Jud Süß – Film ohne Gewissen

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Jud Süß – Film ohne Gewissen ist ein Spielfilm des deutschen Regisseurs Oskar Roehler. Der Film, der die Entstehung des antisemitischen Propagandafilms Jud Süß dramatisiert, feierte seine Uraufführung am 18. Februar 2010 im Rahmen der 60. Filmfestspiele von Berlin. Der reguläre Kinostart in Deutschland war am 23. September 2010, in Österreich einen Tag später.[1]

Handlung[Bearbeiten]

Als es mit Ferdinand Marians Karriere Ende der 1930er Jahre bergauf geht, wird der österreichische Schauspieler von Propaganda-Minister Joseph Goebbels persönlich für die Titelrolle in dem Spielfilm Jud Süß ausgesucht. Der Frauenheld lehnt das Angebot anfangs ab, erliegt dann aber der Versuchung einer schnellen Karriere. Während der Dreharbeiten unter Regisseur Veit Harlan beginnt sich Marian zu verändern, woraufhin es zum Streit mit seiner jüdischen Ehefrau Anna kommt. Jud Süß wird Anfang September 1940 auf den Filmfestspielen von Venedig uraufgeführt und startet wenige Tage später in den deutschen Kinos. Dort erreicht der antisemitische Propagandafilm ein Millionenpublikum und Marian wird fortan mit der Rolle des bedrohlich wirkenden jüdischen Finanzbeamten Joseph Süß Oppenheimer identifiziert und erhält weitere Filmrollen.

Nach und nach lernt der nun im Deutschen Reich etablierte Filmschauspieler Ferdinand (Ferdl) Marian die Bedrohung hinter den Nationalsozialisten kennen, die viele seiner Berufskollegen ins Exil verschlägt. Der in Marians Gartenhaus versteckte, als Gärtner getarnte jüdische Schauspieler Wilhelm Adolf Deutscher wird von der Hausangestellten Britta, mit der Marian offensichtlich ein Techtelmechtel hatte, an deren Freund Lutz verraten. Marian flüchtet sich daraufhin in den Alkohol und betrügt seine Ehefrau mit der Tschechin Vlasta. Propagandaminister Joseph Goebbels lässt daraufhin Anna deportieren, um die Kontrolle über den Schauspieler zurückzugewinnen. Dies hat aber den gegenteiligen Effekt.

Marian überlebt den Zweiten Weltkrieg, seine Schauspielarbeit darf er aber aufgrund seiner Mitwirkung in Jud Süß nicht wieder aufnehmen. Gleichzeitig muss er mitansehen, wie viele seiner Berufskollegen zu Unrecht rehabilitiert werden, darunter auch Jud-Süß-Regisseur Veit Harlan. Später wird Marian von Wilhelm Adolf Deutscher, der das Konzentrationslager überlebt hat, über den Tod seiner Ehefrau Anna aufgeklärt. Die Entdeckung, dass seine Geliebte Vlasta ihn mit einem US-Soldaten betrügt, führt zu Marians Zusammenbruch. Er steigt in seinen Wagen und begeht Selbstmord.

Entstehungsgeschichte[Bearbeiten]

Das Drehbuch des Films, dessen ursprünglicher Arbeitstitel Jud Süß! – Sympathie für den Teufel[2] (beziehungsweise Jud Süß – Sympathie für den Teufel[3]) lautete, erarbeitete Klaus Richter und basiert auf der Marian-Biografie Ich war Jud Süß von Friedrich Knilli. Das Drehbuch, das von Michael W. Esser und der Agentur Dramaworks entwickelt wurde, lag bereits Ende 2006 vor[4] und sollte später von Oskar Roehler und Franz Novotny nachbearbeitet werden. Die Verpflichtung von Tobias Moretti, Martina Gedeck und Armin Rohde wurde Ende 2008 bekannt.[5] Moretti hatte bereits 2005 in dem dreiteiligen Fernsehdrama Speer und Er die Rolle von Adolf Hitler bekleidet. Anfang Juli 2009 wurde bekannt, dass Moritz Bleibtreu die Rolle von Joseph Goebbels übernehmen würde. Roehler hatte sich bei der Besetzung des deutschen Schauspielers, den er als einen der größten deutschsprachigen Schauspieler verehrt, unter anderem gegen seine eigenen Produzenten durchgesetzt. „Er ist ein brillanter Komiker, er hat eine unglaubliche Tragik, er ist ein perfekter Imitator. Schauen Sie ihn drei Minuten als Goebbels an – und Sie haben komplett vergessen, wer das da spielt“, so Roehler.[6]

Der Originalfilm darf in Deutschland nicht vertrieben werden und öffentliche Vorführungen sind nur mit einem begleitenden Kommentar und unter strengen Auflagen der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung erlaubt. Roehler ließ deswegen zahlreiche Szenen aus Jud Süß nachdrehen. „Es gibt einige Szenen, die haben wir eins zu eins nachgestellt. Andere haben wir sogar digital in das Original hineinkopiert“, so der Filmregisseur. Eine der digital bearbeiteten Aufnahmen ist die Schlussszene von Jud Süß, in der Hauptdarsteller Tobias Moretti als Titelfigur in einem Drahtkäfig gefangen um sein Leben fleht.[6]

Für die Dreharbeiten des Films, der von der Filmstiftung Nordrhein-Westfalen gefördert wurde, waren in den MMC-Studios in Hürth-Efferen bei Köln, München und Venedig 40 Drehtage veranschlagt.[7] Ab dem 23. Juli 2009 wurden die Dreharbeiten in Wien fortgesetzt, wo die alte Getreidebörse zum Berliner Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda umfunktioniert wurde.[8]

Umgang mit historischen Fakten[Bearbeiten]

In der Realität war Ferdinand Marian mit der Schauspielerin Maria Byk (bürgerlich Albertine Haschkowetz, geborene Annemarie Albertine Böck) verheiratet, im Film abweichend Anna Marian genannt. Entsprechend weicht auch die Rolle von der historischen Figur ab: Byk war keine „Halbjüdin“, sondern in erster Ehe mit dem jüdischen Regisseur Julius Gellner verheiratet und aus dieser Beziehung resultierend die Mutter einer „halbjüdischen“ Tochter. Abweichend vom Film wurde Byk nicht von den Nazis im Konzentrationslager ermordet, sondern starb im Jahr 1949 – also drei Jahre nach Ferdinand Marian.[9] Im Prozess gegen Veit Harlan 1948 sagte sie zu dessen Gunsten aus.[10]

Im Film begeht Ferdinand Marian Selbstmord, indem er seinen Wagen mit hohem Tempo gegen einen Baum lenkt. Zwar starb Marian tatsächlich in seinem zerschellten Wagen, aber es ist unklar, ob er Selbstmord beging, oder aufgrund seiner Trunkenheit oder anderer Gründe die Kontrolle über seinen Wagen verlor.

Weiterhin verweist Harlan an einer Stelle im Film darauf, Feuchtwanger habe „den Roman geschrieben“. Dies war ihm jedoch zu dem Zeitpunkt gar nicht bekannt.[11] An einer anderen Stelle, noch während der Produktion von Jud Süß, tritt kurz die Figur des Fritz Hippler auf. Er wird mit den Worten „er hat den Film ‚Der ewige Jude‘ gedreht“ vorgestellt. Der ewige Jude kam jedoch erst deutlich später als Jud Süß in die Kinos.[12]

Kritiken[Bearbeiten]

Moritz Bleibtreu, Martina Gedeck, Tobias Moretti, Justus von Dohnányi und Oskar Röhler (v.l.n.r.) bei der Premiere des Films auf der Berlinale 2010

Der Medienwissenschaftler und Jud-Süß-Experte Friedrich Knilli warf dem Film „Ungenauigkeiten und Fälschungen“ vor, die zur „Legendenbildung“ beitrügen.[13] Roehler reagierte in der Sendung Kulturzeit auf 3sat auf Knillis Kritik u. a. mit „Who the fuck is Knilli?“.[14]

Bei der Premiere auf der Berlinale 2010 erntete der Film in der Pressevorführung einige Buhrufe.[15]

Im Kulturmagazin aspekte des ZDF wurde der Film als „unentschiedenes, überzeichnetes Melodram“ bezeichnet. Kritik erntete auch die Goebbels-Darstellung durch Moritz Bleibtreu („eine Knallcharge, wie übrigens alle Nazis in diesem Film“).[16]

Einen Verriss gab es auch von Spiegel Online. Da heißt es, der Film funktioniere „miserabel als Melodram eines Verführten“, liefere „monierte Verfälschungen an der Biographie Marians“ und „statt der historisch genauen Analyse gibt es nur die Kolportage: Heißa, so wild trieb es die Reichshauptstadt!“[17]

Auf critic.de bezeichnet Thorsten Funke den Film als „Seltsam leer“: „Es ist ein Film wie eine Titelgeschichte des Spiegel. Akkurat in den Details, zugleich mit seltsamer Faszination von seinem Gegenstand geplagt.“[18]

Die Stuttgarter Zeitung hingegen lobte: „Tobias Moretti in der Rolle des Ferdinand Marian ist sensationell (…) eigentlich ist hier ein würdiger Anwärter auf den Schauspielerpreis am Samstag zu sehen. Auch sonst ist die Besetzung superb. (…) Vor dreißig Jahren hat Rainer Werner Fassbinder seine Melodramen zur bitteren deutschen Geschichte gedreht. Oskar Roehler ist ein würdiger Nachfolger.“[19]

Auch die Münchner Abendzeitung fand positive Worte: „Aber der stets risikofreudige Roehler hat eben kein Biopic und keine Historiendoku gedreht. Hier geht es um Kino – saftiges, pralles, rückhaltlos unterhaltsames Kintopp. Ein echter Roehler-Film mit einem grandiosen Schauspieler-Team (allen voran Tobias Moretti und Moritz Bleibtreu), perfidem Humor, deftigem Sarkasmus und emotionaler Dichte in den stillen, gefährlichen Szenen.“[20]

Laut Leipziger Volkszeitung, die zum Filmstart rezensierte: „Ein Skandalfilm? Kaum, aber der beste deutsche Film des Jahres.“[21]

Cinema befand: „Eine beklemmende, brillant gespielte Studie über die Verführbarkeit des Einzelnen in einer diktatorischen Gesellschaft (…) unbedingt sehenswert: Eine packende Geschichtsstunde.“[22]

Die TV Spielfilm urteilte „Geschmacklos und ärgerlich: Roehlers Untergang“, der Film sei „cineastisch und geschmacklich völlig missglückt“. Auszüge aus der Filmkritik: „Roehler sympathisiert sicher nicht mit kruder Nazi-Propaganda. Umso schlimmer, dass der Regisseur von Elementarteilchen und Die Unberührbare in seinem Film jedes, aber auch jedes der NS-Klischees über Juden bedient. (…) Der sonst so wunderbare Moritz Bleibtreu schmiert eine Goebbels-Persiflage hin, dass es einen schüttelt. (…) Roehler versagt auf ganzer Linie.“[23]

Das Nachrichtenportal news.de lobte vor allem die schauspielerischen Leistungen. Auszüge aus der Kritik: „Wer gute deutsche Schauspielkunst genießen möchte, dem sei dieser Film ans Herz gelegt. (…) Tobias Moretti aber überstrahlt sie alle. (…) Moretti zieht alle Register und zeigt in diesem Film, was für ein großer Schauspieler er ist.“[24]

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Der Film feierte seine Uraufführung im Wettbewerb der 60. Filmfestspiele von Berlin. Regisseur Oskar Roehler konkurrierte damit zum dritten Mal nach 2003 und 2006 um den Goldenen Bären.

Zum Festival des deutschen Films in Ludwigshafen wurde der Film im Juni 2010 eingeladen. Moritz Bleibtreu erhielt dort den Preis für Schauspielkunst.

Bei der erstmaligen Verleihung des Österreichischen Filmpreises 2011 folgten Nominierungen in den Kategorien Bester männlicher Darsteller (Moritz Bleibtreu und Tobias Moretti), Beste Maske und Bestes Szenenbild. Im selben Jahr wurden Kostüme und Maske für den Deutschen Filmpreis 2011 nominiert.

Für die Kameraführung erhielt der Kameramann Carl-Friedrich Koschnick im Jahr 2011 die Romy.

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Release infos in der Internet Movie Database (englisch)
  2. ddp: Filmstiftung fördert Roehlers „Jud Süß! – Sympathie für den Teufel“. 29. Januar 2009, 5:12 PM GMT (aufgerufen am 14. Februar 2010 via LexisNexis Wirtschaft)
  3. Oskar Roehler sucht Komparsen fürs Kino. In: Kölner Stadtanzeiger, 17. Juni 2009 (aufgerufen am 14. Februar 2010 via Wiso praxis)
  4. Katharina Dockhorn: Roehler packt „Jud Süß“ neu an. In: Die Welt, 22. November 2006, S. 27
  5. Feuchtwanger relaunched – Ein populärer Autor der Weimarer Zeit rückt wieder ins Rampenlicht. In: Ostthüringer Zeitung, 22. Dezember 2008, S. OCKU122 (aufgerufen am 14. Februar 2010 via Wiso praxis)
  6. a b Tobias Kniebe: Berlinale: Jud Süß – Der Teufel und sein Schmierenkomödiant bei sueddeutsche.de, 11. Februar 2010; abgerufen 14. Februar 2010
  7. Anna-Maria Wallner: Kurze Drehtage in Wien. In: Die Presse, 21. August 2009 (abgerufen am 13. Februar 2010 via LexisNexis Wirtschaft)
  8. Goebbels in der Taborstraße. In: Der Standard, 20. August 2009, S. 8
  9. Maria Byk in der Internet Movie Database (englisch)
  10. Bundesarchiv
  11. Veit Harlan: Im Schatten meiner Filme. Selbstbiographie.. H.C. Opfermann (Hrsg.). Sigbert Mohn Verlag, Gütersloh 1966.
  12. Der ewige Jude in der Internet Movie Database (englisch)
  13. Lars-Olav Beier: „Jud Süß“ auf der Berlinale: Das Verführerprinzip. In: Spiegel Online, 18. Februar 2010
  14. Maren Beuscher, Benjamin Hensler: Verhängnisvolle Rolle: Oskar Roehlers „Jud Süß – Film ohne Gewissen“. In: Kulturzeit, 18. Februar 2010
  15. Peter Beddies: Berlinale 2010: Buhrufe für „Jud Süß – Film ohne Gewissen“.. In: Rheinische Post. 19. Februar 2010
  16. Verführung der Macht
  17. Christian Buß: Film über das Dritte Reich: Der Nazi in meinem Bett. Spiegel Online, 21. September 2010
  18. Thorsten Funke: Jud Süß – Film ohne Gewissen. critic.de, 19. Februar 2010
  19. Tim Schleider: Roehler-Film auf der Berlinale: „Ich will Kunst, keine Propaganda!“. In: Stuttgarter Zeitung. 19. Februar 2010
  20. Abendzeitung. 19. Februar 2010
  21. Leipziger Volkszeitung. 23. September 2010
  22. Cinema. September 2010
  23. TV Spielfilm: Jud Süß – Film ohne Gewissen
  24. Katharina Bott: „Jud Süß“: Der Hetzstreifen der Nazis. In: news.de. 21. September 2010