Junge

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Dieser Artikel behandelt junge männliche Menschen. Für weitere Bedeutungen siehe Junge (Begriffsklärung) sowie Knabe (Begriffsklärung) und Bub (Begriffsklärung).
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Ein Junge oder Bub (früher auch Knabe, Bursch(e) oder Bube) ist ein junger Mensch männlichen Geschlechts, der das Erwachsenenalter noch nicht erreicht hat, also ein männliches Kind oder ein männlicher Jugendlicher.

Junge in Spanien
Vier ältere Jungen in Äthiopien
Jungen in Deutschland beim Aufführen eines Puppenspiels

Bezeichnungen und Etymologie[Bearbeiten]

Das Wort Junge dient heute als überregionale Wortform. Knabe ist als hochsprachliche Form veraltet, in den Mundarten zeigen die beiden Wortformen Bube und Junge eine deutliche Zweiteilung, bei der im Süden bis einschließlich Hunsrück, Westerwald, Vogelsberg, Thüringer Wald und Frankenwald von ‚Buben‘ gesprochen wird, nördlich davon jedoch von ‚Jungen‘. Nur vereinzelt, vor allem im Rhein-Main-Gebiet, findet man auch das aus dem Latein stammende Bursch(e) in der allgemeinen Bedeutung für Jungen und junge Männer. Kerle ist nur in einer Insel auf der Alb, im Badischen und im Thüringisch-Obersächsischen im Dialekt heimisch, Bengel war nur auf einer pommerschen Insel zu finden - weitere Worte sind hess. Stift (bedeutet heute eher einen Auszubildenden in einem Büroberuf); fries. erscheint auch Dreng und oberfränk. Boss.[1][2]

Knabe[Bearbeiten]

Knabe,[3] das ursprünglich hochsprachliche Wort, hat – als ungewöhnlicher Fall – keine Verankerung in den Mundarten.[2] Es findet sich nur im Spät-Althochdeutschen einmal als knabo erwähnt, taucht aber auch als knave im Mittelenglisch auf. Im Mittelhochdeutschen existierte auch hartlautend knappe (ahd. knappo), die zunächst den gleichen Begriffsinhalt wiedergaben, deren Bedeutung sich später jedoch auf Edelknaben und Bergknappen verengte. Das Wort entsprach auch den heute gebrauchten Begriffen Bursche oder Diener, wie es sich in der Bezeichnung Prügelknabe für einen Sündenbock, aber auch in der Wendung alter Knabe erhalten hat. Im altgermanisch findet sich in strenger Altersreihenfolge aber cild, cnapa, cniht (Letzteres heute Knecht, Ersteres vergl. engl. child ‚Kind‘, das sich im Deutschen nicht erhalten hat).[4]

Bis in die Neuzeit ist es die Standardbezeichnung des Oberdeutschen, dialektal findet es sich nur im tirolischen Lechtal in dieser Funktion. Literarisch war es bis ins 19. Jahrhundert gebräuchlich (vgl. z. B. Annette von Droste-Hülshoffs Ballade Der Knabe im Moor), und etwa als allgemeine Bezeichnung wie Knaben- und Mädchenschule.

Junge[Bearbeiten]

Junge[5] ist ebenfalls aus dem Althochdeutsch als jungo überliefert, und wie Knabe und Bub im Sinne ‚Knecht, Lehrling‘ in Gebrauch (gänsejung, küchenjung, hundsjung, stalljung).[6]

Gehoben steht dann Junker, mhd. juncherre für ‚junger Herr, Knappe‘ als Adelstitel.

Bei der Bezeichnung Jüngling,[7] ahd. jungeling, ist stets auch etwas Reines, Unbemakeltes mitgemeint (ursprünglich ‚unverheiratet‘, ähnlich wie bei Jungfrau und Junggeselle). Die literarische Rezeption des ‚Jünglings‘ fällt vor allem in die Zeit zwischen Sturm und Drang und Biedermeier. Infolge ihres mangelnden Interesses für Erscheinungen vor 1850 schweigen Jugendsoziologie (Karl Mannheim, Helmut Schelsky, Ludwig von Friedeburg, selbst Howard P. Becker) und Jugendpsychologie dazu fast grundsätzlich. Beispielhaft sind z. B. der Hyperion von Hölderlin und der Ferdinand in Kabale und Liebe von Schiller. In der bildenden Kunst zeigt sich der Jüngling ikonographisch als bartlos dargestellt (vgl. Kouros).

Oberfränkisch Gung ist eine „hyperkorrekte Adoptivform“ durch Zusammenfallen von «j-» und «g-»Anlauten.[2]

Bube und Bub[Bearbeiten]

Bube[8] findet sich mittelhochdeutsch buobe, es ist in allen westgermanischen Sprachen verbreitet, die Herkunft ist unbekannt. Vermutet wird eine Lallform zu mhd. bruoder für ‚Bruder‘ (ähnlich den viel jüngeren Papa/Mama zu urspr. lat. pater/mater), wie auch zeitgenössische Rufnamen wie Puopo, Puabo, Buobo, Bôbo vermuten lassen. Ein Zusammenhang mit englisch boy ist möglich, die Herkunft dieses Worts ist aber ebenfalls unklar. Ursprünglich wurde boy im Sinne von ‚Sklave‘ benutzt, die Bedeutung ‚Junge‘ scheint offenbar jüngeren Datums.

Das Wort ist heute in der Form Bub in Österreich, Südtirol, der Schweiz, in Bayern, Baden-Württemberg, in der Pfalz und Südhessen der übliche Ausdruck für männliche Kinder und Jugendliche, während es im nördlichen Deutschland nie heimisch war. Im Hochdeutschen apokopiert das Wort nicht (Verlust der mittelhochdeutschen Substantivendung «-e»), wohl aber im gesprochenen, sodass dort die hochdeutsche Form Bube geziert wirkt, und nie den Knaben als solchen bezeichnet: Im Dialekt ist die Grundform bairisch Bua (auch im Großteil Österreichs), Pl. Buam(a) – mit Variationen oberfränk. Bou, pfälz. Bu im Norden; ostösterreichisch (Weinviertel) Bui; südbairisch Pui, aber südtirol. Büob/Büab, Pl. Büobm; alemann. Bueb, Büeb.[2]

‚Bube‘ ist von Anfang an auch pejorativ in Gebrauch, und in altertümlichen Zusammensetzungen wie Spitzbub, Lausbube, Bubenstück oder bübisch findet sich das Wort in der Bedeutung ‚ehrlos, eines Mannes unwürdig.‘ Die Diminutive (wie Bübchen, Bübli, Bubi, Bubsch) sind aber meist Koseformen.

Weitere Formen[Bearbeiten]

Während Bube und Kerl einen rein sozialen Bezug haben, ist Knabe, aber auch Boss, Bengel, Stift, Dreng etymologisch sexuell annotiert, sie stehen allesamt bildhaft zum männlichen Geschlechtsorgan:[2]

  • Knabe: schwedisch knabb mundartlich ‚Pflock‘
  • Boss: mhd. bóz ‚Stoß‘, vergl. Amboß
  • Stift: ‚Bolzen
  • Dreng: norw. dreng ‚Stock‘
  • Bengel: ‚Knüppel, Stock‘, vergl. Bengler

Wahrnehmung in Öffentlichkeit und Forschung[Bearbeiten]

Zu Beginn der 1980er Jahre kamen Jungen als eigenständige geschlechtsbezogene Zielgruppe in den Blick.[9] Die geschlechtsbezogenen Ausdrucks- und Bewältigungsformen besonders der männlichen Unterschichtsjugendlichen konnten mit den damals üblichen schicht- bzw. klassenbezogenen Ansätzen nicht mehr hinreichend erklärt und pädagogisch aufgegriffen werden.

Mit der breiten Akzeptanz der Frauenbewegung und feministischer Ideen setzte gleichzeitig eine massive Kritik an den traditionellen Vorstellungen von Männlichkeit und – insbesondere in der Jugendhilfe – auch an „den“ Jungen und Verhaltensweisen von Jungen ein, die als die Lebenslagen von Mädchen beeinträchtigend wahrgenommen wurden.[10] Seit den 1990er Jahren werden Lebenslagen und -bedingungen von Jungen zunehmend auch wissenschaftlich erhoben und erforscht.[11][12][13] Es zeigte sich, dass das reflektierte Inblicknehmen von Jungen für das Verständnis geschlechtsbezogener Besonderheiten und für die fachliche Arbeit mit ihnen unverzichtbar ist.[14] Daraus entstanden auch Forderungen nach Jungenarbeit und die allmähliche Entfaltung dieser Fachdisziplin. Als Experten für Jungenthemen im deutschsprachigen Raum gelten Lothar Böhnisch, Gunter Neubauer, Jürgen Budde, Reinhard Winter.

Seit Beginn der 2000er Jahre werden Jungen in populären Medien mit alarmistischem Unterton zur homogenen Problemgruppe stilisiert (z.B. GEO, 2003: Jungen – die neuen Sorgenkinder; ZEIT, 2002: Die neuen Prügelknaben.), wobei die Debatte insbesondere um die Bildungsergebnisse von Jungen kreist.[15][16][17][18][19][20][21] Auch einige Bücher erschienen zu dieser Thematik, die aber auch auf wissenschaftliche Kritik stießen.[22][23]

Literatur[Bearbeiten]

  • Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung: Jungen. Forum Sexualaufklärung, Heft 1–2008.
  • Reinhard Winter: Jungen: Eine Gebrauchsanweisung. Jungen verstehen und unterstützen. Beltz, Weinheim und Basel 2011, ISBN 978-3-407-85931-0.
  • Ruth Michalek: Also, wir Jungs sind …: Geschlechtervorstellungen von Grundschülern. Münster / New York / München / Berlin 2006.
  • Josef Petrik: Bubenweisheit, Handbuch für Gruppen der katholischen Jungschar in Österreich. (zum Erleben und Selbstverständnis von Buben der 1960er-Jahre), 6. Auflage, Wien 1960.
  • Gisela Preuschoff, Axel Preuschoff: Arme Jungs. Was Eltern, die Söhne haben, wissen sollten. PapyRossa, Köln 2004.
  • Jürgen Budde, Bundesministerium für Bildung und Forschung (Hrsg.): Bildungs(miss)erfolge von Jungen und Berufswahlverhalten bei Jungen. Bonn/Berlin 2008.
  • Gabriele Strobel-Eisele, Klaudia Schultheis, Thomas Fuhr: Kinder: Geschlecht männlich: pädagogische Jungenforschung. Kohlhammer, Stuttgart 2006.
  • Bernhard Stier und Reinhard Winter (Herausgeber): Jungen und Gesundheit. Ein interdisziplinäres Handbuch für Medizin, Psychologie und Pädagogik. Kohlhammer, Stuttgart 2013.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Jungen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wiktionary: Junge – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Wikiquote: Knabe – Zitate

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Erste Runde – Junge/Bub. In: Atlas zur deutschen Alltagssprache (AdA), Phil.-Hist. Fakultät, Universität Augsburg, 10. November 2005.
  2. a b c d e  Werner König: dtv-Atlas Deutsche Sprache. 1 Auflage. dtv-Band 3025, dtv, München 1978, ISBN 3-423-03025-9, Junge/Mädchen, S. 167 Sp. 2 Frühe Lehnbezeichnungen mit Nachbarvölkern (Verbreitungskarte Junge/Bua/Kerle S. 166).
  3. KNABE, m. puer. In: Jacob Grimm, Wilhelm Grimm: Deutsches Wörterbuch. Hirzel, Leipzig 1854–1960 (woerterbuchnetz.de, Universität Trier).
  4. KNABE, II. 1. c in strengerer bezeichnung des alters unterscheiden wir kind und knabe. In: Grimm: Deutsches Wörterbuch. Hirzel, Leipzig 1854–1960 (woerterbuchnetz.de, Universität Trier).
  5. JUNGE, m. adolescentulus, puer. In: Grimm: Deutsches Wörterbuch. Hirzel, Leipzig 1854–1960 (woerterbuchnetz.de, Universität Trier).
  6. JUNGE 2) junge heiszt im nhd. zunächst ein junger mensch in dienender oder in einem handwerk lernender stellung. In: Grimm: Deutsches Wörterbuch. Hirzel, Leipzig 1854–1960 (woerterbuchnetz.de, Universität Trier).
  7. JÜNGLING, m. juvenis. In: Grimm: Deutsches Wörterbuch. Hirzel, Leipzig 1854–1960 (woerterbuchnetz.de, Universität Trier).
  8. BUBE, m. puer, knabe, im gen. und pl. buben. In: Grimm: Deutsches Wörterbuch. Hirzel, Leipzig 1854–1960 (woerterbuchnetz.de, Universität Trier).
  9. M. Brunke: Zur geschlechtsspezifischen Arbeit mit Jungen – Bericht über die Jungenarbeit im Wannseeheim für Jugendarbeit Berlin. In: Neuer Rundbrief 2/3 1981, Berlin.
  10. M. Savier, C. Wildt: Mädchen zwischen Anpassung und Widerstand. Neue Ansätze zur feministischen Jugendarbeit. München 1978.
  11. L. Böhnisch, R. Winter: Männliche Sozialisation. Bewältigungsprobleme männlicher Geschlechtsidentität im Lebenslauf. Weinheim/München 1993.
  12. P. Zimmermann: Junge, Junge! Theorien zur geschlechtstypischen Sozialisation und Ergebnisse einer Jungenbefragung. Dortmund 1998
  13. Reinhard Winter, Gunter Neubauer: Kompetent, authentisch und normal? Aufklärungsrelevante Gesundheitsprobleme, Sexualaufklärung und Beratung von Jungen. In: BZGA Fachheftreihe Bd. 14. Köln 1998.
  14. z.B. in Bezug auf Gesundheitsaspekte: Bernhard Stier/Reinhard Winter (Hg.): Jungen und Gesundheit, Stuttgart 2013
  15. Margit Stamm: Underachievement von Jungen: Perspektiven eines internationalen Diskurses. In: Zeitschrift für Pädagogik. 11, Nr. 1, März 2008, S. 106–124. doi:10.1007/s11618-008-0006-6.
  16. Barbara Koch-Priewe, Arne Niederbacher, Annette Textor und Peter Zimmermann: Jungen – Sorgenkinder oder Sieger? Ergebnisse einer quantitativen Studie. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2009, ISBN 978-3-531-91463-3, S. 10 f. doi:10.1007/978-3-531-91463-3_1.
  17. Anne Watson, Michael Kehler und Wayne Martino: The Problem of Boys' Literacy Underachievement: Raising Some Questions. In: Journal of Adoleszent & Adelt Literacy. 53, Nr. 5, Februar 2010, S. 356–361. doi:10.1598/JAAL.53.5.1.
  18. Emma Smith: Failing boys and moral panics: perpectives on the underachievement debate. In: British Journal of Educational Studies. 51, Nr. 3, Sommer 2003, S. 282–295. doi:10.1111/1467-8527.t01-2-00239.
  19. Jordan J. Titus: Boy Trouble: Rhetorical framing of boys' underachievement. In: Discourse: Studies in the Cultural Politics of Education. 25, Nr. 2, 2004, S. 145–169. doi:10.1080/01596300410001692120.
  20. Christine Griffith: Discourses of Crisis and Loss: Analyzing the 'Boys' Underachievement' Debate. In: Journal of Youth Studies. 3, Nr. 2, 2000, S. 167–188. doi:10.1080/713684373.
  21. Victoria Foster, Michael Kimmel und Christine Skelton: 'What about the boys?' An overview of the debates. In: Wayne Martino und Bob Meyenn (Hrsg.) What about the boys? Issues of masculinity in schools. Open University Press, Buckingham 2001, ISBN 0-335-20624-7, S. 1–23.
  22. Susan Fegter: Die Krise der Jungen in Bildung und Erziehung. Diskursive Konstruktion von Geschlecht und Männlichkeit. VS Verlag, Wiesbaden 2012.
  23. Bundesjugendkuratorium: Schlaue Mädchen – Dumme Jungen? Gegen Verkürzungen im aktuellen Geschlechterdiskurs. Stellungnahme des Bundesjugendkuratoriums. München 2009.