Jiang Shi

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Der Jiang Shi (殭屍; zu dt. wörtl. „Starrer Leichnam“, sinnbildl. „Untoter“, „Wiedergänger“ oder „Zombie“), auch Jiang-shi und Jiangshi geschrieben, ist ein fiktives Wesen aus der chinesischen Mythologie und beschreibt einen Untoten. Das Wesen fand Eingang in postmoderne, japanische Literatur, wo es Kyonshī (キョンシー) genannt wird.

Beschreibung[Bearbeiten]

Da die meisten Jiang Shi gemäß der Folklore kurz nach Eintritt des Todes entstehen, sieht der Verstorbene auch nach Tagen noch immer frisch, fast wie lediglich schlafend aus. In anderen Fällen soll der Jiang Shi erst einige Zeit nach Todeseintritt entstehen, sodass der Körper faulig wirkt und noch während des Wiederaufstehens verottet. Einen Jiang Shi soll man daran erkennen können, dass seine Haare weiß werden und trotz des Todes weiterwachsen, bis sie den Leichnam völlig bedecken. Die Fingernägel sollen sich schwärzlich verfärben, ebenfalls weiterwachsen und dabei ungewöhnlich lang und scharfkantig werden.

Hintergründe[Bearbeiten]

Hintergrund des Glaubens an Untote ist die religiöse Vorstellung im traditionellen Daoismus, dass der Mensch zwei Seelen besitzt: eine reine und gutartige Seele (chin. 魂; Hún) und eine dunkle, unruhige Seele (chin.魄; ). Stirbt ein Mensch, steigt die gutartige Seele in den Himmel auf, während die dunkle Seele ins Jenseits übergeht oder verlischt. In seltenen Fällen aber soll die dunkle Seele so stark sein, dass sie nach Verlassen des Körpers ein Eigenleben entwickeln und die Körper soeben verstorbener Menschen in Besitz nehmen kann.

Folklore[Bearbeiten]

Schon in den Liaozhai Zhiyi, einer Kurzgeschichtensammlung des 17. Jahrhunderts, werden Jiang Shi erwähnt, obwohl die Wesen, die vor allem der Folklore entstammen, wesentlich älter sein dürften.

Der Folklore zufolge entstehen Jiang Shi durch das Ausbleiben oder durch absichtliches Unterlassen einer würdevollen Bestattung. Der unruhige Geist des Verstorbenen findet dadurch den Weg ins Jenseits nicht und kehrt zum verwesenden Körper zurück, getrieben von dem Wunsch, in seine Heimat zurückzukehren und dort vielleicht endlich bestattet und erlöst zu werden. Manchmal kann der Grund auch Rachsucht sein, besonders bei Mord- oder Unglücksopfern. Der nun bösartige Geist (chinesisch 鬼煞; Guī shā) benutzt seinen ursprünglichen Körper, um seine ehemaligen Peiniger oder Mörder in den Tod zu treiben. Da aber meist bereits die Leichenstarre eingesetzt hat, kann sich der Jiang Shi nur mühsam (meist ruckartig oder hüpfend) fortbewegen.

Eine andere Art der Entstehung eines Jiang Shi ist die durch schwarze Magie. Durch schwarzmagische Siegel oder Bannzettel kann der Beschwörer den Leichnam wie eine Marionette steuern und bestimmte, meist kriminelle oder gefährliche Aufträge erledigen lassen. Auf dem Bannzettel (der meistens an der Stirn des Toten haftet) steht für gewöhnlich der Name des Beschwörers sowie der auszuführende Befehl. Eine dritte Möglichkeit soll darin bestehen, einen herbeigerufenen, niederen Dämon in den Leichnam zu bannen.

Jiang Shi werden oft mit Vampiren verglichen, obgleich sie kein Blut trinken. Vielmehr entziehen sie ihren Opfern die Lebenskraft (Qi), da die Eigenenergie eines Jiang Shi begrenzt und rasch aufgebraucht ist. Ein beliebtes Gerücht besagt, dass man einem Jiang Shi bei einem Angriff gesegnete Reiskörner oder glänzende Münzen vor die Füße werfen solle - da ein Untoter davon besessen sei, alle glänzenden, kleinen Gegenstände zählen zu müssen, werde der Untote sofort damit beginnen, die Reiskörner oder Münzen nacheinander einzeln aufzulesen. Da außerdem manche Jiang Shi angeblich blind seien, würden sie ihre Opfer durch deren Atem aufspüren. Wenn das Opfer aber lange genug die Luft anhalten, würde der Jiang Shi schließlich die Verfolgung aufgeben und weiterziehen. Eine Vernichtung des Untoten soll nur durch Exorzismus oder heiliges Feuer möglich sein.

Moderne[Bearbeiten]

Die Gestalt des Jiang Shi hat Eingang in moderne Horrorfilme gefunden, so zum Beispiel in die mehrteilige Horrorkomödie Jiang shi fan sheng (engl. Titel Mr. Chinese Vampire, von 1986). Am bekanntesten aber ist die parodierte Form des Jiang Shi, die im Game Boy-Spiel Super Mario Land auftritt und dort „Pionpi“ (von jap. ピョンピー; pyon-pī, eine lautmalerische Wiedergabe für „hüpfen“) heißt. Das Wesen wird hier als aufsässiger, unablässig hüpfender Zombie in traditioneller, chinesischer Hoftracht dargestellt.

Literatur[Bearbeiten]

  • Richard Wilhelm (Hrsg.): Chinesische Märchen (= Die Märchen der Weltliteratur). Tausend. Diederichs, München 1990, ISBN 3-424-00253-4, S. 74–76.
  • Barb Karg, Arjean Spaite, Rick Sutherland: The Everything Vampire Book: From Vlad the Impaler to the vampire Lestat - a history of vampires in Literature, Film, and Legend. Everything Books, Avon 2009, ISBN 1605506311, s. 21 & 22.
  • John Hamilton: Vampires. ABDO, Edina 2007, ISBN 1599287749, S. 19.
  • J. Gordon Melton: The Vampire Book: The Encyclopedia of the Undead. Visible Ink Press, 2010 (3. Ausgabe), ISBN 157859281X, S. 124 & 125.
  • Brenda Rosen: The Mythical Creatures Bible: The Definitive Guide to Legendary Beings. Sterling Publishing Company Inc., New York 2009, ISBN 1402765363, S. 190 & 191.
  • Russel DeMaria, Zach Meston, David Sillar: Nintendo Game Boy Secrets (= Secrets of the Games Series, Bd. 1). Prima Pub., 1991, ISBN 155958078X, S. 237.

Weblinks[Bearbeiten]