Jesper Juul

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Jesper Juul

Jesper Juul (* 18. April 1948 in Vordingborg) ist ein dänischer Familientherapeut. Er ist Gründer und Leiter des Kempler Institute of Scandinavia in Odder in Dänemark und Autor zahlreicher Bücher um Familienbeziehungen und Erziehung.

Leben[Bearbeiten]

Juul wuchs in Vordingborg, Herning und Ebeltoft auf. Nach dem Realschulabschluss fuhr er als Messejunge und Jungkoch für die dänische Reederei Det Østasiatiske Kompagni (East Asiatic Company) zur See. Anschließend arbeitete er als Erd- und Betonarbeiter sowie Tellerwäscher und Barkeeper.

Von 1966 bis 1970 studierte er Geschichte und Religion am Marselisborg-Lehrerseminar.

Nach dem Studium arbeitete Juul drei Jahre als Lehrer und Sozialpädagoge im Behandlungsheim Bøgholt des Mannschatz-Schülers Harald Rasmussen in Viby bei Aarhus. Auf einem Kursus traf er den US-amerikanischen Psychiater und Familientherapeuten Walter Kempler und den dänischen Kinderpsychiater Mogens A. Lund, die seine Lehrer und Therapeuten wurden. Danach arbeitete er neun Jahre mit Gruppen alleinerziehender Mütter im Jugendzentrum der Kommune Aarhus. Daneben bildete er sich in Dänemark, den Niederlanden und den USA als Familientherapeut aus und arbeitete freiberuflich als Gruppentherapeut und Persönlichkeitstrainer. 1979 gründete er mit Lund, dessen Frau Lis Keiser und in Zusammenarbeit mit Kempler das Kempler Institute of Scandinavia, das er bis 2004 leitete. Er ist dort weiterhin tätig als Lehrer und Berater. 2004 gründete Jesper Juul das Elternberatungsprojekt FamilyLab International. Es existieren mittlerweile selbständige Abteilungen in Dänemark, Deutschland, in der Schweiz, Italien, Kroatien, Norwegen, Österreich, Schweden und Slowenien. Diese bieten Seminare an, deren Leiter von Juul ausgebildet wurden. Seit 1991 arbeitet er ein Viertel jedes Jahres mit Flüchtlingsfamilien und Kriegsveteranen in Kroatien. Zurzeit arbeitet er in neun Ländern.

Jesper Juul hat einen erwachsenen Sohn aus erster Ehe und ist in zweiter Ehe verheiratet.

Pädagogische Ansichten[Bearbeiten]

Juul geht davon aus, dass ein Kind von Geburt an sozial und emotional ebenso kompetent ist wie ein Erwachsener. Diese Kompetenz, die sich entsprechend der kindlichen Reife äußert, muss ihm nicht erst durch Erziehung beigebracht werden. Traditionelle Erziehung benutzt nach Juuls Auffassung überwiegend verbale Strategien. Dabei wird ignoriert, dass Kinder Verhalten durch Imitation lernen. Kinder müssen beobachten und experimentieren dürfen, dann fügen sie sich durch Nachahmung in die Kultur ein. So kooperieren Kinder. Ein ständiger Strom von Ermahnungen und Erklärungen bewirkt, dass das Kind sich dumm oder falsch fühlt. Auch wenn der Umgangston eher freundlich und verständnisvoll ist, wird damit die Botschaft gesendet: „Du bist nicht richtig!“ und so dem Selbstbild und dem Selbstwertgefühl des Kindes großer Schaden zugefügt.

Jedes auffällige Verhalten von Kindern und Jugendlichen kann man laut Juul auf zwei Ursachen zurückführen: Entweder haben Erwachsene die kindliche Integrität verletzt, oder die Kinder haben übermäßig kooperiert. Eltern und Experten konzentrieren sich regelmäßig auf das unangepasste Verhalten. Juul plädiert dafür, Kindern auf eine andere Art und Weise zu begegnen. Sein Konzept ist, herauszufinden, „wer das Kind ist“, und nicht zu erklären, „warum es sich so verhält“. Dieses Vorgehen hält Juul für den einzigen Weg, eine tragfähige Eltern-Kind-Beziehung herzustellen.

Publikationen (Auswahl)[Bearbeiten]

  • Dein kompetentes Kind. Auf dem Weg zu einer neuen Wertgrundlage für die ganze Familie. Rowohlt, Reinbek 1997; Neuausgabe ebd. 2009, ISBN 978-3-499-62533-6.
  • Grenzen, Nähe, Respekt. Rowohlt, Reinbek 2000; Neuausgabe ebd. 2009, ISBN 978-3-499-62534-3
  • Was gibt’s heute? Gemeinsam essen macht Familie stark. Walter, Düsseldorf 2002; Beltz, Weinheim 3. A. 2009, ISBN 978-3-407-22918-2.
  • Vom Gehorsam zur Verantwortung. Für eine neue Erziehungskultur (mit Helle Jensen). Walter, Düsseldorf 2004; Beltz, Weinheim 3. A. 2009, ISBN 978-3-407-22915-1.
  • Aus Erziehung wird Beziehung. Authentische Eltern – kompetente Kinder. Herder, Freiburg im Breisgau 2005, ISBN 3-451-05533-3.
  • Unser Kind ist chronisch krank. Ein Ratgeber für Eltern. Kösel, München 2005, ISBN 3-466-30683-3.
  • Was Familien trägt. Werte in Erziehung und Partnerschaft. Kösel, München 2006; Beltz, Weinheim 2008, ISBN 978-3-407-22905-2.
  • Die kompetente Familie. Neue Werte in der Erziehung. Kösel, München 2007, ISBN 978-3-466-30752-4.
  • Nein aus Liebe. Klare Eltern – starke Kinder. Kösel, München 2008, ISBN 978-3-466-30776-0
  • Hörbuch: Nein aus Liebe. Klare Eltern – starke Kinder.Gesprochen von Irina und Jörg Pilawa, Kösel, München 2008, ISBN 978-3-466-45827-1.
  • Frag Jesper Juul. Gespräche mit Eltern (mit Pernille W. Lauritsen). Götz, Dörfles 2009, ISBN 978-3-902625-07-6.
  • Pubertät. Wenn Erziehen nicht mehr geht. Kösel, München 2010, ISBN 978-3-466-30871-2.
  • Elterncoaching: Gelassen erziehen. Beltz, Weinheim 2011, ISBN 978-3-407-85920-4.
  • Mann & Vater sein. Kreuz, Freiburg im Breisgau 2011, ISBN 978-3-451-61044-8.
  • Aus Stiefeltern werden Bonus-Eltern.Chancen und Herausforderungen für Patchwork-Familien. Kösel, München 2011, ISBN 978-3-466-30909-2.
  • Familienberatung: Perspektiven und Prozess Voelchert, München 2012, ISBN 978-3-935758-21-5.
  • Das Familienhaus. Wie Große und Kleine gut miteinander auskommen. Kösel, München 2012, ISBN 978-3-466-30920-7.
  • Wem gehören unsere Kinder? Dem Staat, den Eltern oder sich selbst? Ansichten zur Frühbetreuung (Übersetzt aus dem Englischen von Kerstin Schöps). Beltz, Weinheim an der Bergstrasse (November) 2012, ISBN 978-3-407-85970-9.

Weblinks[Bearbeiten]