Johanna Kinkel

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Johanna Kinkel 1840

Johanna Kinkel, geborene Mockel (* 8. Juli 1810 in Bonn; † 15. November 1858 in London) war eine deutsche Komponistin, Musikpädagogin, Schriftstellerin und Salonière. In zweiter Ehe war sie mit dem evangelischen Theologen und politisch aktiven Republikaner Gottfried Kinkel verheiratet, mit dem sie den bekannten spätromantischen Dichterkreis Maikäferbund gründete. Sie galt als Mittelpunkt des kulturellen Lebens ihrer Heimatstadt Bonn, ist die einzige bedeutende Vertreterin der Bonner Mundartdichtung des 19. Jahrhunderts und war eine frühe Vorkämpferin der Frauenrechtsbewegung.

Leben[Bearbeiten]

Johanna Mockel war die Tochter des Bonner Gymnasiallehrers Peter Joseph Mockel und wurde von diesem schon früh musikalisch gefördert. Bereits mit 15 Jahren wusste das streng katholisch erzogene Mädchen, dass sie Musikerin werden wollte. Durch Vermittlung ihres Vaters bekam sie Kontakt zu Franz Anton Ries und dessen Kreis. Ries unterrichtete sie im Klavierspiel. Johanna begann, als Klavier- und Gesangslehrerin zu arbeiten. Ihr op. 1, die Vogelkantate, komponierte sie mit 19 Jahren. Die überarbeitete Fassung veröffentlichte sie 1838 in Berlin bei Trautwein. Komponiert hatte sie das Stück für das „Musikalische Kränzchen“, dessen Leitung ihr von Ries übertragen worden war. Von 1829 bis 1832, 1834 bis 1836 und 1839 bis Frühjahr 1848 leitete sie diesen Gesangsverein in Bonn.

Erste Ehe[Bearbeiten]

Mit 22 Jahren heiratete Johanna Mockel 1832 den Kölner Buch- und Musikalienhändler Johann Paul Mathieux. Nach sechs Monaten holten die Eltern ihre psychisch und physisch kranke Tochter zurück nach Bonn. Ein ärztliches Gutachten spricht von „Nervenzerrüttung mit Auszehrungsfieber, veranlasst durch Misshandlungen vermittels ausgesuchter Quälereien“. Nach über einem Jahr nahm Johanna ihre musikalische Tätigkeit im gesellschaftlichen Rahmen Bonns wieder auf.

Ausbildung in Berlin[Bearbeiten]

Johanna Kinkel

Durch die Vermittlung von Dorothea Schlegel lernte sie 1836 Felix Mendelssohn Bartholdy kennen. Auf seinen Rat ging Johanna nach Berlin und studierte bei Karl Böhmer Generalbass; Wilhelm Taubert bildete sie zur Konzertpianistin aus. Diesen Studienaufenthalt in Berlin finanzierte sie durch private Klavierstunden. Durch die Vermittlung Georg von Brentanos, den sie in Frankfurt kennengelernt hatte und in den sie sich verliebte, schloss sie bald Freundschaft mit Bettina von Arnim, deren Töchter sie kostenlos unterrichtete. In Berlin befreundete sie sich bald mit den Schwestern ihres Mentors, Rebecca Mendelssohn Bartholdy, verheiratete Dirichlet, und Fanny Hensel an, in deren Sonntagskonzerten sie musizierte. In diesem Kreis und Bettina von Arnims Salon lernte sie unter vielen anderen berühmten Zeitgenossen auch Clara Schumann, damals noch Clara Wieck, Adelbert von Chamisso, Karl August Varnhagen von Ense und Emanuel Geibel kennen.

Die Berliner Zeit war für die Komponistin eine äußerst fruchtbare Periode. Sie schrieb Duette, Kantaten, vertonte Gedichte u. a. von Johann Wolfgang von Goethe, Emanuel Geibel und ihre eigenen Texte. Alle Werke können als gute „romantische Gebrauchsmusik“[1] bezeichnet werden. Es folgten Veröffentlichungen eigener Kompositionen, die von Kritikern wie Ludwig Rellstab und Robert Schumann hoch gelobt wurden und sich großer Beliebtheit erfreuten.

Zurück in Bonn[Bearbeiten]

Johanna Kinkel, Stich um 1855

Im Jahr 1839 kehrte sie – da Johann Paul Mathieux nun endlich in die Scheidung einwilligte – nach Bonn zurück. Dort veranstaltete sie Morgenkonzerte und gründete mit ihren ehemaligen Schülerinnen und Schülern ihren Gesangsverein aufs Neue, der als einer der ersten von einer Frau geleiteten Gesangsvereine Deutschlands gilt. Sie wurde in der Folgezeit der Mittelpunkt des musikalischen Bonn und begeisterte mit ihren Konzerten u.a. Franz Liszt. Erst 1840 wurde ihre Ehe nach langwierigem Prozess geschieden.

Im Mai 1839 begegnete Johanna Gottfried Kinkel wieder, den sie aus ihrer Jugend flüchtig kannte. Zusammen gründeten sie den spätromantischen Dichterkreis Maikäferbund, der neben geselligen Treffen auch eine gleichnamige handschriftliche Zeitschrift verfasste, die nur im Kreise der Freunde zirkulierte. Mitglieder des Dichterkreises waren u.a. der spätere Schweizer Kunsthistoriker Jacob Burckhardt, Willibald Beyschlag und Franz Beyschlag, Karl Simrock, Alexander Kaufmann und Wilhelm Junkmann. Auch Johanna Kinkel schrieb, als einzige Frau, in der Zeitschrift Gedichte, Erzählungen, Anekdoten und musikkritische Aufsätze. Ihre Erzählung Dä Hon on dat Eechhohn. Ä Verzellsche für Blahge (Der Hund und das Eichhorn. Eine Geschichte für Kinder) veröffentlichte sie 1849 bei Sulzbach in Bonn. 1843 heirateten die zum evangelischen Glauben konvertierte Johanna Mathieux und Gottfried Kinkel. Johanna Kinkel wurde bis 1848 Mutter von vier Kindern.

Die Zeit der Märzrevolution[Bearbeiten]

„Demokratenlied“ - komponiert und wohl auch getextet von Johanna Kinkel - erstmals vorgetragen am 5. Dezember 1848

Johanna Kinkels Ehemann Gottfried wurde während des badisch-pfälzischen Aufstandes 1849 zu einer der Symbolfiguren, die die Gründung einer gesamtdeutschen Republik forderten. Dabei unterstützte Johanna ihn mit allen Kräften. Karl Marx, der während der deutschen Revolution von 1848/49 in Köln die Neue Rheinische Zeitung herausgab, wollte sie als Übersetzerin englischer Texte engagieren, was Gottfried Kinkel jedoch ablehnte. Während Kinkels Abwesenheit als Abgeordneter in Berlin und kurz danach als Teilnehmer der Revolution übernahm Johanna Kinkel die Redaktion der Neuen Bonner Zeitung.

Bei der Niederschlagung des letzten badischen Aufstands, der auch das endgültige Scheitern der Märzrevolution von 1848/49 in den Staaten des Deutschen Bundes markierte, wurde Gottfried Kinkel vom preußischen Militär verhaftet und zu lebenslänglich Zuchthaus verurteilt.

Bei der Vorbereitung der Befreiung ihres Mannes aus dem Zuchthaus in Spandau spielte Johanna Kinkel eine zentrale Rolle. Sie organisierte finanzielle Mittel, die für die Befreiungsaktion nötig waren, und übermittelte dem inhaftierten Gottfried Kinkel die Befreiungspläne. Ausgeführt wurde die Befreiung durch Carl Schurz, der Gottfried Kinkel in der Nacht vom 6. auf den 7. November 1850 in einer spektakulären Aktion aus dem Zuchthaus herausholte. Schurz und Kinkel flüchteten zusammen über Rostock und von dort nach Warnemünde. Am 17. November 1850 reisten sie von dort mit dem Schiff nach Edinburgh in Schottland, wo sie am 1. Dezember 1850 ankamen.

Emigration nach London[Bearbeiten]

Im Januar 1851 folgte Johanna Kinkel mit ihren vier Kindern ihrem Ehemann nach London ins Exil. Während seiner Agitationstour in die USA (von September 1851 bis Februar 1852), auf der Gottfried Kinkel um Gelder und Truppen für eine neue Revolution in Deutschland warb, gründete Johanna Kinkel eine Kindergesangsschule und gab Klavier- und Gesangsstunden, mit denen sie zeitweise den alleinigen Lebensunterhalt der Familie verdiente. Nach seiner Rückkehr hielt Gottfried Kinkel in London, Manchester und Edinburgh Vorträge und unterrichtete privat und an verschiedenen Erziehungsinstituten in London. Johanna Kinkel komponierte aus Zeitmangel, da sie auch weiterhin zum Unterhalt der Familie beitragen musste, nur noch sehr wenig, schrieb aber musikwissenschaftliche Abhandlungen und hielt Vorträge, u. a. über Mendelssohn, Chopin, Mozart und Beethoven. Kurz vor ihrem Tod beendete sie ihren Roman Hans Ibeles in London, der posthum 1860 von ihrem Mann Gottfried veröffentlicht wurde. Hier hatte sie ihre eigenen Erfahrungen des Exilantenlebens und das ihrer Freunde und Bekannten verarbeitet.

Tafelfoto Johanna Kinkels in der Bonngasse in Bonn.

Johanna Kinkels Tod[Bearbeiten]

Im Alter von 46 Jahren bekam Johanna Kinkel einen Herzinfarkt, von dem sie sich zunächst erholte. Ihr Gesundheitszustand verschlechterte sich jedoch im Jahr 1858 immer mehr. Am Nachmittag des 15. November stürzte sie aus dem Fenster ihres Schlafzimmers im 3. Stock. Die Umstände deuteten auf einen Suizid wegen Depressionen hin, der jedoch nie zweifelsfrei nachgewiesen wurde.

Für die Version des Selbstmordes spricht sich die Musikwissenschaftlerin und Schriftstellerin Eva Weissweiler aus.[2] Sie weist auf die „mehr oder weniger deutlich“ formulierte Selbstmordabsicht der Autorin Kinkel im Roman Hans Ibeles in London - ein Familienbild aus dem Flüchtlingsleben hin. Zu Johanna Kinkels Tod schreibt Weissweiler:

„Mit Johanna Kinkel wurde also nicht nur eine der produktivsten Komponistinnen der deutschen Romantik, sondern die immer noch ungelöste Frauenfrage (nach der „Bestimmung des Weibes“, die Kinkel im Roman anspricht) zu Grabe getragen.“[3]

Weiter habe sie „als einzige unter den romantischen Komponistinnen“ (Fanny Hensel, Josephine Caroline Lang, Clara Schumann) „das Problem ‚Frau und Komposition‘ konsequent zu Ende gedacht. Und: „daß nach einer politischen Katastrophe [wie die der Revolution von 1848] Komponieren einfach nicht mehr möglich sei.“[4]

Ferdinand Freiligrath ehrte die politische Weggefährtin mit einem langen Gedicht: Nach Johanna Kinkels Begräbnis, „dessen revolutionäres Pathos nach Kenntnis der Vorgeschichte recht peinlich wirkt“, so Weissweiler.[5]

Zur Erinnerung[Bearbeiten]

„Der Hund und das Eichhörnchen“ – Marionettenstück von Karin Lübben nach einem „Verzellsche für Blahge“ von Johanna Kinkel.[6]

In Bonn ist eine Straße nach Johanna Kinkel benannt[7]. In der Bonngasse erinnert heute ein Tafelfoto an sie. Zudem wurde eine Gedenktafel für das Geburtshaus von Johanna Kinkel, damals noch Johanna Mockel, in der Bonner Josefstraße angebracht[8]. – 2010 wurde aus Anlass des 200. Geburtstags von Johanna Kinkel das nach deren „Verzellsche für Blahge: Dä Hond on dat Eechhohn“ von Karin Lübben verfasste Marionettentheater-Stück „DER HUND UND DAS EICHHÖRNCHEN“ im Bonner Ernst-Moritz-Arndt-Haus uraufgeführt[9].

Werke[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Marie Goslich: Briefe von Johanna Kinkel. In: Preußische Jahrbücher. Band 97. Berlin 1889, S. 185–222; 398–433.
  • Paul Kaufmann: Johanna Kinkel: Neue Beiträge zu ihrem Lebensbild. Stilke, Berlin 1931
  • Monica Klaus: Johanna Kinkel. Romantik und Revolution. Böhlau, Köln/Weimar/Wien 2008, ISBN 978-3-412-20175-3 (= Europäische Komponistinnen. Band 7)
  • Monica Klaus (Bearb.): Liebe treue Johanna! Liebster Gottit! Der Briefwechsel zwischen Gottfried und Johanna Kinkel 1840–1858; Veröffentlichungen des Stadtarchivs Bonn. Bd 67–69; Stadt Bonn 2008; ISBN 978-3-922832-43-0

Blanche Kommerell: „Und so flieh ich die Zeit“. Radio-Feature über Johanna Kinkel mit Werken von ihr in der Bearbeitung von Frank Böhme. Prod.: Rundfunk der DDR, 1990.[10]

  • Josef Niesen: Bonner Personenlexikon. Bouvier Verlag, Bonn 2007, ISBN 978-3-416-03159-2.
  • Elsa Ostleitner: Fanny Hensel, Josephine Lang, Johanna Kinkel. In: Vergessene Komponistinnen des Biedermeier. Hans Schneider Verlag, Tutzing 2000, ISBN 3-7952-1015-1, S. 53–60
  • G. Reich: Malwida von Meysenbug in ihren Briefen an Gottfried und Johanna Kinkel, in: Bonner Geschichtsblätter 1, 1937, S. 153-166
  • Eva Rieger (Hrsg.): Frau und Musik. (Die Frau in der Gesellschaft, Frühe Texte. Herausgegeben von Gisela Brinker-Gabler). Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1980, ISBN 3-596-22257-5, S. 48–55.
  • Klaus Schmidt: Gerechtigkeit, das Brot des Volkes – Johanna und Gottfried Kinkel. Eine Biographie. Radius-Verlag, Stuttgart 1996, ISBN 3-87173-096-3.
  • J. F. Schulte: Johanna Kinkel. Schöningh, Münster 1908.
  • Carl Schurz: Lebenserinnerungen bis zum Jahre 1852. Georg Reimer, Berlin 1911.
  • K. Stephenson (Rheinische Musiker = Beiträgr zur Rheinischen Musikgeschichte, Heft 64, 4. Folge, hrsg. von K.G. Fellerer, Köln 1966, Artikel Johanna Kinkel). Unvollständiges Werkverzeichnis, in der Aufzählung fehlen vor allem Hinweise auf Johannas journalistische Arbeiten.[11]
  • E. Thalheimer: Johanna Kinkel als Musikerin. Phil. Diss. Bonn 1922. (Nach Weissweiler verschollen).
  • Eva Weissweiler: Komponistinnen vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Bärenreiter, Deutscher Taschenbuch Verlag, München, Juli 1999, ISBN 3-423-30726-9 (darin Artikel über Johanna Kinkel).

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Johanna Kinkel – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wikisource: Johanna Kinkel – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Bonner Stadtmuseum (PDF; 36 kB), S. 3
  2. Eva Weissweiler: Komponistinnen vom Mittelalter bis zur Gegenwart. S. 225 bis 242 (über Johanna Kinkel), hier S. 241.
  3. Weissweiler S. 242.
  4. Weissweiler, S. 226.
  5. Weissweiler, S. 241.
  6. Vgl. Internetseite „10. Oberkasseler Kulturtage 2011“: Das „Marionetten- und Figurentheater SEIDENFÄDCHEN“ beteiligte sich mit der Aufführung des Marionettenstücks „Der Hund und das Eichhörnchen“ von Karin Lübben nach einem „Verzellsche für Blahge“ von Johanna Kinkel an den „10. Oberkasseler Kulturtagen 2011“.
  7. Vgl. Johanna-Kinkel-Straße (D-53175 Bonn, Plittersdorf). (Aufgerufen am 16. September 2014.)
  8. Vgl. Gedenktafel für Johanna Kinkel. (Aufgerufen am 16. September 2014.)
  9. „BONNER PRESSEBLOG“ am 13. September 2011 zu den Aufführungen des Marionetten-Stücks „Der Hund und das Eichhörnchen“ von Karin Lübben nach einem „Verzellsche für Blahge“ von Johanna Kinkel im Bad Godesberger Haus an der Redoute: „In dem Stück, das vom Marionetten- und Figurentheater SEIDENFÄDCHEN präsentiert wird, geht es um Drückche, ein kleines Mädchen, das mit seiner verwitweten Mutter und dem Hund Assor in bescheidenen Verhältnissen lebt. Eines Tages bekommt Drückche ein Eichhörnchen geschenkt. Das Tier, das seine Freiheit ersehnt, überredet Drückche, mit ihm in den Wald zu fliehen. (…) 2010 hatte im Bonner Ernst-Moritz-Arndt-Haus die Uraufführung des Stückes aus Anlass des 200. Geburtstags von Johanna Kinkel stattgefunden.“
  10. Features und Reportagen im Rundfunk der DDR. Tonträgerverzeichnis 1964–1991. Berlin 1999, S. 162.
  11. Zitiert nach Weissweiler, S. 244, Fn. 67.