Geschichte der Juden in Spanien

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Die Synagoge El Tránsito in Toledo spiegelt die Geschichte der Juden in Spanien wider: Bis 1492 war sie ein jüdisches Gotteshaus, danach bis 1964 im Besitz eines römisch-katholischen Ordens, und seit 1964 ist sie ein Museum.

Die Geschichte der Juden in Spanien (Sephardim oder Sefarden nach der hebräischen Bezeichnung für SpanienסְפָרַדSfarád) reicht mehr als 2 000 Jahre bis in die Zeit des Römischen Reichs zurück. Im Mittelalter entfaltete sich unter islamischer und später christlicher Herrschaft auf der Iberischen Halbinsel ein blühendes jüdisches Leben, sowohl in kultureller als auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Diese Blütezeit wurde im Jahr 1492 durch das Ausweisungsedikt (Alhambra-Edikt) der katholischen Könige Isabella von Kastilien und Ferdinand von Aragonien beendet. Die Juden wurden entweder zur Konversion zum Christentum oder zur Emigration aus Spanien gezwungen. Über Jahrhunderte war danach in Spanien bis in die Neuzeit hinein kein offenes jüdisches Leben mehr möglich. Die aus Spanien vertriebenen Juden ließen sich im übrigen Mittelmeerraum nieder und behielten dabei zum Teil noch ihre aus Spanien mitgebrachte Kultur und Sprache, das Judenspanisch (Spaniolisch, Ladino) bei.

Anfänge jüdischen Lebens in Spanien in der Antike und im Römischen Reich[Bearbeiten]

Das Römische Reich im Jahr 125 n. Ch. unter Hadrian

Manche Autoren haben schon das im Alten Testament und im Tanach erwähnte Tarsis mit der Iberischen Halbinsel in Verbindung gebracht. Im 1. Buch der Könige (1 Kön 10,22 EU) und im Buch Ezechiel (Ez 27,12 EU) werden Handelsverbindungen von Juden mit Tarsis beschrieben. Letztlich ist die Lokalisation von Tarsis aber bisher unsicher. Die ersten sicheren Dokumente von jüdischen Siedlungen auf spanischem Boden gibt es aus der Römerzeit. Schon vor der Zerstörung des Jerusalemer Tempels im Jahr 70 n. Chr. durch Titus leben Juden nicht nur in Palästina sondern im ganzen Mittelmeerraum. Der größte Teil der Iberischen Halbinsel stand schon seit dem Zweiten Punischen Krieg (218–202 v. Chr.) unter römischer Herrschaft. Eine verstärkte Ansiedlung von Juden in Spanien setzte mit den gescheiterten Aufständen der Juden gegen die römische Herrschaft (dem Jüdischen Krieg 66 bis 74 n. Chr. und dem Bar-Kochba-Aufstand 132 bis 135 n. Chr.) ein. Die Ankündigung des Apostel Paulus im Römerbrief nach Spanien reisen zu wollen (Röm 15,24 EU) wird von einigen Autoren als Indiz gesehen, dass sich dort jüdische Gemeinden befanden.[1] Auf der frühchristlichen spanischen Synode von Elvira ca. 300 n. Chr. wurden genaue Bestimmungen über den Umgang zwischen Juden und Christen erlassen, was auf ein intensives jüdisches Leben in Spanien schließen lässt.

Unter der Westgotenherrschaft[Bearbeiten]

Hauptartikel: Westgotenreich
Das sogenannte Tolosanische Westgotenreich etwa um das Jahr 500
Münze mit dem Profilbild König Rekkareds

Während der Völkerwanderung im 4. bis 6. Jahrhundert n. Chr. zerfiel das westliche Römische Reich und eingedrungene germanische Völker ergriffen Besitz von den ehemaligen römischen Provinzen. Ab 418 wurden in die Westgoten in der römischen Provinz Aquitanien und in Hispanien als Foederaten angesiedelt. Schon wenige Jahre später verselbständigten sich die angesiedelten Goten und errichteten ein eigenes Reich in Aquitanien und der nördlichen iberischen Halbinsel. Die Goten waren ursprünglich Arianer und schenkten zunächst den in ihrem Herrschaftsbereich lebenden jüdischen Gemeinden wenig Beachtung. Im Jahr 587 konvertierte die Mehrheit der Westgoten unter Rekkared I. vom Arianismus zum Katholizismus. Damit verbunden verschlechterte sich die Situation der Juden unter ihrer Herrschaft und in einer Reihe von Reichs-Konzilen in Toledo unter dem Vorsitz der Westgotenkönige wurden wiederholt antijüdische Bestimmungen erlassen. Auf dem dritten Konzil von Toledo 589 wurde Juden verboten, ein öffentliches Amt zu übernehmen, der Umgang von Juden mit Christen wurde eingeschränkt und die Zwangstaufe von Kindern aus jüdisch-christlichen Mischehen wurde sanktioniert. Allerdings ließen sich diese Regelungen nicht durchgängig durchsetzen. Unter der Herrschaft König Sisebuts (612–621) sind erneute antijüdische Aktivitäten überliefert. Es kam zu Vertreibungen von Juden, die sich nicht zum Christentum bekehren lassen wollten. Auf dem vierten Konzil von Toledo 633 wurde festgelegt, dass Juden, die nur zum Schein zum Christentum übergetreten waren, aber weiter im Verborgenen ihre jüdische Religion praktizierten („Krypto-Judaismus“) die Kinder abgenommen bekommen sollten, die dann in christlichen Familien aufgezogen werden sollten. Auf dem 6. Konzil von Toledo unter König Chintila wurde allen Nicht-Katholiken das Bleiberecht im Westgotenreich abgesprochen.

Jüdisches Leben unter maurischer Herrschaft in Spanien[Bearbeiten]

Bild eines jüdischen Kantors aus Spanien (14. Jahrhundert)
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Siehe auch: al-Andalus

Mit der islamischen Eroberung des größten Teils der iberischen Halbinsel in den Jahren nach 711 änderte sich die Situation für die dort lebenden Juden grundlegend. Die neuen islamischen Herrscher waren gegenüber den Juden und auch gegenüber den Christen relativ tolerant und gestatteten beiden die Religionsausübung. Die Zeit der islamischen Herrschaft wird häufig als „Goldenes Zeitalter“ für die jüdische Kultur in Spanien bezeichnet. Aufgrund der Möglichkeiten der Entfaltung jüdischen Lebens kam es auch zu einer Zuwanderung von Juden von außerhalb. Über den Kontakt mit arabischen Schriftgelehrten und dem arabischen Schrifttum bekamen sephardische Gelehrte Zugang zum tradierten Schrifttum der Antike (Schriften des Aristoteles, usw.). Viele jüdische Gelehrte übernahmen auch die arabische Schrift und Sprache und stiegen zum Teil in hohe Staatsämter unter dem Kalifat von Córdoba auf, wie beispielsweise Chasdai ibn Schaprut (915–970). Jüdische Gelehrte aus dieser Zeit waren Menachem ben Saruq († ca. 970, Verfasser des ersten hebräischen Wörterbuchs), Dunasch ben Labrat († 990, Dichter und Grammatiker), Solomon ibn Gabirol († um 1057, Lyriker und neuplatonischer Philosoph), Moses ibn Esra († um 1138, Dichter und Philosoph). Sephardische Gelehrte waren auch auf den Gebieten der Astronomie, Medizin, Logik und Mathematik tätig.

Jüdisches Leben in den christlichen Königreichen auf der Iberischen Halbinsel bis 1492[Bearbeiten]

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Große Gemeinden entstanden etwa in Toledo, Saragossa und Sevilla. Auch während der christlichen Reconquista wuchs die jüdische Bevölkerung in Spanien zunächst weiter, bis religiös und politisch motivierter Antisemitismus zu Pogromen und schließlich mit dem Alhambra-Edikt von 1492 zur Vertreibung der Juden führte. Das Osmanische Reich nahm später ohne Bedingungen die aus Spanien und später die aus Portugal vertriebenen Juden auf. Bayezid II. soll gesagt haben: „Wie töricht sind die spanischen Könige, dass sie ihre besten Bürger ausweisen und ihren ärgsten Feinden überlassen.“

Jüdisches Leben in Spanien von 1492 bis zur Gegenwart[Bearbeiten]

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Mehr als 100.000 spanische Juden machten sich 1492 aufgrund der bis dahin noch nicht erlebten ethnischen Säuberung in Spanien auf den Weg ins Exil. Manche gingen zunächst nach Portugal, doch von dort wurden sie 1497 ebenfalls ausgewiesen. Die meisten flüchteten in die Länder der Levante, nach Nordafrika, und wieder andere in die Nordseehäfen Antwerpen und Amsterdam sowie nach Hamburg oder Italien. Der Hauptstrom der Flüchtlinge fand im Osmanischen Reich eine neue Heimat.

Doch auch der Balkan wurde jüdisch besiedelt. In Saloniki entstand eine große sefardische, ladinosprachige Gemeinde. Und mit den osmanischen Eroberungen gelangten türkische Juden nach Bulgarien, Belgrad, Budapest und Bosnien. Wien war ab der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts beliebtes Ziel. Als türkische Staatsbürger genossen die zugewanderten Juden das Recht auf Freizügigkeit und freie Religionsausübung. 1735 wurde die sefardische Gemeinde gegründet, die im 19. Jahrhundert 5000 bis 6000 Mitglieder zählte.

Durch das Vertreibungsedikt bildete sich in Spanien auch die Sonderform eines Krypto- oder Geheimjudaismus heraus. Formal römisch-katholisch, aber im geheimen jüdisch und untereinander heiratend entstand eine einzigartige Form des Judentums. Der äußere Zwang, die Religion geheim zu halten, prägte die Geheimjuden sogar noch über viele Generationen. Auch spätere Auswanderer aus Spanien hielten weiter ihre Religion geheim. So lebten z.B. in Österreich solche Geheimjuden, die sich erst nach dem Zweiten Weltkrieg zu ihrer Religion bekannten, wobei es nach Auskunft der Israelitischen Kultusgemeinde Wien noch immer Sephardim gibt, die offiziell bis heute römisch-katholisch sind.

Viele Konvertiten (Conversos) wurden von ihren spanischen katholischen Zeitgenossen misstrauisch beobachtet und verächtlich als Marranen bzw. Marranos (wörtlich „Schweine“) bezeichnet. Um den Conversos und ihren Nachkommen den Zugang zu höheren Ämtern zu verunmöglichen wurden im frühneuzeitlichen Spanien rassistische Gesetze erlassen, die den Nachweis einer "Reinheit des Blutes" (limpieza de sangre), d.h. einer nicht-jüdischen Abstammung verlangten.

Es dauerte bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts, bis sich wieder kleinere Gruppen von Juden in Spanien niederließen. Vor allem vor und während des Zweiten Weltkriegs flüchteten zahlreiche Juden nach Spanien. Erst durch die zahlenmäßige Zunahme deklarierten sich viele der oben beschriebenen Geheimjuden wieder als offiziell jüdisch. Die größte jüdische Gemeinde befindet sich heute in Barcelona. Nachfahren von Sephardim sind heute in Spanien ausdrücklich willkommen, was sich unter anderem in Erleichterungen bei der Einbürgerung äußert.

Die 1968 eingeweihte Synagoge in Madrid ist die erste Synagoge, die nach der Vertreibung der Juden im Jahr 1492 in Spanien errichtet wurde. Heute leben etwa 10–15.000 Juden in Spanien, was ungefähr 0,03 % der spanischen Bevölkerung entspricht.[2]

Literatur[Bearbeiten]

  • Yitzhak (Fritz) Baer: A History of the Jews in Christian Spain. Bd. 1: From the Age of Reconquest to the Fourteenth Century. Bd. 2: From the Fourteenth Century to the Expulsion. Translated from the Hebrew by Louis Schoffman. Philadelphia 1961, ISBN 0-8276-0431-9.
  • Solomon Katz: The Jews in the Visigothic and Frankish Kingdoms of Spain and Gaul (Monographs of the Mediaeval Academy of America 12). Cambridge/Mass. 1937.
  • Valeriu Marcu: Die Vertreibung der Juden aus Spanien. Amsterdam 1934.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Bowers, W. P. "Jewish Communities in Spain in the Time of Paul the Apostle" Journal of Theological Studies Vol. 26 Part 2 (Oktober 1975) p. 395.
  2. Dashefsky, Arnold; Sheskin, Ira: American Jewish Year Book 2012. Abgerufen am 4. Januar 2014 (englisch, ISBN 978-94-007-5204-7).