach der Sonne. In: Biblische Notizen, Aktuelle Beiträge zur Exegese der Bibel und Ihrer Welt. Neue Folge, Heft n.128, Salzburg 2006, 81–104 (Summary 102,103), ISSN 0178-2967
  7. Siehe Reidingers Beiträge, wie oben.
  8. Flavius Josephus, Contra Apionem I, 22. Für die Umrechnung von Elle und Fuß wurden die römischen Maße zugrunde gelegt.
  9. Vgl. Meik Gerhards: Noch einmal: Heiliger Fels und Tempel, Rostock 2013. Der Aufsatz diskutiert Möglichkeiten einer Verbindung des Felsens mit den Tempelbauten biblischer Zeiten und votiert für die Lokalisierung des Allerheiligsten über dem Felsen.
  10. Hintergrundinformationen rund um Rabbi Etzion, die rote Kuh und den Tempel (englisch)
  11. Michael Korey, Thomas Ketelsen: Fragmente der Erinnerung. Der Tempel Salomons im Dresdner Zwinger, Deutscher Kunstverlag 2010
  12. FAZ vom 15. September 2010, Seite N3. Dazu die Webseite der Dresdener Ausstellung

31.7776535.23547Koordinaten: 31° 46′ 40″ N, 35° 14′ 8″ O