Kaisaniten

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Die Kaisāniten (arabisch ‏كيسانية‎, DMG Kaisānīya) oder seltener Muchtariten (Muḫtāriyya) waren die Anhänger einer frühen schiitischen Gruppe, die von al-Muchtār ibn Abī ʿUbaid († 687) bzw. ursprünglich wohl von Abu Amra Kaisan – angeführt wurde und Muhammad ibn al-Hanafīya (gest. um 700), einen Sohn von 'Ali b. Abi Talib und Chaula bt. Dscha'far, als ihren Imam und Mahdi anerkannte. Bei ihnen hatte sich die spätere schiitische Lehre, bei der das Imamat über Ali ibn Husain, den Sohn Husains, weitergeführt wurde, noch nicht durchgesetzt.

Die Idee von der Verborgenheit (ghaiba) trat zum ersten Mal bei dieser in Kufa lebenden Gruppe von Schiiten auf. An Muhammad ibn al-Hanafiyya “knüpfte sich der Glaube an die leibliche Fortdauer und dereinstige Wiederkunft der als Mahdi anerkannten gotterkorenen Person”.[1]

Bei den Kaisāniten traten im 8. Jahrhundert verschiedene Sektenführer (z.B. Bayān ibn Samʿān, Ibn Harb) hervor, die eigene Untersekten gründeten.

Die Lehre von den vier Nachkommen[Bearbeiten]

Eine der wichtigsten Quellen für die Glaubenslehren der Kaisāniten ist das vor 905 abgefasste "Buch der Lehren und Sekten" (Kitāb al-Maqālāt wa-l-firaq) von dem imamitischen Doxographen al-Qummī. Seinem Bericht zufolge war für die Kaisāniten der Glaube an die sogenannten vier Nachkommen (asbāṭ, von sg. sibṭ, wörtlich "Enkel, Stamm") kennzeichnend. Damit waren ʿAlī ibn Abī Tālib und seine drei Söhne al-Hasan, al-Husain und Muhammad ibn al-Hanafīya gemeint, die von ihnen als Imame verehrt wurden. Die Kaisāniten sahen diese vier als die geistlichen Erben der vier Söhne des Patriarchen Jakob an, nämlich Levi, Juda, Josef und Benjamin, deren Nachkommen eine herausgehobene Rolle innerhalb der zwölf Stämme Israels spielten. Die Kaisāniten meinten, dass allein den genannten vier Stämmen Macht, Ruhm, Ehre und Prophetentum zukamen, und die anderen Stämme Israels nur durch den Ruhm dieser vier Brüderstämme überhaupt zum Rang eines Stammes (sibṭ) aufgestiegen seien.[2] So sei es auch mit den Banū Hāschim: Zwar hätten seien alle den Rang von Nachkommen, doch besäßen nur vier von ihnen, nämlich ʿAlī, al-Hasan, al-Husain und Muhammad ibn al-Hanafīya, das Imamat, Kalifat und Königtum.[3]

Die Vierheit der Nachkommen begründeten die Kaisāniten mit dem Koranwort in Sure 95:1-3: "Bei den Feigenbäumen! Bei den Olivenbäumen! Beim Berge Sinai! Bei diesem sicheren Ort!" Hierin sahen sie eine Anspielung auf ʿAlī (= Feigenbaum), al-Hasan (= Olivenbaum), al-Husain (= Berg Sinai) und Muhammad ibn al-Hanafīya (= dieser sichere Ort).[4]

Der kaisānitische Dichter Kuthaiyir ibn ʿAbd ar-Rahmān, der um 723 starb, wird mit dem folgenden Gedicht[5] zitiert:

A-lā anna l-aʾimmata min Quraiš
ʿAlīyun wa-ṯ-ṯalāṯatu min banī-hi
wa-sibṭun sibṭu īmānin wa-birr
wa-sibṭun lā yaḏūqu l-mauta ḥattā
muġaiyabun lā yurāʿī-him sanīnan

wulātu l-ḥaqqi arbaʿata siwāʾ
humu l-asbāṭu laisa la-hum ḫafāʾ
wa-sibṭun ġaibatu-hū Karbalāʾ
yaʿūda l-ḫailu yaqdumu-hā l-liwāʾ
bi-Raḍwā ʿinda-hū ʿasalun wa-māʾ

Sind nicht die Imame von den Quraisch?
ʿAlī und seine drei Söhne;
Einer ist der Nachkomme von Glaube und Pietät,
und einer wird den Tod nicht kosten, bis
Er ist entrückt, kann sie für Jahre nicht weiden,

Die rechtmäßigen Gebieter sind vier, gleichermaßen
sie sind die Nachkommen; für sie gibt es nichts Verborgenes
ein Nachkomme wurde bei Kerbela entrückt,
die Pferde zurückkehren werden, vor ihnen das Banner
im Radwā, versehen mit Honig und Wasser.

Al-Qummī berichtet, dass eine Gruppe der Kaisāniten behauptete, dass durch die vier Enkel "die Schöpfung mit Regen getränkt, der Feind bekämpft, der Beweis offenbart und der Irrtum abgetötet" werde. "Wer ihnen folge, komme ans Ziel, wer hinter ihnen zurückbleibe, werde vernichtet. Zu ihnen nehme man Zuflucht; sie seien wie die Arche Noah: wer sie betrete, tue das Rechte und werde errettet; wer aber draußen bleibe, ertrinke und versinke."[6] Die Anhänger des Ibn Harb lehrten, dass die vier Nachkommen vor der Zwietracht, vor dem Fehltritt und Versehen sicher seien. ʿAlī nannten sie den "Nachkommen von Glauben und Sicherheit", al-Hasan den "Nachkommen von Licht und Paradies", al-Husain den "Nachkommen von Beweis und Katastrophe". In Muhammad ibn Hanafīya schließlich sahen sie denjenigen Nachkommen, der der erwartete Mahdi (al-mahdī al-muntaẓar) sei. Er "werde die Ursachen darlegen, auf den Wolken reiten, die Winde wehen lassen, die Wasserflut (heran)blasen, das Tor des Dammes verrammeln, den nötigen Richterspruch fällen und bis zur siebten Erde vordringen."[7]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Ignaz Goldziher, Vorlesungen über den Islam, 2.A., 1925, S.146
  2. Vgl. Halm 1982, 51.
  3. Vgl. Halm 1982, 52.
  4. Vgl. Halm 1982, 52.
  5. Hier zitiert nach Saʿd ibn ʿAbdallāh al-Ašʿarī al-Qummī: Kitāb al-Maqālāt wa-l-firaq. Ed. Muḥammad Ǧawād Maškūr. Maṭbaʿat-i Ḥaidarī, Teheran, 1963. S. 28f. Für die Übersetzung vtgl. Halm 1982, 51.
  6. Zit. nach Halm 1982, 49f.
  7. Zit. nach Halm 50.
Kaisaniten (Alternativbezeichnungen des Lemmas)
Kaisānīya; Kaisaniten; Kaysāniyya; Muchtariten; Muk̲h̲tāriyya; Kaisaniyya; Kaysanis; Mukhtarites; Kaysanites; Mukhtariten; Kaysaniten; Kaisaniya; Kaysaniten; Kaysaniyyah; Kaysaniten; Kaysaniyyah; Kaisani-Schiiten; Kaysaniyah; Kaysaniyah movement