Jovan Cvijić

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Jovan Cvijić, 1911

Jovan Cvijić (* 12. Oktober 1865 in Loznica; † 16. Januar 1927 in Belgrad) war ein serbischer und jugoslawischer Geograph. Als Professor in Belgrad (seit 1893) und Präsident der Serbischen Akademie der Wissenschaften und Künste machte er sich um die vielseitige Erforschung der Balkanhalbinsel verdient. Cvijić war Gründer der Serbischen Geographischen Gesellschaft (1910). Neben den grundlegenden Werken zur Geomorphologie sind die anthropo- und ethnographischen Arbeiten herausragend. Cvijić nahm an den Friedensverhandlungen in Paris 1919 als Präsident der Nationalen Expertengremien beratend teil. Seit 1961 wird das Geografische Institut der Serbischen Akademie der Wissenschaft nach Jovan Cvijić benannt.[1]

Leben[Bearbeiten]

Jovan Cvijićs Wohnhaus in Belgrad beherbergt heute das Museum Jovan Cvijić

Familie[Bearbeiten]

Cvijić stammte aus armen Verhältnissen und wurde als Sohn des Loznicer Kaufmannes Todor Cvijić und Marija Cvijić (geborene Avramović) am 12. Oktober 1857 in Loznica als drittes von sechs Kindern geboren. Die Familie väterlicherseits stammte über Cvijićs Urgroßvater Cvijo Spasojević (genannt Cvijo Vrelo) aus dem Hochland des Durmitors.[2] Cvijićs Urgroßvater war Freiheitskämpfer im Ersten und Zweiten Serbischen Aufstand 1804-1813.

Das Geburtshaus der Eltern Cvijićs lag in dem flachen Stadtteil Loznicas, der Stara Varoš (dt. Alter Markt) genannt wurde. Nah am Elternhaus befand sich eine Doline sowie ein Brunnen, dessen Wasser in einen nahegelegenen Ponor verschwand. Dies waren Cvijićs erste Anschauungsobjekte der von ihm später in seiner Dissertation konzipierten Gesetzmäßigkeiten der Karsthydrologie.[3]

Schule[Bearbeiten]

Cvijićs Kindheit war geprägt durch die Erziehung durch seine Mutter Marija und seinen Onkel Pera Avramović. Die achtjährige Grundschule und die zwei ersten Jahre des Gymnasiums besuchte Jovan Cvijić in Loznica. Da in Loznica kein Voll-Gymnasium bestand, besuchte Jovan Cvijić die weiteren Klassen in Šabac, dessen Schule damals als die renommierteste Serbiens galt.[4]

Nur mit der finanziellen Unterstützung seiner Eltern sowie der Gemeinde Loznica konnte er diese Bildungseinrichtung besuchen. Nachdem seine Eltern in finanzielle Schwierigkeiten geraten waren und auch die Stadt keine regelmäßigen Zuwendungen mehr gab, war Jovan Cvijić auf die Unterstützung eines Šabacer Kaufmannes angewiesen.

Der Physik- und der Erdkundelehrer der Schule, Ranko Petrović und Vladimir Karić, waren von entscheidender Bedeutung für Cvijićs weitere Laufbahn.[5] Petrović war ein Anhänger der sozialistischen Idee und beeinflusste Cvijićs ideologische Richtung maßgeblich. So versorgte er Cvijić mit sozialistischen Blättern, der studentischen Zeitschrift "Pobratimstvo" und Zeitungen aus Belgrad, Novi Sad und Kragujevac. Cvijić beschäftigte sich auch mit Artikeln von Svetozar Marković, Pera Todorović und Nikolai Gawrilowitsch Tschernyschewski. Cvijić selbst sagte dazu:

Die sozialistischen Bücher waren für mich wesentlich. Ihre Gedanken waren in Übereinstimmung mit den Idealen, die ich in mir trug und von meiner Mutter geerbt habe... Alles andere, außer die Gedanken über das Wohlergehen der Menschheit wurde mir nebensächlich. Jovan Cvijić“

Iz uspomen i života (Autobiografija i drugi spisi). S. 42

1881 übersiedelte Jovan Cvijić nach Belgrad, um dort die vollständige Gymnasialreife zu erlangen. Er lernte dort auch Französisch, Deutsch und Englisch. Dies half ihm später als Student der Velika Škola, da die damaligen geografischen und naturwissenschaftlichen Lehrbücher von John Herschel, Archibald Geikie oder Thomas Henry Huxley für Cvijić nur in den Originalfassungen zugänglich waren.[6] Obwohl Cvijić seine Matura mit höchster Auszeichnung bestand, konnte er sich wegen der fehlenden finanziellen Mittel seiner Eltern nicht sofort an der Universität einschreiben. 1884 kehrte er nach Belgrad zurück, um sich für das Fach Medizin zu bewerben. Nach einer zufälligen Begegnung mit seinem alten Erdkundelehrer aus Šabac, Vladimir Karić, schrieb er sich auf dessen Anraten mit der Aussicht auf ein späteres Auslandsstudium in der Naturwissenschaftlich-Mathematischen Fakultät der Großen Schule in Belgrad ein.

Studium[Bearbeiten]

Schon während des Studiums ab dem Semester 1884/1885 begann sich Jovan Cvijić im Rahmen von Exkursionen mit naturwissenschaftlich-geografischen Fragen der Balkanhalbinsel zu beschäftigen. Daraus resultierend erschien 1887 seine erste Publikation. Nach Abschluss des Studiums wurde er zunächst Lehrer des Zweiten Belgrader Gymnasiums, wo er Allgemeine Geographie unterrichtete.

Anschließend reiste er 1889 als staatlicher Stipendiat nach Wien. Er besuchte in der Universität Wien die Vorlesungen von Albrecht Penck, Eduard Suess, Julius Hann und Wilhelm Tomaschek, bei denen er auch am 22. Januar 1893 seine Dissertation Das Karstphänomen verteidigte. Penck und Suess waren für Cvijić maßgebend im Erarbeiten der damaligen methodischen Mittel zu Forschungsfragen der Tektonik, Quartärgeologie und Geomorphologie. Die mit Penck und Suess auf Exkursionen in den Zentralalpen und Randalpen gemachten Beobachtungen übertrug Cvijić später auf die vorgefundenen Verhältnisse der Balkanhalbinsel. Insbesondere wirkte er hier als erster, der Pencks quartärgemorphologische Arbeit in der These der alpinen Glazialzyklen mit den glazialphologischen Abläufen der Glazialen Serie und allgemein der Quartärgeschichte auf die Balkanhalbinsel übertrug.

Nach der Erlangung des Doktorgrades wurde Cvijić zum 21. März 1893 als ordentlicher Professor an die Velika Škola („Große Schule“), die Vorläufereinrichtung der Universität Belgrad, berufen.

Der Balkan nach Jovan Cvijić

Wissenschaftliche Arbeiten[Bearbeiten]

Cvijićs Promotionsarbeit über Formen des Karstes wurde in internationalen Fachkreisen bald als Standardwerk angenommen. Ferdinand von Richthofen und Sir Archibald Geikie waren unter den persönlichen Gratulanten. Das Werk wurde in den Annales de Géographie und den Mitteilungen der K. und K. geographischen Gesellschaft in Wien weiter veröffentlicht. Die von Cvijić verwendete neue Karstterminologie fand Eingang in die geomorphologische und geologische Fachsprache. Aus Cvijićs Arbeit entwickelte sich nicht nur die Begrifflichkeit des Karstes als geomorphologische Oberflächenform der Erde, sondern er wirkte über die Untersuchung karsthydrologischer Erscheinungen auch auf hydrologische Forschungsbereiche. Als angeschlossener Fachbereich hat sich hieraus insbesondere die Karstologie und Höhlenkunde entwickelt.

Cvijić war in seiner gesamten wissenschaftlichen Laufbahn Professor der „Großen Schule“, ab 1905 in der umbenannten Universität Belgrads. 1894-1907 lehrte er alle Fächer in den physisch-geografischen und anthropogeografischen Abteilungen.

Physisch-geografische Forschung[Bearbeiten]

38 Jahre lang unternahm Cvijić immer wieder Forschungsreisen. Sie begannen im damaligen Königreich Serbien, weiteten sich später aber in alle Teile der Balkanhalbinsel aus. Bei einzelnen Expeditionen war er bis zu vier Monate mit Feldarbeit beschäftigt. Sein Hauptaugenmerk galt zunächst dem tektonischen Bau der Gebirge. Aus dieser Anschauung wollte er die tektonische Abgrenzung oder Verbindung und den Charakter sowie Streichrichtung und Störungen der alpidischen Systeme zwischen Alpen und Kleinasien bestimmen, die nach der Auffassung Eduard Suess' eine Einheit darstellten. Daneben galt Cvijićs bevorzugtes wissenschaftliches Interesse glaziologischen Studien der Hochgebirge, der Weiterführung karstologischer Aufnahmen sowie den kryptodepressiven Systemen der Adriaküste und der pelargonischen Becken Makedoniens.

Cvijić galt als unermüdlicher Forscher, der zeitlebens auch entlegene Regionen der Balkanhalbinsel erkundete. Unter anderem bereiste er die damals zum Osmanischen Reich gehörenden Bereiche Makedoniens, des Sandschak, Kosovos sowie Bulgariens und die kleinasiatische Halbinsel. Seine daraus resultierenden Arbeiten zur Geographie der Balkanhalbinsel sind bis heute in ihrem Umfang nicht wiederholt worden. Cvijić ist neben Penck auch Pionier der Quartärforschung der Gebirge der Balkanhalbinsel (Prokletije, Prenj, Pirin, Orjen). Die Glazialgeschichte in einer Gesamtschau des Balkans in seinem ersten Band der Geomorphologie ist grundlegend geblieben.

"Ethnographische Karte der Balkanhalbinsel," von Jovan Cvijić, 1918

Cvijićs wissenschaftliches geomorphologisches Hauptwerk bildet aber die Erforschung von Karstphänomenen der Dinariden. Die in ihrem terminologischen Gerüst und der geomorphologischen Einteilung auf die Cvijićsche Klassifikation zurückgehende Einteilung von Karstformen sind in die internationale Terminologie übertragen und auf weltweite Phänomene der auf Karbonatlösung beruhenden Oberflächenformen und unterirdischen Karstformenschatzes eingegangen. Beispiele sind Polje, Doline, Ponor, Jama (Karsthöhlen).

Die in Europa einflussreiche Unterteilung Cvijićs von verschieden stark entwickelten Karsttypen in Holokarst und Merokarst sind zwar in der zeitgenössischen Geomorphologie stärkerer Kritik ausgesetzt, aber dennoch feststehende Begriffe, die den Dinarischen Karst als Typform des Holokarsts, den Mitteleuropäischen Karst Schwäbische Alb, Jura zum Merokarst zählen. Damit ist auch die klimageomorphologische Unterteilung, die erst später von Büdel herausgearbeitet wurde, vorweggenommen.

Anthropogeographie[Bearbeiten]

Auf seinen Reisen sammelte Jovan Cvijić auch seine ersten ethnographischen und anthropographischen Eindrücke, die er in seinem späteren Hauptwerk über die Zivilisationen der Balkanhalbinsel verarbeitete (Zones of Civilization of the Balkan penisula, 1918). Diese anthropogeografische Arbeit erfolgte mit Hilfe seiner Studenten, die die dafür notwendigen Aufnahmen und Materialsammlungen anfertigen. Aus dieser Gruppe erwuchs schon vor den Balkankriegen der Stamm der Mitarbeiter, die die spätere sogenannte Cvijićsche Geografische Schule in Belgrad bildeten.

In mehreren Werken bezeichnete Cvijić alle Südslawen als Jugoslawen. Dabei unterschied er zwischen Serbokroaten, Bulgaren, Slowenen und Mazedoniern bzw. Slawen Makedoniens, die er im Weiteren nach ihrer Religionszugehörigkeit klassifizierte: So wären etwa Kroaten römisch-katholische Serbokroaten, Serben dagegen wären christlich-orthodoxe Serbokroaten.

Tätigkeiten für die serbische Regierung[Bearbeiten]

In der Funktion als Emissär Serbiens hielt Cvijić sich 1906 und 1915 in London, 1915 sowie als Emigrant 1917-1919 in Paris auf. Der Regierung Serbiens und dem Generalstab stand er 1914 und 1915 als beratender Fachmann in Fragen der Geographie und Ethnographie zur Seite. Beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 wurde Cvijić von der serbischen Regierung beauftragt, die Grenzen eines möglichen zukünftigen Jugoslawiens zu definieren. Ergebnisse seiner Arbeiten hierzu wurden von der serbischen Regierung als offizielle Kriegsziele im Ersten Weltkrieg genannt. Den Aufforderungen, als Ministerpräsident der Regierung zu kandidieren, widersetzte sich Cvijić, er trat auch zeitlebens keiner Partei bei.[7] Cvijić hatte zwei mögliche Lösungen präsentiert: eine großjugoslawische Lösung, bei dem der jugoslawische Staat neben den Territorien von 1918/19 weite Teile der heutigen südlichen Steiermark und des südlichen Kärntens sowie das Küstenland mitsamt Triest umfassen würde, und eine kleinjugoslawische Lösung, bei der Jugoslawien außer Serbien als Minimalforderung Bosnien, Dalmatien und Slawonien umfassen sollte und in welchem „zumindest die Mehrheit der christlich-orthodoxen Jugoslawen vereint wäre“. Letztere wurde später häufig für großserbische propagandistische Zwecke verwendet.

Zu den zeitgenössischen politischen und wirtschaftlichen Fragen der Balkanhalbinsel insbesondere während der Annexionskrise sowie den Balkankriegen und der territorialen Neuordnung des Balkanraumes infolge des Ersten Weltkrieges äußerte sich Cvijić in zahlreichen Fachpublikationen sowie Referaten oder Vorlesungen. 1917 und 1919 lehrte er an der Sorbonne. 1919/20 nahm er als Vorsitzender der territorialen Sektion der serbischen Delegation an den Friedensverhandlungen in Versailles teil. Nachhaltig war Cvijićs auf ethnischen Kriterien basierende Grenzziehung auf dem Territorium der ehemaligen K.u.K. Monarchie im entstehenden Staat der Serben, Kroaten und Slowenen. Aufgrund der hohen Reputation von Cvijić und seines Kollegen Pupin konnte sich der neuentstandene Staat wichtige territoriale Zugewinne sichern (Banat, Baranja Dalmatien, Julische Alpen). Damit erreicht man auch erstmals, dass die Hauptstadt Serbiens und des ehemaligen Jugoslawiens Belgrad nicht mehr an der ehemaligen Militärgrenze lag und mit der Vojvodina eines der fruchtbarsten Gebiete Europas mit dem starken ungarischen Bevölkerungsanteil als Hinterland Belgrads zu Serbien kam.

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Erinnerungstafel am Hause Jovan Cvijićs

Weiteres[Bearbeiten]

Cvijićs Konterfei wird auf dem 500-Dinar-Schein der serbischen Nationalbank dargestellt.

Werke[Bearbeiten]

Bücher[Bearbeiten]

  • Das Karstphänomen. Wien 1893
  • Karst. Belgrad 1896
  • La péninsule balkanique, Geographie Humaine, Paris 1918 (Nachdruck: Hannover 2006, ISBN 978-3-939659-32-7)

Artikel[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Cvijić Jovan. In: Österreichisches Biographisches Lexikon 1815–1950 (ÖBL). Band 1, Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1957, S. 160.
  • Konrad Clewing, Edvin Pezo: Jovan Cvijić als Historiker und Nationsbildner. Zu Ertrag und Grenzen seines anthropogeographischen Ansatzes zur Migrationsgeschichte, in: Markus Krzoska, Hans-Christian Maner (Hrsg:): Beruf und Berufung: Geschichtswissenschaft und Nationsbildung in Ostmittel- und Südosteuropa im 19. und 20. Jahrhundert. Münster: LIT Verlag, 2005. ISBN 978-3-8258-8053-8. S. 265-297.
  • Svetozar Ćulibrk: Cvijić's Sociological Research into Society in the Balkans. The British Journal of Sociology Vol. 22, No. 4 (Dec., 1971), pp. 423-440
  • Josef Matl: Art. Jovan Cvijić, in: Mathias Bernath (Hrsg.): Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas, Bd. 1, München 1974, ISBN 978-3486479614 S. 355

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. http://www.gi.sanu.ac.rs/en/history/history.html Geographical Institute "Jovan Cvijić" of the Serbian Academy of Sciences and Art - History
  2. Milorad Vasović, 1995: Jovan Cvijić - o svom i našem vremenu. IP Princiip, Belgrad. S. 11 ISBN 86-82273-03-9
  3. Milorad Vasović, S. 11
  4. Joan Cvijić, 1965: Iz uspomen i života (Autobiografija i drugi spisi). Srpska književna zadruga, LVIII, Vol. 395, Beograd
  5. Milorad Vasović, S. 12
  6. Milorad Vasović, S. 12
  7. Milorad Vasović, S. 15
  8. American Geographical Society Honorary Fellowships, The Cullum Geographical Medal 1924 to Jovan Cvijić (PDF; 80 kB)

Weblinks[Bearbeiten]