Kärdla

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Kärdla
Wappen
Wappen
Flagge
Flagge
Staat: Estland Estland
Kreis: Hiiu
Gegründet: vor 1564
Koordinaten: 59° 0′ N, 22° 45′ O5922.75Koordinaten: 59° 0′ N, 22° 45′ O
Fläche: 4,5 km²
 
Einwohner: 3.050 (31.12.2011)
Bevölkerungsdichte: 678 Einwohner je km²
Zeitzone: EET (UTC+2)
Telefonvorwahl: (+372) 46
Postleitzahl: 92401 - 92420
 
Gemeindeart: Stadt
Bürgermeister: Georg Linkov

(IRL)

Postanschrift: Keskväljak 5a
92413 Kärdla
Webpräsenz:
Karte von Estland, Position von Kärdla hervorgehoben

Kärdla (deutsch Kertel, schwedisch Kärrdal) ist die einzige Stadt auf der zweitgrößten estnischen Insel, Hiiumaa (deutsch und schwedisch Dagö). Sie ist Hauptstadt und Verwaltungssitz des Landkreises Hiiu (Hiiu maakond).

Lage und Einwohnerschaft[Bearbeiten]

Holzhausarchitektur in Kärdla

Kärdla liegt an der nordöstlichen Küste der Insel Hiiumaa, direkt an der Ostsee. Die Stadt grenzt an die Bucht Tareste (Tareste laht). Durch Kärdla fließen der kleine Fluss Nuutri (Nuutri jõgi) und die Bäche Kammioja und Liivaoja.[1]

Der Name der Stadt kommt aus dem Schwedischen. Kärrdal bezeichnet ein sumpfiges und feuchtes Tal.[2]

Die Stadt hat 3.050 Einwohner (Stand 31. Dezember 2011).[3]. Die Bevölkerung ist nahezu vollständig estnischsprachig.

Geschichte[Bearbeiten]

Schweden[Bearbeiten]

1564 wurde das Dorf Kärtillby erstmals urkundlich erwähnt. Seine Einwohner waren Schweden. Sie waren vermutlich bereits im 14. Jahrhundert aus den schwedischsprachigen Gebieten Finnlands auf die Insel Hiiumaa eingewandert.

1470 gewährte der livländische Ordensmeister Johann Wolthus von Herse den Hiiumaa-Schweden umfangreiche Privilegien, unter anderem die Befreiung von der Leibeigenschaft.

Im 18. Jahrhundert wütete die Pest auf Hiiumaa. Ihr fielen auch zahlreiche Einwohner Kärdlas zum Opfer. Um 1810 gab es fast keine schwedischen Einwohner Kärdlas mehr. Der Ort wurde unter dem Namen Kertelhof zum Beigut von Partsi (Pardas). Er führte zunächst ein dörfliches Schattendasein.

Tuchfabrik[Bearbeiten]

Typisches Arbeiterhaus der ehemaligen Tuchfabrik

Seinen Aufschwung verdankt Kärdla der Gründung der Tuchfabrik K. u. E. Ungern-Sternberg auf dem Gutshof Suuremõisa (deutsch Großenhof) im Jahr 1829. Gründer waren die deutschbaltischen Adligen Peter Ludwig Konstantin von Ungern-Sternberg (1779-1836) und Heinrich Georg Eduard von Ungern-Sternberg (1782-1861) mit finanzieller Unterstützung des Tallinner Handelshauses Clayhills & Co.

Bereits 1830 wurde die Fabrikation mit ihren 210 Arbeitern vom Gutshof nach Kärdla überführt. Nach einem Feuer im Jahr 1870 wurde die Fabrik modernisiert wieder aufgebaut. Es entstanden auch zahlreiche Wohnhäuser für die Arbeiterschaft. Die ab 1874 so genannte Dago-Kertelsche Tuchfabrik war eine der ältesten und größten Tuchfabriken in ganz Estland. Bekannt war sie für ihre hervorragende Qualität. In den 1880er Jahren beschäftigte die Firma, die ab 1918 Hiiu-Kärdla Kalevivabriku Osaühisus hieß, über 700 Arbeiter. Die Aktiengesellschaft war mit Abstand der größte Arbeitgeber des Ortes.

Von 1860 bis 1883 war in Kärdla außerdem eine große Maschinenfabrik sowie weitere Industrieunternehmen tätig. 1849 wurde der Hafen von Kärdla ins Leben gerufen. Er wurde während des Zweiten Weltkriegs zerstört und bislang nicht wieder aufgebaut.

20. Jahrhundert[Bearbeiten]

Die Textilfabrik wurde im Dezember 1940 mit der sowjetischen Besetzung des Landes verstaatlicht.[4] Die historischen Fabrikgebäude wurden größtenteils im Oktober 1941 im Verlauf des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion von der Roten Armee zerstört.

Erhalten sind noch einige Arbeiterwohnhäuser und der Dienstsitz des ehemaligen Direktors. Seit 1982 erinnert ein Denkmal an die Fabrik. Es stammt von dem estnischen Bildhauer Mati Karmin (* 1959).

1920 wurde Kärdla zum Großdorf (alevik). Am 1. Mai 1938 wurden Kärdla im Zuge der estnischen Kommunalreform die Stadtrechte verliehen.

Während des Zweiten Weltkriegs wurde Kärdla schweren Luftangriffen ausgesetzt und stark zerstört. Den Angriffen fielen die meisten Industriebetriebe, der Hafen sowie zahlreiche Wohnhäuser zum Opfer.

Kärdla heute[Bearbeiten]

Alte Feuerwache (heute Touristeninformation)

Kärdla ist heute eine grüne Stadt mit kleinen Holzhäusern und zahlreichen Gärten. Das Stadtbild wird von der Nähe zur Ostsee, den natürlichen Wasserläufen und den beiden Parks geprägt. Der 5,1 Hektar große Linnapark („Stadtpark“) und der 4,2 Hektar große Rannapark („Strandpark“) sind beliebte Treffpunkte der Stadtbevölkerung.

Der Rannapark befindet sich am Ort des früheren Friedhofs der schwedischsprachigen Bevölkerung Kärdlas, der bis 1838 existierte. Dahinter befindet sich der Badestrand von Kärdla. In Strandnähe, nahe der Mündung des Flusses Nuutri in die Ostsee, steht ein großer Findling.

Hinter dem Linnapark befindet sich der neue Friedhof Kärdlas. Er wurde Mitte des 19. Jahrhunderts angelegt. In der ehemaligen Feuerwache am zentralen Marktplatz Keskväljak ist heute die Touristeninformation untergebracht.

Kärdla ist die einzige Stadt auf der Insel Hiiumaa. Sie ist das administrative, wirtschaftliche und kulturelle Zentrum der Insel. In Kärdla befinden sich das einzige Gymnasium Hiiumaas und das Krankenhaus der Insel. Bekannt ist das Kulturzentrum mit seinem 1991 gegründeten Puppentheater und die Zentralbibliothek der Insel Hiiumaa.

Johanniskirche[Bearbeiten]

Johanniskirche von Kärdla

Schwedische Bauern errichteten die erste Kapelle in Kärdla. Sie war dem heiligen Olav geweiht. Ihr Entstehungsjahr ist nicht bekannt. Die Kapelle stand am Rande des alten schwedischen Friedhofs von Kärdla. Er wurde 1848 zusammen mit der Kapelle eingeebnet, um Platz für den Strandpark zu schaffen.

1847 wurde auf Betreiben des damaligen Direktors der Tuchfabrik, Robert von Ungern-Sternberg, am Flussufer des Nuutri die sogenannte „Deutsche Kapelle“ aus Holz erbaut. Sie ist heute nicht mehr erhalten.

Zwischen 1861 und 1863 entstand dann eine größere Kirche aus Stein. Das schlichte dreischiffige Gotteshaus im neogotischen Stil wurde aus Spenden der Arbeiterschaft und des deutschbaltischen Adels Hiiumaas gemeinsam finanziert.[5] Die evangelisch-lutherische Kirche hat 600 Sitzplätze. Sie ist Johannes dem Täufer geweiht.

Das Altargemälde „Christus am Kreuz“ stammt von einem unbekannten deutschbaltischen Maler. Es wurde 1889 aufgestellt. Die Orgel ist eine Arbeit der süddeutschen Firma Walcker aus dem Jahr 1904.

1929 wurde der hohe Turm aus Holz ergänzt. Die ursprüngliche Glocke wurde von den zaristischen Behörden 1917 im Zuge des Ersten Weltkriegs eingeschmolzen. Die heutige Glocke ist ein Geschenk des Geschäftsmanns Richard Devid. Er wurde 1893 in Kärdla geboren und war unter anderem Eigentümer des Tallinner Luxushotels und -restaurants Kuld Lõvi („Goldener Löwe“). Devid wurde mit der sowjetischen Besetzung Estlands ins Innere Russlands deportiert und 1942 von den sowjetischen Behörden zum Tode verurteilt.

Hiiumaa muuseum[Bearbeiten]

Inselmuseum von Hiiumaa im „Langen Haus“

Über die Geschichte der Stadt und der Insel informiert das 1998 gegründete Hiiumaa muuseum. Es befindet im 1830 für den Direktor der Tuchfabrik errichteten „Langen Haus“ (Pikk maja), dem mit über 60 m längsten Holzhaus Kärdlas.

Das Museum unterhält Bestände in den Bereichen Naturkunde, Ethnographie, Archäologie, Geschichte, Numismatik und Textilkunde. Zum Museum gehört auch eine umfangreiche Fotosammlung.

Außenstellen des Hiiumaa muuseum sind das Heimatmuseum im Dorf Kassari auf der gleichnamigen Nachbarinsel, der Museumsbauernhof Mihkli talu in Malvaste und das Museum zu Leben und Werk des Komponisten Rudolf Tobias in Selja.

Flughafen[Bearbeiten]

Flughafen Kärdla

Vier Kilometer östlich von Kärdla liegt auf dem Gebiet des Dorfs Hiiessaare der Flughafen der Stadt, der Kärdla lennujaam. Er wurde 1963 gebaut. Die Start- und Landebahn ist 1250 m lang.

Von Kärdla aus verkehren täglich Maschinen in die estnische Hauptstadt Tallinn.

Partnerschaften[Bearbeiten]

Söhne und Töchter der Stadt[Bearbeiten]

Einschlagkrater von Kärdla[Bearbeiten]

Vor ca. 450 Millionen Jahren stürzte in der Nähe von Kärdla ein Meteorit ab. Dadurch entstand ein Meteoritenkrater von 7 km Durchmesser. Der Krater ist zwischen 400 und 500 Meter tief. Er ist verschüttet und daher nicht sichtbar.[6]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. http://entsyklopeedia.ee/artikkel/kärdla4
  2. http://www.hiiumaa.ee/tuletorn/german.php?id=6
  3. http://pub.stat.ee/
  4. http://et.wikipedia.org/wiki/Hiiu-Kärdla_kalevivabrik
  5. http://www.dago.ee/kirik/?page_id=64
  6. Earth Impact Database Abgerufen am 20. November 2010