Junggeselle

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unter Junggeselle (Begriffsklärung) aufgeführt.

Der Junggeselle ist ein unverheirateter Mann, unabhängig von seinem Alter. Die weibliche Entsprechung ist Junggesellin (früher teilweise synonym mit Jungfrau, das heute deutsch anders konnotiert ist). Es ist kein rechtlicher Begriff, sondern entspringt dem gesellschaftlichen Empfinden. Im Kontext des Brauchtums spricht man von Jungmännern für die Unverheirateten, in manchen Zusammenhängen auch vom Hagestolz.

Begriffsentwicklung[Bearbeiten]

Mittelalterliche Herkunft und früherer Gebrauch[Bearbeiten]

Der Begriff kommt aus der Handwerkersprache des hochmittelalterlichen Zunftwesens: Der Junggeselle war zunächst der jüngste der Gesellen in einem Handwerksbetrieb und stand im Gegensatz zum Altgesellen auf der untersten Stufe der Rangleiter. Seit dem 15. Jahrhundert bezeichnete das Wort vorrangig den jungen Gesellen auf Wanderschaft, der noch keine Familie gründen konnte (vergleiche auch Bursche).

Junggesellenstand und Mannesstand[Bearbeiten]

Seit dem 16. Jahrhundert bezeichnet „Junggeselle“ allgemein den jüngeren unverheirateten Mann im Gegensatz zum Ehemann: Das Niederlassungsrecht für Handwerker war in den Zünften mit der Meisterschaft genauso verbunden, wie die Pflicht, einen Hausstand zu gründen, womit der handwerkliche Ausbildungsbegriff des Gesellen auf den Personenstand übergeht. Wer unverheiratet blieb, lebte im Junggesellenstand. Dass der Junggesellenstand zwar eine willkommene Ressource etwa an wehrfähigen, rekrutierbaren Personen war – einen Mann aus Ehe, Familie und Beruf heraus zum Kriegsdienst zu nehmen, war schon immer eine Notmaßnahme, weil sie die notwendige Wirtschaftskraft mindert – war aber kein Hindernis, zu manchen Zeiten eine Junggesellensteuer zu erheben, um die Junggesellen zum Heiraten zu animieren.

Gelegentlich wurde mit Junggeselle (selten auch Junker, als Gegensatz zu Jungfer) die männliche Entsprechung zur Jungfrau bezeichnet: ein junger Mann, der noch mit keiner Frau Geschlechtsverkehr hatte. Heute gibt es dafür ebenfalls die Umschreibung männliche Jungfrau. Inwieweit der Begriff auch mit Homosexualität in Verbindung stand, lässt sich kaum noch feststellen, da diese Art der Sexualität im christlichen Mittelalter und der frühen Neuzeit im öffentlichen Diskurs tabu war.

Junggesellenstand und Ehestand[Bearbeiten]

Traditionell wurde der Junggeselle daher mit dem Personenstand ledig gleichgesetzt. Nach manchem heutigen Empfinden wird seine Anwendung aber auf Personen, die in einer nichtehelichen (eheähnlichen) Partnerschaft (auch wilde Ehe genannt) leben, für unzutreffend gehalten. Mit der Entwicklung eines neuen Personenstandes für Leute, die in einer Lebenspartnerschaft leben, ist für viele in ihrem Empfinden auch unklar, ob zur Beendigung ihres Junggesellendaseins zwingend die Ehe erforderlich sei. Insgesamt zieht der Wandel des Eheverständnisses in der Gesellschaft auch einen Wandel des Junggesellenverständnisses nach sich. Für die Anwendung des Begriffs spielt das Alter der Zielperson keine Rolle mehr.

Der Junggesellenstand als Gegensatz zum Ehestand ist heute gesellschaftlich nicht mehr geächtet; der Anteil der Unverheirateten in der Gesellschaft steigt. Auch Geschiedene bezeichnen sich gelegentlich – nicht ganz korrekt – als Junggesellen. Im gegenwärtigen Sprachgebrauch werden Junggeselle und Junggesellin immer häufiger durch die moderneren Begriffe Alleinstehende(r) oder Single ersetzt, was allerdings auch Geschiedene sowie Witwen und Witwer umfasst. Für Unverheiratete, die diese Lebensweise gewollt über einen länger andauernden Zeitraum leben, wird der Begriff Junggeselle oftmals in Verbindung mit einem Wort wie überzeugt, eingefleischt, bekennend oder ewig gebraucht. Die Wahl des Zusatzwortes hängt häufig vom genauen Zusammenhang ab.

Junggeselle und Jugend[Bearbeiten]

Schon im 18. Jahrhundert bildet sich aber eine romantisierende Sicht auf den Stand des Unverheirateten aus:

„Denn das ist Gottes wahre Gift*,
wenn die Blüthe zur Blüthe trifft;
deszwegen Jungfern und Junggesellen
im Frühling sich gar gebärdig stellen“.
(Goethe)

*Geschenk

Der ältere unverheiratete Mann über 50 wurde – belegt mit einer leicht negativen, ironischen Beinote – Hagestolz genannt.[1]

Junggesellenschaft und Homosexualität[Bearbeiten]

Der Begriff Junggeselle wird teilweise jedoch auch (meist in Verbindung mit einem beschreibenden Adjektiv wie eingefleischt, bekennend oder überzeugt) als Euphemismus gebraucht, wenn der Verwender das Thema Homosexualität nicht offen ansprechen möchte. Bei nicht geouteten Männern kommt dies als Selbstbezeichnung vor[2] oder als journalistische Umschreibung.[3] Vor allem in konservativen Kreisen, in denen die Bereitschaft, offen über Homosexualität zu reden, besonders gering ist, gilt der Begriff als gesellschaftlich akzeptierte Sprachregelung,[4] auch wenn die Zielperson des Begriffs offen schwul ist.

Heutige Verwendung[Bearbeiten]

Heute wird der Begriff kaum noch verwendet. Infolge eines Bedeutungswandels und geänderter Wertvorstellungen wird meist der Anglizismus Single für Menschen beiderlei Geschlechts, die in keiner Partnerschaft leben, verwendet.

Brauchtum um den Junggesellenstand[Bearbeiten]

Die Jungmänner im europäischen Volksbrauchtum[Bearbeiten]

Neben Kennzeichen der Tracht – etwa rosa Schleife für den Junggesellen, rot für den Mann, die der Haube der Frauentracht entsprechen – ist eine Fülle von Bräuchen der Jungmännerschaft des Orts vorbehalten. Dazu gehören etwa:

  • Aufstellen des Maibaums inklusive Maibaumkraxeln
  • Abbrennen der Feuer in vielen Varianten des Feuerbrauchtums, einschließlich des Über-das-Feuer-Springens
  • Verkleidungsumzüge wie Perchtenlauf, Glöckeln und ähnliches.

Alle diese Bräuche stellen das Pendant der Brautschau dar: Bei örtlichen Festen kommen die Menschen umliegender Orte zusammen. Und sich bei solchen Festen durch besondere Kraft, Ausdauer, Geschicklichkeit oder Wagemut hervortun zu können, ist essentieller Zweck solcher Bräuche – die offenkundig sexuelle Konnotation mancher dieser Bräuche ist dabei kein Zufall.

Junggesellenabschied[Bearbeiten]

Steht ein Mann kurz vor seiner Heirat, wird im rein männlichen Freundeskreis gern sein Junggesellenabschied gefeiert: Da der angehende Ehemann nach der Hochzeit kein Junggeselle mehr ist, wird mit diesem Brauch sein Junggesellendasein feierlich oder auch feucht-fröhlich beendet. In Großbritannien hat dieser Brauch eine besonders lange und ausgiebig gefeierte Tradition, mit eigenen Liedern („For he’s a jolly good fellow“), Trinkgelagen und sexuellen Ausschweifungen. Auch junge Frauen feiern dort zunehmend ausgelassen und mit viel Alkohol gemeinsam mit Freundinnen in Pubs und Discos – oft karnevalistisch kostümiert – ihren Junggesellinnenabschied. Diese Sitte setzt sich seit einigen Jahren zunehmend auch in Deutschland durch. In Österreich, in der Schweiz und in Dänemark bezeichnet man den ausgelassenen Abschied vom Ledig-Sein mit dem Ausdruck Polterabend. In Großbritannien nennt man den Junggesellenabschied 'Stag Night', den der Junggesellinnen 'Hen Night'. Auch in den USA und anderen englischsprachigen Ländern ist der Begriff 'Stag Night' bzw. 'Stag Party' bekannt.

Nichteuropäisch-ethnologische Aspekte[Bearbeiten]

Junggesellenhaus heißt bei einigen außereuropäischen Völkern, z. B. in Westafrika, Indonesien, Hinterindien und besonders ausgeprägt in Ozeanien, das große Gemeinschaftshaus, in dem die jungen, unverheirateten Männer gemeinsam leben.

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Junggeselle – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Brockhaus 2004, Junggeselle
  2. Eckhard Fuhr: Der Sinn des Skandals. In: Die Welt. 21. August 2003.
  3. Elmar Kraushaar: Der homosexuelle Mann … In: TAZ. 14. Mai 2002.
  4. Jürgen Balthasar: Das tragische Ende eines Doppellebens. In: Stern. 16. Januar 2005.