Johannes Agnoli

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Johannes Agnoli (* 22. Februar 1925[1] in Valle di Cadore, Italien; † 4. Mai 2003 in San Quirico di Moriano bei Lucca, Italien) war ein deutscher Politikwissenschaftler italienischer Herkunft.

Leben[Bearbeiten]

Agnoli stammte aus einer wohlhabenden italienischen Familie in Valle di Cadore in den östlichen Dolomiten. Seine Eltern waren Pietro Agnoli und Margherita, geb. Ponte.[2][3] Die Weltwirtschaftskrise beraubte die Familie ihrer ökonomischen Grundlage. Als Mitglied der faschistischen Jugendorganisation Gioventù Italiana del Littorio wurde er Provinzialführer der Oberschuljugend. Er verfasste lobende Schriften auf den Krieg, den Duce und den Faschismus. Nach dem Abitur im Mai 1943 und der deutschen Besetzung Italiens meldete er sich bei der Waffen-SS, die für ausländische Kriegsfreiwillige zuständig war. Sie überstellte ihn zu den Gebirgsjägern der deutschen Wehrmacht, deren Härte er bewunderte. Er wurde bei der Bekämpfung der jugoslawischen Partisanen eingesetzt. Im Mai 1945 geriet er in britische Gefangenschaft und wurde im Kriegsgefangenenlager im ägyptischen Moascar in der Sueskanalzone interniert. Im „Reeducational Work“ betreute er den Philosophiekurs, den er mit Windelbands Philosophiegeschichte bestritt. Im Sommer 1948 wurde er entlassen.

In Urach, dem heutigen Bad Urach, arbeitete er zunächst in einem Sägewerk, bis er im Dezember 1949 mit einem Kriegsteilnehmer-Stipendium in Tübingen studieren konnte. Im Mai 1955 wurde er in Deutschland eingebürgert. Er wurde mit einer Arbeit über Giambattista Vicos Rechtsphilosophie promoviert und machte bei Theodor Eschenburg ein Examen in Politikwissenschaft. 1957 trat er in die SPD ein, aus der er 1961 als Mitglied der Sozialistischen Förderergesellschaft wegen des Unvereinbarkeitsbeschlusses mit dem SDS ausgeschlossen wurde. 1960 wurde er Assistent bei dem Politikwissenschaftler Ferdinand Aloysius Hermens in Köln.

Nachdem Agnoli auf einer Tagung die Anerkennung der DDR befürwortet hatte, trennte sich Hermens von ihm. Auf Empfehlung von Wolfgang Abendroth wurde er Assistent von Ossip K. Flechtheim am Otto-Suhr-Institut und habilitierte sich dort 1972.

Er war von 1972 bis 1990 Professor am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft an der FU Berlin. Agnoli gehörte zu den Vordenkern der 68er-Studentenbewegung. Das Buch „Die Transformation der Demokratie“, das er 1967 zusammen mit dem Psychologie-Professor Peter Brückner der Universität Hannover verfasste, enthält ein Traktat von ihm zur radikaldemokratischen Wahl- und Pluralismuskritik in Deutschland. Anhänger des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) und der Außerparlamentarischen Opposition (APO) betrachteten es in den späten 1960er Jahren als zentralen programmatischen Text. Kennzeichnend für Agnoli ist eine eindeutige Ablehnung des Repräsentativsystems, des Parlamentarismus und des vom deutschen Grundgesetz konzipierten Leitbildes der Demokratie. Agnoli war 1967 maßgeblich an der Gründung des Republikanischen Clubs in West-Berlin beteiligt und auch an den Debatten und Aktionen der (APO).

Als 1975 die Staatsanwaltschaft München Strafantrag gegen die Herausgeber des Buches „Wie alles anfing“ von Bommi Baumann stellte, in der dieser seine Entwicklung zum aktiven Stadtguerilla schilderte, und die vorläufige Beschlagnahme anordnete, gehörte Agnoli zum Kreis derer, die eine Neuauflage herausgaben und verbreiteten.

Im Juni 1977 war Agnoli Mitherausgeber eines Nachdrucks des Göttinger Mescalero-Textes zur Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback durch die RAF,[4] wiederum mit Peter Brückner. Agnoli war zwar gegen das Gewaltmonopol des Staates, betonte aber gleichsam wie der „Mescalero“: „Der Weg zur Emanzipation kann nicht mit Leichen gepflastert werden.“[5]

Rezeption[Bearbeiten]

In drei Strömungen der politischen Linken kann eine Agnoli-Rezeption festgestellt werden. Beim Ça ira Verlag, im Konflikt und Agnoli-Streit um Herausgeber-Rechte und antideutsche Positionen, in der autonomen Bewegung und im libertär-sozialistischen Spektrum um die Zeitschriften „Schwarzer Faden“ und „Graswurzelrevolution“. Hans Jürgen Degen beschrieb Agnoli als einen exzellenten Anarchismus-Kenner: Agnoli „interpretierte ‚seinen‘ Marx eben ‚libertär‘, weil der ‚Marxismus‘ des ‚Nicht-Marxisten‘ Marx für ihn eine freiheitliche ‚Lehre‘ war. Agnoli wollte die Versöhnung der beiden ‚autoritären Knochen‘ Marx und Bakunin: Er wollte die ‚freiheitlichen Elemente der zersplitterten sozialistischen Emanzipationsbewegung zur Aktion bringen‘. Das sollte aber keineswegs durch Verwischung der unterschiedlichen Positionen geschehen. … Agnoli hatte einen ‚starken Hang‘ zum Libertären. Deshalb bedauerte er die ‚gesellschaftliche Impotenz‘ der Libertären: ‚Mit einem Schuss Marx kann das vergehen.‘“ [6]

Auseinandersetzung um Agnolis Umgang mit seiner Vergangenheit[Bearbeiten]

Die Frage, wie Agnoli später zu seinem Engagement für die faschistische Bewegung, seiner Meldung bei der Waffen-SS zur Wehrmacht und seinem Einsatz als Soldat der Wehrmacht in der Partisanenbekämpfung stand, hat zu kontroversen Diskussionen geführt. Wolfgang Kraushaar kritisierte nicht nur Agnolis Rekurs auf den präfaschistischen Theoretiker Vilfredo Pareto, sondern warf Agnoli vor, über seine Vergangenheit weitgehend geschwiegen zu haben, so dass sie lange nur Eingeweihten bekannt gewesen sei. Nachdem in den 1980er Jahren begonnen habe „immer mehr durchzusickern“, sei erst 2004 mit der Veröffentlichung der von Barbara Görres Agnoli verfassten Biografie Johannes Agnoli – Eine biografische Skizze die faschistische Vergangenheit Agnolis „zusammenhängend aufgedeckt“ worden.[7] Götz Aly zufolge hat Agnoli zwar erzählt, dass er der faschistischen Partei Italiens angehört hatte, seine Meldung über die Waffen-SS zur Wehrmacht 1943 und seinen Einsatz bei der Partisanenbekämpfung in Jugoslawien allerdings verschwiegen.[8] Andere Politikwissenschaftler, wie etwa Wolf-Dieter Narr und Richard Stöss, widersprechen Kraushaars Darstellung. Agnoli habe „in geselliger Runde“ gerne von seiner Jugendzeit berichtet und keinen Hehl aus seiner damaligen Begeisterung für die faschistische Bewegung gemacht.[9]

Schriften (Auswahl)[Bearbeiten]

  • Mit Peter Brückner: Die Transformation der Demokratie. Voltaire Verlag, Berlin 1967 (aktuelle Ausgabe: Konkret Literatur Verlag, Hamburg 2004, ISBN 3-89458-232-4).
  • Mit Wolf-Dieter Narr, Hermann Kaste, Joachim Raschke: Auf dem Weg zum Einparteienstaat. Verlag für Sozialwissenschaften, 1977, ISBN 3-531-11366-6.
  • Mit Ernest Mandel: Offener Marxismus. Ein Gespräch über Dogmen, Orthodoxie und die Häresie der Realität. Campus Verlag, Frankfurt am Main 1980.
  • Subversive Theorie: „Die Sache selbst“ und ihre Geschichte. ça ira Verlag, Freiburg i. Br. 1999, ISBN 3-924627-41-X.
  • Der Staat des Kapitals und weitere Schriften zur Kritik der Politik. ça ira Verlag, Freiburg i. Br. 1995, ISBN 3-924627-32-0.
  • Faschismus ohne Revision. ça ira Verlag, Freiburg i. Br. 1998, ISBN 3-924627-47-9.
  • 1968 und die Folgen. ça ira Verlag, Freiburg i. Br. 1998, ISBN 3-924627-59-2.
  • Politik und Geschichte. ça ira Verlag, Freiburg i. Br. 2004, ISBN 3-924627-67-3.

Literatur (biographisch)[Bearbeiten]

Literatur (zur Theorie Agnolis)[Bearbeiten]

  • Joachim Bruhn, Manfred Dahlmann, Clemens Nachtmann (Hrsg.): Geduld und Ironie. Johannes Agnoli zum 70. Geburtstag. ça ira Verlag, Freiburg i. Br. 1995, ISBN 3-924627-42-8.
  • Joachim Bruhn, Manfred Dahlmann, Clemens Nachtmann (Hrsg.): Kritik der Politik – Johannes Agnoli zum 75. Geburtstag. ça ira Verlag, Freiburg i. Br. 2000, ISBN 3-924627-66-5.
  • Michael Hewener: Wirtschaftsdemokratie im Staat des Kapitals? in: Axel Weipert (Hg.): Demokratisierung von Wirtschaft und Staat - Studien zum Verhältnis von Ökonomie, Staat und Demokratie vom 19. Jahrhundert bis heute. NoRa Verlag, Berlin 2014, S. 182-191.

Film[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Who's Who in The World 2001 (21. Edition), Seite 22
  2. Who&s who in Germany (1990), S. 16
  3. Johannes Agnoli im Munzinger-Archiv (Artikelanfang frei abrufbar)
  4. „Buback – ein Nachruf“ bei Glasnost-Archiv
  5. B.Görres Agnoli: Johannes Agnoli, eine biographische Skizze. Hamburg 2004, S.76.
  6. aus Gesprächen mit Agnoli, zit. in Graswurzelrevolution Nr. 338, 4/2009
  7. Wolfgang Kraushaar: Agnoli, die APO und der konstitutive Illiberalismus seiner Parlamentarismuskritik. in: Zeitschrift für Parlamentsfragen 38 (2007), S. 176f. (PDF-Datei)
  8. Die Täter waren nicht primitiv. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22. Dezember 2009. „In welcher K-Gruppe waren Sie denn?“, Interview der tageszeitung mit Götz Aly und Katharina Rutschky, 29. Dezember 2007, Abruf 17. August 2012.
  9. Wolf-Dieter Narr u. Richard Stöss: Johannes Agnolis „Transformation der Demokratie“. Ein Beitrag zur gesellschaftskritischen Politikanalyse. In: Zeitschrift für Parlamentsfragen 38 (2007), S. 833f. (PDF-Datei)