Johan van der Meer (Dirigent)

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Johan van der Meer während Probearbeiten, 1980

Johan van der Meer (* 26. November 1913 in Noordhorn, NL; † 24. April 2011 in Achim) war ein niederländischer Dirigent und Pionier auf dem Gebiet der Historischen Aufführungspraxis.[1]

Leben[Bearbeiten]

Van der Meer setzte sich seit den frühen 1970er Jahren für eine authentische Herangehensweise an Barockmusik ein. Dabei spielten Originalinstrumente, eine dramatische Textdeklamation im Sinne der musikalischen Rhetorik und maßvolle, nicht zu schnelle Tempi ein Rolle.[2] Unter seinen Einspielungen sind die Vokalwerke von Komponisten wie Heinrich Schütz, Josquin Desprez, Jan Pieterszoon Sweelinck und Georg Friedrich Händel, vor allem aber Johann Sebastian Bach zu nennen. Aufführungen nach-barocker Werke wie die Motetten und Fest- und Gedenksprüche von Johannes Brahms blieben die Ausnahme und stießen auf Kritik, da van der Meer sie ganz in barocker Manier interpretierte.[3]

Im Jahr 1945 gründete er auf Anregung von Gerardus van der Leeuw den semi-professionellen Chor Groningse Bachvereniging, den er bis zum Januar 1984 leitete. Während der Chor in den ersten 25 Jahren Musik aus Epochen vom 15. bis 20. Jahrhundert und verschiedenen Stilperioden sang, konzentrierte er selbst sich ab 1970 auf Barockmusik in historischer Aufführungspraxis. Van der Meer hatte Nikolaus Harnoncourt im Jahr 1970 in den Niederlanden bekannt gemacht. Der feste orchestrale Begleiter der Groningse Bachvereniging, das Noordelijk Filharmonisch Orkest, schien für eine Aufführung von Bachs Magnificat nicht zur Verfügung zu stehen. Van der Meer konnte stattdessen Harnoncourt mit seinem Concentus Musicus Wien gewinnen, den er kurz zuvor bei den Bremer Tagen für Alte Musik kennengelernt hatte.

Mit der Groningse Bachvereniging führte er im Jahr 1973 Bachs Matthäuspassion zum ersten Mal in authentischer Weise in den Niederlanden auf. Hierfür hatte er verschiedene niederländische und flämische Musiker eingeladen. In diesem ambitionierten Projekt sangen die Solisten Marius van Altena (Evangelist), Max van Egmond (Christus), drei Knabensolisten des Tölzer Knabenchors, René Jacobs (Altus), Harry Geraerts und Michiel ten Houte de Lange (Tenor) sowie Frits van Erven Dorens und Harry van der Kamp (Bass). An der Orgel wirkten Ton Koopman und Bob van Asperen mit. Um eine mögliche Rufschädigung der Groningse Bachverenigung zu vermeiden, fanden die Aufführungen in Sappemeer und Schiedam statt.[4] Das Konzert 1973 wurde jedoch ein Erfolg, das den Ruf van der Meers festigte und eine wichtige Wegmarke in der niederländischen Alte-Musik-Bewegung darstellte.[2]

Johan van der Meer galt als von seiner Sichtweise tief überzeugt, äußerst kritisch und bei Widerständen unverträglich. Gleichzeitig war er durch seinen Enthusiasmus lange Zeit Katalysator für die Zusammenarbeit großer Künstler, zu denen Gustav Leonhardt mit seinem Leonhardt-Consort, Ton Koopman und dem Amsterdam Baroque Orchestra, Peter Kooij sowie Sigiswald Kuijken mit La Petite Bande zählten.[2]

Der Bassist Rein de Vries trat 1984 als Dirigent die Nachfolge von van der Meer an. Bis ins hohe Alter setzte Johan van der Meer sich für die Historische Aufführungspraxis ein. In den letzten Jahren zog er sich immer mehr aus dem öffentlichen Leben zurück. Die letzten Lebensjahre verbrachte er in Bremen, wo er am Ostersonntag 2011 im Alter von 97 Jahren starb.

Literatur[Bearbeiten]

  •  Jolande van der Klis: Johan van der Meer, dirigent Groningse Bachvereniging (1913–2011). In: Tijdschrift Oude Muziek. Bd. 26/2, 2011, S. 16–17 (niederländisch, online).
  •  Jolande van der Klis: Een tuitje in de aardkorst. Kroniek van de oude muziek 1976–2006. Kok, Kampen 2007, ISBN 978-90-435-1322-7 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  •  Emile Wennekes: Nachwelt im Nachbarland. Aspekte der Bach-Pflege in den Niederlanden, ca. 1850–2000. In: Tijdschrift van de Koninklijke Vereniging voor Nederlandse Muziekgeschiedenis. Bd. 50, Nr. 1/2, 2000, S. 110–130 (niederländisch).

Aufnahmen/Tonträger[Bearbeiten]

  • Heinrich Schütz: Symphoniae sacrae. Groningse Bachvereniging, Berliner Ensemble für Alte Musik, 1972.
  • Johann Sebastian Bach: Matthäus-Passion (Auszüge). Solisten des Tölzer Knabenchors, René Jacobs, Marius van Altena, Harry Geraerts, Michiel ten Houte de Lange, Max van Egmond, Harry van der Kamp, Frits van Erven Dorens, Groningse Bachvereniging, Leonhardt-Consort, Alarius Ensemble, musica da camera, 1973.
  • Jan Pieterszoon Sweelinck: Pseaumes de David. Groningse Bachvereniging, 1974.
  • Johann Sebastian Bach: Hohe Messe (Auszüge). Knabensopran des Tölzer Knabenchors, Kevin Smith, Marius van Altena, Max van Egmond, Groningse Bachvereniging, La Petite Bande, 1975.
  • Johann Sebastian Bach: Johannes-Passion. Marjanne Kweksilber, Charles Brett, Marius van Altena, Harry Geraerts, Max van Egmond, Harry van der Kamp, Groningse Bachvereniging, Fiori musicali, 1979.
  • Christoph Demantius: Deutsche Passion nach dem Evangelisten St. Johanne und Weissagung nach Jesaja 53 sowie Orgelwerke von Samuel Scheidt. Groningse Bachvereniging, Cleveland Johnson, 1981.
  • Georg Friedrich Händel: Israel in Egypt. Mieke van der Sluis, Hedwig van der Meer, John York Skinner, Theo Altmeyer, Peter Kooy, Harry van der Kamp, Groningse Bachvereniging, Fiori musicali, 1984.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Viertakt: Johan van der Meer gestorven (niederländisch), gesehen 28. November 2011.
  2. a b c  Jolande van der Klis: Johan van der Meer, dirigent Groningse Bachvereniging (1913–2011). In: Tijdschrift Oude Muziek. Bd. 26/2, 2011, S. 16–17 (niederländisch, online).. Gesehen 28. November 2011.
  3. So der Bericht in der Rheiderland-Zeitung zum Brahms-Konzert am 28. August 1983 in Weener.
  4.  Jolande van der Klis: Een tuitje in de aardkorst. Kroniek van de oude muziek 1976–2006. Kok, Kampen 2007, ISBN 978-90-435-1322-7 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).