Johann Most

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Johann Most

Johann Most (* 5. Februar 1846 in Augsburg; † 17. März 1906 in Cincinnati in den USA; bekannt als John Most) war erst Sozialdemokrat, später Anarchist.

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Leben

Most wurde 1846 in Augsburg als Kind einer armen Familie unehelich geboren. Er wurde schon in seiner Kindheit nicht gerade „vom Leben verwöhnt“. Seine Mutter starb früh und er litt sehr unter seiner Stiefmutter. Schon früh wetterte Most gegen die „Prügelpädagogik“ und wurde, nachdem er einen Schülerstreik organisiert hatte, als 13-jähriger von der Schule verwiesen. Bereits damals litt er an Knochenfraß im Unterkiefer, nach einer Operation war Most im Gesicht entstellt.

Er machte eine Lehre als Buchbinder und zog als Wandergeselle durch Deutschland, durch Ungarn und durch die Schweiz. Auf seinen Wanderungen kam er mit der Arbeiterbewegung in Kontakt und schloss sich der später als Erste Internationale bezeichneten „Internationalen Arbeiterassoziation“ an. In der Folgezeit, in der er ebenfalls in Österreich umherreiste, entdeckte er seine agitatorischen Fähigkeiten als Redner. Most wurde von einem Land zum nächsten, in denen er immer wieder verurteilt worden war und kleinere Gefängnisstrafen abgesessen hatte, abgeschoben.

Er arbeitete in verschiedenen Zeitungen und sozialdemokratischen Ortsgruppen mit und ließ sich in Chemnitz nieder, wo er sich 1871 der zwei Jahre zuvor auf Initiative von Wilhelm Liebknecht und August Bebel gegründeten Sozialdemokratischen Arbeiterpartei anschloss und Chefredakteur der Arbeiterzeitung Chemnitzer Freie Presse wurde. Das heruntergekommene Blatt, das vor Mosts Ankunft in Chemnitz eine Auflage von 200 Stück hatte, blühte mit dem neuen Redakteur auf. Most konnte, wie auch in seinen Reden, die Arbeiter begeistern – die Auflage des Blattes vergrößerte sich innerhalb weniger Wochen um das Sechsfache. Most war eine Belebung für die Chemnitzer Arbeiterbewegung, doch nach einiger Zeit häuften sich die Anzeigen gegen ihn, und er saß des Öfteren im Gefängnis. Sein Geld steckte er lieber in die Zeitung, und so konnte und wollte er die oft verhängten Strafgelder nicht zahlen. Die Repression der bismarckischen Staatsmacht wurde immer härter – immer häufiger saß er im Gefängnis.

1874 und 1877 wurde er als Abgeordneter in den deutschen Reichstag gewählt, wo er mit einem Alter zwischen 28 und 32 Jahren einer der jüngsten Mandatsträger war. Trotz seines Status als Reichstagsabgeordneter machte er aus seinem Antiparlamentarismus kein Hehl und nannte den Reichstag „Reichskasperletheater“. Im Parlament des deutschen Kaiserreichs war er zusammen mit Wilhelm Hasselmann ein Vertreter des radikal linken, sozialrevolutionären Flügels der 1875 aus der Fusion zwischen ADAV und SDAP hervorgegangenen Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP), der Vorläuferpartei der späteren SPD. Als Parlamentarier siedelte Most nach Berlin um, wo er als Redakteur der „Freien Berliner Presse“ arbeitete. Des Weiteren gründete er die erste satirische Zeitung der Arbeiterbewegung – den „Nußknacker“. Most hielt weiter seine agitatorischen Reden. Da es jedoch zunehmend überall von Polizeispitzeln wimmelte, kam Most immer mehr in Bedrängnis. Eine Rede brachte ihm 26 Monate Gefängnis im Strafgefängnis Plötzensee ein. Nach den fehlgeschlagenen Attentaten auf Wilhelm I. am 11. Mai und am 2. Juni 1878 und dem folgenden Erlass des Sozialistengesetzes emigrierte Most freiwillig nach London.

[Bearbeiten] Aufenthalt in London

Ausgabe der Freiheit vom 10. März 1888

Dort gab er das zunächst sozialdemokratische, zunehmend aber anarchistische Blatt Freiheit heraus (erster Erscheinungstag: 3. Januar 1879). Doch selbst aus der Exilopposition in London hatte er noch viele Kontakte nach Deutschland. Die Freiheit wurde in großer Stückzahl nach Deutschland geschmuggelt und erfreute sich dort lange Zeit großer Beliebtheit. Wegen seiner Tiraden gegen Bebel und Liebknecht wurde er wie sein Parteigenosse Hasselmann 1880 aus der SAP ausgeschlossen. Doch auch in England, wo man Most größere Freiheiten ließ, geriet er zunehmend in Schwierigkeiten. 1881 bejubelte Most in einem Leitartikel in der Freiheit das geglückte Attentat auf Zar Alexander II. und äußerte offen seine Sympathie für die russischen Revolutionäre. Dies brachte ihm eine 16-monatige Zwangsarbeit in der Isolationshaft ein, die ihn körperlich zugrunde richtete und ein physisches Wrack aus ihm machte. Ende 1882 verließ er England und schiffte sich mit dem Dampfer Wisconsin nach Amerika ein.

[Bearbeiten] Aufenthalt in Amerika

In New York wurde er von Gesinnungsgenossen erwartet und freundlich aufgenommen. Er setzte auch in New York die Arbeit seiner Zeitung Freiheit fort. Diese war durch die große Entfernung zu Deutschland nach seiner Emigration, im Vergleich zu den anderen Zeitungen, nicht mehr konkurrenzfähig und erschien als Folge dessen nicht mehr in Deutschland, sondern in den USA. Die Freiheit erschien 31 Jahre lang – 26 Jahre davon unter Mosts Leitung. Die amerikanischen Ausgaben knüpften an die englischen an. Most solidarisierte sich mit dem gescheiterten deutschen Attentäter August Reinsdorf, der 1883 bei einem Bombenattentat den gesamten kaiserlichen Hofzug sprengen wollte und veröffentlichte Anleitungen zur Nitroglycerinherstellung.

Er engagierte sich sofort auch in der amerikanischen Arbeiterbewegung und hatte wiederum schnell einen relativ großen Einfluss. Er agierte unter anderem in Chicago für die Streikbewegung, die den Achtstundentag forderte. Als die Bombe am Haymarket in Chicago explodierte (sieben tote und über 60 verletzte Polizisten sowie zahlreiche Opfer unter den streikenden Arbeitern waren die Folge) – bis heute ist nicht geklärt, ob sie zur Provokation von einem Polizeispitzel oder von einem verzweifelten Arbeiter geworfen wurde – saß Most gerade im Gefängnis. Wie in Deutschland und in England saß er auch in den USA einige Male im Gefängnis und oft, wie im Fall der Bombe am Haymarket, wurde er der „geistigen Brandstiftung“ angeklagt.

Most organisierte auch „Arbeitertheater“ – kostenlose Theateraufführungen, in denen Arbeiter Zugang zu Theater auf hohem Niveau hatten. Neben der Arbeit an der Freiheit war Mosts Leben in Amerika sehr von seinen Rundreisen geprägt. Er reiste im Land umher – gab Vorträge und hielt Reden über den Anarchismus. Während seiner häufigen Gefängnisaufenthalte hatte er die Zeit gehabt, sich ausführlich mit den anarchistischen Theoretikern zu befassen und sein anfangs nicht sehr umfangreiches Wissen ausgebaut. 1906 starb Most schließlich in Cincinnati.

[Bearbeiten] Die Mostsche „Propaganda der Tat“

Most hatte immer angenommen, dass die Sozialdemokratie auch Platz für anarchistische und sozialrevolutionäre Ideen und Positionen haben müsse. Doch die Realität belehrte ihn eines anderen. Unter dem Eindruck der Genossen in der Sozialdemokratischen Partei, die mehrheitlich, zwar noch nicht am Anfang, aber dann immer konsequenter, radikalere Positionen bekämpften, unter dem Eindruck der staatlichen Repression und dem Erleben der „Scheindemokratie“ im deutschen Kaiserreich, radikalisierte sich Most. Er erlebte, dass Parlament und Reformisten so gut wie keine Änderungen durchsetzen konnten. Dies bestärkte ihn in seinem Antiparlamentarismus – er wollte die „schnelle Umsetzung“, er wollte die Revolution. Weil es seinem kämpferischen Temperament entsprach und weil er überzeugt war, dass man einem Machthaber, speziell dem deutschen Kaiser, seine Macht nicht durch parlamentarische Arbeit abringen könnte, trat er für eine militante soziale Revolution ein und entwickelte die „Propaganda der Tat“.

Die „Propaganda der Tat“ knüpfte an die alte Idee des „Tyrannenmörders“ an. Ähnlich wie der berühmte Königsmörder Brutus wollte die „Propaganda der Tat“ zum Wohle des Volkes gegen die Tyrannei vorgehen. Durch das Attentat, den moralisch legitimierten Tyrannenmord, sollte das unterdrückte Volk aus seiner Lethargie geweckt werden. Der anarchistische und sozialrevolutionäre Individualterror sollte der Funke zur Revolution sein. Er sollte die Möglichkeit der Revolution aufzeigen – die Verwundbarkeit der Macht. Die Propagandisten der Tat sahen alle anderen Wege versperrt, dazu kam ihre Ungeduld, und so sahen sie ihren einzigen Ausweg im Terrorismus, den sie moralisch mit der Unterdrückung des Volkes legitimierten. Der Attentäter wurde als gnadenloser Rächer des Volkes hochstilisiert und als Held der Freiheit romantisiert.

Most ist ein wichtiger Repräsentant des deutschen individualterroristischen Anarchismus. In seinen Reden und in seiner Zeitung verbreitete er seine Ideen in einfacher Art und Weise – er liebte, er praktizierte die gnadenlose Satire und Ironie und polemisierte gern und viel in seinen Reden und Artikeln. Most veröffentlichte eine weit verbreitete, von Karl Marx und Friedrich Engels revidierte und überarbeitete Ausgabe von Marx’ Kapital. Im Vergleich zu Marx’ Original war dieses Buch jedoch auch für ungebildete Menschen – für einfache Arbeiter – verständlich und gut lesbar. So trug Most entscheidend zur Popularisation des Marxismus in Deutschland bei. Most war Organisator der ersten großen Kirchenaustrittsbewegungen. Zu seinen berühmtesten Schriften zählen „Die Gottespest“, ein atheistisches „Glaubensbekenntnis“ und eine Kirchenkritik.

Most war einer der erfolgreichsten frühen Sozialdemokraten und mit mehr oder minder großem Erfolg ein Organisator von vielen Streiks. Anders als viele andere Anarchisten entfernte sich Most jedoch nie von der Arbeiterbewegung. Er hatte immer gute Kontakte zur Arbeiterbewegung und suchte immer wieder aufs Neue die Nähe der einfachen Arbeiter. Er blieb Zeit seines Lebens Gewerkschafter. Most war zwar von den Lehren von Karl Marx geprägt, aber als eine natürliche Konsequenz seiner Ablehnung lehnte er auch jegliche fremdbestimmende Autorität, immer die Parteidisziplin und andere Merkmale des autoritären Kommunismus deutlich ab. Most war Polemisierer, Gewerkschafter, Atheist, Agitator und Journalist. Immer aber war er Anarchist und Agitator der sozialen Revolution. Mit seinen Aktionen und seiner Propaganda steht er, wenn er auch selbst kein Attentäter war, exemplarisch für jene Aktionsformen des Anarchismus in Deutschland gegen Ende des 19. Jahrhunderts.

[Bearbeiten] Werke

  • Johann Most: Marxereien, Eseleien und der sanfte Heinrich. Artikel aus der Freiheit. Ausgewählt, mit Einleitung und Anmerkungen versehen von Heiner Becker. Wetzlar 1985; jetzt Münster, Bibliothek Theleme, 2006. ISBN 3-930819-24-4
  • Johann Most: Anarchismus in einer Nußschale, Klassiker der Sozialrevolte Band 14. Unrast 2006. ISBN 3-89771-912-6
  • Johann Most: Die freie Gesellschaft. Die Internationale Bibliothek und Texte aus der Freiheit zum Kommunistischen Anarchismus. Klassiker der Sozialrevolte Band 13. Unrast 2006. ISBN 3-89771-911-8
  • Johann Most: Die Gottespest und andere religionskritische Schriften. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Benno Maidhof-Christig (Klassiker der Religionskritik 2). Alibri Verlag. Aschaffenburg.
  • Johann Most: Kapital und Arbeit, das Kapital in einer handlichen Zusammenfassung. Von Marx und Engels selbst revidiert und überarbeitet. Suhrkamp Verlag 1972
  • Johann Most: Revolutionäre Kriegswissenschaft, Originalausgabe New York 1885. Reprint Rixdorfer Verlagsanstalt, Berlin 1980, Taschenbuch, "… mit einer Auskunft über den Autor von Hans Magnus Enzensberger". Reprint Karin Kramer Verlag, Berlin 2006.
  • Johann Most: Neuestes Proletarier-Lieder-Buch von verschiedenen Arbeiterdichtern, Chemnitz 1883.

[Bearbeiten] Literatur

  • John Most: Memoiren: Erlebtes, Erforschtes und Erdachtes. Hannover 1978, Edition Kobaia, Reprint der vierbändigen Originalausgabe in New York von 1903 bis 1907
  • Rudolf Rocker: Johann Most. Das Leben eines Anarchisten. Berlin 1924; Nachtrag. Berlin 1925. Erweiterter Reprint Berlin und Köln, Libertad Verlag. ISBN 3-922226-22-1
  • Heiner M. Becker und Andreas G. Graf (Hg.): Johann Most - Ein unterschätzter Sozialdemokrat?. Berlin 2006 (= IWK Jg. 41 Nr. 1–2, März 2005). ISBN 3-930819-29-5 (online-Links zu einzelnen Kapiteln daraus: [1])
  • Werner Hinze: Johann Most und sein Liederbuch. Warum der Philosoph der Bombe Lieder schrieb und ein Liederbuch herausgab. Tonsplitter Verlag, 2005, ISBN 3-936743-05-3.
  • Horst-Peter Schulz: Most, Johann. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 18, Duncker & Humblot, Berlin 1997, S. 218 f.
  • Ilse Ruch-Schepperle: Nebeneintrag zu Most, Johann in Artikel Ramus, Pierre. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 21, Duncker & Humblot, Berlin 2003, S. 136.

[Bearbeiten] Weblinks

Commons Commons: Johann Most – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
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