Jurek Becker

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Jurek Becker, 1993

Jurek Becker (* vermutlich 30. September 1937 in Łódź, Polen als Jerzy Bekker geboren[1]; † 14. März 1997 in Sieseby, Schleswig-Holstein) war ein deutscher Schriftsteller, Drehbuchautor und DDR-Dissident.

Leben[Bearbeiten]

Kindheit und Jugend[Bearbeiten]

Jurek Becker wurde in Łódź in Polen geboren. Sein Geburtsdatum ist unbekannt, da sein Vater ihn im Ghetto älter angab als er war, um ihn vor der Deportation zu bewahren. Später erinnerte er sich nicht mehr an das richtige Geburtsdatum. Wahrscheinlich war Jurek Becker einige Jahre jünger als überall verzeichnet ist.

Beckers Eltern waren Juden; sein Vater Max Becker, geborener Mieczyslaw Bekker, (1900–1972) arbeitete als Angestellter und später als Prokurist in einer Textilfabrik. Nach dem deutschen Überfall auf Polen 1939 wurde Jurek Becker zusammen mit seinen Eltern ins Ghetto von Łódź deportiert. 1944 kam er mit seiner Mutter, Anette Bekker, zunächst in das KZ Ravensbrück und später nach Sachsenhausen bzw. ins KZ-Außenlager Königs Wusterhausen.

Nach Kriegsende fand ihn sein Vater, der in Auschwitz überlebt hatte, mit Hilfe der jüdisch-amerikanischen Suchorganisation JOINT wieder. Seine Mutter war – bereits in Freiheit – an Unterernährung gestorben, ungefähr 20 weitere Familienmitglieder waren umgebracht worden. Eine Tante, die vor dem Einmarsch der Deutschen in die USA geflüchtet war, sowie Jurek und sein Vater Max waren die einzigen Überlebenden der Familie.

1945 zog Becker mit seinem Vater in die Lippehner Straße 5 (heute Käthe-Niederkirchner-Straße) nach Ost-Berlin. Diese Entscheidung begründete der Vater damit, dass in der sowjetischen Besatzungszone Antifaschisten an die Macht kamen und nirgends so gründlich gegen den Antisemitismus vorgegangen wurde wie an der Stelle, an der er die größte Ausprägung erfahren hatte. Max Becker unterschied auch später stark zwischen sich und den Deutschen.

Becker lebte nach 1945 in Ost-Berlin, unter anderem in einer Wohngemeinschaft mit Manfred Krug, den er seit 1957 kannte,[2] in der Cantianstraße in Berlin-Prenzlauer Berg.[2]

1955 machte Jurek Becker das Abitur und meldete sich anschließend freiwillig zwei Jahre zur Kasernierten Volkspolizei, dem Vorläufer der Nationalen Volksarmee. Außerdem wurde er Mitglied der FDJ. Gegen den Willen seines Vaters, der wollte, dass er Arzt würde,[2] entschied er sich 1957 für das Studium der Philosophie und wurde Mitglied der SED. Nach sechs Semestern wurde er 1960 nach einer Prügelei „zur Bewährung“ von der Universität relegiert und wurde freier Schriftsteller.

Sein Leben als freier Schriftsteller[Bearbeiten]

Jurek Becker mit Günter Grass, 1981

1960 begann er ein kurzes Film-Szenariums-Studium im DDR-Filmzentrum Babelsberg und schrieb mehrere Kabarett-Texte. 1962 war er fest angestellter Drehbuchautor bei der DEFA und schrieb einige Fernsehspiele und Drehbücher. Als 1968 sein Drehbuch Jakob der Lügner abgelehnt wurde, arbeitete er es zu seinem ersten Roman um, der 1969 erschien und 1974 doch noch verfilmt wurde. 1971 erhielt er den Heinrich-Mann-Preis und den Charles-Veillon-Preis.

Sein berühmtestes Buch, Jakob der Lügner, wurde bisher zweimal verfilmt. Die Verfilmung durch die DEFA war für den Oscar als bester ausländischer Film nominiert (1974, DEFA-Studio der DDR, Regie: Frank Beyer, Darsteller: Vlastimil Brodský, Erwin Geschonneck, Henry Hübchen).

1972 starb sein Vater. 1973 erschien sein zweiter Roman, Irreführung der Behörden. Außerdem wurde er in den Vorstand des Schriftstellerverbandes gewählt. 1974 erhielt er für Irreführung der Behörden den Literaturpreis der Freien Hansestadt Bremen und 1975 den Nationalpreis der DDR für Literatur II. Klasse. 1976 unterzeichnete der politisch engagierte Jurek Becker mit elf weiteren Schriftstellern einen Brief gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns, was mit dem Ausschluss aus der SED und aus dem Vorstand des Schriftstellerverbands der DDR bestraft wurde.[3] Der Roman Der Boxer erschien.

1977 trat Jurek Becker aus Protest gegen den Ausschluss Reiner Kunzes aus dem Schriftstellerverband aus und zog mit Genehmigung der DDR-Behörden in den Westen, da seine Bücher in der DDR nicht mehr verlegt und Filmprojekte abgelehnt wurden.

Von 1978 bis 1984 erschienen zwei weitere Romane (Schlaflose Tage 1978 und Aller Welt Freund 1982) und eine Sammlung von Erzählungen (Nach der ersten Zukunft 1980). Jurek Becker war Gastprofessor an Universitäten und hielt mehrere programmatische Vorträge.[2]

1986 erschien der Roman Bronsteins Kinder. Außerdem schrieb er in diesem Jahr das Drehbuch für die erfolgreiche Fernsehserie Liebling Kreuzberg, für die er 1987 zusammen mit Manfred Krug und Heinz Schirk mit dem Adolf-Grimme-Preis in Gold ausgezeichnet wurde.

Jurek Becker hat drei Söhne, zwei mit seiner ersten Frau Erika.[2] Der dritte, Jonathan (von seiner zweiten Frau Christine), wurde 1990 geboren.[2] Becker starb 1997 an Darmkrebs, der im Dezember 1995 diagnostiziert worden war.

Sein Grab befindet sich auf dem Friedhof in Sieseby.

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Werke[Bearbeiten]

Drehbücher (Auswahl)[Bearbeiten]

Tonträger[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Übersichten und Einführungen[Bearbeiten]

Biographien[Bearbeiten]

Sammelbände[Bearbeiten]

  • Karin Graf, Ulrich Konietzny (Hrsg.): Jurek Becker. Werkheft Literatur, Iudicium, 1991, ISBN 3-89129-068-3.
  • Irene Heidelberger-Leonard (Hrsg.): Jurek Becker. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1992, ISBN 3-518-38616-6.
  • Heinz Ludwig Arnold (Hrsg.): Jurek Becker. In: Text + Kritik, Band 116, Oktober 1992, ISBN 3-88377-416-2.
  • Karin Kiwus (Hrsg.): „Wenn ich auf mein bisheriges zurückblicke, dann muß ich leider sagen“. Dokumente zu Leben und Werk aus dem Jurek-Becker-Archiv. Akademie der Künste, 2002, ISBN 3-88331-064-6.
  • Olaf Kutzmutz (Hrsg.): Der Grenzgänger. Zu Leben und Werk Jurek Beckers. Wolfenbüttel 2012, ISBN 978-3-929622-53-9.

Sonstiges[Bearbeiten]

  • Herlinde Koelbl: Jurek Becker. In: Im Schreiben zu Haus − Wie Schriftsteller zu Werke gehen − Fotografien und Gespräche. Knesebeck Verlag, München 1998, ISBN 3-89660-041-9, S. 16–21 (Fotodokumentation und Interview zu Beckers Arbeitsplatz, persönlichem Umfeld und seiner Arbeitsweise).
  • Johanna Obrusnik: Jurek Becker. Geborener Jude, selbsternannter Atheist, deutscher Schriftsteller, Hentrich & Hentrich Verlag Berlin 2004, ISBN 978-3-933471-57-4.
  • Beate Müller: Stasi – Zensur – Machtdiskurse. Publikationsgeschichten und Materialien zu Jurek Beckers Werk. Niemeyer, Tübingen 2006, ISBN 3-484-35110-1 (Studien und Texte zur Sozialgeschichte der Literatur, Bd. 110).

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Jurek Becker – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Bayerische Staatsbibliothek: Gedenktage - 30. September 2012: Jurek Becker, 75. Geburtstag
  2. a b c d e f Manfred Krug (Hrsg.): Jurek Beckers Neuigkeiten. An Manfred Krug und Otti. Econ-Verlag, 1997, ISBN 3-430-11213-3.
  3. Jurek Becker protestiert 1976, jugendopposition.de.