Jungfrau Maleen

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Jungfrau Maleen ist ein Märchen (ATU 870). Es steht in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm ab der 6. Auflage von 1850 an Stelle 198 (KHM 198) und stammt aus Karl Müllenhoffs Sammlung Sagen, Märchen und Lieder der Herzogthümer Schleswig, Holstein und Lauenburg von 1845.

Inhalt[Bearbeiten]

Ein Prinz und eine Prinzessin namens Jungfrau Maleen lieben sich und wollen heiraten. Ihr Vater will sie jedoch einem anderen geben, und weil sich Maleen seiner Absicht widersetzt, lässt der König sie und ihre Dienerin für sieben Jahre in einem Turm einmauern. Als nach Ablauf der Frist die Nahrung ausgeht und niemand sie rauslässt, befreien sich die beiden Jungfrauen aus dem Turm und finden das Reich zerstört. Sie wandern fort und ernähren sich von Brennnesseln. Am Hof ihres Geliebten findet die unerkannte Jungfrau Maleen schließlich eine Anstellung als Magd. Der Prinz steht kurz vor der von seinem Vater arrangierten Hochzeit mit einer bösen und hässlichen Braut. Diese schämt sich ihres Aussehens so sehr, dass sie Jungfrau Maleen zwingt, heimlich an ihrer Stelle das Brautkleid anzuziehen und sie bei der Trauung zu vertreten. Auf dem Hochzeitszug spricht Maleen zu einer Brennnessel, zum Kirchensteg und zum Kirchentor und macht dabei Andeutungen, dass sie die falsche Braut sei. Auf die Frage des Prinzen sagt sie, sie habe nur an Jungfrau Maleen gedacht. Er hängt ihr als Geschenk ein Geschmeide um. Als abends die verschleierte hässliche Braut zu ihm geführt wird, fragt er erneut nach ihren rätselhaften Worten. Die hässliche Braut entschuldigt sich dreimal mit der Behauptung, ihre Magd würde ihre Gedanken tragen, und erzwingt dann die richtigen Antworten von Maleen. Zuletzt fragt der Prinz nach dem Geschmeide, das Jungfrau Maleen für sich behalten hat. Die hässliche Braut gibt daraufhin die Vertauschung zu und will Jungfrau Maleen köpfen lassen, aber der Prinz kommt und erkennt sie. Sie werden zusammen glücklich, die hässliche Braut wird geköpft.

Stilistische Besonderheiten[Bearbeiten]

Der sonst auf hochdeutsch abgedruckte Text enthält einige Formeln im Dialekt. Jungfrau Maleen sagt auf dem Weg zur Kirche:

„Brennettelbusch, (Brennesselbusch,)
Brennettelbusch so klene, (Brennesselbusch so klein,)
Wat steist du hier allene? (Was stehst du hier allein?)
Ik hef de Tyt geweten, (Ich habe die Zeit gewusst (= ich kann mich an die Zeit erinnern),)
Da hef ik dy ungesaden, (Da hab ich dich ungesotten,)
Ungebraden eten.“ (Ungebraten gegessen.)
„Karkstegels, brik nich, bün de rechte Brut nich.“ (Kirchentreppe, brich nicht, bin die rechte Braut nicht)
„Karkendär, brik nich, bün de rechte Brut nich.“ (Kirchentür, brich nicht, bin die rechte Braut nicht)

Die falsche Braut hilft sich gegen die Fragen des Prinzen mit dem Satz:

„Mut heruet na myne Maegt, (Muss heraus nach meiner Magd,)
De my myn Gedanken draegt.“ (Die mir meine Gedanken trägt)

Der Text endet mit einem Gedicht, das Kinder am verlassenen Turm der Jungfrau Maleen singen:

„kling, klang kloria,
wer sitt in dissen Toria?
Dar sitt en Königsdochter in,
Die kann ik nich to seen krygn.
De Muer, de will nich bräken,
De Steen, de will nich stechen.
Hänschen mit de bunte Jak,
Kumm unn folg my achterna.“

Herkunft[Bearbeiten]

Jungfer Maleen stammt laut Karl Müllenhoffs Sammlung Sagen, Märchen und Lieder der Herzogthümer Schleswig, Holstein und Lauenburg (1845) aus Meldorf. Die Brüder Grimm übernahmen es für ihre Kinder- und Hausmärchen ab der 6. Auflage (1850) als Nummer 198 Jungfrau Maleen. Sie veränderten den Wortlaut, z.B. lassen sich im Original die Mädchen vom Turm hinab (anstatt zu springen). Das Schlussgedicht wird als mutmaßlich auf ein solches Märchen bezogen separat berichtet, mit folgender Variante ab Zeile 5:

Nä, Mutter, schaet ni', baet ni':
Steen unn Been verlaet my;
Kumt de olle bunte Rock
Unn faet my achter an.

Vergleiche[Bearbeiten]

Danaë im Turm (Jan Mabuse, 1527)

Die einsame treue Jungfrau, die sich hier mit der Schuttpflanze Brennnessel vergleicht, entspricht vielen anderen Märchen. Das Motiv der Jungfrau im Turm entspricht dem griechischen Mythos von Danaë und kommt auch in KHM 12 Rapunzel, KHM 69 Jorinde und Joringel, KHM 76 Die Nelke vor. Bei Jungfrau Maleen ist wohl auch an Maria Magdalena gedacht (vgl. KHM 76 Die Nelke). Auch die falsche Braut, die keine eigenen Gedanken hat (KHM 13, 21, 65, 89, 135, 186), lädt besonders zu tiefenpsychologischen Deutungen ein. Dass der Prinz um den Gefängnisturm seiner Geliebten herumwandert steht nicht im Müllenhoff'schen Original. Die Brüder Grimm ergänzten das wohl in Anlehnung an KHM 69 Jorinde und Joringel und KHM 181 Die Nixe im Teich, ebenso der Name Aschenputtel für die Küchenhilfe. Umgekehrt könnte das Märchen bereits im Einfluss früherer Ausgaben der Kinder- und Hausmärchen stehen. Ähnliche Märchen wären:

Wirkung[Bearbeiten]

Maurice Maeterlinck schrieb in freier Abwandlung der Märchenmotive 1889 das Bühnenwerk La Princesse Maleine, wo sich vor der Folie des Märchens von der Jungfrau Maleen eine mystische Tragik der Resignation dramatisch entrollt. In den deutschen Übersetzungen von Friedrich von Oppeln-Bronikowski von Stefan Gross heißt das Stück von Maeterlinck Prinzessin Maleine. Nach der Vorlage des Stücks von Maeterlinck verfasste Lili Boulanger eine Oper La Princesse Maleine, die obwohl Fragment geblieben den Märchenstoff zur Inspirationsquelle interessanter musik-kompositorischer Neuerungen macht.

Börries von Münchhausen schrieb 1910 eine Ballade vom Brennesselbusch, die offenbar auf dem Märchen beruht. Die Märchensammlerin Sigrid Früh wurde persönlich von dem Märchen beeinflusst, das sie als Kind im Luftschutzkeller hörte. Holger Teschke produzierte 2003 ein Kinderhörspiel. Bei den Brüder Grimm Märchenfestspielen in Hanau war Jungfrau Maleen 2005 im Programm. Die Passage mit der vertauschten Braut beim Kirchgang und die Gespräche zu Brennnessel, Kirchentreppe und Kirchentor sowie das schlussendliche Geständnis der Braut wurden in dem DEFA-Märchenfilm Rapunzel oder der Zauber der Tränen verwendet.

Günter Eich dichtete:[1]

Brüder Grimm
Brennesselbusch.
Die gebrannten Kinder
warten hinter den Kellerfenstern.
Die Eltern sind fortgegangen,
sagten, sie kämen bald.
Erst kam der Wolf,
der die Semmeln brachte,
die Hyäne borgte sich den Spaten aus,
der Skorpion das Fernsehprogramm.
Ohne Flammen
brennt draußen der Brennesselbusch.
Lange
bleiben die Eltern aus.

Literatur[Bearbeiten]

  • Müllenhoff, Karl. Sagen, Märchen und Lieder der Herzogthümer Schleswig, Holstein und Lauenburg. Kiel, 1845. S. 391-395.
  • Grimm, Brüder. Kinder- und Hausmärchen. Vollständige Ausgabe. Mit 184 Illustrationen zeitgenössischer Künstler und einem Nachwort von Heinz Rölleke. S. 800-805. Düsseldorf und Zürich, 19. Auflage 1999. (Artemis & Winkler Verlag; Patmos Verlag; ISBN 3-538-06943-3)
  • Grimm, Brüder. Kinder- und Hausmärchen. Ausgabe letzter Hand mit den Originalanmerkungen der Brüder Grimm. Mit einem Anhang sämtlicher, nicht in allen Auflagen veröffentlichter Märchen und Herkunftsnachweisen herausgegeben von Heinz Rölleke. Band 3: Originalanmerkungen, Herkunftsnachweise, Nachwort. S. 274, 515. Durchgesehene und bibliographisch ergänzte Ausgabe, Stuttgart 1994. (Reclam-Verlag; ISBN 3-15-003193-1)
  • Rölleke, Heinz (Hrsg.): Grimms Märchen und ihre Quellen. Die literarischen Vorlagen der Grimmschen Märchen synoptisch vorgestellt und kommentiert. 2., verb. Auflage, Trier 2004. S. 524-537, 584. (Wissenschaftlicher Verlag Trier; Schriftenreihe Literaturwissenschaft Bd. 35; ISBN 3-88476-717-8)
  • Maennersdoerfer, Maria Christa: Prinzessin in der Erdhöhle. In: Enzyklopädie des Märchens. Band 10. S. 1336-1341. Berlin, New York, 2002.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Günter Eich: Brüder Grimm. In: Die Horen. Bd. 1/52, Nr. 225, 2007, ISSN 0018-4942, S. 7.

Weblinks[Bearbeiten]

 Wikisource: Jungfrau Maleen – Quellen und Volltexte