Joachim von Sandrart

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Joachim von Sandrart
(Abb. aus dem Buch Zweihundert deutsche Männer, 1854)
Der November, 1643
Büste Sandrarts in der Ruhmeshalle, München

Joachim von Sandrart d. Ä. (* 12. Mai 1606 in Frankfurt am Main; † 14. Oktober 1688 in Nürnberg) war ein deutscher Maler, Kupferstecher, Kunsthistoriker und Übersetzer.

Familie[Bearbeiten]

Sandrart stammte aus einer alten Familie aus Mons (niederländisch: Bergen) in der belgischen Provinz Hennegau, deren direkte Stammreihe mit Jean Sandrat (1449–1509) beginnt, Hauptmann der päpstlichen Garde. Dieser erhielt im Jahr 1500 von Papst Alexander VI. die Lehen Lescaille und Fay bei Mons und wurde in den Adelsstand erhoben. Sandrarts Nachkommen siedelten sich später in Frankfurt am Main als Kaufleute an. Joachim von Sandrart erhielt am 20. Juli 1653 in Regensburg die Reichsadels- und Wappenbestätigung.

Am 31. Januar 1637 heiratete er Johanna von Milkau, die Tochter eines calvinistischen Juweliers, der ebenfalls aus den südlichen Niederlanden emigriert war.[1] Nach deren Tod im Jahr 1672 heiratete Sandrart am 5. November 1673[2] die 45 Jahre jüngere Esther Barbara Bloemart (1651–1731 oder 1733) aus einer Nürnberger Kaufmannsfamilie, deren bekanntes Porträt [3] oft fälschlich für eine Darstellung Maria Sibylla Merians gehalten wird. Beide Ehen blieben kinderlos.[4][5]

Der Nürnberger Kupferstecher und Kunsthändler Jacob von Sandrart war sein Neffe.

Leben[Bearbeiten]

Etwa 1615, mit neun oder zehn Jahren, begann Sandrart eine Lehre als Kupferstecher und Maler, in Nürnberg bei Peter Isselburg (1620/21) und in Prag bei Egidius Sadeler d.Ä.. Den ersten künstlerischen Unterricht hatte er allerdings schon früher in der Werkstatt des Daniel Soreau erhalten.[6] Zehn Jahre später (1625) wurde er in Utrecht Schüler bei Gerrit van Honthorst und blieb es bis 1629. In den folgenden sechs Jahren (bis 1635) reiste Sandrart mit seinem Lehrer Honthorst nach England und Italien. Unter anderem malte er dort den Tod Senecas, ein Nachtstück ganz im Stil Honthorsts. Auch lieferte er die Zeichnungen zu der Galleria Giustiniana (Rom, 1631). Durch Papst Urban VIII. bekam Sandrart mehrere Aufträge. Dies waren meist Portraits und biblische Szenen für die Innenausstattung von römischen Kirchen. Einige Zeichnungen, die Sandrart in seinen italienischen Jahren fertigte, dienten später als Vorlagen für Kupferstiche in dem Itinerarium Italiae nov-antiquae von Martin Zeiller und der Archontologia cosmica von Johann Ludwig Gottfried.

1635 kehrte Sandrart nach Frankfurt am Main zurück und wohnte dort zwei Jahre. 1637 ging er nach Amsterdam und ließ sich dort bis 1645 nieder. Er fand Eingang in die wichtigsten Gesellschaftskreise und verkehrte dort als geachteter Kunstkenner, Kaufmann und Maler. Für Maximilian I. von Bayern schuf Sandrart dort die Zwölf Monate und die allegorische Darstellung Tag und Nacht, für dessen Galerie zu Schleißheim. Nach dem Tod seines Schwiegervaters 1645 erbte Sandrart das Schloss Stockau bei Ingolstadt. Er kam aus den Niederlanden zurück und ließ sich auf seinem Erbsitz nieder. Im rekatholisierten Herzogtum Pfalz-Neuburg wurden ihm das Privileg der Religionsfreiheit und der Titel Pfalz-Neuburgischer Rat zugestanden; 1646 erhielt er die Hofmarksgerechtigkeit.[7]

1649 ging Sandrart wieder nach Nürnberg, wo er sich eine bessere Auftragslage versprach. Er malte hauptsächlich die dort anwesenden Gesandten. Sein bedeutendstes Werk aus jener Zeit ist die Darstellung Das große Friedensmahl, welches das am 25. September 1649 stattfindende Essen des Pfalzgraf Karl Gustav mit den kaiserlichen und schwedischen Kommissaren und den Reichsständen im Rahmen des Friedensexekutionskongresses zeigt. Nachdem er in Wien Kaiser Ferdinand III., dessen Gemahlin, sowie den römischen König Ferdinand IV. und den Erzherzog Leopold porträtiert hatte, wurde er aus Dank in den österreichischen Adelsstand erhoben. Als weitere Ehre wurde er 1676 durch Herzog August von Sachsen-Weißenfels in die Fruchtbringende Gesellschaft aufgenommen. Der Herzog verlieh ihm den Gesellschaftsnamen der Gemeinnützige und das Motto ragt weit hervor. Als Emblem wurde ihm die rote Tanne zugedacht. Im Köthener Gesellschaftsbuch findet sich Sandrarts Eintrag unter der Nr. 836.

Sandrart besaß weniger ursprüngliche Kraft als Talent für Nachbildung. In süddeutschen und österreichischen Galerien und Kirchen findet man noch einige Werke von ihm. Größeres Verdienst denn als Künstler hat sich Sandrart durch seine Schriften erworben. Neben Jacob von Sandrart, der 1662 die erste deutsche Kunstakademie in Nürnberg gründete, war er auch als Verleger tätig. Sein Neffe und Erbe Jacob von Sandrart setzte diese Tätigkeit mit akademischen Schriften fort.

Von 1670 bis 1673 war er in Augsburg ansässig. Dort gründete er eine private Kunstakademie, eine Vorgängereinrichtung der heutigen Hochschule Augsburg. 1675 entstand das Gemälde Jakobs Traum an der Südwand in der Barfüßerkirche in Augsburg.

1681 sorgte Sandrart für die Renovierung von Albrecht Dürers Grab (St. Johannis I / 0649) auf dem St. Johannisfriedhof in Nürnberg, wo schließlich auch er selbst im Jahre 1688 seine letzte Ruhestatt fand (Grab St. Johannis IC / 003b).

Die Teutsche Academie[Bearbeiten]

Sein kunsttheoretisches und kunsthistorisches Hauptwerk, die Teutsche Academie der Edlen Bau-, Bild- und Mahlerey-Künste, erschien in mehreren Teilen zwischen 1675 und 1679; es entstand in Zusammenarbeit mit dem Nürnberger Dichter Sigmund von Birken, der die Textvorlagen Sandrarts überarbeitete und mit zahlreichen Gedichten ergänzte und gilt als erste theoretische Schrift zur Kunst in deutscher Sprache. Sie enthält die erste Biografie des Künstlers Matthias Grünewald. Sandrart ließ ihr 1680 mit der Übersetzung von Vincenzo Cartaris Le imagini colla sposizione degli dei degli antichi (Deutscher Titel: Iconologia Deorum oder Abbildung der Götter welche von den Alten verehret wurden) eine weitere epochale Schrift zur Kunstgeschichte folgen.

Werke[Bearbeiten]

Schriften[Bearbeiten]

  • L’Academia Todesca della Architectura Scultura et Pictura: Oder Teutsche Academie der Edlen Bau- Bild und Mahlerey-Künste, 1. Teil, Nürnberg (Johann-Philipp Miltenberger) 1675
  • Teutsche Academie zweyter und letzter Haupt-Teil, Nürnberg (Ch. G. Froberger) 1679
  • P. Ovidii Nas. metamorphosis oder des verblümten Sinns der Ovidianischen Wandlungs-Gedichte gründliche Auslegung: … 1.–12.Buch [mit] P. Ovidii Nasonis Lebenslauff/ aus dem Niederländischen Carls von Mander … ins Teutsche übers. und der Sandrartischen Academie einverleibet, Nürnberg [Froberger], 1679
  • Iconologia deorum, oder Abbildung der Götter, welche von den Alten verehret worden, Nürnberg (Christian Siegmund Froberger) 1680
  • Sculpturae veteris admiranda, Nürnberg (Christian Siegmund Froberger) 1680
  • Academia nobilissimae artis pictoriae, Nürnberg (Christian Sigismund Froberger) 1683
  • Romae antiquae et novae theatrum, Nürnberg (Christian Sigismund Froberger) 1684
  • Des alten und neuen Roms grosser Schau-Platz, Nürnberg 1685
  • Insignium Romae templorum prospectus exteriores et inferiores. - Nürnberg: Selbstverl., 1690

Faksimile und Neueditionen[Bearbeiten]

  • Teutsche Academie der Edlen Bau-, Bild- und Mahlerey-Künste. - Nürnberg: Uhl, 1994 (Bände 1–3, Nachdruck der Ausgabe Nürnberg 1675–79) - ISBN 3-921503-79-5
  • Teutsche Academie der Bau-, Bild- und Mahlerey-Künste, wissenschaftlich kommentierte Online-Edition, hrsg. von Thomas Kirchner, Alessandro Nova, Carsten Blüm, Anna Schreurs und Thorsten Wübbena, 2008–2012, verfügbar unter http://ta.sandrart.net
  • Sculpturae veteris admiranda/Academia nobilissimæ artis pictoriæ/Romæ antiquæ et novæ theatrum, wissenschaftliche Online-Edition, hrsg. von Thomas Kirchner, Alessandro Nova, Carsten Blüm, Anna Schreurs und Thorsten Wübbena, 2012, verfügbar unter http://la.sandrart.net/

Übersetzungen[Bearbeiten]

  • Iconologia Deorum oder Abbildung der Götter welche von den Alten verehret wurden. - Nürnberg: Froberger, 1680

Gemälde[Bearbeiten]

  • »Portrait Pieter Cornelius Hooft«  (Rijksmuseum Amsterdam, Inv.-Nr.: SK-A-364), 1641, 27cm×22,5 cm, Öl auf Holz
  • »Odysseus und Nausikaa« (Rijksmuseum Amsterdam, Inv.-Nr.: SK-A-4278), 1642, 104×168,5 cm, Öl auf Leinwand
  • »Joseph und Joachim« und »Johannes der Täufer« (St.-Anna-Altar St. Peter München), 1647[8]
  • »Friedensmahl« (Nürnberg, Museen der Stadt Nürnberg, Gemälde- und Skulpturensammlung, Inv.-Nr.: Gm 0009, z.Zt. Stadtmuseum Fembohaus), 1650, 290×445 cm
  • »Kreuzigung Christi« (Seitenaltarbild Stiftskirche Lambach), 1652–1656
  • »Pfingstwunder« (Seitenaltarbild Stiftskirche Lambach), 1652–1656
  • »Verherrlichung des Rosenkranzes« (Seitenaltarbild Stiftskirche Lambach), 1652–1656
  • »Martyrium des hl. Placidus« (Seitenaltarbild Stiftskirche Lambach), 1652–1656
  • »Erweckung eines toten Knaben durch den hl. Benedikt« (Seitenaltarbild Stiftskirche Lambach), 1652–1656
  • »Martyrium des hl. Sebastian« (Seitenaltarbild Stiftskirche Lambach), 1652–1656
  • »Übergabe der Reliquien des hl. Julian an Erzherzogin Claudia« (Seitenaltarbild Stiftskirche Lambach), 1652–1656
  • »Tod des hl. Josef« (Seitenaltarbild Stiftskirche Lambach), 1652–1656
  • »Mariä Himmelfahrt« (Hochaltarbild Stiftskirche Lambach), 1656, 700×350 cm, Öl auf Leinwand[9]
  • »Mariä Verkündigung« und »Hl. Johannes Baptist und Cäcilia« (Mariä-Verkündigungs-Kapelle Frauenkirche München), 1664[10]
  • »Hochaltarbild Klosterkirche St. Walburg« (Eichstätt), 1666[11]
  • »Kajetans wunderbares Eingreifen bei der Pest zu Neapel« (Altarbild südliches Querschiff Theatinerkirche München), 1667–1671[12], ca. 850×440 cm, Öl auf Leinwand[13]
  • »Himmlische Glorie« (eh. Hochaltarbild der Schottenkirche in Wien, jetzt im Prälatensaal des Schottenstifts), 1671, 700×400 cm, Öl auf Leinwand[14]

Ausstellung[Bearbeiten]

  • 2013: Unter Minervas Schutz. Bildung und Kunst in Joachim von Sandrarts “Teutscher Academie”, Herzog August Bibliothek, Wolfenbüttel. Katalog.

Literatur[Bearbeiten]

  • Michael Thimann: Gedächtnis und Bild-Kunst. Die Ordnung des Künstlerwissens in Joachim von Sandrarts Teutscher Academie, Freiburg: Rombach, 2007.
  • Doris Gerstl: „Sandrarts Friedensmahl“, in: Von teutscher Not zu höfischer Pracht: 1648–1701, hrsg. Franziska Buchner u.a. Köln: DuMont, 1998, S. 26-30 et passim.
  • Andrea M. Kluxen: Zu einer Neubewertung von Joachim von Sandrarts "Teutscher Academie", in: Musis et litteris. Festschrift für Bernhard Rupprecht zum 65. Geburtstag, hg. von Silvia Glaser u. Andrea M. Kluxen, München 1993, S. 523-536.
  • Christian Klemm: Joachim von Sandrart: Kunstwerke und Lebenslauf. Berlin: Dt. Verl. für Kunstwiss., 1986.
  • Paul Kutter: Joachim von Sandrart. Straßburg: Heitz, 1907.
  • Sandrart, Joachim von. In: Meyers Konversations-Lexikon. 4. Auflage. Band 14, Bibliographisches Institut, Leipzig 1885–1892, S. 273.
  • Genealogisches Handbuch des Adels, Adelslexikon Band XII, Band 125 der Gesamtreihe, C. A. Starke Verlag, Limburg (Lahn) 2001, ISSN 0435-2408.
  • Ludwig Bechstein (Hg.): Zweihundert deutsche Männer, Leipzig 1854.
  • Wilhelm Stricker: Sandrart. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 30, Duncker & Humblot, Leipzig 1890, S. 358 f. (Familienartikel)
  • Christian Klemm: Sandrart, Joachim von. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 22, Duncker & Humblot, Berlin 2005, ISBN 3-428-11203-2, S. 425–427 (Digitalisat).
  • Peter Kränzle: Sandrart, Joachim von. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL). Band 8, Bautz, Herzberg 1994, ISBN 3-88309-053-0, Sp. 1314–1321.
  • Anna Schreurs / Thorsten Wübbena: „‚Das gnädige Schicksel erbarmete sich dieser Finsternis und ließe der Teutschen Kunst-Welt eine neue Sonne aufgehen‘ | Joachim von Sandrart (1606–1688) – Künstler und Weltenbürger aus Frankfurt”, in: Forschung Frankfurt, April 2008, S. 57–61, (urn:nbn:de:hebis:30-55090)
  • Unter Minervas Schutz. Bildung durch Kunst in Joachim von Sandrarts Teutscher Academie, Ausstellungskataloge der Herzog August Bibliothek Nr. 95, hrsg. von Anna Schreurs unter Mitwirkung von Julia Kleinbeck, Carolin Ott, Christina Posselt und Saskia Schäfer-Arnold. 2012.
  • Esther Meier: Joachim von Sandrart. Ein Calvinist im Spannungsfeld von Kunst und Konfession. Schnell & Steiner, Regensburg 2012. ISBN 978-3-7954-2573-9.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Joachim von Sandrart – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Milkau, Johanna von. In: DFG-Projekt »Sandrart.net«. Goethe-Universität Frankfurt am Main, abgerufen am 22. Mai 2013.
  2.  Lebenslauf. In: Teutsche Akademie. 1675, S. 24 (online, abgerufen am 25. Mai 2013).
  3. Porträt von Esther Barbara von Sandrart. In: Virtuelles Kupferstichkabinett. Herzog Anton Ulrich-Museum/Herzog August Bibliothek, abgerufen am 22. Mai 2013.
  4.  Klemm: NDB. 2005, S. 425.
  5.  Stricker: ADB. 1890, S. 358.
  6. Anne-Dore Ketelsen-Volkhardt: Georg Flegel. 1566–1638.. Deutscher Kunstverlag, München/Berlin 2003, ISBN 3-422-06378-1, S. 28
  7.  Andreas Tacke: Der Kunst-Feind Mars. Die Auswirkungen des Krieges auf Kunst und Künstler nach Sandrarts "Teutscher Academie". In: Klaus Bußmann und Heinz Schilling (Hrsg.): 1648: Krieg und Frieden in Europa. Münster/Osnabrück 24.10.1998-17.01.1999. Katalog zur 26. Europaratsausstellung. Band, Münster 1998, ISBN 3-88789-127-9, S. 245-252 (online, abgerufen am 25. Mai 2013).
  8.  Josef Hugo Biller, Hans-Peter Rasp: München Kunst & Kultur. Stadtführer und Handbuch. 15. völlig neu bearbeitete Auflage. Ludwig, München 2003, ISBN 3-7787-5125-5, S. 354.
  9. Die Himmelfahrt Mariae. In: Sandrart.net. Thomas Kirchner u.a., abgerufen am 16. März 2013.
  10. Biller/Rasp, München Kunst & Kultur, 2003, Seite 140.
  11. Christian Klemm: Sandrart, Joachim von. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 22, Duncker & Humblot, Berlin 2005, ISBN 3-428-11203-2, S. 426 (Digitalisat).
  12. Biller/Rasp, München Kunst & Kultur, 2003, Seite 423.
  13. Kajetans wunderbares Eingreifen bei der Pest zu Neapel. In: Sandrart.net. Thomas Kirchner u.a., abgerufen am 16. März 2013.
  14. Die himmlische Glorie. In: Sandrart.net. Thomas Kirchner u.a., abgerufen am 16. März 2013.