Johannes Stöffler

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Zeitgenössisches Autorenportrait Stöfflers aus seinem 1534 erschienenen Kommentar zur Sphaera des Pseudo-Proklos (eigtl. Geminos)

Johannes Stöffler (* 10. Dezember 1452 vermutlich in Blaubeuren oder Justingen; † 16. Februar 1531 in Blaubeuren) war ein deutscher Mathematiker, Astronom, Hersteller astronomischer Instrumente, Astrologe sowie Pfarrer. Er war Professor an der Universität Tübingen.

Leben[Bearbeiten]

Kupferstich aus der Werkstatt Theodor de Brys, erschienen 1598 im 2. Bd. der Bibliotheca chalcographica
Tafelbild des Johannes Stöffler im Stile eines Ideal- und Standesportraits, entstanden 1614 für die Tübinger Professorengalerie

Johannes Stöffler[1] wurde am 10. Dezember 1452 in Blaubeuren[2] oder Justingen[3] auf der Schwäbischen Alb geboren und besuchte die Schule[4] in Blaubeuren. Unmittelbar nach Gründung der Universität Ingolstadt schrieb er sich am 21. April 1472 dort ein, wurde im September 1473 Baccalaureus und erhielt im Januar 1476 die Magisterwürde. Nach Beendigung seiner Studien wurde er Inhaber der Pfarrei im zur Herrschaft Justingen gehörenden Gundershofen. Bereits 1473 war er Kaplan der Pfarrei Justingen geworden, was wohl eine Art Studienstipendium darstellte. 1481 übernahm er diese gut dotierte und mit einem Hilfspfarrer ausgestattete Pfarrei. Im selben Jahr wählte ihn das Ehinger Landkapitel zum Dekan.

Stöffler war vielleicht ein Nachkomme aus einer nichtehelichen Verbindung, möglicherweise ein Enkel, eines von Stöffeln. Diese Annahme ergibt sich aus der äußerst wohlwollenden Behandlung durch die Herren von Justingen, die Freiherren von Stöffeln, außerdem aus der Tatsache, dass er das gleiche Wappen führte wie diese, und schließlich aus dem offensichtlich abgeleiteten Namen.

Ab 1511 war er Professor an der Universität Tübingen auf dem 1507 neu geschaffenen Lehrstuhl für Mathematik und Astronomie. Neben seiner Lehrtätigkeit stellte er astronomische Instrumente, Globen und Uhren her, unter anderem die heute noch funktionierende Astronomische Uhr am Schmuckgiebel des Tübinger Rathauses. Nach der Vertreibung Herzog Ulrichs im Jahre 1519 musste Stöffler jahrelang um seine Bezüge kämpfen.

Eine Pestepidemie erzwang 1530 die Verlagerung des Universitätsbetriebs in andere Städte im Land. Stöffler, der mit einem Teil seiner Fakultät nach Blaubeuren ging, verstarb dort am 16. Februar 1531 an der Pest. Er wurde im Chor der Stiftskirche in Tübingen beigesetzt. Theodor Reysmann, Schüler Stöfflers und Melanchthons, welcher ebenfalls mit nach Blaubeuren gezogen war, verfasste ein Gedicht auf Stöfflers Tod.[5]

Stöfflers Nachfolger in Tübingen wurde Philipp Imsser, welcher auch einen Teil seiner Handbibliothek übernahm (einige Bücher befinden sich heute in der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe).

Astronomie[Bearbeiten]

Himmelsglobus von Johannes Stöffler, 1493; Landesmuseum Württemberg

Neben seinen kirchlichen Pflichten beschäftigte sich Stöffler mit der Astronomie und Astrologie sowie der Herstellung astronomischer Instrumente, Globen und Uhren, wozu er sich im Pfarrhaus auch eine Werkstatt einrichtete. Mit seinen Erzeugnissen erwarb er sich schnell einen Ruf. So erhielt er einen Auftrag des Konstanzer Weihbischofs für einen Himmelsglobus, sein erstes bedeutendes Werk, den er 1493 anfertigte. Seine in mehreren Auflagen erschienene Schrift Elucidatio fabricae ususque astrolabii galt bei Astronomen und Feldmesser lange Zeit als Standardwerk.[6]

Astrologie[Bearbeiten]

Europaweit bekannt wurde Stöffler, teilweise auch unter der von seinem Wirkungsort abgeleiteten Bezeichnung Meister Hans Justinger, durch den von ihm gemeinsam mit dem Ulmer Pfarrer Jakob Pflaum verfassten und 1499 veröffentlichten Almanach, ein Ephemeridenwerk von hoher Genauigkeit. Es enthielt auch astrologische Vorhersagen, u.a. über das nahende Ende des Papsttums (solche Prophezeiungen waren damals aufgrund des Unmuts über den Zustand der Kirche verbreitet).

Besonders wirkungsvoll war seine Vorhersage für 1524. Da schrieb er über eine seltene Zusammenkunft aller fünf Planeten sowie Sonne und Mond im Sternzeichen der Fische Folgendes:

„Im Monat Februar ereignen sich 20 Konjunktionen, von denen 16 in einem wässrigen Sternzeichen passieren, die zweifellos auf so ziemlich dem ganzen Erdkreis bezüglich Wetter, Königreiche, Provinzen, Verfassung, Würden, Vieh, Meerestiere und alle Landbewohner Veränderung, Wechsel und Bewegung bedeuten, wie sie sicherlich seit Jahrhunderten von Geschichtsschreibern oder von den Massen kaum wahrgenommen wurden. Erhebet daher eure Häupter, ihr Christen!“[7]

Stöffler sprach nicht konkret von Überschwemmungen, sondern allgemein von mutatio, variatio und alteratio. Aber er kündigte hier weltbewegende Ereignisse an: Eine Vielzahl von Bereichen und Gruppen sollte betroffen sein, es handle sich um etwas seit Jahrhunderten nicht Dagewesenes, und am Schluss spielt er auf Worte Jesu in dessen Endzeitrede an (Lk 21,28 EU). In Kombination mit dem Hinweis auf ein „wässriges Zeichen“ lag es nahe, auch an dramatische Überschwemmungen zu denken. Den Schrecken, den Stöfflers Vorhersage auslöste, machte der uruguayische Schriftsteller Eduardo Galeano zum Thema seiner historischen Miniatur „Die Sintflut“.[8] Die durch Stöfflers Hinweis ausgelöste Diskussion gilt in Anbetracht der großen Zahl der zu diesem Thema publizierten Schriften als die intensivste der ganzen Astrologiegeschichte. Der Wiener Astronom Georg Tannstetter trat extremen Befürchtungen entgegen (und polemisierte dabei, ohne Stöffler beim Namen zu nennen, gegen den „autor ephemeridum“). Stöffler reagierte darauf mit einer eigenen Rechtfertigungsschrift, und nannte Tannstetter bereits im Titel (Expurgatio, 1523). Stöffler verteidigte sich damit, dass er ohnehin nichts Konkretes vorhergesagt habe.[9]

Kollegen und Schüler[Bearbeiten]

Stöffler führte nun eine umfangreiche Korrespondenz mit bedeutenden Humanisten seiner Zeit, so auch mit Johannes Reuchlin, für den er ein Äquatorium verfertigte und Horoskope erstellte. Auf Veranlassung des Herzogs Ulrich von Württemberg wurde ihm 1507 der neugeschaffene Lehrstuhl für Mathematik und Astronomie an der Universität Tübingen übertragen, doch nahm er die Berufung erst 1511 an. Er entfaltete dort eine rege Lehr- und Publikationstätigkeit und wurde 1522 zum Rektor gewählt. Zu seinen bekanntesten Schülern zählen Philipp Melanchthon und Sebastian Münster.

Ehrungen[Bearbeiten]

Mondkarte aus Almagestum novum astronomiam mit Stoefler

Giovanni Riccioli benannte in der von ihm 1651 in Almagestum novum astronomiam veröffentlichten selenographischen Karte Francesco Maria Grimaldis einen Mondkrater Stöffler zu Ehren Stoefler. Die Namensgebung des Kraters Stöfler hielt sich in der Folge in weiteren Karten und wurde 1935 von der Internationalen Astronomischen Union offiziell bestätigt.

Werke[Bearbeiten]

  • 1493: Ein Himmelsglobus für den Bischof von Konstanz. Dieser Himmelsglobus ist als einziges bis heute erhaltenes und bedeutendstes Produkt seiner Werkstatt im Württembergischen Landesmuseum in Stuttgart ausgestellt.[10]
  • 1496: Eine astronomische Uhr für das Münster in Konstanz.
  • 1498: Ein Himmelsglobus für den Bischof von Worms.
  • 1499: Ein in Zusammenarbeit mit dem Ulmer Astronomen Jakob Pflaum verfasster Almanach (Almanach nova plurimis annis venturis inserentia, Ulm bei Johann Reger) als Fortsetzung der Ephemeriden von Regiomontanus. Dieser Almanach erfuhr bis 1551 13 Auflagen und übte mit seiner weiten Verbreitung einen großen Einfluss auf die Astronomie seiner Zeit aus.
  • 1510: Eine astronomische Uhr für das Tübinger Rathaus zur Anzeige möglicher Mond- und Sonnenfinsternisse. Sie ist voll funktionsfähig renoviert seit 1993.
  • 1512: Schrift über die Konstruktion und den Gebrauch des Astrolabiums (Elucidatio fabricae ususque astrolabii), von der bis 1620 16 Ausgaben erschienen. (Eine englische Übersetzung wurde von Alessandro Gunella, John Lamprey herausgegeben: Stoeffler's Elucidatio. Bellvue, CO: Selbstverlag John Lamprey 2007.)
  • 1514: Astronomische Tafeln (Tabulae astronomicae).
  • 1518: Vorschlag zur Kalenderreform; dieser bildete eine Grundlage für die Gregorianische Kalenderreform: Calendarivm Romanvm Magnum, Cæsare[ae] maiestati dicatum, D. Ioanne Stœffler Iustingensi Mathematico authore. Jakob Köbel, Oppenheim 1518.
  • 1523: Rechtfertigung gegenüber der Kritik von Tannstetter hinsichtlich der Befürchtungen für 1524: Expurgatio adversus divinationum XXIIII anni suspitiones a quibusdam indigne sibi offusas, nominatim autem a Georgio Tannstetter Collimicio. Tübingen 1523 (18 Bl.)

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Zu seinem Porträt in der Professorengalerie der Universität Tübingen siehe Stöffler in der Professorengalerie Tübingen
  2. Stöfflers Angabe seiner Herkunft in der Matrikel der Universität Ingolstadt (heute LMU München): "Plabewrn". Verwandte Stöfflers sind in Blaubeuren nachgewiesen.
  3. Diese Vermutung wird von einer angenommenen direkten Abstammung von einem von Stöffeln abgeleitet.
  4. In Blaubeuren gab es sowohl eine Klosterschule als auch eine städtische Lateinschule, die beide in Frage kommen.
  5. Das Gedicht wurde von Dirk Kottke ediert. Vgl. Theodor Reysmann (1531), De obitu Ioannis Stoefler Iustingani mathematici Tubingensis elegia (Augsburg 1531): Ein Gedicht auf den Tod des Tübinger Astronomen Johannes Stöffler (1452–1531). Edition, Übersetzung und Kommentar mit einem Verzeichnis der poetischen Werke Reysmanns von Dirk Kottke. Hildesheim, Zürich u.a.: Olms, 2013. (Spudasmanta, Bd. 156). ISBN 978-3-487-15091-8.
  6. Ralf Kern: Wissenschaftliche Instrumente in ihrer Zeit. Band 1: Vom Astrolab zum mathematischen Besteck. Köln 2010. S. 313. ISBN 978-3-86560-772-0.
  7. Übersetzt in Franz Graf-Stuhlhofer: Humanismus zwischen Hof und Universität. Georg Tannstetter (Collimitius) und sein wissenschaftliches Umfeld im Wien des frühen 16. Jahrhunderts. Wien 1996, S.136 (dort auch der lateinische Originaltext).
  8. Eduardo Galeano: Zeit die spricht. Hammer, Wuppertal 2005. ISBN 3-7795-0027-2. S. 87.
  9. Über die damalige Diskussion und insbesondere Tannstetters Stellungnahme siehe Graf-Stuhlhofer: Humanismus zwischen Hof und Universität. 1996, S.135-140.
  10. Dazu Günther Oestmann: Schicksalsdeutung und Astronomie: Der Himmelsglobus des Johannes Stoeffler von 1493. Ausstellungskatalog. Württembergisches Landesmuseum, Stuttgart 1993. ISBN 3-929055-28-7.

Literatur[Bearbeiten]

  • Karl Hartfelder: Stöffler, Johannes. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 36, Duncker & Humblot, Leipzig 1893, S. 317 f.
  • J. C. Albert Moll: Johannes Stöffler von Justingen. Ein Characterbild aus dem ersten Halbjahrhundert der Universität Tübingen, in: Schriften des Vereins für Geschichte des Bodensees und seiner Umgebung, 8. Jg. 1877, S. 1–77 (Digitalisat)

Weblinks[Bearbeiten]