Johann Beer

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Johann Beer
Gedenktafel am Schloss Neu-Augustusburg

Johann Beer, auch Behr oder Bär, (* 28. Februar 1655 in St. Georgen im Attergau, Oberösterreich; † 6. August 1700 in Weißenfels) war ein Schriftsteller und Komponist.

Leben und Werk[Bearbeiten]

Sein Vater Wolfgang Beer (1621–1699) war Gastwirt und zog mit seiner Familie später aus Glaubensgründen nach Regensburg. Der Vater und wahrscheinlich auch die Mutter, Susanna Stadelmeyr (1625-1694), waren protestantischen Glaubens. Beer hatte 15 Geschwister. Er arbeitete als Musiker, Komponist und Musiktheoretiker; als Schriftsteller veröffentlichte er eine größere Anzahl Romane unter verschiedenen Pseudonymen. Beer heiratete 1679 Rosine Elisabeth Brehmer und hatte mit ihr 11 Kinder. Er starb am 6. August 1700 an den Folgen eines Jagdunfalls.

Beer hinterließ eine autobiographische Schrift, die als Autograph vorliegt.[1] Darin berichtet er über seine Geburt, Kindheit, Jugend sowie seinen weiteren Lebenslauf. An den Rand der Handschrift zeichnete er selbst Illustrationen. Die zunächst flüssige Erzählung geht bald über in eine tagebuchartige, chronikalische Aufzählung von Lebensereignissen. Zudem schildert Beer darin zahlreiche Unfälle, Unglücke, Krankheiten, Hinrichtungen und andere gewalttätige Ereignisse. Diese Aufzeichnungen enden mit der von Beer selbst stammenden Angabe, dass er sehr schwer bei einem Jagdunfall verwundet wurde. Beer starb an den Folgen dieses Unfalls. Diese autobiographische Schrift wurde zur Grundlage einer psychobiographischen Studie, die sich vor allem mit den Folgen eines Kindheitstraumas beschäftigt: dem Unfalltod seiner beiden jüngeren Brüder Abraham und Gottlieb als Beer selbst etwa 5 Jahre alt war.[2]

Schon als Kind dürfte Beer auf mannigfache Art und Weise mit Musik in Berührung gekommen sein, da im 17. Jahrhundert Singen und Instrumentalspiel einen höheren Stellenwert hatten als heute. Er besuchte zunächst die Schule des Benediktinerklosters Lambach, bis die protestantische Familie im Jahre 1670 nach Regensburg übersiedeln musste, wo Johann das Gymnasium besuchte. Hier entfaltete er sein Talent als Erzähler, indem er seine Mitschüler mit Stegreifgeschichten unterhielt. Dieses Talent machte ihn später zum Literaten. Er verfasste unter einer Reihe von Pseudonymen Ritterromane sowie satirische Schriften, deren Attribution teilweise ungesichert ist und teilweise auch Johannes Riemer zugeschrieben wird, der sich mehrfach kritisch zu Beers Antifeminismus geäußert hatte.

Außerdem schrieb Beer eine Reihe von Picaro-(Schelmen-)romanen, wie z.B. Des Abentheuerlichen Jan Rebhu Artlicher Pokazi (1679/80) und Der Symplizianische Welt-Kucker (1677/79). Trotz der offensichtlichen Anspielungen auf die Werke Grimmelshausens konnten diese Romane dessen Erfolg nicht erreichen. Als Autor dieser Schriften wurde er erst 1932 von Richard Alewyn enttarnt. Alewyn verfasste eine Monographie über Beer, in der er versuchte, das Neue an dessen Literatur herauszuarbeiten. In Unterschied zu Grimmelshausen habe sich Beer weitgehend vom symbolhaltigen Weltbild des Barock gelöst und liefere in seinen Romanen eine realistische Wiedergabe der zeitgenössischen Wirklichkeit. "Die Teutschen Winternächte" und "Die kurtzweilgen Sommer-Täge" sind beispielhaft für Beers moralisierende Satiren der damaligen Gesellschaft.

Eine kritische Ausgabe der Sämtlichen Werke von Johann Beer, hrsg. von F. van Ingen und H.-G. Roloff erschien in Bern 1981 ff. Neben musikalischem und literarischem Talent verfügte Beer auch über zeichnerische Fähigkeiten, wie die mit eigenen Holzschnitten illustrierte Geschicht und Histori von Land-Graff Ludwig dem Springer, Weißenfels 1698, belegt.

Nach nur wenige Monate dauernden theologischen Studien (1676) trat Beer als Altist (Contratenor?) in den Dienst des Herzogs August von Sachsen-Weißenfels ein, wo er in einem kunstsinnigen Milieu ausreichend Gelegenheit fand, an allerlei höfischen Festivitäten mitzuwirken. Schließlich wurde er zum herzoglichen Konzertmeister und Bibliothekar befördert. Er wurde am 6. August des Jahres 1700 durch einen Jagdunfall jäh aus dem Leben gerissen.

Mit der Wiederbelebung älterer Musik erfuhr auch das Werk Johann Beers eine Renaissance, und zwar in Form eines Konzertes für Posthorn, Waldhorn und Streichorchester. Hier zeigt sich Beer durchaus als ein begabter Komponist mit einigem melodischen Talent. Das Posthorn ist allerdings kein Musikinstrument, sondern diente dem Postillon als Signal, z.B. um gedankenversunkene Wanderer auf Gefahren aufmerksam zu machen, die von einer herannahenden Kutsche ausgehen.

Johann Sebastian Bach (1685–1750) auf dem Klavier und Georg Philipp Telemann (1681–1767) mit Hilfe der Oboe machten später das Posthorn, bzw. den Postillion zum Subjekt ihrer Programmmusik. Die konzertante Anwendung eines solchen Signalhorns wirkt ohne Kenntnis eines konkreten Anlasses etwas befremdlich, zumal das Posthorn in allen Sätzen des Konzerts erklingt und Beer es auch nicht versteht, das Signalhorn monochordisch als Orgelpunkt oder bezüglich einer Drehleierharmonik anzuwenden.

Beers Musik wurde im Bayerischen Fernsehen auch anlässlich einer Alpenüberquerung mit der Postkutsche als Hintergrundmusik gespielt, wobei sie trotz einiger kontrapunktischer Schwächen ihre Wirkung nicht verfehlte.

Seit 2009 wird in Österreich der Johann-Beer-Literaturpreis gemeinsam von der Ärztekammer in Oberösterreich und der Deutschen Bank vergeben. Der Preis ist mit € 7.000,- dotiert.

Werke (Auswahl)[Bearbeiten]

  • Der Simplicianische Welt-Kucker. 4 Bde. Halle/Saale 1677–79.
  • Der abenteuerliche wunderbare und unerhörte Ritter Hopfen-Sack von der Speck-Seiten. Halle 1678. (Nachdruck: Shaker, Aachen 2003, ISBN 3-8322-1311-2)
  • Der Politische Feuermäuer-Kehrer. Weidmann, Leipzig 1682, OCLC 22567484.
  • Teutsche Winternächte. Joh. Hoffmann, Nürnberg 1682, OCLC 84722482.
  • Musicalische Fuchsjagdt. Weißenfel, 1697 Titelblatt [1]
  • Adolf Schmiedecke (Hrsg.): Johann Beer. Sein Leben von ihm selbst erzählt. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1965, DNB 450303241.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Schmiedecke: Beer, Sein Leben... S. 5; Hardin: Johann Beer, eine beschreibende Bibliographie. S. 132 ff.
  2. Schmiedecke: Beer, Sein Leben... S. 128; Frenken: Kindheit und Autobiographie... S. 628 ff; F. Septa: Starben zwei Brüder von Johannes Beer um 1660 an Colchicum-Samen? In: Beiträge zur Naturkunde Oberösterreichs. 9, 2000, S. 47–48. (PDF; 288 kB)

Literatur[Bearbeiten]

  • Richard Alewyn: Johann Beer. (= Palaestra; 181). Leipzig 1932
  • Richard Alewyn: Beer, Johann. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 1, Duncker & Humblot, Berlin 1953, ISBN 3-428-00182-6, S. 736 f. (Digitalisat).
  • Andreas Brandtner, Wolfgang Neuber: Beer. 1655–1700. Hofmusiker. Satiriker. Anonymus. Turia & Kant, Wien 2000, ISBN 3-85132-281-9.
  • Arrey von Dommer: Beer, Johann. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 1, Duncker & Humblot, Leipzig 1875, S. 768 f.
  • Ralph Frenken: Kindheit und Autobiographie vom 14. bis 17. Jahrhundert: Psychohistorische Rekonstruktionen. 2 Bände. (= Psychohistorische Forschungen, Band 1/1 u. 1/2). Kiel 1999. (zu Beer: S. 626–648)
  • Kuno Gurtner: "Ich hab ein Korb voll Obst beisammen". Studien zur Poetik der Romane Johann Beers. Bern [u.a.], Lang, 1993.
  • James Hardin: „Der Politische Feuermäuerkehrer“. … Contrasting Views of Woman. In: Modern Language News. 96 (1981), S. 488–502.
  • Jörg Krämer: Poetologie, immanente Poetik und Rezeption 'niederer' Texte im späten 17. Jahrhundert. Frankfurt am Main [u.a.], Lang, 1991, ISBN 3-631-44038-3.
  • Manfred Kremer: Die Satire bei Johann Beer. Dissertation, Köln 1964.
  • Helmut Pachler: Johann Beer - Versuch einer Annäherung an seine Zeit, seine Person und sein literarisches Werk. St. Georgen 1999, ISBN 3-9501147-2-6.
  • Stephen Rose: The bear growls. In: Early music. 33 (2005), S. 700–702.
  • Stephen Rose: 'The musician-novels of the German Baroque: new light on Bach's world', Understanding Bach. 3 (2008), S. 55–66. (PDF; 142 kB)
  • Stephen Rose: The Musician in Literature in the Age of Bach. Cambridge University Press, Cambridge 2011, ISBN 978-1-107-00428-3. (Beschreibung)
  • Andreas Solbach: Johann Beer. Rhetorisches Erzählen zwischen Satire und Utopie. Tübingen, Niemeyer, 2003, ISBN 978-3-8253-5939-3.

Werk- und Literaturverzeichnisse[Bearbeiten]

  • Gerhard Dünnhaupt: Johann Beer (1655–1700). In: Personalbibliographien zu den Drucken des Barock. Band 1. Hiersemann, Stuttgart 1990, ISBN 3-7772-9013-0, S. 466–489.
  • James Hardin: Johann Beer, eine beschreibende Bibliographie. Bern 1983.
  • Manfred Lischka: Der Komponist Johann Beer, ein Verzeichnis der Kompositionen. In: Daphnis. 9 (1980), S. 557–596.

Weblinks[Bearbeiten]

 Wikisource: Johann Beer – Quellen und Volltexte
 Commons: Johann Beer – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien