Künstlerkolonie Berlin

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Die Künstlerkolonie Berlin
Die Künstlerkolonie am südlichen Ende des Ortsteils Wilmersdorf

Die Künstlerkolonie Berlin ist eine Wohnsiedlung im Süden des Berliner Ortsteils Wilmersdorf in südöstlicher Fortsetzung des Rheingauviertels an der Grenze zu den Ortsteilen Friedenau und Steglitz. Sie wird begrenzt durch den Südwestkorso, die Laubenheimer und die Kreuznacher Straße sowie dem Steinrückweg. Das Zentrum der Künstlerkolonie bildet der Ludwig-Barnay-Platz. Die Siedlung wurde von den damaligen Interessenvertretungen der Künstler und Schriftsteller ab 1927 errichtet.

Bau der Siedlung[Bearbeiten]

Die Künstlerkolonie entstand zwischen 1927 und 1931 auf Initiative der Genossenschaft Deutscher Bühnenangehöriger (GDBA) und des Schutzverbandes deutscher Schriftsteller. Ziel der Koloniegründung war es, auch für sozial nicht abgesicherte Künstler und Schriftsteller preiswerten und komfortablen Wohnraum zur Verfügung zu stellen. Der Volksmund erfand für die Siedlung den Namen „Hungerburg“.[1]

Die Anlage wurde in den Jahren 1924 bis 1927 geplant und zwischen 1927 und 1930 erbaut. Sie wurde zu 75 % von der GDBA und zu 25 % vom Schutzverband deutscher Schriftsteller finanziert. Sie gründeten für die Errichtung der Siedlung die Gemeinnützige Heimstättengesellschaft mbH „Künstlerheim“. Den Grundstein der Siedlung mit der Inschrift

AUS DEM NICHTS SCHAFFT IHR DAS WORT,
UND IHR TRAGT’S LEBENDIG FORT,
DIESES HAUS IST EUCH GEWEIHT,
EUCH, IHR SCHÖPFER UNS’RER ZEIT.

legte am 30. April 1927 der damalige Vorsitzende der GDBA, der Schauspieler Gustav Rickelt.

Die Wohnblocks der Künstlerkolonie entstanden im Rahmen des städteplanerischen Konzepts der „Gartenstadt“, das schon vor dem Ersten Weltkrieg entstanden und 1911 bis 1915 um den Rüdesheimer Platz herum realisiert worden war. Dieses Siedlungskonzept stellte mit dem Verzicht der Hofbebauung eine bewusste Alternative zu den „Mietskasernen“ dar. Die drei Wohnblocks der Künstlerkolonie wurden entworfen von den Architekten Ernst und Günther Paulus. Ein vierter Wohnblock vom Steinrückweg zum Breitenbachplatz war zwar seit 1931 geplant, der Bau wurde aber vom nationalsozialistischen Regime unterbunden.

Im Zentrum der Wohnanlage wurde ein großer Platz (Ludwig-Barnay-Platz, ehemals Laubenheimer Platz) als Kommunikationszentrum vorgesehen. Auch die Gestaltung der Block-Innenbereiche sollte die Begegnung der Bewohner erleichtern und fördern.

In der Weimarer Republik[Bearbeiten]

Schnell wurde die Künstlerkolonie zu einer Heimat vorwiegend linker Intellektueller und Künstler. Die Bewohner der Künstlerkolonie, die überwiegend mit der SPD und der KPD sympathisierten, stellten einen „roten Block“ inmitten eines national-konservativ und nationalsozialistisch geprägten Umfeldes dar.

Die Weltwirtschaftskrise führte gerade unter den Künstlern zu großer Arbeitslosigkeit; etwa 75 Prozent der Bewohner waren zu dieser Zeit ohne Einkommen. Viele Bewohner konnten die Miete nicht mehr aufbringen, und die GEHAG strengte Zwangsräumungen an, die jedoch meist am solidarischen Widerstand in der Künstlerkolonie scheiterten. Um die Interessen der Mieter zu vertreten und Mietminderungen zu erreichen, wählten die Bewohner Mieterräte. Gewählt wurden die Schriftsteller Karl Otten und Siegmund Reis sowie der Schauspieler Rolf Gärtner. Im Januar 1933 wurde tatsächlich eine Mietsenkung um acht Prozent erreicht, jedoch erhielten die drei Mieterräte die Kündigung ihrer Wohnungen zum 1. April 1933. Zu diesem Zeitpunkt im Frühjahr 1933 lebten etwa 300 Schriftsteller und Künstler in der Künstlerkolonie.[2]

Beginnend mit dem Wahlkampf für die Reichstagswahl 1930 wurden die Bewohner der Künstlerkolonie Ziel nationalsozialistischer Provokationen und Übergriffe. Es wurde zu dieser Zeit gefährlich, abends alleine den Heimweg vom nahe gelegenen U-Bahnhof Breitenbachplatz anzutreten. Bald reichte auch eine Verabredung und der Schutz einer Gruppe nicht mehr aus. Die Bewohner der Künstlerkolonie gründeten deshalb einen Selbstschutz, der als bewaffneter Geleittrupp im Konvoi-System von bestimmten späten U-Bahn-Zügen die Bewohner abholte und nach Hause begleitete. Etwa 400 der rund 1000 Bewohner der Künstlerkolonie beteiligten sich am organisierten Selbstschutz.[3]

Zeit des Nationalsozialismus[Bearbeiten]

Mahnmal für die politisch Verfolgten der Künstlerkolonie

Nach der Machtergreifung durch die NSDAP im Jahre 1933 wurde das Leben für die Bewohner der Künstlerkolonie immer gefährlicher. Erstmals im Februar 1933 führte die SA, die sich als „Hilfspolizei“ oder „Schutzpolizei“ ausgab, überfallartige Hausdurchsuchungen und Verhaftungen durch. Knapp drei Wochen nach dem Reichstagsbrand, in dessen Folge die Nationalsozialisten die Grundrechte der Weimarer Verfassung mit der Reichstagsbrandverordnung außer Kraft setzten, kam es dann am 15. März 1933 zu einer großangelegten Durchsuchungs- und Verhaftungsaktion in der Künstlerkolonie.

In den Morgenstunden wurde die Künstlerkolonie von Polizei und SA umstellt und abgeriegelt. Bis 15 Uhr wurden zahlreiche Wohnungen durchsucht. Wo nicht geöffnet wurde, drang die Polizei über Feuerwehrleitern in die Wohnungen ein. 14 Personen, unter ihnen Theodor Balk, Peter Martin Lampel, Günther Ruschin, Manès Sperber, Curt Trepte und Walter Zadek, wurden festgenommen. Eine unbekannte Anzahl ausländischer Staatsangehöriger, die sich nicht ausweisen konnten, wurden zur Personenfeststellung auf das Polizeipräsidium gebracht. Mehrere Lastwagen voller Akten wurden beschlagnahmt, ebenso wie zahlreiche Waffen.[4] Literatur, die die Nationalsozialisten für kommunistisch oder marxistisch hielten wurde auf den Laubenheimer Platz geschafft und verbrannt.[5]

Zahlreiche Bewohner der Künstlerkolonie, wie Ernst Bloch, Ernst Busch, Walter Hasenclever, Alfred Kantorowicz, Arthur Koestler, Susanne und Wolfgang Leonhard, Gustav Regler, Günter Ruschin, Manès Sperber, Steffie Spira, Walter Zadek und Hedda Zinner verließen noch 1933 Deutschland. Andere organisierten – trotz der Gefahren, die die Großrazzia vom 15. März 1933 verdeutlicht hatte – den politischen Widerstand.

So gründete Alexander Graf Stenbock-Fermor in seiner Wohnung im Herbst 1940 zusammen mit Beppo Römer und Willy Sachse die Widerstandsgruppe Revolutionäre Arbeiter und Soldaten (RAS). Weitere Mitglieder der RAS wurden Irene und Hans Meyer-Hanno, Fritz Riedel und Alja Blomberg. Stenbock-Fermor vermerkte zur Arbeit der RAS in seinen Erinnerungen: „Wir trafen uns abwechselnd bei mir, in der Wohnung von Alja Blomberg am Südwestkorso und oft bei Meyer-Hannos am Laubenheimer Platz 2. Hans Meyer-Hanno und seine Frau Irene wurden die eifrigsten Mitarbeiter.“[5]

Andere, wie Helene Jacobs, versteckten politisch Verfolgte in ihren Wohnungen.

Nachkriegszeit[Bearbeiten]

Lange Zeit nach den Zweiten Weltkrieg blieb das schwere Schicksal der zahlreichen Bewohner der Künstlerkolonie „unsichtbar“. Erst in den 1980er Jahren wurde begonnen Gedenktafeln zu montieren (teilweise aus der Reihe Berliner Gedenktafel) und 1988 ein Mahnmal auf dem Ludwig-Barnay-Platz aufgestellt. Es trägt eine Bronzeplatte mit der Inschrift

MAHNMAL, FÜR DIE POLITISCH VERFOLGTEN DER KÜNSTLERKOLONIE.

Zum Gedenken an Hans Meyer-Hanno, der am 22. April 1945 in Bautzen von der SS ermordet wurde, weil er sich weigerte als Soldat für die Nationalsozialisten zu kämpfen, wurde vor dem Haus Ludwig-Barnay-Platz 2 ein Stolperstein in das Pflaster eingelassen.

Erst 1952 ging die Künstlerkolonie, die 1933 der Reichskulturkammer zugeordnet wurde, zurück in den Besitz der GEHAG. Nach 1952 errichtete diese zwischen Steinrückweg und Breitenbachplatz, auf der ehemaligen Erweiterungsfläche der Künstlerkolonie für einen vierten Wohnblock, „moderne“ Neubauten. Diese verfolgten jedoch nicht den ursprünglichen Bauplan und können den Gemeinschaftsgeist der Kolonie architektonisch nicht mehr zum Ausdruck bringen.

Die heutige Siedlung[Bearbeiten]

Im Jahr 1990 wurde die Gartenstadt am Südwestkorso unter Denkmalschutz gestellt. Diese beinhaltet auch die Künstlerkolonie, die etwa 20 Prozent der Fläche ausmacht. Gut vier Jahre später, am 31. Dezember 1994 wurde dann die Künstlerkolonie an die Veba (später Viterra, dann Deutschbau, heute Deutsche Annington) verkauft.

Viele aus der Künstlerkolonie vertriebene Bewohner kehrten nach dem Krieg zurück. Teilweise als Gäste, einige ließen sich jedoch auch dort wieder nieder. Auch für Künstler der Nachkriegsgeneration besitzt die Künstlerkolonie, heute mehr aus Gründen der Historie als wegen preiswerten Wohnraums, wieder Anziehungskraft.

Die Interessen der heutigen Mieter vertritt ein Mieterbeirat.

Der Verein „KünstlerKolonie Berlin e. V.“[Bearbeiten]

Der Verein KünstlerKolonie e. V. wurde am 13. Dezember 1987 gegründet und – nach Vorbereitungen durch die Bürgerinitiative Künstlerkolonie seit 1984 – am 27. Januar 1988 in das Vereinsregister Berlin-Charlottenburg unter 9295 NZ eingetragen.

Die Hauptziele des Vereins sind die Dokumentation der Geschichte der Personen und ihrer Werke, die Förderung von – der Künstlerkolonie verbundenen – Künstlern, die Herausgabe von Schriften sowie die Veranstaltungsorganisation. Der Verein besitzt ein umfangreiches Archiv mit Materialien zur Künstlerkolonie, bestehend aus Fotografien, Zeitungsartikeln und Literatur. In unregelmäßigen Abständen gibt der Verein die Zeitschrift „KünstlerKolonieKurier“ heraus.

Satzungsgemäß organisiert der Verein Straßenfeste – die sogenannten „Steinrückfeste“ im Garten des Steinrückwegs – und beteiligt sich an der Organisation und Förderung von Veranstaltungen wie Theater-, Opern-, und Kabarettaufführungen, Konzerte, Gemälde- und Foto-Ausstellungen, Buchvorstellungen und Lesungen, Gedenkveranstaltungen usw.

Bewohner seit 1927 (Auszug)[Bearbeiten]

Ernst Bloch
Ernst Busch
Axel Eggebrecht
Walter Hasenclever
Peter Huchel
Helene Jacobs
Alfred Kantorowicz
Hans Meyer-Hanno
Erich Weinert

Straßen und Plätze[Bearbeiten]

Laubenheimer Platz/Ludwig-Barnay-Platz[Bearbeiten]

Im Jahr 1909, als der Platz angelegt wurde, erfolgte die Namensgebung nach der Gemeinde Laubenheim in Rheinland-Pfalz.

Am 1. November 1963 wurde der zentrale Platz in der Künstlerkolonie von Laubenheimer Platz in Ludwig-Barnay-Platz umbenannt. Hierdurch soll an Ludwig Barnay, der 1870 einer der Begründer der Bühnengenossenschaft war, erinnert werden. Bis 1940 hatte diese Funktion der Barnayweg (s. u.)

Barnayweg/Steinrückweg[Bearbeiten]

Am 17. Dezember 1932 wurde der Weg, der die Künstlerkolonie nach Westen abschloss, zur Ehren Ludwig Barnays (siehe „Laubenheimer Platz/Ludwig-Barnay-Platz“) Barnayweg benannt. Am 21. Februar 1940 wurde dieser Weg von den Nationalsozialisten nach dem 1929 verstorbenen Schauspieler Albert Steinrück in Steinrückweg umbenannt. Nach dem Zweiten Weltkrieg existierten Pläne zur Rückbenennung in Barnayweg, die jedoch nicht realisiert wurden.[6]

Gustav-Rickelt-Weg[Bearbeiten]

Im Gedenken an Gustav Rickelt, den Gründer der Künstlerkolonie, wurde am 22. November 1999 ein privater Verbindungsweg zwischen Südwestkorso und Kreuznacher Straße im Neubaubereich der 1950er Jahre nach Gustav Rickelt benannt. Die Initiative zur Erinnerung an Gustav Rickelt ging von seinem Sohn Martin Rickelt aus, der auch die feierliche Enthüllung der Straßenschilder vornahm.[1]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Volker Wartmann: Neuer Name passt nicht allen Bewohnern. In: Berliner Zeitung, 27. November 1999
  2. Felicitas Bothe-von Richthofen: Widerstand in Wilmersdorf. Band 7 der Schriftenreihe über den Widerstand in Berlin von 1933 bis 1945, Hrsg.: Gedenkstätte Deutscher Widerstand. Berlin 1993, ISBN 3-926082-03-8
  3. Alfred Kantorowicz: Deutsches Tagebuch. Kindler, München 1959/1961
  4. Das Ergebnis der Razzia/Zahlreiche Verhaftungen und Materialfunde in der Künstlerkolonie. „Der Westen“ vom 16. März 1933
  5. a b Alexander Stenbock-Fermor: Der rote Graf. Baltischer Aristokrat, Weißgardist, Bergarbeiter, Widerstandskämpfer, Schriftsteller. Verlag der Nation, Berlin 1973, S. 312 ff.
  6. Jürgen Karwelat, Bernhard Müller (Hrsg.): Nachdruck „Stadtplan von Berlin“ von 1946 des Verlages Richard Schwarz / Dokument einer verpaßten Vergangenheitsbewältigung im Berliner Stadtbild. Berliner Geschichtswerkstatt e. V., Berlin 1988, ISBN 3-925702-09-1

52.46833333333313.315277777778Koordinaten: 52° 28′ 6″ N, 13° 18′ 55″ O