König Lear

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unter König Lear (Begriffsklärung) aufgeführt.
Daten des Dramas
Titel: König Lear
Originaltitel: The Tragedy of King Lear
Gattung: Tragödie
Originalsprache: Englisch
Autor: William Shakespeare
Erscheinungsjahr: 1607/1608
Uraufführung: 26. Dezember 1606
Ort der Uraufführung: am englischen Hof
Personen
  • König Lear
  • Goneril, Regan, Cordelia; Töchter des Königs
  • Herzog von Albany; Gatte Gonerils
  • Herzog von Cornwall; Gatte Regans
  • Earl von Gloucester
  • Earl von Kent
  • Edmund; unehelicher Sohn des Earls von Gloucester
  • Edgar; ehelicher Sohn des Earls von Gloucester
  • Oswald
  • Hofnarr
  • u. a.
König Lear und der Hofnarr von William Dyce

König Lear (englisch The Tragedy of King Lear) gilt als eine der herausragenden Tragödien aus der Feder William Shakespeares. Das Entstehungsjahr ist vermutlich 1605. Das Stück wurde am 26. Dezember 1606 am englischen Hof uraufgeführt. Der erste Druck liegt in der Quartoausgabe von 1607/1608 William Shak-speare: His True Chronicle of the life and death of King Lear and his three Daughters ;“With the unfortunate life of Edgar, sonne and heire to the Earle of Gloster, and his fullen and assumed humor of TOM of Bedlam:” vor. Auch in der Folioausgabe von 1623 ist das Stück unter dem Titel The Tragedie of King Lear enthalten.

Die Person König Lears und seine Geschichte basieren auf der Figur des König Leir, eines der legendären Könige Britanniens aus vorrömischer Zeit, die wiederum auf die keltische Meeresgottheit Llyr (Llŷr) zurückgeht. Die Sage war zur damaligen Zeit bereits in Erzählungen, Gedichten und Versen sowie zu Dramen verarbeitet. Ihre Grundstruktur findet sich in der Historia Regum Britanniae (um 1135) des Geoffrey von Monmouth aus Wales.

Figuren[Bearbeiten]

König Lear ist von Herrschsucht und Eitelkeit geblendet, was ihn dazu verleitet, die Zuneigung und Bescheidenheit seiner jüngsten Tochter zu verkennen und sie bei der Verteilung seines Erbes sehr ungerecht zu behandeln, ein Fehler, der letztlich zu seinem Untergang führt.

Goneril ist die durchtriebene älteste Tochter König Lears und Gattin des Herzogs von Albany.

Regan ist die sittlich verdorbene zweite Tochter Lears und Gattin des Herzogs von Cornwall.

Cordelia ist die jüngste Tochter Lears, die ein edles Herz besitzt und ihren Vater selbstlos und aufrichtig liebt.

Der Herzog von Albany (Albany = Schottland, gäl. Alba) ist der Gatte Gonerils. Diese verachtet ihn wegen seiner „undurchsichtigen Schmeicheleien“. Er selbst wendet sich später gegen seine Frau, weil er ihre intrigante Bosheit nicht länger erträgt.

Der Herzog von Cornwall ist der Gatte Regans und wird von seiner Frau zum Hochverrat angestiftet. Nachdem er den Grafen von Gloucester geblendet hat, wird er von einem Diener angegriffen und tödlich verletzt.

Der König von Frankreich heiratet die enterbte Cordelia.

Der Graf von Gloucester ist der Vater Edgars und Edmunds. Letzterer ist sein illegitimer Sohn. Edmund intrigiert gegen Edgar, sodass dieser fliehen muss und den Decknamen Tom of Bedlam annimmt.

Der Graf von Kent ist ein treuer Berater König Lears, wird aber von diesem verbannt, weil er das Verhalten des Königs gegenüber Cordelia nicht gutheißen kann. Er kehrt jedoch mit verändertem Aussehen und unter falschem Namen an den Hof zurück und dient dem König weiter, ohne ihm seine Identität zu offenbaren.

Edmund ist Graf Gloucesters unehelicher Sohn. Im Bund mit Goneril und Regan verfolgt er skrupellos seine Interessen und Ambitionen. Er ist eine von Shakespeares düstersten und zugleich charismatischsten Schurkenfiguren.

Edgar, der legitime Sohn des Grafen von Gloucester, hat einen edlen Charakter. In der Maske des Tom of Bedlam steht er seinem blinden Vater bei, der ihn nicht erkennt. Am Ende des Stückes übernimmt er die Herrschaft im Königreich.

Oswald ist der Diener Gonerils und deren williger Helfershelfer bei allen ihren Schandtaten. Auf Bitten Regans, die er körperlich begehrt, versucht Oswald zuletzt, den blinden Grafen Gloucester zu töten, wird aber von Edgar daran gehindert und kommt bei dem Mordversuch selbst zu Tode.

Der Hofnarr taucht hin und wieder in der Umgebung König Lears auf und scheut nicht davor zurück, unangenehme Wahrheiten auf drastische Weise auszusprechen.

Handlung[Bearbeiten]

Goneril und Regan von Edwin Austin Abbey

Der alternde König Lear beschließt, sein Reich unter seinen drei Töchtern Goneril, Regan und Cordelia aufzuteilen, da er sich einen ruhigen Lebensabend ohne die Verantwortung eines Herrschers wünscht. Hierzu veranstaltet er einen „Liebestest“, um zu erfahren, welche seiner Töchter ihn am meisten liebt. Er erwartet, dass seine Lieblingstochter Cordelia als Siegerin aus dem Wettbewerb hervorgehen wird, und will ihr dann den größten Teil seines Reiches vermachen. Während die anderen Schwestern ihre angebliche Liebe zum Vater mit falschen Schmeicheleien beteuern, erklärt Cordelia, der Unaufrichtigkeit zuwider ist, sie liebe ihn eben so, wie eine Tochter ihren Vater zu lieben habe, nicht mehr und nicht weniger. Aufgebracht über ihre seiner Ansicht nach lieblosen und undankbaren Worte, enterbt Lear seine jüngste Tochter und teilt ihren Anteil unter den beiden älteren Schwestern auf. Als der Graf von Kent für Cordelia Partei ergreift und Lear seine Ungerechtigkeit vorhält, verbannt Lear ihn aus seinem Reich. Obwohl Cordelia nun enteignet ist, nimmt der König von Frankreich sie zur Gemahlin, und beide verlassen England.

Von den beiden verbliebenen Töchtern und ihren Ehemännern verlangt Lear als Gegenleistung für seine Großzügigkeit nur, ihm seinen Ruhestand zu finanzieren und einhundert Ritter zu seinem Schutz zu stellen. Goneril und Regan beschließen aber schon bald, sich ihres Vaters zu entledigen, der ihnen nun nur noch lästig ist. Lear lässt sich unterdessen von einem zugewanderten Narren unterhalten, den er lieb gewinnt. Neben anderen frechen und geistreichen Bemerkungen lässt der Hofnarr den König auch wissen, dass er mit der Machtübergabe an seine beiden Töchter einen Fehler begangen habe, was Lear zunächst nicht wahrhaben will und daher den dreisten Narren zurechtweist. Als Goneril aber tatsächlich vom König verlangt, er solle die Hälfte seiner hundert Ritter fortschicken, verlässt Lear erbost das Schloss und sucht Regan auf um sie in der Sache zu Rede zu stellen. Diese bietet ihm jedoch nur die Stirn und fordert ihn auf, von nun an alle seine Bediensteten aufzugeben. Von seinen Töchtern verstoßen und nur von dem Narren und einem Getreuen begleitet (der verbannte Graf von Kent incognito, der Lears Gefolge in guter Absicht sucht, um dem dickköpfigen König beizustehen), zieht Lear hinaus in einen Sturm. Durch widrige Umstände verliert er seine Begleiter, irrt ziellos durch die Ödnis der ostenglischen Heide und verfällt schließlich dem Wahnsinn. Als er in dieser Sturmszene auf den fast nackten Tom of Bedlam (Edgar von Gloucester incognito) trifft, erkennt er an dessen Elend den Menschen als das, was er seiner Natur nach wirklich ist: ein armes, nacktes Tier. Hier zeigt König Lear zum ersten Mal Mitleid und sein Weg aus dem Wahnsinn heraus hin zur Selbsterkenntnis beginnt.

In der Zwischenzeit ist der Graf von Gloucester von seinem unehelichen Sohn Edmund heimtückisch betrogen worden. Edmund hatte ihn mithilfe gefälschter Briefe zu der Überzeugung gebracht, sein anderer, ehelicher Sohn Edgar plane seine Ermordung. Gloucester hat außerdem von dem Mordkomplott der Erbfolgerinnen gegen Lear erfahren und gibt dem treuen Kent den Rat, den alten König zu Verbündeten nach Dover in Sicherheit zu bringen. Sein Versuch, König Lear beizustehen, wird jedoch an Goneril, Regan und ihren Prinzgemahl Cornwall verraten. Sie lassen Gloucester verhaften und blenden. Ein Diener, der diese Grausamkeit nicht zulassen will, bringt dem Prinzgemahl Cornwall in einem Handgemenge versehentlich eine tödliche Verletzung bei. Die mitleidlose Regan offenbart dem geblendeten Gloucester sodann, dass die verräterische Absichten in Wahrheit von seinem Bastard Edmund ausgehen und nicht von seinem legitimen Sohn Edgar. Goneril verlässt unterdessen ihren Ehemann, den Herzog von Albany, weil er sich –von ihrer Bosheit angewidert– auf die Seite des alten Königs geschlagen hat.

Durch die ostenglischen Heide irrend trifft der verzweifelte Graf von Gloucester auf seinen Sohn Edgar, der sich als Tom of Bedlam ausgibt und seine wahre Identität nicht preisgibt, da ihm von Seiten seines Vaters - aufgrund der falschen Einflüsterungen Edmunds - Repressionen drohen.. Auf Gloucesters Wunsch führt ihn „Tom“ nach Dover, wo er einzig noch seinem Leben durch den Sprung von einer Klippe ein Ende setzen will. Edgar wendet den Selbstmordversuch durch eine List ab und kann auch das Attentat des von Regan angestifteten Dieners Oswald an Gloucester vereiteln.

Cordelia erfährt vom Sinneswandel und der Not ihres Vaters und kehrt mit der französischen Armee nach Britannien zurück, um die Machtverhältnisse im Reich neu zu ordnen. In der Heide trifft sie auf ihren Vater und verzeiht ihm. Allerdings werden in der Schlacht, in die sie nun gegen die eigene englische Armee ziehen, ihre Truppen geschlagen. Edmund, der hier inzwischen zum Heerführer avanciert ist und um dessen Gunst sich die machtbesessenen Schwestern Regan und Goneril nun streiten, lässt Lear und Cordelia vorführen und befiehlt ihren Tod. Inzwischen wendet sich die Verschlagenheit der intriganten Königstöchter schicksalhaft gegen sie selbst: Goneril vergiftet erst ihre Schwester Regan und tötet sich dann selbst. Edgar geht als verspäteter Held aus dem Drama hervor: Er besiegt Edmund im Duell. Der überwältigte Edmund bereut inzwischen auch seinen Befehl, Cordelia erhängen zu lassen, doch sein Eilbote mit dem Widerruf des Urteils kommt zu spät, es ist bereits vollstreckt. Als Lear dies erfährt, ist er so erschüttert vom Verlust seiner 'einzigen' Tochter, dass er jede Autorität und Herrscherkraft verliert. Trotz seines nach außen hin verwirrt erscheinenden Geisteszustands erlangt Lear in innerer Hellsichtigkeit Erkenntnis über sich selbst sowie den wahren Charakter seiner Mitmenschen und stirbt an seinem tiefen Gram. Fortan regieren Chaos und Leere das Land; es bleibt am Ende offen, ob Edgar in Zukunft die Regentschaft übernehmen wird.

Wirkung und Kritik[Bearbeiten]

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Die erste Aufführung von King Lear fand vermutlich 1605 im Londoner Globe Theatre statt. Ralf Weskamp zufolge „kann man vermuten, dass das Drama bei Shakespeares Zeitgenossen weniger beliebt war als etwa Hamlet oder Othello. Dies mag der Grund sein, warum Nahum Tate 1681 das Stück veränderte, um den Geschmack der Zuschauer besser zu treffen. Er entledigt sich des Narren und macht aus Cordelia und Edgar ein Liebespaar. Am Ende ziehen sich Gloucester, Lear und Kent auf ihr Altenteil zurück und überlassen Cordelia und Edgar ein Königreich, das die beiden wieder zur Blüte führen werden. Tates Version war so populär, dass sie sich über 150 Jahre lang auf der Bühne hielt; auch die Erstaufführung in Amerika (1754) folgte dieser Fassung. In intellektuellen Kreisen jedoch regte sich Kritik. Charles Lamb beklagt in seinem Essay On the Tragedies of Shakespeare (1811) die Absurdität eines glücklichen Ausgangs. Gleichzeitig jedoch betont er, dass Shakespeares Lear eher zum Lesen als zur Aufführung geeignet sei, weil nur das Lesen es ermögliche, sich in Lear komplett hineinzuversetzen. 1817 lobt William Hazlitt King Lear in seinen Characters of Shakespear’s Plays als das beste Drama Shakespeares. Auch andere Kritiker der Romantik (Coleridge, Keats, Shelley, Schlegel) rücken das Drama wieder in das Bewusstsein der Leser- und Zuschauerschaft. 1823 spielt Edmund Kean als Lear dann wieder das tragische Ende, und 1834 wurde mit William Charles Macready der komplette Shakespeare-Text im Drury Lane Theater (London) erneut aufgeführt. Viele weitere Aufführungen folgten.“[1]

Berüchtigt ist das vernichtende Urteil L. N. Tolstois, Shakespeares Stück sei „vernunftwidrig, ein schlechtes nachlässig geschriebenes Werk“; alle Personen darin „leben, denken, sprechen und handeln völlig unangemessen“ und ohne jeden glaubwürdigen oder wahrscheinlichen Zusammenhang. Aber auch Verteidiger Shakespeares wie H. Rothe haben fundamentale Verständnisprobleme angezeigt: „Das ‚Empörende‘ an Lear war und ist, dass man nicht mehr weiß, was man mit den auftretenden Personen anfangen und wie man sie einschätzen soll.“[- 1]

Im Gegensatz dazu steht A. W. Schlegels Sicht, die in einem großen Schwung alle Schwierigkeiten (historischer Kontext, innere Logik) überfliegt, aber die vielleicht maßgebliche moderne Deutung geworden ist: „Der Pessimismus des Hamlet ist hier weit überboten ... Selbst Shakespeares Phantasie hat sonst nie in so ungeheuren Maßen gearbeitet. Man denke an die Szene in der Hütte Lears, Edgars und des Narren, des wirklichen, des gespielten und des professionellen Wahnsinns, eine furchtbare Symphonie, in der die Menschheit, während die Erde von Gewittern bebt, ihr ganzes Leid auszuschreien scheint.“ In diesem Sinne äußert sich auch etwa J. Kott (1961): „In KÖNIG LEAR gibt es nicht nur keinen christlichen Himmel, sondern auch jenen nicht, den die Humanisten verkünden“. Lear sei ein „tragischer Spott über jegliche Eschatologie, über den Himmel, der auf Erden kommen soll und über den Himmel nach dem Tod. Am Schluß … bleibt nur die blutige und leere Erde zurück.“[- 1]

Anders hat die klassische Sicht im Sinne eines G. E. Lessing weniger eine verklärte Tragik im Sinn. Sie stellt das Mitleiden ins Zentrum. Das heißt, sie suchte ihren Zugang vom Christlichen her und fand besonders in der aristotelischen Formel vom „Schrecken und Mitleid“ eine Bestätigung von Seiten der Autorität der Alten. So schreibt Schiller: „Wenn der hilflos kindische Lear in Nacht und Ungewitter vergebens an das Haus seiner Töchter pocht, wenn er sein weißes Haar in die Lüfte streut und den tobenden Elementen erzählt, wie unnatürlich seine Regan gewesen, wenn sein wüthender Schmerz zuletzt in den schrecklichen Worten von ihm strömt: ‚Ich gab euch alles!‘ – wie abscheulich zeigt sich uns da der Undank? wie feierlich geloben wir Ehrfurcht und kindliche Liebe!“[- 1]

Nun gab das Verhalten eines Hamlet oder eines Lear dieser Sicht immer Rätsel auf. Das aristotelische „Schrecken und Mitleid“ reimt den „tragischen Tod“ der Helden nicht mit dem Verhalten eines Hamlet oder mit Lears Ausbrüchen zusammen. Während deshalb die deutsche Klassik Shakespeare durch starke Bearbeitungen für die Bühne sentimentalisierte, musste man die Fragen an das Werk selbst immer wieder liegen lassen. Goethe schreibt:

„So ist es z. B. wahr, dass er [Schröder] durch Weglassung der ersten Scenen des Königs Lear den Charakter des Stücks aufgehoben; aber er hatte doch Recht, denn in dieser Scene erscheint Lear so absurd, dass man seinen Töchtern in der Folge nicht ganz Unrecht geben kann. Der Alte jammert einen, aber Mitleid hat man nicht mit ihm und Mitleid wollte Schröder erregen, so wie Abscheu gegen die zwar unnatürlichen, aber doch nicht durchaus zu scheltenden Töchter.“[- 1]

Dass Lear zunächst einfach erntet, was er gesät hat, scheint in der Kritik weniger umstritten oder eigentlich problematisch. Die Frage geht eher auf die Härte seines Schicksals. Lear verliert allen Besitz und alle Würden, verliert seine Töchter, verliert seine Linie, weil ohne Erben, und stirbt, mit seiner Tochter in den Armen, deren Wert er erkennt, als es zu spät ist, so dass: „Hätt ich eure Zungen und Augen, mein Jammer sprengte die Gewölbe des Himmels!“ Als wäre die Unverhältnismäßigkeit das Thema der Tragödie; denn es ist schwer zu bestreiten wenn Lear von sich selber sagt: „Ich bin einer, den mehr Sünde schlug, als daß er sündigte.“ Auch nach Schlegel ist Lears Tat ja „kein Verbrechen, sondern eine Torheit“; die „unbedachte Handlung eines launischen, jähzornigen Königs.“[- 1] Wirkliche Verworfenheit wird mit dem Vice Edmund deutlich sichtbar abgegrenzt. Lessing schreibt dazu: „Edmund, der Bastard des Grafen von Gloster, im ‚Koenig Lear‘, ist kein geringerer Boesewicht, als Richard, Herzog von Gloucester, der sich durch die abscheulichsten Verbrechen den Weg zum Throne bahnte.“[- 1]

Tatsächlich erinnert der übereilte und am Schein klebende alte König Lear an die Mankind (Menschheit) der älteren Bühne, um welche Sünde und Tugend mit ihren Gaben buhlen. Die Tugend (Cordelia) wirbt mit Aufrichtigkeit. Lear dreht ihr das Wort im Mund als Sünde um: „Stolz, den sie [Cordelia] Aufrichtigkeit nennt“. Anders als die Tugend ruft der Vice Edmund seine Mächte: „Helft mir, Fortuna und Raschheit!“ Die Raschheit an Lear fällt dem König Frankreichs gleich zu Eingang auf: „Wirklich seltsam, daß sie, die noch eben euer Kleinod war, Ziel eures Lobes, Balsam eures Alters, euer Bestes, Teuerstes, in diesem Nu“ das Gegenteil von allem sein soll. Zur Übereiltheit Lears passt seine Verfallenheit an Fortunas Reich. Alles, was er als König ist, hat er von ihr, von Fortuna, „gewonnen“ und wie einer, der gewonnen hat, aber nicht aufhören kann nach ihrer Gunst zu fragen, wirft Lear erneut alles in ihre Schale. Mit Lears Blindheit gegen seine Tochter Cordelia (Cordelia von lat. cor also Herz, Seele, Geist, Einsicht aber auch Mut, Beherztheit) kann also durchaus die Blindheit der Mankind auf den Herzensgrund (Martin Luther) gemeint sein. Das berühmte „Nichts“ Cordelias entspräche dann genau der Lehre Luthers über die „guten Werke“.[- 1]

Nach Schlegel ist es „eins der gewaltigsten Bildnisse menschlicher Erfindung … wenn der alte König seine tote Tochter auf die Bühne schleppt“. Es finden sich aber viele Hinweise im Stück als auch in anderen Werken Shakespeares und in denen seiner Vorbilder (wie etwa Sophokles), die eher für die klassische Sicht Lessings als für eine romantisch-moderne sprechen. Wenn Lear in dieser Szene um seine Tochter schreit: „Ein Hund, ein Roß, eine Maus soll Leben haben, und du nicht einen Hauch? O du kehrst nimmer wieder, niemals, niemals, niemals, niemals, niemals!“, dann liegt hier in der Bilderwelt um 1600 die Pieta, die Beweinung Christi wohl näher als eine allgemeine Tragik. In diesem Sinne spricht der Edelmann zu Lear von Erlösung: „Du hast ein Kind, durch das die Welt vom grausen Fluch erlöst wird, den zwei auf sie gebracht.“ Aber auch Lear selbst: „Auf solche Opfer, o Cordelia, streuen die Götter selbst den Weihrauch.“[- 1] Die shakespearische Figur des König Lear wird von einzelnen Interpreten auch als Darstellung einer Demenz gedeutet.[2]

Quellen des König Lear[Bearbeiten]

Titelseite des ersten Quarto aus dem Jahre 1608.

König Lear war ein legendenumrankter Herrscher in Cornwall und Devonshire des heutigen Englands. Nach der Historia Regum Britanniae des Geoffrey von Monmouth von 1135 war Llyr als Gefangener nach Rom gekommen. Vermutlich war diese Überlieferung der Anknüpfungspunkt des Shakespeareschen Dramas. Lear könnte auch Llyr (en. wiki; auch Lir, wal. Llŷr), ein Gott des Meeres in der keltischen Mythologie gewesen sein; in Oidheadh Chlainne Lir waren Lirs Kinder, Bran und Mannanan, die Schöpfer der Isle of Man.[3]

Umstritten ist das Verhältnis zu einem 1594 erstmals erwähnten und 1605 im Druck erschienenen früheren Theaterstück The True Chronicle History of King Leir. Gemeinhin wird dieses anonyme Stück als weiterer Quelltext für Shakespeare angesehen. Einige Forscher halten dieses Stück jedoch für eine Frühfassung aus Shakespeares Hand. In diesem Theaterstück waren Cordella und der König von Frankreich verkleidete Bauern, die Leir dienten. Die Volkserzählung über Lear existierte jedoch in zahlreichen verschiedenen Versionen davor. Shakespeare hatte den Stoff vermutlich sehr gut studiert.

Die wichtigste Quelle Shakespeares soll aber die Zweitausgabe der Chronicles of England, Scotlande, and Irelande von Raphael Holinshed aus dem Jahre 1587 gewesen sein.

Der Name Cordelia war vermutlich von Edmund Spensers The Faerie Queene (1590) entnommen worden. Auch Spensers Cordelia stirbt durch Erhängen ebenso wie die Cordelia in König Lear.

Andere Quellen sollen A Mirror for Magistrates (1574), von John Higgins; The Malcontent (1604) von John Marston; The London Prodigal (1605); Arcadia (1580–1590), von Sir Philip Sidney sowie Montaignes Essays, die ins Englische von John Florio 1603 übersetzt wurden; weitere Quellen könnten An Historical Description of Iland of Britaine von William Harrison; Remaines Concerning Britaine von William Camden (1606); Albion’s England von William Warner, (1589); und A Declaration of egregious Popish Impostures von Samuel Harsnett (1603) gewesen sein.

Umsetzungen[Bearbeiten]

Wie viele andere Shakespeare-Dramen wurde auch König Lear mehrmals verfilmt. Die älteste Verfilmung stammt aus dem Jahr 1909 und ist vom Filmpionier J. Stuart Blackton. 1953 spielte Orson Welles Lear in einem Fernsehfilm.

Als eine der besten Adaptionen gilt die Version des sowjetischen Regisseurs Grigori Kosinzew von 1969. Die Filmmusik schrieb Dimitri Schostakowitsch.

1971 spielte Paul Scofield König Lear in einer Verfilmung von Peter Brook.

Der japanische Regisseur Akira Kurosawa verfilmte Shakespeares Werk erneut unter dem Titel Ran, der 1986 mit dem Oscar für beste Kostüme ausgezeichnet wurde und auf DVD erhältlich ist. Er versetzt das Geschehen ins Japan des 16. Jahrhunderts, wobei einige Geschehnisse den veränderten Umständen angepasst wurden. So sind die drei Töchter beispielsweise zu drei Söhnen geworden.

1987 schuf Jean-Luc Godard eine sehr eigenwillige Interpretation der Geschichte. Eine Modernisierung des Themas wurde 1997 mit dem Film Tausend Morgen versucht.

Das Drama war außerdem Grundlage für die Komödie Hobson’s Choice, die unter anderem 1954 von David Lean unter dem Titel Der Herr im Haus bin ich verfilmt wurde.

Der Komponist Aribert Reimann vertonte das Drama in den 1970er-Jahren, seine Oper Lear wurde am 9. Juli 1978 in München uraufgeführt.

Der amerikanische Autor Christopher Moore erzählt das Drama aus Sicht des Hofnarren Pocket neu im Roman Fool.

Der englische Dramatiker Edward Bond setzte sich in seinem 1971 entstandenen Lear mit der Shakespeareschen Vorlage als einem der einflussreichsten Werke des abendländischen Theaters auseinander, in der er als moderner Autor einerseits wesentliche Themen und Strukturen seiner eigenen Dramatik vorgeprägt, andererseits aber falsch behandelt sieht. Sein Lear als Antifigur zu der Titelfigur in Shakespeares Drama macht sich nicht nur als Herrscher, sondern auch als Vater schuldig, indem er sein Reich vorzeitig und aufgrund einer Liebesprobe aufteilen will und damit eine grausame Spirale der Gewalt auslöst.[4]

Literatur[Bearbeiten]

Textausgaben Deutsch, zweisprachig
  • William Shakespeare: König Lear Zweisprachige Ausgabe. Deutsch von Frank Günther. (Arden 1972) Deutscher Taschenbuch Verlag. 3. Auflage 2007. München. ISBN 978-3-423-12489-8
Textausgaben Englisch
  • William Shakespeare: King Lear. The Arden Shakespeare. Third Series. Edited by R. A. Foakes. 1997. ISBN 978-1-903-43659-2
  • William Shakespeare: The Tragedy of King Lear. NCS The New Cambridge Shakespeare. Edited by Jay L. Halio. CUP 1992. Updated Edition 2005. ISBN 978-0-521-61263-0
  • William Shakespeare: King Lear. The Oxford Shakespeare. Oxford Worlds Classics. Edited by Stanley Wells. 2000. ISBN 978-0-19-953582-8
Sekundärliteratur

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: König Lear – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Ralf Weskamp: King Lear. Leicht veränderte Fassung des in Roland Petersohn und Laurenz Volkmann (Hrsg.) (2006), Shakespeare didaktisch II. Ausgewählte Dramen und Sonette für den Unterricht, Tübingen: Stauffenburg, S. 93–106, erschienenen Aufsatzes. Online abrufbar: (PDF; 110 kB)
  2. Katharina Gipp, Ron Zimmering: König Lear ist ein Fall von Demenz. auf: taz.de, 20. Oktober 2012.
  3. History of the Kings of Britain/Book 2 - Wikisource
  4. Vgl. Gert Stratmann: Edward Bond - Lear 1971. In: Klaus-Dieter Fehse und Norbert H. Platz: Das zeitgenössische englische Drama. Athenäum Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a. M. 1975, ISBN 3-8072-2096-8, S. 274-298, hier S. 283.
  1. a b c d e f g h keine Quellenangabe