Julius H. Schoeps

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Julius H. Schoeps (2009)

Julius Hans Schoeps (geboren am 1. Juni 1942 in Djursholm, Schweden) ist ein deutscher Historiker und Politikwissenschaftler, Direktor des Moses Mendelssohn Zentrums für europäisch-jüdische Studien an der Universität Potsdam und Vorstandsvorsitzender der Moses Mendelssohn Stiftung. Schoeps war der erste Direktor und Mitgründer des Salomon Ludwig Steinheim-Institutes

Leben[Bearbeiten]

Julius Schoeps, zu dessen Vorfahren Moses Mendelssohn (1729–1786), der Religionsreformer und Textilunternehmer David Friedländer (1750–1834) sowie der Arzt und Sanitätsrat Julius Schoeps (1864–1942) zählen, kam während des Exils seiner Eltern, des Religionsphilosophen und Historikers Hans-Joachim Schoeps (1909–1980) und der Dorothee Busch (1915–1996), in Schweden zur Welt. Dort wurde am 1. Januar 1944 sein jüngerer Bruder Manfred geboren. 1948 folgte Schoeps seinem Vater nach, der bereits 1946 nach Deutschland zurückgekehrt war.

1963 legte Julius Schoeps sein Abitur ab und begann ein Studium der Geschichte, Politikwissenschaft, Kommunikations- und Theaterwissenschaft in Erlangen und an der Freien Universität Berlin. 1969 wurde er promoviert, 1973 habilitierte er sich.

Von 1974 bis 1991 war er Professor für Politische Wissenschaft an der Universität/Gesamthochschule Duisburg, von 1986 bis 1991 zudem Gründungsdirektor des Duisburger Salomon-Ludwig-Steinheim-Instituts für deutsch-jüdische Geschichte. Zudem nahm Schoeps zwischen 1980 und 2007 Gastprofessuren in Budapest, Tel Aviv, New York, Oxford und Seattle wahr.

Von 1991 bis 1994 war Schoeps Mitglied des Gründungssenats der Universität Potsdam sowie von 1991 bis zum Sommersemester 2007 Professor für Neuere Geschichte (Schwerpunkt deutsch-jüdische Geschichte) an der Universität Potsdam. Seit 1992 ist er Direktor des Moses Mendelssohn Zentrums für europäisch-jüdische Studien, eines An-Instituts der Potsdamer Universität. Außerdem war Schoeps von 2001 bis 2007 Sprecher des DFG-Graduiertenkollegs „Makom – Ort und Orte im Judentum“ an der Universität Potsdam.

Schoeps ist seit 1984 Vorsitzender der 1958 von seinem Vater Hans-Joachim Schoeps in Erlangen gegründeten Gesellschaft für Geistesgeschichte (GGG), die heute ihren Sitz in Potsdam hat, und Herausgeber der Zeitschrift für Religions- und Geistesgeschichte (ZRGG). Von 1993 bis 1997 war Schoeps Gründungsdirektor des Jüdischen Museums der Stadt Wien, von 1995 bis 2005 Gründungsdirektor der Moses Mendelssohn Akademie in Halberstadt, seit 2014 Ehrenvorsitzender ihres Kuratoriums.

Seit 1992 ist Schoeps Vorsitzender der Moses Mendelssohn Stiftung, die in der Tradition der 1929 gegründeten gleichnamigen Moses „Mendelssohn Stiftung zur Förderung der Geisteswissenschaften“ steht. Die Stiftung − gegründet von Nachfahren Mendelssohns und Mitgliedern des Familienverbundes Mendelssohn-Bartholdy − fördert Bildung, Erziehung, Wissenschaft und Forschung auf dem Feld der europäisch-jüdischen Geschichte und Kultur. Die Stiftung ist Gesellschafterin der Firmengruppe MMP-GBI und engagiert sich in diesem Zusammenhang für gemeinnützige Bauprojekte, u. a. den Bau und die Verwaltung von Studentenwohnheimen in verschiedenen Städten Deutschlands.

Seit 2003 kämpfte Schoeps als Sprecher der Erben des Bankiers Paul von Mendelssohn-Bartholdy um die Restitution verschiedener Kunstwerke aus dessen Besitz.[1] Anfang 2009 kam es in dieser Frage zu einem Vergleich mit dem Guggenheim Museum und dem Museum of Modern Art in New York City.[2] Im Januar 2010 kam es zu einem Vergleich der Erben mit dem Eigentümer des Picasso-Bildes Porträt von Angel Fernández de Soto, Andrew Lloyd Webber. Das Bild verblieb im Besitz Webbers, der es anschließend im Juni 2010 beim Auktionshaus Christie's versteigerte.[3][4]

Von 2008 bis 2011 war Julius H. Schoeps Senior-Fellow (Seniorprofessor) am Institut für Kulturwissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin, seit 2012 Mitglied des Direktoriums des Zentrums für Jüdische Studien Berlin-Brandenburg und Sprecher des sich am Moses Mendelssohn Zentrums befindenden Walther Rathenau Graduiertenkollegs „Liberalismus und Demokratie. Zur Genealogie und Rezeption politischer Bewegungen von der Aufklärung bis zur Gegenwart“.[5] Zudem unterstützte er jahrelang das von Erika Steinbach und Peter Glotz initiierte Projekt Zentrum gegen Vertreibungen [6]. Im September 2010 zog er seine Unterstützung zurück, nach abfälligen Äußerungen Steinbachs über den polnischen Politiker Władysław Bartoszewski.[7] Er ist Mitglied des Schriftstellerverbandes PEN-Zentrum Deutschland.

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Publikationen (Auswahl)[Bearbeiten]

Ein vollständiges Publikationsverzeichnis findet sich auf der Internetseite des Moses Mendelssohn Zentrums.[9]

  • Von Olmütz nach Dresden 1850/51. Ein Beitrag zur Geschichte der Reformen am Deutschen Bund (= Veröffentlichungen aus den Archiven Preußischer Kulturbesitz. Bd. 7). Köln/Berlin [West] 1972.
  • Bismarck und sein Attentäter. Der Revolveranschlag Unter den Linden am 7. Mai 1866. Berlin [West] 1984.
  • Über Juden und Deutsche. Historisch-politische Betrachtungen. Stuttgart/Bonn 1986; 2., überarbeitete und erweiterte Neuauflage (= Deutsche-jüdische Geschichte durch drei Jahrhunderte. Bd. 4). Hildesheim 2010.
  • Leiden an Deutschland. Vom antisemitischen Wahn und der Last der Erinnerung. Piper, München 1990, ISBN 3-492-11220-X.
  • Bürgerliche Aufklärung und liberales Freiheitsdenken. A. Bernstein in seiner Zeit (= Studien zur Geistesgeschichte. Bd. 14). Stuttgart/ Bonn 1992.
  • Theodor Herzl und die Dreyfus Affäre (= Wiener Vorlesungen. Bd. 34). Wien 1995.
  • Theodor Herzl 1860–1904. Wenn Ihr wollt, ist es kein Märchen. Eine Bild-Text-Monographie. Wien 1995.
  • Deutsch-jüdische Symbiose oder die mißglückte Emanzipation. Bodenheim/Mainz 1996, 420 Seiten. Lizenzausgabe für die Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1996; Neuauflage unter dem Titel Die missglückte Emanzipation. Wege und Irrwege deutsch-jüdischer Geschichte, Berlin u. a. 2002.
  • Das Gewaltsyndrom. Verformungen und Brüche im deutsch-jüdischen Verhältnis. Argon, Berlin 1998, ISBN 3-87024-463-1.
  • Preußen. Geschichte eines Mythos. Bebra, Berlin 2000, ISBN 3-89809-003-5.
  • Mein Weg als deutscher Jude. Autobiographische Notizen. Pendo, Zürich 2003, ISBN 3-85842-544-3.
  • „Du Doppelgänger, du bleicher Geselle …“. Deutsch-jüdische Erfahrungen im Spiegel dreier Jahrhunderte 1700–2000 Philo, Berlin/Wien 2004, ISBN 3-8257-0361-4.
  • Palästinaliebe. Leon Pinsker, der Antisemitismus und die Anfänge der nationaljüdischen Bewegung in Deutschland. Berlin /Wien 2005.
  • (Mitautor) Building a Diaspora. Russian Jews in Israel, Germany and the USA (= International Comparative Social Studies. Bd. 13). Brill, Leiden 2006, ISBN 90-04-15332-2.
  • Das Erbe der Mendelssohns. Biographie einer Familie. S. Fischer, Frankfurt am Main 2009, ISBN 978-3-10-073606-2.
  • David Friedländer. Freund und Schüler Moses Mendelssohns. Olms, Hildesheim 2012, ISBN 978-3-487-13960-9 (Rezension; PDF; 105 kB)
  • Pioneers of Zionism: Hess, Pinsker, Rülf. Messianism, Settlement Policy, and the Israeli-Palestinan Conflict. De Gruyter, Berlin/Boston 2013, ISBN 978-3-11-031458-8.
  • Der König von Midian. Paul Friedmann und sein Traum von einem Judenstaat auf der arabischen Halbinsel. Koehler & Amelang, Leipzig 2014, ISBN 978-3-7338-0398-8.
Als Herausgeber u.a.
  • (mit Joachim Schlör) Antisemitismus. Vorurteile und Mythen. München 1995, 310 Seiten.
  • Neues Lexikon des Judentums. Gütersloh 1992.
  • (Mit Lars Rensmann) Politics and Resentment. Antisemitism and Counter-Cosmopolitanism in the European Union. Leiden 2011.
  • (mit Elke-Vera Kotowski und Hiltrud Wallenborn) Handbuch zur Geschichte der Juden in Europa. Darmstadt 2001.
Gesammelte Schriften
  • Deutsch-jüdische Geschichte durch drei Jahrhunderte: Ausgewählte Schriften. Zehn Bände und ein Ergänzungsband (Die späten Jahre, Bibliographie). Hildesheim u.a. 2010–2013.

Literatur[Bearbeiten]

  • Ludger Heid, Joachim H. Knoll (Hrsg.): Deutsch-jüdische Geschichte im 19. und 20. Jahrhundert. Festschrift zum 50. Geburtstag. Stuttgart-Bonn 1992.
  • Willi Jasper, Joachim H. Knoll (Hrsg.): „Preußens Himmel breitet seine Sterne“… Beiträge zur Kultur-, Politik und Geistesgeschichte der Neuzeit. Festschrift zum 60. Geburtstag. 2 Bände (= Haskala. Wissenschaftliche Abhandlungen. Bd. 26/ 1 und 2). Hildesheim u. a. 2002.
  • Irene Diekmann und Elke-Vera Kotowski (Hrsg.): Geliebter Feind, gehasster Freund. Antisemitismus und Philosemitismus in Geschichte und Gegenwart. Festschrift zum 65. Geburtstag. Berlin 2008.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Bericht des Tagesspiegel zur Restitutions-Frage. Abgerufen am 4. November 2008.
  2. Einigung in New York: Picasso-Gemälde kommen nicht zurück nach Berlin. Artikel bei Spiegel Online. Abgerufen am 4. Februar 2009.
  3. Der Standard, 7. Jänner 2010: Picassos „Absinthtrinker“: Eigentumsstreit beigelegt, abgerufen 11. Februar 2014
  4. artinfo24.com: Pablo Picasso - Absinth Trinker bei Christies versteigert, abgerufen 11. Februar 2014
  5. Offizielle Internetseite.
  6. Menschen an unserer Seite
  7. Er begründete das gegenüber dem Handelsblatt mit den Worten „Die Arbeit der ‚Stiftung gegen Vertreibungen‘ gerät zunehmend in schiefes Licht“...„Ich möchte mit dem Projekt nichts mehr zu tun haben und verlange von der Liste der Unterstützer gestrichen zu werden“. Siehe Handelsblatt online vom 18. September 2010.
  8. Ministerpräsident verleiht Verdienstorden des Landes. Nachrist vom 13. Juni 2014, auf Website des Landes Brandenburg, abgerufen a, 26. Juni 2014.
  9. Schriftenverzeichnis Julius H. Schoeps