Joel Sternfeld

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Joel Sternfeld (* 30. Juni 1944 in New York, NY, USA) ist ein US-amerikanischer Fotograf.


Er zählt zu den Fotografen, die Ende der 1970er, Anfang der 1980er Jahre die Farbe für die Kunstfotografie wiederentdeckten und damit seinerzeit unter dem Begriff "New Color" Schule machten.[1]

Leben und Werk[Bearbeiten]

Joel Sternfeld studierte am Dartmouth College und unterrichtet seit 1985 Fotografie am Sarah Lawrence College in New York.[2]

Seine Arbeiten wurden unter anderem im Art Institute of Chicago, dem San Francisco Museum of Modern Art, dem Museum of Modern Art, New York, der Tate Modern London, dem S.M.A.K. Gent, dem Fotomuseum Winterthur und dem Museum Folkwang[3] ausgestellt.

Sternfeld erhielt 1978 und 1982 für die Realisierung seiner Werkgruppe American Prospects zwei Guggenheim-Stipendien. 1990/91 erhielt er den Prix de Rome. Sternfeld war 2004 einer der Gewinner des Citigroup Photography Prize.[4]

Intensive Recherchen begleiten seine Arbeit, die er meistens als abgeschlossene Werkgruppen konzipiert. Die Herausgabe eines Fotobands zur jeweiligen Werkgruppe unterstreicht dies. Die einzelnen Fotografien haben dabei häufig einen deskriptiven Titel, der das Dargestellte, den Ort und das Datum bezeichnet. Sternfeld befasst sich immer wieder mit den Möglichkeiten fotografischer Darstellung und ihrer Rezeption. So schreibt er in Tatorte in Bezug auf seine Beweggründe:

„Aber es gab noch etwas anderes, das mich zu dieser Arbeit trieb. Etwas, das ich als Problem der Erkennbarkeit bezeichnen möchte. Die Erfahrung hat mich immer wieder von neuem gelehrt, dass man nie wissen kann, was sich unter einer Oberfläche oder hinter einer Fassade verbirgt. Bei der Einschätzung eines Ortes, dem Betrachten von Fotografien einer Landschaft ist unser Verständnis zwangsläufig Fehldeutungen unterworfen.“ [5]

Ausgewählte Werkgruppen[Bearbeiten]

Sweet Earth[Bearbeiten]

Sweet Earth ist Joel Sternfelds tiefgehende Erkundung der USA und ein wichtiger Teil seiner Recherche von Landschaft als Beleg menschlicher Sozialisierungen, Eingriffe und Utopien. Viele Aspekte seiner bisherigen Arbeit werden aufgegriffen, besonders die Untersuchung von arkadischen und dystopischen Orten. Sweet Earth kann als komplementäre Ergänzung zu On This Site gesehen werden. In beiden Werkgruppen wird die Fotografie von exakt recherchierten Texten ergänzt, die einiges offenbaren, das über das Dargestellte der Fotografie hinausreicht, und so einen zusätzlichen Kontext eröffnen. Während beide Werkgruppen Originalschauplätze dokumentieren, stellen sie gleichzeitig tiefsinnige Fragen nach den Möglichkeiten fotografischer Darstellung.[6]

Walking the High Line[Bearbeiten]

In den Jahren 2000 und 2001 fotografierte Sternfeld die 1980 stillgelegte, vom Abriss bedrohte High Line, eine Hochbahntrasse in der Lower West Side in Manhattan. Mit Hilfe dieser Fotografien konnte die mittlerweile von der Natur eingenomme Bahntrasse bewahrt werden. Sie wurde inzwischen in einen Park umgestaltet.[7]

Tatorte (engl. On This Site)[Bearbeiten]

Als einen „Reiseführer durch Amerika in Zeiten der Gewalt, der Angst und der moralischen Krisen” bezeichnete die New York Times Joel Sternfelds fotografische Dokumentation von Orten, die in naher oder fernerer Vergangenheit Schauplätze von Verbrechen und Gewalttakten waren.

Es sind stille, unspektakuläre Bilder: Landschaften, Straßenzüge, Häuser, Kreuzungen, Grünanlagen, die nichts mehr von dem meist blutigen Geschehen zeigen, das sich hier abgespielt hat. Erst die vom Künstler verfassten knappen, nüchternen Texte klären darüber auf, dass es sich um Tatorte handelt: frische Blumen an der Stelle auf dem Rasen eines Klinikgebäudes, wo ein Arzt zusammenbrach, tödlich getroffen von Kugeln eines fanatischen Abtreibungsgegners; ein Kranz am Geländer des Balkons, auf dem Martin Luther King 1968 erschossen wurde - solche indirekten Hinweise in den Bildern selbst sind die Ausnahme. Erst die knappen, nüchternen Texte zu den Aufnahmen klären darüber auf, dass es sich nicht um irgendwelche beliebigen Orte, sondern um Tatorte handelt, an denen brutale Verbrechen geschahen.

Es geht Joel Sternfeld nicht um Sensationen. Seine Sammlung von scheinbar harmlosen, alltäglichen Szenerien, denen man ihre gewalttätige Vergangenheit nicht ansieht, will zum Nachdenken anregen – über die alltägliche Gewalt, über die Unzulänglichkeit unserer Wahrnehmung und die Leichtigkeit des Vergessens. [5]

Campagna Romana[Bearbeiten]

Die Landschaft südlich und östlich von Rom um das claudische Aquädukt herum steht im Zentrum der Werkgruppe. Ihr ungewöhnliches Licht, ihre Präsenz der antiken römischen Zivilisation beeinflusst Sternfeld, genauso wie sie Maler von Turner bis Corot angezogen hat. In Sternfelds Farbaufnahmen stoßen Gegensätze aus Vergangenheit und Gegenwart aufeinander: antike Grabmäler, Villen, Rundbögen, Tempel neben Hochhäusern, Einkaufscentern und den Verschandelungen der modernen Vorstadt. Viel von der Landschaft, die Sternfeld fotografierte, ist von der Zersiedelung und Zerstörung bedroht. Insofern findet sich hier eine inhaltliche Parallele zu Oxbow Archive. [8]

American Prospects[Bearbeiten]

Die ersten Fotografien aus dieser Werkgruppe entstanden im Jahr 1978, als die Farbfotografie als künstlerisches Medium noch in ihren Anfängen steckte. Sternfeld benutzte eine 8x10 Großformatkamera, um bestmögliche Details zu erhalten. Er experimentierte mit Farbtheorien, die er aus der Malerei und Architektur übernahm.

Sternfeld zeigt die USA ähnlich einem Walker Evans 40 Jahre zuvor. Doch während Evans eine physisch zerfallende, aber geistig intakte Nation sah, findet Sternfeld eine Welt voll glänzender Neubauten, die von einem erschütterten menschlichen Geist umgeben ist.

Oxbow Archive[Bearbeiten]

Joel Sternfeld fotografierte zwei Jahre lang (2005 - 2007) in Massachusetts die Gegend am Altwasserarm des Connecticut River, genannt 'The Oxbow'. Dabei entstand eine Art fotografisches Archiv oder Gedächtnis einer sich im Wechsel der Jahreszeiten stetig verändernden Landschaft. Das Areal im Connecticut River gilt seit Thomas Coles Gemälde "View from Mount Holyoke, Horthampton Massachusetts" (1836, Washington, Metropolitan Museum of Art) als Sinnbild einer nationalen Landschaft der Vereinigten Staaten. [9]

Sternfelds skeptische und zuweilen liebevolle Darstellung des damaligen Zeitgeistes, mit all seinen Schönheiten, Eigenarten und hoffnungsvollen Utopien, prägte eine neue fotografische Praxis und wurde für viele Künstler zu einem wichtigen Referenzwerk. [10]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Kunstforum International, Bd. 171, Juli-August 2004, S. 326
  2. http://www.getty.edu/art/gettyguide/artMakerDetails?maker=3902
  3. C/O Berlin präsentiert Retrospektive in Kooperation mit dem Folkwang Museum
  4. BBC: Citigroup Photography Prize 2004
  5. a b Joel Sternfeld, Armin Harris (Hg.): Tatorte - Bilder gegen das Vergessen, Schirmer/Mosel, 1996, ISBN 3-88814-668-2
  6. Joel Sternfeld: Sweet Earth: Experimental Utopias in America, Steidl, Göttingen, 2006, ISBN 978-3-86521-124-8
  7. Joel Sternfeld: Walking the High Line, Steidl, Göttingen, 2009, ISBN 978-3-86521-982-4
  8. Joel Sternfeld: Capagna Romana. The Countryside of Ancient Rome, Alfred A. Knopf, New York, 1992, ISBN 0-679-41578-5
  9. Joel Sternfeld: Oxbow Archive, Steidl, Göttingen, 2008, ISBN 978-3-86521-786-8
  10. Joel Sternfeld: American Prospects, Distributed Art Publishers, New York, 2003, ISBN 3-88243-915-7