Jubeljahr

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Das Jubeljahr (hebräisch ‏schenat hajobel‎, lateinisch annus iubilaeus) oder Heilige Jahr (annus sanctus) ist ein besonderes Jubiläumsjahr der römisch-katholischen Kirche, an dem der Papst den Gläubigen bei Erfüllung bestimmter Bedingungen einen vollständigen Ablass gewährt. Bonifatius VIII. rief 1300 erstmals ein solches Jahr aus für Pilger, die nach Rom kamen. Das nächste Jubeljahr sollte ursprünglich erst nach 100 Jahren folgen, der Abstand wurde aber immer weiter verringert. Ab 1475 war jedes 25. Jahr ein Jubeljahr.

Das kirchliche Jubeljahr knüpfte indirekt an das biblische Erlassjahr an: einen alle 50 Jahre gebotenen Schuldenerlass und Besitzausgleich für alle Israeliten (Lev 25,8-55 EU). Die Bezeichnung „Jubeljahr“ oder „Jobeljahr“ stammt vom hebräischen Wort jobel (‏יובל‎), das ursprünglich „Widder“ bedeutete. Aus Widderhörnern wurde das Blasinstrument Schofar gebaut, das zur Eröffnung eines Erlassjahrs geblasen werden sollte. Daher wurde der Ausdruck jobel auf das Instrument und das damit eröffnete Erlassjahr übertragen.[1]

Die lateinische Bibelübersetzung Vulgata des 4. Jahrhunderts übersetzte das hebräische schenat hajobel mit annus iubilæus. Daher stammen „Jubel“, „Jubeljahr“ und das Fremdwort Jubiläum.[2] Daraus abgeleitet ist die umgangssprachliche Redewendung „alle Jubeljahre“, die „ganz selten“ bedeutet,[3] da ein Mensch in der Regel nur zwei bis drei dieser Jubeljahre erleben kann.[4]

Entstehung[Bearbeiten]

Verkündung des ersten Heiligen Jahres durch Bonifatius VIII. im Jahr 1300 (Freskofragment von Giotto in der Lateransbasilika)

Für die Entstehung des katholischen Jubeljahrs kamen mehrere Entwicklungsstränge zusammen: Das biblische Erlassjahr wurde im Buch der Jubiläen, einer nachbiblischen Schrift des Judentums, zu einer Zeit der Buße und fortschreitenden Erlösung umgedeutet. Es werde so lange weitergehen, bis Israel vollständig von aller Schuld erlöst sei. Im Talmud wurde das Erlassjahr mit einer vollständigen Sündenvergebung und einer Aufforderung zur Pilgerfahrt verbunden. Diese Aspekte fehlen im Toragebot: Dort geht es um einen konkreten materiellen Schuldenerlass, die Freilassung von Sklaven und eine ökonomische Bodenreform, nicht um geistige und moralische Schuld.

1126 wurde zur Weihe einer neuen Kathedrale in Santiago (Spanien) ein annus iubilaeus gefeiert, das keinen Sündenablass beinhaltete. 1189, das 50. Jahr nach dem Tod des Bischofs Otto von Bamberg, wurde dort als ein Ablass- und Vergebungsjahr gefeiert. 1220, 50 Jahre nach der Ermordung des Erzbischofs von Canterbury, Thomas Beckett, ließ sein Nachfolger Stephen Langton dessen Reliquien in die neu errichtete Dreifaltigkeitskapelle überführen, rief dazu einen Jubiläumsablass aus und lud die Gläubigen zur Pilgerfahrt nach Canterbury ein. Dabei berief er sich auf das biblische Erlassjahr, das er in spiritueller Weise als Sündenablass erneuern wollte.

Papst Bonifatius VIII. institutionalisierte das Jubeljahr durch die Bulle Antiquorum habet fida relatio vom 22. Februar 1300. Es sollte als Jubiläum der Geburt Jesu Christi und Ablassjahr alle 100 Jahre stattfinden. Als Begründung nannte der Papst zum einen die Volksfrömmigkeit: Es sei die Kunde verbreitet, dass die Kirche alle 100 Jahre zum Jubiläum der Geburt Christi einen Ablass gewähre. Zum anderen nannte er den Kreuzzugsablass, der dem vollständigen Ablass im Jubeljahr gleiche und öfter geschehe, so dass er den Jubiläumsablass auf jedes 100. Jahr - in der Regel einmal während einer Lebensspanne - begrenzen wolle.

Hintergrund waren die Mengen von Rompilgern, die zum 1. Januar 1300 in den Petersdom in Rom geströmt waren und einen vollständigen Ablass nur an diesem Tag erhofften. Dieser Zustrom hatte die Kurie überrascht; die Vorstellung eines besonderen Ablasses am 1. Januar war ihr fremd. Erst danach wurde dieser Tag im 14. Jahrhundert zu einem kirchlichen Feiertag gemacht.[5]

Entwicklung[Bearbeiten]

Schon Klemens VI. 1343 ordnete die Wiederkehr des Jubeljahrs nach je 50 Jahren an. Papst Urban VI. setzte die Jubeljahrsperiode 1389 auf 33 Jahre herab, weil Jesus 33 Jahre auf Erden gelebt habe. In rascher Folge wurden 1390, 1400, 1413, 1423 und 1450 Jubeljahre gefeiert, bis Papst Paul II. 1470 unabänderlich festsetzte, dass das Jubeljahr ab 1475 alle 25 Jahre zu feiern sei, damit jede Menschengeneration ein Jubeljahr feiern könne.[6] Zugleich wurden die Hauptkirchen Roms und die Kathedralen (Bischofssitze) in den verschiedenen Ländern zu Stellvertreterinnen der Peterskirche in Rom bestimmt und allen ihren Besuchern unter den festgesetzten Voraussetzungen ebenso vollkommener Ablass bewilligt wie denen, die 14 Tage lang ihre Andacht in der Peterskirche verrichtet hatten.

Das achte Heilige Jahr 1500 wurde erstmals mit der feierlichen Hammer-Zeremonie eröffnet, die seither üblich ist: Der Papst öffnet am Heiligabend des Vorjahres die eigens in den Petersdom gebrochene Heilige Pforte, eine massive Marmorplatte, feierlich mit mehreren Schlägen eines goldenen Hammers. Dabei spricht er Segenssprüche. Die Pforte öffnet sich, der Papst schreitet als Erster hindurch, die Gläubigen folgen. Zum Abschluss des Heiligen Jahres wird sie wieder verschlossen.[7] Die heiligen Pforten der drei weiteren Patriarchalbasiliken in Rom, Santa Maria Maggiore, San Giovanni in Laterano und San Paolo fuori le Mura, werden zu Beginn des Heiligen Jahres ebenfalls geöffnet und zum Abschluss des Jahres wieder geschlossen.[8]

Heilige Jahre[Bearbeiten]

Nummer Datum Eröffnender Papst Besonderheiten
1 1300 Bonifatius VIII. wahrscheinlich Teilnahme von Dante Alighieri
2 1350 Clemens VI. Teilnahme von Francesco Petrarca und der heiligen Birgitta von Schweden
3 1390 Urban VI. Einführung des Besuchs der vier Patriarchalbasiliken und der Periode von 33 Jahren
4 1400 Bonifatius IX. wurde manchmal nicht mitgezählt
4 1413 Gregor XII. [6]
5 1423 Martin V. folgte der Periode von 33 Jahren ab 1390
6 1450 Nikolaus V. Nikolaus von Kues nahm teil und brachte den Jubiläumsablass nach Deutschland
7 1475 Paul II. Errichtung der Ponte Sisto unter Papst Sixtus IV.
8 1500 Alexander VI. Einführung der Eröffnungszeremonie mit goldenem Hammer
9 1525 Clemens VII. Verbot käuflicher Ablässe; scharfe Kritik der Reformatoren an Ablasspraxis, gedeutet als Geldgier der Päpste[9]
10 1550 Paul III. Teilnahme von Ignatius von Loyola und Philipp Neri unter Papst Julius III.
11 1575 Gregor XIII. Teilnahme von Karl Borromäus. Einführung des Besuchs der sieben Hauptkirchen Roms
12 1600 Clemens VIII. Teilnahme von Robert Bellarmin und Cesare Baronio
13 1625 Urban VIII. -
14 1650 Innozenz X. -
15 1675 Clemens X. -
16 1700 Innozenz XII. gefeiert auch unter Papst Clemens XI.
17 1725 Benedikt XIII. Bau der Spanischen Treppe
18 1750 Benedikt XIV. Einführung der Kreuzwegandacht im Kolosseum
19 1775 Clemens XIV. gefeiert unter Papst Pius VI.
1800: Ausfall wegen Tod von Pius VI. 1799 in französischer Gefangenschaft, Wahl von Pius VII. erst im März 1800
20 1825 Leo XII. -
1850: Ausfall, weil Pius IX. von November 1848 bis März 1850 vor republikanischen Revolutionären aus Rom geflohen war
21 1875 Pius IX. Wegen Italiens Annexion des Kirchenstaates nicht gefeiert
22 1900 Leo XIII. -
23 1925 Pius XI. Errichtung des Christkönigsfestes
24 1950 Pius XII. Verkündigung des Dogmas Leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel
25 1975 Paul VI. Motto: „Erneuerung und Versöhnung“
26 2000 Johannes Paul II. Großes Jubeljahr, vorbereitet mit Apostolischem Schreiben Tertio millennio adveniente
verlängert bis 6. Januar 2001,
um den Eintritt ins 21. Jahrhundert zu feiern.
Motto: „Christus gestern, heute und in Ewigkeit“.

Außerordentliche Jubiläumsjahre[Bearbeiten]

Unabhängig von den offiziellen Jubeljahren verkündeten einige Päpste aus anderen Anlässen auch außerordentliche Jubiläen mit der Verheißung eines vollständigen Ablasses aller Sündenstrafen:

Datum Eröffnender Papst Anlass
1518 Leo X. Stärkung Polens im Kampf gegen die Türken
1826 Leo XII. Pontifikatsbeginn
1854 Pius IX. Außerordentliches Jubiläumsjahr der Immakulata
1858 Pius IX. Außerordentliches Jubiläumsjahr
1867 Pius IX. Martyrium der Apostel Petrus und Paulus
1869 Pius IX. Erstes Vatikanisches Konzil
2. März - 1. Juni 1879 Leo XIII. Pontifikatsbeginn
19. März - 1. November 1881 Leo XIII. -
19. März - 1. November bzw. 31. Dezember 1886 Leo XIII. -
1913 Pius X. Weißer Sonntag
1929 Pius XI. 50. Priesterjubiläum des Papstes,
Jahr der Lateranverträge
2. April 1933 - 2. April 1934 Pius XI. 1. Außerordentliches Heiliges Jahr der Erlösung
1954 Pius XII. 1. Marianisches Jahr
1966 Paul VI. Abschluss des Zweiten Vatikanischen Konzils
29. Juni 1967 - 30. Juni 1968 Paul VI. Martyrium von Petrus und Paulus
Gründonnerstag 1983 – Ostersonntag 1984 Johannes Paul II. 2. Außerordentliches Heiliges Jahr der Erlösung
Pfingsten 1987 - 15. August 1988 Johannes Paul II. 2. Marianisches Jahr
28. Juni 2008 - 29. Juni 2009 Benedikt XVI. Paulusjahr; 2000. Geburtsjahr des Paulus

Während das ursprüngliche Heilige Jahr das Geburtsjahr Christi ehren sollte, wurde 1933 das zusätzliche Gedenkjahr des Todes und der Auferstehung Christi als „Vollendung unserer Erlösung“ eingeführt. Pius XI. erklärte dazu am 6. Januar 1933, es handele sich um ein besonders außergewöhnliches Heiliges Jahr, weil es „eigentlich ein größeres, ja das größte Jubiläum“ sei.[10]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Eva-Maria Jung-Inglessis: Das heilige Jahr in der Geschichte. 1300-1975, Bozen 1974
  • Eva-Maria Jung-Inglessis: Romfahrt durch zwei Jahrtausende, 2. erweiterte Auflage, Bozen 1978
  • Peter Louis (Hrsg.): Anno Santo 1950 - mit den Mitteilungen des Deutschen Nationalkomitees für das Heilige Jahr. Echter-Verlag Würzburg. Das Buch fasst 15 Monatshefte zusammen, die von November 1949 bis Januar 1951 erschienen.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Gerhard Maier, Fritz Rienecker: Lexikon zur Bibel: Mehr als 6000 Stichworte zu Personen, Geschichte, Archäologie und Geographie der Bibel. Scm R. Brockhaus, 2010, ISBN 3417246784, eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche; Donald Guthrie, J. Alec Motyer: Kommentar zur Bibel: AT und NT in einem Band. Scm R. Brockhaus, 2012, ISBN 3417247403, eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche; Thomas Krüger: Das menschliche Herz und die Weisung Gottes: Studien zur alttestamentlichen Anthropologie und Ethik. Theologischer Verlag, Zürich 2009, ISBN 3290175359, eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche
  2. Heribert Smolinsky: Jubeljahr II, in: Theologische Realenzyklopädie Band 17: Jesus Christus - Katechismuspredigt. Walter de Gruyter, Berlin 1988, ISBN 3110115069, S. 282
  3. Duden online: alle Jubeljahre
  4. Jörg Buchna: Alle Jubeljahre ist nicht der wahre Jakob: Biblische Redewendungen. (2003) Brune-Mettcker, 5. Auflage 2007, ISBN 3-87542-043-8 (Textauszug online; PDF; 368 kB)
  5. Emil Brix, Hannes Stekl: Der Kampf um das Gedächtnis. Öffentliche Gedenktage in Mitteleuropa. Boehlau, Wien 1997, ISBN 3205986288, S. 44-48
  6. a b Ludwig Schmugge: 1413 - Das vergessene Heilige Jahr. In: Hagen Keller, Werner Paravicini, Wolfgang Schieder (Hrsg.): Italia et Germania: Liber Amicorum Arnold Esch. Niemeyer, Tübingen 2001, ISBN 3484801573, S. 191-198
  7. Artikel Jubeljahr II/2, in: Theologische Realenzyklopädie Band 17, Walter de Gruyter, Berlin 1988, ISBN 3110115069, S. 283; Die große Chronik der Weltgeschichte Band 15: Der Erste Weltkrieg und seine Folgen: 1914-1932. 2008, ISBN 3577090758, S. 266
  8. Christiane Nesselrath; Arnold Nesselrath: Die Wappen der Erzpriester an der Lateranbasilika oder Wie Bramante nach Rom kam. In: Italia et Germania: Liber Amicorum Arnold Esch, S. 293 (291-317) Online
  9. Artikel Jubeljahr II/2, in: Theologische Realenzyklopädie Band 17, Berlin 1988, S. 283
  10. Pius XI:: Apostolische Konstitution; Eva-Maria Jung-Inglessis: Romfahrt durch zwei Jahrtausende, 1978, S. 316