Johannes Heinrichs (Philosoph)

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Johannes Heinrichs (* 17. September 1942 in Rheinhausen, heute Duisburg) ist ein deutscher Philosoph (Sozialphilosoph) und Semiotiker.

Leben[Bearbeiten]

Johannes Heinrichs trat nach dem Abitur am Städtischen Naturwissenschaftlichen Gymnasium in Rheinhausen 1962 ins Noviziat der Jesuiten in Schloss Eringerfeld (Westfalen) ein, absolvierte sein Grundstudium in Philosophie 1964 bis 1967 an der Jesuitenhochschule für Philosophie in Pullach bei München (mit Philosophischem Lizenziat) und war dort bis 1970 Repetitor (Assistent), neben philosophischen Studien an der Universität München. 1970 ging er zur Vorbereitung seiner Hegel-Dissertation „Die Logik der 'Phänomenologie des Geistes'“ zunächst ans Hegel-Archiv Bochum und promovierte 1972 bei Klaus Hartmann in Bonn (summa cum laude; Nebenfächer: Neuere deutsche Literatur und Moraltheologie). Nach einem Diplom in Theologie an der Philosophisch-theologischen Hochschule St. Georgen in Frankfurt/Main, mit Priesterweihe im Frankfurter Kaiserdom 1974, sowie Forschungsstudien in Paris wurde er an derselben Hochschule mit staatlicher Gültigkeit habilitiert. Habilitationsleistungen waren neben der als "Meisterwerk" bewerteten Hegelschrift das Skript zur Vorlesung "Sozialphilosophie", das 1976 unter dem Titel "Reflexion als soziales System" teilweise im Druck erschien. Ab 1975 lehrte er an der Frankfurter Hochschule Philosophie, besonders Sozialphilosophie. Er befasste sich auf neuartige Weise mit der katholischen Soziallehre, in engem persönlichen Kontakt zu deren damaligem "Nestor" Oswald von Nell-Breuning. 1977 trat er jedoch wegen grundsätzlicher Kritik an der institutionalisierten Kirche schrittweise aus dem Jesuitenorden aus, womit er auf seinen Lehrstuhl verzichtete. 1981 erklärte er auch seinen Austritt aus der katholischen Kirche.

1981/82 hatte er eine Lehrstuhlvertretung für Kantforschung an der Universität Bonn inne, danach Lehr- und Forschungsaufträge. Von 1998 bis 2002 wurde er im Rahmen einer Stiftungsprofessur der Schweisfurth-Stiftung Nachfolger des verstorbenen DDR-Dissidenten Rudolf Bahro an der Humboldt-Universität mit einer Gastprofessur für Sozialökologie. Heute lebt Heinrichs als Schriftsteller und Vortragsredner in Duisburg und Berlin. Er lehrt im Rahmen von Gastvorlesungen und Vorträgen in aller Welt. Mitglied in verschiedenen philosophischen und kulturpolitischen Gesellschaften, von 1999 bis 2013 im Wissenschaftlichen Beirat des Vereins Deutsche Sprache.[1]

Philosophie[Bearbeiten]

Heinrichs betrachtet Philosophie als fortschreitende Selbstentfaltung der methodischen Reflexion: Sie bedeutet ihm Form und zugleich Inhalt des philosophischen Denkens. Als Form ist sie nachträgliche, theoretische Reflexion (Nachdenken), als Inhalt bedeutet sie gelebte Selbstbezüglichkeit (gelebte Reflexion, Bewusstseinsleben). Die theoretische Reflexion hat die Aufgabe, das Bewusstseinsleben zu rekonstruieren. Dieses Grundverständnis von Philosophie verbindet ihn am meisten mit Georg Wilhelm Friedrich Hegel, will aber dessen Dialektik der Negativität des Anderen in eine nicht minder systematische Dialogik überführen. Hierin besteht eine Überbrückung von klassischer deutscher Philosophie und dialogischem Sprachdenken: Beide Strömungen sind Relationsdenken. Die Ich-Es-Relation (Dialektik) lässt sich mit der Ich-Du-Relation (Dialogik) zusammendenken. Seine Dissertation von 1974 über Hegels Logik der Phänomenologie des Geistes galt diesem Brückenschlag. Nachdem Heinrichs 1975 das dialogische Verhältnis als ein Reflexionsverhältnis zwischen Menschen mit einer begrenzten Stufenfolge von vier Reflexionsschritten analysiert hatte (eine für sein Denken grundlegende Entdeckung), entwickelte sich aus der ursprünglichen „transzendentalen Dialogik“ eine umfassende Reflexions-Systemtheorie des Sozialen.

Heinrichs unterscheidet die kollektiv-soziale Perspektive jedoch streng von der Perspektive der einzelnen Handelnden. Ausgehend von der Einsicht, dass dabei auch Handeln in dem weiteren Sinn von Sinnvollzügen (Bewusstseinsvollzügen) zu rekonstruieren ist, begründete er eine philosophische Semiotik als Sinnprozesslehre. Während normalerweise Semiotik als einzelwissenschaftliche Disziplingruppe der Beschäftigung mit gegebenen Zeichen verstanden wird, nimmt die philosophische Semiotik eine Ortsbestimmung von Zeichen im Gesamt der menschlichen Sinnvollzüge vor. Die Vierheit der Reflexionsstufen im sozialen Verhältnis findet, von der individuellen Perspektive her, eine analoge Ausprägung in vier umfassenden semiotischen Ebenen, die reflexiv aufeinander aufbauen: Handlung – Sprache – Kunst – Mystik. Diesen vier semiotischen Ebenen gelten die bereits 1980/1 erstmals veröffentlichten Bücher zur Handlungs- und Sprachtheorie, die seit 2007 in stark erweiterter Bearbeitung neu erscheinen, sowie die vorläufig in Aufsatzform erschienenen Schriften zur Kunst- und Mystiktheorie.

Umbau der Demokratie[Bearbeiten]

Die Handlungstheorie wird zu einer Handlungs-Systemtheorie erweitert, im Unterschied zu derjenigen von Talcott Parsons jedoch, durch den einheitlichen Gesichtspunkt der sozialen Reflexion, zugleich zu einer Reflexions-Systemtheorie. Diese ist wesentlich gekennzeichnet durch vier, reflexiv aufeinander aufbauende Ebenen oder Subsysteme (Theorie der Viergliederung oder "Wertedemokratie"):

  • Wirtschaft,
  • Politik,
  • Kultur und
  • Legitimations- oder Grundwertesystem.

Diese seit 1975 thematisierten Systemebenen der Gesellschaft führen Heinrichs in den 1990er-Jahren dezidiert zu einem neuen Demokratiemodell, das durch vier bereichsspezifische, reflexionslogisch (durch eine rahmensetzende Vorrangregelung von 4 nach 1) aufeinander bezogene Parlamente charakterisiert ist:

  1. Wirtschafts-,
  2. Politik-,
  3. Kultur- und
  4. Grundwerteparlament.

Die Unterscheidung dieser Teilparlamente ergibt sich für ihn als zwingende kollektiv-praktische und damit institutionelle Konsequenz aus der Systematik des Sozialen als Handlungs- und Reflexionssystem. Die bereichsspezifischen (z.B. jährlichen) Wahlen für die jeweiligen Teilparlamente beanspruchen zugleich, eine realistische innere Synthese (keinen bloßen Mix) von repräsentativer und direkter Demokratie darzustellen.

In Heinrichs' Augen sind der von Macht geleitete Dogmatismus der Allround- oder Einheitsparteien (die alle Themen in unsachlicher Weise bündeln) sowie die Dominanz der Wirtschaftsebene hauptverantwortlich für die weltweite Krise der gegenwärtigen Demokratie. Bei der Einrichtung von sachbereichsspezifischen, direkt gewählten Parlamenten würden sich die Parteien (bei Verbot einer ebenenübergreifenden Kartellbildung in einem neuen Parteiengesetz) in Sachparteien neuen Stils umwandeln. Es komme folglich, durch eine Vorrangsregelung zwischen der Gesetzgebung der Teilparlamente, und zwar vom Grundwerteparlament angefangen bis zum Wirtschaftsparlament, zu einer tatsächlichen Realisierung der Grundwerte, ebenso wie der kulturellen Werte, während beide Ebenen derzeit weitgehend ideologischer Überbau über eine ökonomiebeherrschte Politik blieben. In Heinrichs’ Viergliederungskonzept gäbe es u.a. erstmals eine Wirtschaftsdemokratie, d.h. ein Wirtschaftsparlament mit spezifisch für diesen Bereich gewählten Vertrauensleuten der Bevölkerung, ähnlich auf der rechtspolitischen, kulturpolitischen und weltanschauungs-, u.a. kirchenpolitischen Ebene.

Auch aktuelle Themen spielen für Heinrichs eine wichtige Rolle:

  • kulturelle Identität jeder Nation / Schutz der Muttersprachen
  • faktische Dominanz der Wirtschaft über die Politik im weitesten Sinne, also über das Rechtssystem, die Kultur und die Auslegung der (weltanschaulichen, ethischen) Grundwerte
  • eigenes Kulturparlament (für Erziehung, Wissenschaft, Publizistik, Kunst)
  • dadurch Befreiung der Wissenschaft von intransparenten Einflüssen der Wirtschaft, der Parteien sowie der Kirchen und internen unsachlichen Machtstrukturen
  • Entgegenkommen gegenüber Immigranten, jedoch unter Anerkennung des Vorrangs der einheimischen Kultur (jus culturae)
  • faires Miteinander der Weltanschauungen und Religionen im Staat (vermittelt durch des Grundwerteparlament)anstelle der konfessionellen Privilegien
  • Kritik an der Liebes- und Sexualmoral der päpstlichen Enzykliken, insbesondere "Deus Caritas est", worin er besonders ein Eingeständnis früherer Irrtümer vermisst.

In einem Offenen Brief als Anhang zu seinem Buch Handlungen. Das periodische System der Handlungsarten hat er im Herbst 2007 Jürgen Habermas im Hinblick auf dessen Diskurstheorie der Gesellschaft, dessen Fast-Identifizierung von Handlung mit Sprache, das Spiel mit einem mehrdeutigen Diskurs-Begriff usw. zusammenfassend kritisiert.[2][3]

Veröffentlichungen[Bearbeiten]

Heinrichs hat ca. 30 Bücher geschrieben und über 100 Aufsätze in Fachzeitschriften und zahlreiche Artikel in Lexika und Enzyklopädien veröffentlicht.

  • Intentio als Sinn bei Thomas von Aquin. Eine Untersuchung über die differenzierte Einheit des thomanischen Intentionsbegriffes. Philosophische Lizentiatsarbeit Pullach 1967 (PDF; 948 KB)
  • Die Logik der „Phänomenologie des Geistes“. Bouvier, Bonn 1974, ISBN 3-416-00972-X; 2. durchgesehene Auflage 1983, 3-416-01753-6
  • Reflexion als soziales System. Zu einer Reflexions-Systemtheorie der Gesellschaft. Bouvier, Bonn 1976, ISBN 3-416-01311-5; Neuausgabe als Logik des Sozialen. Woraus Gesellschaft entsteht. Steno, Varna [u.a.] 2005, ISBN 954-449-199-6
  • Freiheit, Sozialismus, Christentum. Um eine kommunikative Gesellschaft. Bouvier, Bonn 1978, ISBN 3-416-01433-2 (PDF)
  • Reflexionstheoretische Semiotik. Bouvier, Bonn
  • Die Logik der Vernunftkritik. Kants Kategorienlehre in ihrer aktuellen Bedeutung. Eine Einführung. Franke, Tübingen 1986, ISBN 3-7720-1726-6
  • Die Liebe buchstabieren. Stichworte zu einem Menschheitsthema. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt 1987, ISBN 3-596-23867-6; Neuausgabe als Die Liebe buchstabieren. Das grosse ABC für Erlebnis- und Denkfreudige. Weinheim, Deutscher Studien-Verlag 1994, ISBN 3-89271-431-2
  • mit John Hormann: Wörterbuch des Wandels. Einsichten für Manager, Mystiker … und Menschen. mvg-Verlag, München 1991, ISBN 3-478-07620-X
  • Gastfreundschaft der Kulturen. Multikulturelle Gesellschaft in Europa und deutsche Identität. Verlag Die Blaue Eule, Essen 1994, ISBN 3-89206-623-X
  • Ökologik. Tiefenökologie als strukturelle Naturphilosophie. Lang, Frankfurt [u.a.] 1997, ISBN 3-631-31102-8; 2. überarbeitete Auflage Öko-Logik. Geistige Wege aus der Klima- und Umweltkatastrophe. Steno, Varna [u.a.] 2005, ISBN 954-449-308-5
  • Sprung aus dem Teufelskreis. Logik des Sozialen und natürliche Wirtschaftsordnung. Vita Nuova, Wien 1997, ISBN 3-901787-00-3; aktualisierte Neuauflage Steno, Varna [u.a.] 2005, ISBN 954-449-200-3
  • Entwurf systemischer Kulturtheorie. Abteilung für Kulturwissenschaften der Universität Krems. Krems 1998, ISBN 3-901806-04-0
  •  Philosophie am Scheideweg. Johannes Heinrichs im Interview mit Clemens K. Stepina. 1. Auflage. Passagen Verlag, Wien 2002, ISBN 978-3-85165-522-3 (Buchvorschau bei Libreka).
  • Revolution der Demokratie. Eine Realutopie. Maas, Berlin 2003, ISBN 3-929010-92-5 (Zusammenfassung als PDF)
  • Das Geheimnis der Kategorien. Die Entschlüsselung von Kants zentralem Lehrstück. MAAS, Berlin 2004, ISBN 3-929010-94-1
  • Demokratiemanifest für die schweigende Mehrheit. Die „Revolution der Demokratie“ in Kürze. Steno, München [u.a.] 2005, ISBN 954-449-201-1
  • Revolution aus Geist und Liebe. Hölderlins „Hyperion“ durchgehend kommentiert. Steno, München [u.a.] 2007, ISBN 978-954-449-311-0
  • Kultur – in der Kunst der Begriffe. Steno, München [u.a.] 2007, ISBN 9789544493271
  • Philosophische Semiotik.
    • Teil 1: Handlungen. Das periodische System der Handlungsarten. 2. vollständig überarbeitete Auflage. Steno, München [u.a.] 2007, ISBN 978-954-449-319-6
    • Teil 2: Sprache.
      • Band 1: Die Zeichendimension. Das elementare Spiel der Zeichengestalten. (Sigmatik) Steno, München [u.a.] 2008, ISBN 978-954-449-345-5
      • Band 2: Die Bedeutungsdimension. Das subjektive Spiel der objektiven Bedeutungen (Semantik). Steno, München [u.a.] 2008, ISBN 978-954-449-351-6
      • Band 3: Die Handlungsdimension. Psychologik der Sprechakte und Dialoganalyse (Pragmatik). Steno, München [u.a.] 2008, ISBN 978-954-449-352-3
      • Band 4: Die Satzbauformel. Eine philosophisch begründende Grammatik (Syntax) Steno, München [u.a.] 2009, ISBN 978-954-449-353-0
      • Band 5: Textsorten und Stilfiguren oder Die Festspiele des Stils (Stilistik) Steno, München [u.a.] 2009, ISBN 978-954-449-354-7
      • Die integrale Systematik der Sprache in 5 Bänden Steno, München [u.a.] 2010, ISBN 978-954-449-448-3
  • Sprache spricht mir. Die Summa poetica des Philosophen J.H., Araki, Leipzig 2013, ISBN 978-394-184-814-6

Weblinks[Bearbeiten]

Fußnoten[Bearbeiten]

  1. Wissenschaftlicher Beirat.
  2. Offener Brief an Jürgen Habermas
  3. Readers Edition: Deutscher entdeckt neues Periodensystem. 9. September 2007