Kabeljaukriege

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Die drei so genannten Kabeljaukriege (engl. Cod war) waren Konflikte um Fischereirechte, die sich vornehmlich zwischen Island und dem Vereinigten Königreich in den Jahren 1958–1975 entwickelten. Auch die Bundesrepublik Deutschland war an einigen dieser Streitigkeiten beteiligt. Island weitete seine Fischereigrenzen von vier auf zwölf, dann auf 50 und zuletzt auf 200 Seemeilen aus, was den Interessen Großbritanniens und weiterer Staaten entgegenstand.

Ursachen[Bearbeiten]

Ausweitung der Ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ) Islands
  • Island
  • Binnengewässer
  • 4-sm-Erweiterung
  • 12-sm-Erweiterung (aktuelle Grenze der Hoheitsgewässer)
  • 50-sm-Erweiterung
  • 200-sm-Erweiterung (aktuelle Grenze der AWZ)

Island erwirtschaftet einen erheblichen Teil seiner Exporteinnahmen aus Fischereiprodukten, bei denen der – den Kriegen ihren Namen gebende – Kabeljaufang wiederum eine bedeutende Rolle spielt. Es unterhält selbst zwar eine Küstenwache, aber weder eine Marine noch sonstige Streitkräfte (siehe auch: Militärische Situation Islands). Nach der Modernisierung der ausländischen Fangflotten kündigte Island 1952 das alte 3-Seemeilen-Abkommen, das 1901 zwischen Dänemark und dem Vereinigten Königreich über die isländischen Fischgründe abgeschlossen worden war, und richtete eine Schutzzone von vier Seemeilen ein. Aus Protest boykottierte Großbritannien den Import von isländischem Fisch. Daraufhin begannen die Isländer, leistungsfähige Tiefkühlanlagen zu bauen, und erschlossen neue Absatzmärkte vor allem in den USA und der UdSSR.

Erster Kabeljaukrieg[Bearbeiten]

Wegen erneuter Überfischung entschloss sich Island 1958, die Zone auf zwölf Seemeilen zu erweitern, woraufhin Großbritannien Kriegsschiffe zum Schutz der britischen Fischtrawler in die 12-Seemeilen-Zone schickte. Es kam zu relativ harmlosen Auseinandersetzungen zwischen isländischen Küstenwachbooten und britischen Trawlern. Der Krieg dauerte von 1. September bis 12. November des Jahres 1958. Nach dem Protest der Isländer bei den Vereinten Nationen und vor dem NATO-Rat musste Großbritannien die 12-Seemeilen-Zone schließlich anerkennen und sich zurückziehen.

Zweiter Kabeljaukrieg[Bearbeiten]

Die Technik des Netzabschneidens, durch die Isländische Küstenwache erstmals angewandt am 7. September 1972 von der Aegir

Nachdem es Anfang der 1970er Jahre wieder zum Zusammenbruch der Fischbestände in den isländischen Hoheitsgewässern kam und das Einkommen der Fischer stark sank, erweiterte man 1972 noch einmal die Schutzzone auf diesmal 50 Seemeilen. So beanspruchte nun Island 30 % der Grundfischerträge im Nordatlantik. Großbritannien und Deutschland wollten dies nicht anerkennen, was weitere Auseinandersetzungen zur Folge hatte. Die Isländer zerstörten die Fanggeräte fremder Fischerboote, die sich innerhalb der beanspruchten 50-Seemeilen-Schutzzone befanden.

Durch die Intervention der USA, die den möglichen Verlust eines ihrer Stützpunkte, der Luftwaffenbasis in Keflavík, befürchteten, wurde der Streit schließlich beigelegt. Nach dem Erhalt von Sonderfangrechten akzeptierte Großbritannien die Ausweitung der Zone.

Dritter Kabeljaukrieg[Bearbeiten]

Die Erweiterung der Schutzzone zeigte nicht die erhoffte Wirkung und konnte auch nicht die wirtschaftlichen Probleme lösen. 1974 kündigte der isländische Ministerpräsident Geir Hallgrímsson die Ausweitung auf 200 Seemeilen an, die ein Jahr später ausgeführt wurde. Großbritannien schickte daraufhin wieder Trawler unter dem Schutz von Kriegsschiffen in die isländische Küstenregion. Die Isländer kappten wieder die Netze fremder Schiffe (u. a. auch deutscher Fischerboote). Außerdem kam es zu einer Reihe von Zwischenfällen, bei denen britische und isländische Schiffe sich gegenseitig rammten. Zu einem gut dokumentierten Zwischenfall kam es am 7. Januar 1976, als das Patrouillenboot Thor der isländischen Küstenwache 35 Seemeilen vor der isländischen Küste mit der britischen Fregatte HMS Andromeda kollidierte. Die Royal Navy vertritt den Standpunkt, dass die Thor versucht habe, die Fangnetze des britischen Trawlers Portia zu kappen, dabei abrupt den Kurs änderte und die Fregatte rammte.[1] Island dagegen beharrte darauf, dass die Andromeda stattdessen die Thor gerammt habe. Die diplomatischen Beziehungen zwischen Island und Großbritannien wurden 1976 vorübergehend unterbrochen. Der Konflikt wurde auf dem Verhandlungsweg beigelegt, und am 2. Juni 1976 akzeptierte die britische Regierung in einem Interimsvertrag die 200-Seemeilen-Zone.

Ende des Streits[Bearbeiten]

Das kleine und militärlose Island konnte seine Interessen in allen drei Konflikten gegen das weitaus mächtigere Vereinigte Königreich durchsetzen. Die 200-Seemeilen-Zone Islands wurde zum 1. Januar 1977 von allen Staaten der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) anerkannt. Nach Artikel 57 des am 10. Dezember 1982 unterzeichneten Seerechtsübereinkommens der Vereinten Nationen können die Fischereigrenzen nunmehr generell auf bis zu 200 Seemeilen ausgedehnt werden. Von Jahr zu Jahr konnten die Erträge der Isländer gesteigert werden. Internationale Abkommen über Fangquoten haben zum Ziel, den Rückgang der Fischbestände zu beenden.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Katrin Rupprecht: Der deutsch-isländische Fischereizonenstreit 1972–1976. Krisenfall für die NATO? Anhand der Akten des Auswärtigen Amtes. Peter Lang, Frankfurt am Main u. a. 2011, ISBN 978-3-631-62042-7.
  • Ingo Heidbrink: „Deutschlands einzige Kolonie ist das Meer!” Die deutsche Hochseefischerei und die Fischereikonflikte des 20. Jahrhunderts (= Schriften des Deutschen Schiffahrtsmuseums. Bd. 63). Convent, Hamburg 2004, ISBN 3-934613-80-2 (Zugleich: Bremen, Universität, Habilitations-Schrift, 2004).

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. World ocean review 1 (2010), S. 124