Johannes Otzen

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Johannes Otzen
Grabstätte auf dem Friedhof Wannsee an der Lindenstraße
Detail seiner Grabstätte: Engel mit Kirche
Detail seiner Grabstätte: Relief von Johannes Otzen des Bildhauers Curt Stoeving

Johannes Otzen (* 8. Oktober 1839 in Sieseby (Schleswig-Holstein); † 8. Juni 1911 in Berlin) war ein deutscher Architekt (mit besonderem Schwerpunkt im evangelischen Sakralbau), Stadtplaner, Architekturtheoretiker und Hochschullehrer. Er wirkte vor allem in Berlin und Norddeutschland. Otzen führte die städtebauliche Gesamtplanung der Berliner Villenkolonien Groß-Lichterfelde und Friedenau aus.

Leben[Bearbeiten]

Johannes Otzen wurde als Sohn eines Dorfschullehrers geboren, der auch die Kirchenorgel spielte. Drei Jahre lernte Otzen ein klassisches Bauhandwerk und wurde Zimmermann. Es folgten die Baugewerkschule und ein Studium am Polytechnikum Hannover. Hier schloss er sich der Landsmannschaft Slesvico-Holsatia, dem späteren Corps Slesvico-Holsatia, an.[1] Er war ein Schüler von Conrad Wilhelm Hase, in dessen Atelier er nach Abschluss des Studiums Bauführer wurde. Er wurde nach dem bestandenen Staatsexamen zum preußischen Regierungsbaumeister (Assessor in der öffentlichen Bauverwaltung) ernannt, als der er ab 1866 in Schleswig-Holstein Dienst tat. In diese Zeit fällt die Entscheidung für Otzens Entwurf bei einem Wettbewerb für den Bau der St.-Johannis-Kirche in Altona, den er auch ausführte. Bis zu seinem Lebensende baute er 22 Kirchen, unter denen die Ringkirche in Wiesbaden zu den wichtigsten gehört.

Ein weiterer Höhepunkt seines Schaffens war die Anlage repräsentativer Villenkolonien. Otzen hatte bereits früh erste Aufträge für den Hamburger Bauunternehmer und Immobilien-Spekulanten Johann Anton Wilhelm von Carstenn ausgeführt und wurde 1869 Generalbevollmächtigter von dessen Firma. In dieser Zusammenarbeit plante Otzen die städtebauliche Gesamtanlage der seit 1863 von Carstenn in Berlin begonnenen Vorzeige-Villenkolonie Lichterfelde, die sich rasch zu einem großen Erfolg entwickelte und stilprägend für weitere Anlagen wurde. Otzen wurde von Carstenn daraufhin auch mit der Planung von Großanlagen in anderen damaligen Berliner Vororten wie Friedenau betraut, für die er ab 1871 ebenfalls den Bebauungsplan erstellte. 1874 machte Otzen sich selbstständig, ein kleines Vermögen ermöglichte ihm, die Kieler Jakobikirche ohne Honorar zu errichten.

Für die Ausmalung der Kirchen zog Johannes Otzen vor allem Hermann Schmidt aus Hamburg und Otto Berg aus Berlin heran, beide gelegentlich auch für figürliche Malereien, die er aber bevorzugt durch die beiden Düsseldorfer Maler Wilhelm Döringer und Bruno Ehrich ausführen ließ.

Als Gewinner zahlreicher Wettbewerbe wurde Otzen 1878 als Professor an die neu gegründete Technische Hochschule Charlottenburg berufen. Zu seinen Schülern dort zählte z. B. Fernando Lorenzen. 1885 wechselte Otzen an die Preußische Akademie der Künste in Berlin, wo er weiterhin in einem Meisteratelier Architekturstudenten ausbildete. Der Architekt Jürgen Kröger, den er 1882 in sein Büro holte, wurde dabei als Mitarbeiter seines Privatbüros unmittelbar in die Ausbildung einbezogen. 1888 wurde Otzen zum Geheimen Regierungsrat ernannt.

Epochale Bedeutung gewann der Bau der ersten Kirche, die nach dem Wiesbadener Programm des Wiesbadener Pfarrers Emil Veesenmeyer gestaltet wurde. Mit der von 1889 bis 1894 gebauten dritten evangelischen Kirche in Wiesbaden, die später „Ringkirche“ genannt wurde, war das bis dahin geltende „Eisenacher Regulativ“ de facto außer Kraft gesetzt. Damit begann im evangelischen Kirchenbau eine neue Epoche, in der man sich von engen Stilvorschriften löste und die Funktion eines Kirchbaus neu hinterfragte. Einerseits ist das Raumkonzept kompromisslos aus den optischen und akustischen Erfordernissen einer evangelischen Predigtkirche entwickelt. Andererseits blieb Otzen der mittelalterlichen Kirchenbautradition verbunden und verwendete (entsprechend seiner Herkunft als Schüler Conrad Wilhelm Hases) Architekturelemente der Gotik, ging aber historisch sogar noch weiter zurück und kombinierte sie mit Elementen der Romanik, zu seinem typischen „Übergangsstil“ aus Neoromanik und Neogotik.

Mit seinen Kirchenbauten löste sich Otzen in der Folgezeit zwar von traditionellen Vorbildern, und folgte einer funktionalen Architektur, blieb aber der mittelalterlichen Formensprache verpflichtet. Obwohl seine Raumkonzepte der barocken Tradition näher standen, als er selbst es zugegeben hätte, lehnte er eine Wiederkehr des barocken Stils ab und kritisierte (auf einem Kongress für den Kirchenbau des Protestantismus in Berlin 1894) die „übertriebene Bewunderung der Dresdner Frauenkirche als Ideal des protestantischen Kirchenbaus“. Diese Polemik auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn richtete sich gegen seine progressiveren Kollegen wie den Kunsthistoriker Cornelius Gurlitt. Diese propagierten eine Umorientierung weg vom mittelalterlichen hin zum neobarocken Stil, und zwar aus generellen künstlerischen Erwägungen, also nicht nur auf gottesdienstliche Räume bezogen. Immerhin forderte auch Gurlitt beim Kirchenbau, dass er vor allem dem Gottesdienst zu dienen habe: „Protestantischer Kirchenbau ist in allererster Linie Innenarchitektur.“ Der Autor des Wiesbadener Programms, Emil Veesenmeyer, folgte in dieser Frage Gurlitt und gehörte zu den Bewunderern der Dresdner Frauenkirche.

Als Präsident der Akademie der Künste hielt Otzen am 1. August 1900 in der École nationale supérieure des beaux-arts de Paris einen vor allem in Frankreich viel beachteten Vortrag bei dem Internationalen Architektenkongress, in dem er sich scharf gegen das in der Gründerzeit nicht seltene Stilgemisch wandte und damit einer Kunstrichtung die Tür öffnete, die er selbst wenig schätzte:

„Eine gesunde logische Konstruktion, basierend auf klarer Erkenntnis aller statischen Vorgänge, muss die Grundlage eines tüchtigen Bauwerks nicht nur sein, sondern auch als solche in die Erscheinung treten.“

Er förderte damit – ohne gerade dies zu wollen – den Jugendstil, in dem in der Folge die meisten Kirchen nach dem Wiesbadener Programm gebaut wurden.

Am 8. Juni 1911 starb Johannes Otzen in Berlin in seiner Villa in Grunewald. Er wurde auf dem Neuen Friedhof Wannsee an der Lindenstraße bestattet. Die gesamte Grabstätte hat eine Breite von 5,60 Meter. Das prächtige, neugotische Wandgrab wurde von dem Architekten und Bildhauer Curt Stoeving (1863–1939) entworfen, einem Künstler, der zur Berliner Künstler-Vereinigung „Werkring“ gehörte. Das Grab trägt die Signatur C S 1912. Im Zentrum ist eine hoher Giebel mit gotischen Ornamenten zu sehen, das links und rechts von zwei 1,40 Meter hohen Engeln flankiert ist. Der rechte davon hält das Modell einer Kirche in den Händen. An einem Pfeiler ist ein ein Meter hohes Reliefbildnis von Johannes Otzen zu sehen.[2] Die Grabstätte, als Ehrengrab der Stadt Berlin, liegt in der Abt. A.T.-22.

Otzen hatte vier Töchter und einen Sohn, Robert Otzen.

Ehrungen[Bearbeiten]

In Hamburg-St. Pauli wurde die Straße, die an der von ihm entworfenen Friedenskirche vorbeiführt, Otzenstraße benannt. Weiterhin gibt es in Berlin eine Otzenstraße, die an der Peripherie des von ihm geplanten Ortsteils Friedenau liegt.

Bauten[Bearbeiten]

Evangelische Hauptkirche Rheydt
Friedenskirche in Hamburg-St. Pauli

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Johannes Otzen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. 100 Jahre Weinheimer Senioren-Convent, S. 142. Bochum, 1963
  2. Erika Müller-Lauter: Berliner Forum 9/85: Grabmäler in Berlin IV – Die Friedhöfe im Bezirk Zehlendorf. Presse- und Informationsamt des Landes Berlin, 1985.
  3. Amtliche Mitteilungen (PDF; 986 kB). In: Zentralblatt der Bauverwaltung, 14. Jahrgang, Nr. 4 (27. Januar 1894), S. 37
  4. Amtliche Mitteilungen. In: Zentralblatt der Bauverwaltung, 14. Jahrgang, Nr. 46 (17. November 1894), S. 477
  5. Amtliche Mitteilungen (PDF; 1,3 MB). In: Zentralblatt der Bauverwaltung, 18. Jahrgang, Nr. 15 (9. April 1898), S. 169
  6. Amtliche Mitteilungen (PDF; 2,0 MB). In: Zentralblatt der Bauverwaltung, 24. Jahrgang, Nr. 59 (23. Juli 1904), S. 369
  7. Amtliche Mitteilungen (PDF; 1,8 MB). In: Zentralblatt der Bauverwaltung, 27. Jahrgang, Nr. 15 (16. Februar 1907), S. 101
  8. Vermischtes (PDF; 1,2 MB). In: Zentralblatt der Bauverwaltung, 25. Jahrgang, Nr. 45 (3. Juni 1905), S. 288
  9. a b c d e Archiv der Hamburgischen Landeskirche (Hrsg.), Brigitte Rohrbeck, Helga-Maria Kühn: Die Kirchen der Hamburgischen Landeskirche. Hamburg 1970.
  10. a b Joanna Kucharzewska: Architektura i urbanistyka Torunia w latach 1871–1920. Warszawa 2004.
  11. Jochen Hermann Vennebusch / Ulrike Winkel: Ev.-luth. Friedenskirche und Osterkirche Hamburg-Eilbek (Kleiner Kunstführer Nr. 2812). Regensburg 2012.
  12. Stadt Hamburg: Friedenskirche – Stadt Hamburg
  13. Dieter Ullmann: Kirchen in und um Apolda. Weimar 1991, ISBN 3-86160-015-3.
  14. Ralf-Andreas Gmelin: Der Dom der kleinen Leute. (Kirchenführer zur Ringkirche Wiesbaden)
  15. Peter Seyfried: Johannes Otzens opus ultimum. In: Evangelische Hauptkirche zu Rheydt 1902–2002. ISBN 3-00-010531-X.
  16. Holger Brülls: Die Modernität rückwärtsgewandten Bauens. In: Evangelische Hauptkirche zu Rheydt 1902–2002. ISBN 3-00-010531-X.