Johann August Schlettwein

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Johann August Schlettwein - Fotografie eines Ölgemäldes im Familienbesitz (durch Kriegsereignisse am 25. August 1944 zerstört). Maler unbekannt

Johann August Schlettwein (* 8. August 1731 in Großobringen bei Weimar; † 24. April 1802 in Dahlen, Mecklenburg) war ein Nationalökonom. Er gilt als der bedeutendste deutsche Vertreter des Physiokratismus.

Leben[Bearbeiten]

Der Vater war Schmied und es ist wahrscheinlich, dass er nur durch Förderung seitens des Landesherrn, Ernst August I. (Sachsen-Weimar-Eisenach), ein Studium der Rechts- und Kameralwissenschaften an der Universität Jena beginnen konnte, wo er am 21. Oktober 1749 immatrikuliert wurde. Bereits 1751 begann er mit der Publikation wissenschaftlicher Abhandlungen zu religiösen, ethischen, metaphysischen und naturwissenschaftlichen Fragen. Er wirkte offenbar an der Universität Jena auch als Lehrer bis er 1763 an den Hof des Markgrafen Karl Friedrich von Baden-Durlach nach Karlsruhe berufen wurde. Am 6. Juni 1763 wurde er dort zum Kammer- und Polizeirat ernannt und behielt diese Stellung bis Oktober 1773. In der Literatur findet sich die Auffassung, dass Markgraf Karl Friedrich durch Schlettwein der Physiokratie nahegebracht wurde.

Es gibt jedoch Hinweise, dass Karl Friedrich bereits vor der Berufung Schlettweins Schriften der französischen Physiokraten kannte und bereits vor dessen Ankunft am Karlsruher Hof, am 20. April 1762, eine ökonomische Gesellschaft gründete, die Schlettwein dann am 10. November 1764 wiederbelebte. Der Markgraf und Schlettwein wurden wahrscheinlich aufgrund des Studiums der französischen Physiokraten - insbesondere Gabriel de Riqueti, comte de Mirabeau und Pierre Samuel du Pont de Nemours - etwa gleichzeitig Anhänger physiokratischer Ideen. Beide waren bestrebt auf Basis dieser Ideen praktische Verbesserungen in der Landwirtschaft zu erzielen. So wurde der weltweit einzig bekannte Versuch der Einführung des physiokratischen Systems in drei badischen Dörfern (Dietlingen, Bahlingen, Teningen) lanciert und dort die „Einsteuer“ (impôt unique) eingeführt.

In Dietlingen (bei Pforzheim; heute Ortsteil von Keltern (Baden)) begann der Versuch 1770 und wurde nach einer Modifikation (1795) im Jahre 1801 definitiv abgebrochen. In Bahlingen und Teningen (am Kaiserstuhl) begann der Versuch 1771 und wurde bereits 1776 wieder beendet.

Während Schlettwein selbst, die Versuche als erfolgreich beurteilte, machten ihn seine Kritiker für ein wirtschaftliches Desaster verantwortlich. Schlettwein hatte viele Gegner am Hof zu Karlsruhe und in der markgräflichen Verwaltung der Ämter. Nachdem sich Schlettwein auch noch mit Du Pont überwarf, der in regem Kontakt mit dem Markgrafen stand, schwand die Unterstützung Schlettweins durch den Markgrafen. Schlettwein zog die Konsequenzen und bat im Oktober 1773 um seine Entlassung.

Im September 1774 unternahm Schlettwein eine Reise nach Wien um dort Kaiser Joseph II. von seinen physiokratischen Ideen zu überzeugen. Nachdem dieser Versuch erfolglos blieb, kehrte er nach Karlsruhe zurück, wo er 1775 eine polemische Schrift gegen Goethe und dessen Roman Die Leiden des jungen Werthers veröffentlichte.

1776 heiratete er in Karlsruhe Friederike von Geusau (1747–1802). Sie war eine Tochter von Justus von Geusau (1700–1749), Generalmajor des schwäbischen Kreises und markgräflich-durlacher Oberjägermeister und Waldvogt.

Auf Vermittlung von Isaak Iselin kam er - nach kurzen Zwischenaufenthalten in Emmendingen und Freiburg i. Br. - an die Universität Basel. Hier hielt er vom November 1776 bis April 1777 einige Vorlesungen über die Grundsätze der Staatswirtschaft, konnte aber keine ordentliche Stelle an der Universität erhalten.

Iselin empfahl daher Schlettwein der Universität Gießen, wo der Landgraf Ludwig IX. (Hessen-Darmstadt) und dessen Minister, Friedrich Karl von Moser, die Errichtung einer ökonomischen Fakultät planten. Am 23. April 1777 wurde Schlettwein zum Dekan der ersten ökonomischen Fakultät an einer deutschen Universität ernannt. Er übte diese Funktion - trotz inhaltlicher Meinungsverschiedenheiten mit dem Landesherrn, der durchaus keine physiokratischen Ideen verfolgt - bis zum Juni 1785 aus.

Er zog sich auf Gut Beseritz in Mecklenburg zurück, wo er nun als Gutsbesitzer versuchte, seine Ideen zur Verbesserung landwirtschaftlicher Methoden umzusetzen. 1789 trennte er sich von seiner Frau und nahm im Juli 1790 Vorlesungen an der Universität Greifswald in Schwedisch-Pommern auf.

Im Mai und Juni 1797 versuchte Schlettwein in einen Briefwechsel mit Immanuel Kant über dessen kritische Philosophie zu treten und behauptete, er könne dessen ganzes System völlig umstürzen. Kant ließ sich jedoch nicht darauf ein und äußerte in einem Brief an den Hofprediger Schultz: „Denn ich habe gründeten Verdacht: daß Schlettwein nur darauf ausgehe, durch Schriftstellerey etwas zu verdienen..“.

Am 24. April 1802 verstarb Schlettwein als einsamer Mann in Dahlen (heute zu Brunn (Mecklenburg) , Landkreis Mecklenburg Strelitz gehörig).

Der Nationalökonom Johann Karl Rodbertus war ein Enkel von Schlettwein.

Literatur[Bearbeiten]

zu den physiokratischen Versuchen
  • C. F. Nebenius: Karl Friedrich von Baden. (herausgegeben durch Fr. von Weech), Chr. Fr. Müller´sche Hofbuchhandlung, Karlsruhe 1868, S. 86 ff. und S. 263 ff.
  • Johann August Schlettwein: Vollständige und beurkundete Nachricht von der im Jahr 1770 geschehenen Einführung des physiokratischen Staatswirthschaftssystems in dem Baden-Durlachischen Orte Dietlingen und von den Wirkungen dieser politisch-ökonomischen Reformationen. In: Neues Archiv für den Menschen und Bürger, 3. 1786, S. 480–508; 5. 1788, S. 34–54.

Werke[Bearbeiten]

Titel Grundfeste Schlettwein.JPG
  • Grundfeste der Staaten oder die politische Oekonomie, Giessen 1779.
  • Die Rechte der Menschheit oder der einzige wahre Grund aller Gesetze, Ordnungen und Verfassungen, Scriptor Reprints, 1980

Biographie + Bibliographie[Bearbeiten]

  • Carl Schlettwein: Johann August Schlettwein- ein deutscher Physiokrat - 1731-1802. Basel 1981 (Verzeichnis seiner Schriften)

Weblinks[Bearbeiten]