Julien Gracq

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Julien Gracq (* 27. Juli 1910 als Louis Poirier in Saint-Florent-le-Vieil bei Angers; † 22. Dezember 2007 in Angers) war ein französischer Schriftsteller. Gracq gehörte zu den unauffälligsten Autoren der französischen Literaturlandschaft im Sinne der Forderung, dass ein Autor hinter sein Werk zurücktreten soll. Er war beeinflusst von der deutschen Romantik und dem Surrealismus, und in seinem Werk verschmelzen freischöpferische Phantasie und Symbolismus miteinander.

Leben[Bearbeiten]

Zwischen 1921 und 1928 war Gracq Internatsschüler in Nantes, anschließend ging er für ein Jahr an das bekannte Lycée Henri IV in Paris. 1930 wurde Gracq an der Pariser Elitehochschule École Normale Supérieure aufgenommen, wo er Geographie studierte, gleichzeitig besuchte er die École Libre des Sciences Politiques (Vorläuferin des Institut d'études politiques de Paris), die er 1933 erfolgreich abschloss. Im Anschluss an seine Agrégation für Geschichte und Geographie begann er 1935 seine Laufbahn als Gymnasiallehrer zunächst in Nantes, dann in Quimper. 1939 wurde er als Offizier eingezogen und war ab 1940 Kriegsgefangener in Burghammer bei Hoyerswerda und schrieb dort neben einem Tagebuch einen Roman und eine Erzählung. Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte er seine Lehrertätigkeit in Amiens und Angers fort, bis er 1947 eine Stelle am Lycée Claude-Bernard in Paris erhielt, wo er bis zu seiner Pensionierung 1970 unter seinem bürgerlichen Namen Louis Poirier unterrichtete.

In seiner Jugend las Gracq mit Begeisterung Jules Verne, Edgar Allan Poe und Stendhal. Während seiner Pariser Schul- und Studienzeit kam er mit der Artussage in Berührung, wahrscheinlich über eine Aufführung von Wagners Parsifal, und reiste sogar auf den Spuren von Tafelrunde und Heiligem Gral nach Cornwall. In dieser Zeit erwacht auch sein Interesse für die Bretagne. Ein weiteres einschneidendes Erlebnis war die Lektüre von André Bretons Nadja. Alle diese Einflüsse haben Spuren in Gracqs Werk hinterlassen.

Nach einer Ablehnung durch das renommierte französische Verlagshaus Gallimard veröffentlichte Gracq 1938 sein erstes Werk Au château d'Argol beim Verlag José Corti, dem er Jahrzehnte treu blieb. Die Entdeckung des Romans durch André Breton, den „Papst des Surrealismus“, führte zu einem ersten Aufhorchen der Literaturkritik. Obwohl er der Bewegung des Surrealismus nie fest zugerechnet wurde, blieb er deren Geist wie auch der Person André Bretons stets verbunden.

Gracq lebte zuletzt zurückgezogen in seinem Geburtsort Saint-Florent-le-Vieil an der Loire; im Dezember 2007, im Alter von 97 Jahren, starb er wenige Tage nach einem Schwächeanfall in einem Krankenhaus in Angers.

Werk[Bearbeiten]

Die Lektüre von Ernst Jüngers emblematischem Roman Auf den Marmorklippen im Jahr 1943 wirkte auf Gracq wie eine Offenbarung: zahlreiche stilistische und thematische Parallelen in Gracqs darauffolgenden Werken zeugen von Jüngers Einfluss. Beide Autoren sind sich später wiederholt persönlich begegnet.

Gracqs erstes – und einziges – Theaterstück, Le Roi pêcheur, wurde 1949 uraufgeführt und von der Kritik verrissen. Dieses Erlebnis trug mit dazu bei, dass er seither dem französischen Literaturbetrieb skeptisch gegenüberstand. Nach der Veröffentlichung eines schonungslosen Pamphlets über die Lage der Literatur und der Literaturpreise, das 1950 in der Zeitschrift Empédocle erschien, lehnte Gracq ein Jahr später konsequenterweise den renommierten Prix Goncourt für seinen Roman Le Rivage des Syrtes ab und löste damit einen wahren Sturm der Entrüstung in den Medien aus. Seit den 1960er Jahren ist bei Gracq das fiktionale Schaffen in den Hintergrund getreten zu Gunsten zahlreicher Essais und Literaturkritiken (Préférences, Lettrines I, Lettrines II sowie En lisant, en écrivant), in denen sowohl seine weitreichende Bildung als auch die seiner Kritik zugrunde liegende Geistesschärfe durchscheinen. Die Veröffentlichung seines Gesamtwerks in der berühmten Bibliothèque de la Pléiade schon zu Lebzeiten zeugte von der großen Wertschätzung, die Gracq in Frankreich erfährt.

Werke[Bearbeiten]

  • Au château d'Argol (1938) Roman – deutsch: Auf Schloß Argol
  • Un beau ténébreux (1945) Roman.
    • Der Versucher, Roman; übersetzt und mit einem Nachwort von Dieter Hornig. Literaturverlag Droschl, Graz 2014, ISBN 978-3-85420-952-2.
  • Liberté grande (1946) Gedichte/Texte
  • André Breton (1948) Essay
  • Le Roi pêcheur (1948) Drama
  • La Littérature à l'estomac (1950), Pamphlet
  • Le Rivage des Syrtes (1951) Roman – deutsch: Das Ufer der Syrten
  • Un balcon en forêt (1958) Erzählung – deutsch: Ein Balkon im Wald
  • Préférences (1961), Essays – deutsch: Entdeckungen. Essays zu Literatur und Kritik
  • Lettrines I (1967), Literaturkritiken – deutsch: Witterungen ISBN 3-85420-575-9
  • La Presqu'île (1970), Novellen – deutsch: Die Halbinsel, ISBN 3-85420-322-5
  • Lettrines II (1974), Literaturkritiken – deutsch: Witterungen II ISBN 3-85420-683-6
  • Les Eaux étroites (1976), Erzählung – deutsch: Die engen Wasser ISBN 3-518-01904-X
  • En lisant, en écrivant (1980), Literaturkritiken – deutsch: Lesend schreiben ISBN 3-85420-448-5
  • La Forme d'une ville (1985) – deutsch: Die Form einer Stadt ISBN 3-85420-160-5
  • Autour des sept collines (1988) – deutsch: Rom: Um die sieben Hügel ISBN 3-250-10185-0
  • Carnets du grand chemin (1992) – deutsch: Der große Weg. Tagebuch eines Wanderers ISBN 3-446-17318-8
  • Entretiens (2002) - deutsch: Gespräche ISBN 978-3-85420-730-6
  • Aufzeichnungen aus dem Krieg. Aus dem Französischen von Dieter Hornig. Droschl, Graz 2013
  • Gesamtausgabe:

Verfilmungen[Bearbeiten]

  • 1971: Rendezvous in Bray (Rendez-vous à Bray)
  • 1979: Ein Balkon im Wald (Un balcon en forêt)

Literatur[Bearbeiten]

  • Walter Pabst (Hrsg.): Der moderne französische Roman. Interpretationen. Berlin: Erich Schmidt, 1968 (Über Auf Schloß Argol)
  • Oskar Roth: Hermes und Herminien. Mythologie und Hermetik bei Julien Gracq. Heidelberg: Universitätsverlag C. Winter, 1992

Weblinks[Bearbeiten]