Kaiserreich Abessinien

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መንግሥተ፡ኢትዮጵያ
Mängəstä Ityop̣p̣əya
Kaiserreich Abessinien
Flagge Äthiopiens#Geschichte
Wappen Äthiopiens#Geschichte
Flagge Wappen
Wahlspruch: ኢትዮጵያ ታበድ አደዊሃ ሃበ አግዚአብሐር
Ityopia tabetsih edewiha Habe Igziabiher
(Amharisch für „Äthiopien streck deine Hände zu Gott“)
Amtssprache Amharisch
Hauptstadt Gondar (bis 1889)
Addis Abeba (ab 1889)
Staatsform Kaiserreich
Regierungssystem Absolute Monarchie (bis 1931)
Konstitutionelle Monarchie (1931–1974)
Staatsoberhaupt Kaiser (Negus)
Dynastien:

Zagwe-Dynastie 1137–1270 und Salomonische Dynastie 1270–1974
zuerst Menelik I. (um 1000 v. Chr.)
zuletzt Haile Selassie (1931–1974)

Regierungschef Premierminister Abessiniens (ab 1942)
Fläche Nach Festlegung der heutigen Grenzen im späten 19. Jahrhundert: 1.104.300
Nach Eingliederung Eritreas: 1.221.900[1] km²
Einwohnerzahl 22,5 Mio. (1960)
32,3 Mio. (1974) [2]
Bevölkerungsdichte 1960: 20,4 Einwohner pro km²
1974: 29,2[2] Einwohner pro km²
Bruttoinlandsprodukt 7.966 Mrd. $ (1971)
9,914 Mrd. $ (1974) [3]
Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner 107 US-$ (1970) [4]
Währung Äthiopischer Birr (ab 1894)
1 Äthiopischer Birr = 20 Gersh = 40 Besa (= 16 Gersh = 32 Besa ab 1903); = 100 Mätonya ab 1933; = 100 Santim (ab 1945)
Gründung staatliche Tradition seit 10. Jahrhundert v. Chr.
Auflösung 12. September 1974 (Sturz des Kaisers und Machtübernahme des Derg)
Nationalhymne Ityopya hoy dess yibelisch (ab 1930)
Zeitzone UTC+3
Kfz-Kennzeichen ETH
Telefonvorwahl +251
Pdr ethiopia.png
Lage des Kaiserreichs Abessinien am Horn von Afrika
Lage des Kaiserreichs Abessinien am Horn von Afrika

Das Kaiserreich Abessinien (amharisch: መንግሥተ፡ኢትዮጵያ, Mängəstä Ityop'p'ya), oder einfach nur Abessinien (seltener auch Abyssinien) oder auch Kaiserreich Äthiopien, war ein Staat in Ostafrika am Roten Meer, der im Südosten an das heutige Dschibuti und Somalia, im Süden an Kenia und im Nordwesten an den Sudan grenzte und aus 14 Provinzen und einem autonomen Gebiet gebildet wurde. Abessinien war zuerst eine absolute und später eine konstitutionelle Monarchie auf dem Gebiet der heutigen Staaten Äthiopien und Eritrea. Hauptstadt war seit 1889 Addis Abeba.

Die Monarchie bestand von etwa 980 vor Christus bis 1974. Das Kaiserreich wurde nach einem Staatsstreich abgeschafft und von der Demokratischen Volksrepublik Äthiopien abgelöst. Es war zu seiner Zeit der älteste noch existierende Staat der Welt und die einzige afrikanische Nation, die sich erfolgreich der europäisch-kolonialen Eroberung Afrikas während des 19. Jahrhunderts widersetzte.

Die äthiopischen Kaiser hießen Negus Negest, wörtlich König der Könige, und waren Angehörige der Zagwe-Dynastie und der Salomonischen Dynastie.

Abessinien gehörte zu den bevölkerungsreichsten Ländern Afrikas und war ein Vielvölkerstaat mit mehr als 80 ethnischen Gruppen, deren Größe von mehreren Millionen bis zu wenigen Hundert reichte. Die abessinische Bevölkerung wurde 1974 auf über 32,3 Millionen Menschen geschätzt und bestand überwiegend aus Amharen, Somali, Oromo, Tigray und Kemant. Neben den dreien Hauptreligionen, dem Christentum, Islam und Judentum gab es im damaligen Kaiserreich eine große Vielfalt von Strömungen und Praktiken der ursprünglichen afrikanischen Religionen. Obwohl geographisch zu Afrika südlich der Sahara zugerechnet, waren große Teile des Landes in ihrer historischen und kulturellen Entwicklung stark von Einflüssen aus dem Nahen Osten und Europa geprägt.

Das Kaiserreich war nach den Modernisierungen unter Kaiser Haile Selassie ein Industriestaat, nach seiner Wirtschaftskraft eine der größten Volkswirtschaften des afrikanischen Kontinents und Gründungsmitglied der Organisation für Afrikanische Einheit.

Geographie des Kaiserreichs[Bearbeiten]

Abessinien gehörte zur Region des Horns von Afrika. Seine Landesgrenzen waren über 4.500 km lang und trennten das Land von Dschibuti und Somalia im Südosten, Kenia im Süden und im Nordwesten vom Sudan. Das Kaiserreich hatte ab 1952 einen Zugang zum Roten Meer, der es mit dem Königreich Jemen (Nordjemen) im Osten verband, der jedoch 1993 mit der Unabhängigkeit der ehemaligen Provinz Eritrea verloren ging.

Fläche[Bearbeiten]

Abessinien hatte im 17. Jahrhundert etwa eine Fläche von knapp 275.000 km². Unter der Herrschaft des Kaisers Menelik II. wurde das Territorium fast vervierfacht. Nach Festlegung der heutigen Grenzen im späten 19. Jahrhundert hatte es eine Fläche von rund 1.104.300 km². Während des Italienisch-Äthiopischen Krieges um 1895 eroberte die kaiserliche Armee Abessiniens mehrere kleinere Gebiete auf dem Gebiet der heutigen Staaten Eritrea, Sudan und Somalia. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde 1952 die ehemalige italienische Kolonie Eritrea Teil des Staatsgebiets. Abessinien war damit nach 1952 der achtgrößte Staat Afrikas. Seine Fläche betrug 1.221.900 km²[1].

Landschaft[Bearbeiten]

Das Kaiserreich Abessinien erstreckte sich vor 1952 entlang der Breitengrade 3 ° und 15 ° N , und der Längengrade 33 ° und 48 ° E und war in seiner Größe vergleichbar mit Bolivien. Der Hauptteil Abessiniens lag am Horn von Afrika, dem östlichsten Teil der afrikanischen Landmasse. Die Landschaft des Landes hat große Unterschiede im Klima, Boden, der natürliche Vegetation und dem Siedlungsmuster der Einwohner hervorgerufen.

Abessinien war ein ökologisch vielfältiges Land, von den Wüsten Eritreas entlang der nordöstlichen Grenze zu den tropischen Wäldern im Süden bis zu den umfangreichen Afromontanen Wäldern in den nördlichen und südwestlichen Teilen. Der Großteil des Kaiserreichs Abessiniens wurde vom Hochland von Abessinien eingenommen; in diesem weitläufigen Hochgebirge lag auch die Hauptstadt der afrikanischen Monarchie, Addis Abeba (2370 m über dem Meeresspiegel). Höchster Berg des Hochlandes war der Ras Daschän (4.533 m). Durch die Mitte des Landes zog sich in Nordost-Südwest-Richtung der Große Afrikanische Grabenbruch. Auf dessen südöstlicher Seite schloss sich das Somali-Hochland mit dem Deemtu (4.377 m) an. Die tiefste Landesstelle befand sich mit 116 m unter dem Meeresspiegel bei der Afar-Senke am Karumsee westlich der Grenze zur Provinz Eritrea. Der Tanasee im Norden war die Quelle des Blauen Nils. Weitere wichtige Flüsse waren der Akobo, der Awash, der Juba, der Ganale, der Omo, der Tekeze-Setit und der Wabi Shebelle.

Geschichte[Bearbeiten]

Anfangszeiten[Bearbeiten]

Hauptartikel: Geschichte Äthiopiens
Äthiopisches Kaiserreich (orange) um 1750 und Eroberungen Kaiser Meneliks II. Ende des 19. Jahrhunderts (gelb)

Die menschliche Besiedlung Äthiopiens begann sehr früh, was sich durch Funde belegen lässt. Es wird vermutet, dass das bei den antiken Ägyptern bekannte Goldland Punt am Horn von Afrika lag. Im Hochland von Abessinien wurde der Legende nach in den 980er Jahren vor Christus durch Menelik I. das abessinische Kaiserreich gegründet.

Im 1. Jahrhundert vor Christus wurde das Aksumitische Reich etabliert, welches bis zum 7. Jahrhundert bestand. Dieses Reich wurde im 4. Jahrhundert koptisch-christlich, und war somit einer der ersten christlichen Staaten.[5]

Nach der Eroberung Aksums durch Königin Gudit (oder auch Yodit) aus dem Königreich Shewa begann eine komplett neue Periode in der Geschichte Äthiopiens.[5] Nach äthiopischer Tradition regierte Königin Gudit über das ehemalige Aksumitische Reich für über 40 Jahre, bevor sie die Krone an ihre Nachfolger übergab. Ihre Regentschaft markierte das Ende des Aksumitischen Reiches in Äthiopien.[5]

Unter der Zagwe-Dynastie[Bearbeiten]

Hauptartikel: Zagwe-Dynastie

Die letzten Nachfahren der Kaiserin Godir wurden von Mara Takla Haymanot gestürzt. Er begründete im Jahre 1137 die Zagwe-Dynastie und heiratete eine weibliche Nachfahrin des letzten Aksumitischen Kaisers, um seine Ansprüche als legitimer Thronerbe des seit langem ausgelöschten Reiches zu festigen.[5] Die Zagwe waren von der Abstammung her Agau, dessen Macht sich bis dahin nicht weiter als ihr ethnisches Herkunftsland ausdehnte. Die Hauptstadt lag bei Adafa, nicht weit vom heutigen modernen Lalibela in den Lasta-Bergen entfernt.[6] Die Zagwe führten das Christentum aus Aksum fort und erbauten zahlreiche prächtige Kirchen wie die in Lalibela. Die Herrschaft der Dynastie hielt bis zum Umsturz durch eine neue Regierung 1270, welche ebenfalls als Herkunft die Abstammung von den alten Aksumitischen Königen für sich beanspruchte.

Unter der Salomonischen Dynastie[Bearbeiten]

Hauptartikel: Salomonische Dynastie

Im Jahre 1270 wurde die Zagwe-Dynastie durch Yekuno Amlak gestürzt. Dieser behauptete, sowohl von den Aksumitischen Herrschern als auch von König Salomo abzustammen. Die Salomonische Dynastie gehörte der Habescha-Volksgruppe an, zu der die Amharen und die Tigray gehören.

Die Habescha regierten mit nur wenigen Unterbrechungen von 1270 bis 1974. In dieser Zeit eroberte das Kaiserreich sämtliche Gebiete im heutigen Äthiopien und Eritrea. Sie bekämpften erfolgreich die osmanischen Armeen und knüpften Beziehungen zu europäischen Mächten.

Ära der Prinzen[Bearbeiten]

Kämpfer aus dem frühen 19. Jahrhundert

Von 1769 bis 1855 ging das Äthiopische Reich durch die „Ära der Prinzen“ (amharisch Zemene Mesafint). Dies war eine Periode in der äthiopischen Geschichte, in der zahlreiche Konflikte zwischen Kriegsherren tobten; der Kaiser wurde auf eine Führungsperson beschränkt, die nur die Umgebung um die damalige Hauptstadt Gonder beherrschte. Sowohl die Entwicklung der Gesellschaft als auch die der Kultur stagnierten. Religiöse Konflikte, sowohl innerhalb der äthiopisch-orthodoxen Kirche als auch gegen die Muslime wurden oft als Vorwand für gegenseitige Machtkämpfe benutzt. Die Ära der Prinzen endete mit der Regentschaft von Tewodros II.

Kolonialismus und Modernisierung[Bearbeiten]

Abessinien um 1891

Die 1880er Jahre waren geprägt vom Wettlauf der Europäer um Afrika und waren zugleich eine Zeit, in der Äthiopien sich modernisierte. Während des ersten Italienisch-Äthiopischen Krieges besiegten die Abessinier 1896 in der Schlacht von Adua Italien – das Land konnte seine Unabhängigkeit wahren. Italien und Abessinien unterzeichneten am 26. Oktober 1896 ein provisorisches Friedensabkommen.

Kaiser Menelik II. modernisierte das Land während seiner Herrschaft und erweiterte das Kaiserreich. Im Jahr 1923 trat Äthiopien, neben Liberia der einzige unabhängige Staat Afrikas, dem Völkerbund bei. Kaiser Haile Selassie führte 1931 die erste Verfassung des Landes ein.

Italienische Invasion und Zweiter Weltkrieg[Bearbeiten]

Am 3. Oktober 1935 marschierten italienische Soldaten, welche von General Emilio De Bono kommandiert wurden, von der Kolonie Eritrea aus in Äthiopien ein und begannen den zweiten Italienisch-Äthiopischen Krieg. Der Krieg, der durch italienischen Einsatz von Giftgas und Verstößen gegen die Haager Landkriegsordnung geprägt war, dauerte mindestens sieben Monate an, bevor Kaiser Haile Selassie ins Exil ging und die Italiener den Sieg erklärten. Die Invasion wurde vom Völkerbund verurteilt und das faschistische Italien unter Benito Mussolini wurde als Aggressor bezeichnet, allerdings wurden nur wenige Sanktionen verhängt. Im Mai 1936 wurde Äthiopien schließlich Teil des italienischen Kolonialgebietes Ostafrika und blieb bis zum Zweiten Weltkrieg in dessen Besitz.

Im Jahre 1941 wurde das Äthiopische Kaiserreich von äthiopischen Partisanen und Einheiten des Commonwealth of Nations sowie von britischen Truppen befreit. Die Hauptoffensiven gegen die italienischen Kolonialtruppen wurden vom anglo-ägyptischen Sudan und von Britisch-Ostafrika aus eingeleitet. Fünf Jahre nach seiner erzwungenen Flucht ins Exil kehrte Kaiser Haile Selassie wieder nach Addis Abeba zurück.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das ehemalige italienische Eritrea in das äthiopische Kaiserreich zunächst als föderativer Teilstaat eingegliedert. Die Eigenständigkeit Eritreas wurde schrittweise aufgehoben und 1962 wurde Eritrea zu einer Provinz herabgestuft.

Aufstieg des Derg[Bearbeiten]

Hauptartikel: Derg

Im Jahre 1974 wurde Haile Selassie vom Derg, einer von Mengistu Haile Mariam angeführten pro-sowjetischen marxistisch-leninistischen Militärjunta, abgesetzt. Die Monarchie wurde abgeschafft und ein realsozialistisches Einparteiensystem etabliert. Haile Selassie wurde inhaftiert und starb unter ungeklärten Umständen. Eritrea blieb auch nach dem Ende des Kaiserreiches Teil Äthiopiens. Es erhielt seine Unabhängigkeit 1993, zwei Jahre nach dem Ende des Eritreischen Unabhängigkeitskrieges.

Politik[Bearbeiten]

Abessinien war ein seit fast drei Jahrtausenden existierender Staat und galt bis zu seinem Ende als das älteste noch existierende Staatsgebilde der Welt.

Nach der Verfassung von 1931 war Abessinien eine konstitutionelle Monarchie der salomonischen Dynastie. Der äthiopische Kaiser war das Staatsoberhaupt, Oberbefehlshaber der Streitkräfte und ernannte den Ministerpräsidenten sowie bis 1957 den äthiopischen Kronrat. Der Kronrat war das offizielle Parlament und bestand aus dem Rat und einem Repräsentantenhaus mit 375 für vier Jahre gewählten Mitgliedern. Nur die amharische Oberschicht besass das Wahlrecht.

Nach der Verfassung waren die Äthiopisch-Orthodoxe Tewahedo-Kirche und das äthiopische Judentum Staatsreligionen, weitere Religionsgemeinschaften, wie der Islam, wurden von der Regierung anerkannt. Im Rechtswesen, das nach europäischen Vorbild aufgebaut war, gab es neben den Zivilgerichten auch religiöse und Militärgerichte, die vom Kaiser ernannt wurden.

Innenpolitik[Bearbeiten]

Kaiser[Bearbeiten]

Hauptartikel: Negus

Der äthiopische Kaiser (amharisch: ንጉሥ, nəguś) war das offizielle Staatsoberhaupt des Kaiserreichs Abessiniens und Oberbefehlshaber der kaiserlichen Streitkräfte des Landes.

Die Kaiser waren von 1137 bis zum Sturz 1270 Angehörige der Zagwe-Dynastie und später bis 1974 Angehörige der Salomonischen Dynastie, die von König Salomon abstammt. Der Titel gehörte zu den ältesten Herrschertiteln der Welt und wurde mit dem Putsch von 1974 abgeschafft. Letzter Kaiser war Haile Selassie.

Ministerpräsident[Bearbeiten]

Der Ministerpräsident Abessiniens war der Regierungschef des Kaiserreichs.

Das Amt wurde nach einer Reform des Kaisers Menelik II. 1909 geschaffen. Der Regierungschef konnte bis 1957 nur von Kaiser ernannt und abgesetzt werden. Nach der Verfassungsreform von 1955 (siehe unten) musste der Ministerpräsident nach den ersten Wahlen 1957 auch die Unterstützung des königlichen Parlaments haben. Der Ministerpräsident wurde vom Kaiser beauftragt eine neue Regierung für vier Jahre zu bilden. Der Ministerpräsident konnte erst nach Absprache mit dem Staatsoberhaupt Minister ernennen. Die neu gebildete Regierung musste aber auch noch vom Parlament gebilligt werden. Der Amtsinhaber musste wie sein gesamtes Kabinett politisch unabhängig sein.

Erster Ministerpräsident war von 1909 bis 1927 Habte Giyorgis. Nach dem gescheiterten Militärputsch in Abessinien 1960 wurde das Amt vom 15. Dezember 1960 bis zum 17. April 1961 abgeschafft, danach aber wieder von Kaiser Haile Selassie eingeführt. Letzter Premier war für einige Monate 1974 Mikael Imru. Nach der kommunistischen Machtübernahme des Derg-Regimes wurde das Amt völlig abgeschafft und erst wieder 1987 eingeführt.

Verfassung[Bearbeiten]

Kaiserliches Siegel der salomonischen Dynastie und des äthiopischen Kronrates unter Kaiser Haile Selassie

Die Verfassung des Kaiserreichs Abessiniens basierte auf der Meiji-Verfassung des Japanischen Kaiserreichs[7] und wurde 1931 entwickelt. Sie trat im Juli 1931 in Kraft und sollte die Macht des äthiopischen Kaisers einschränken. Jedoch unterstanden weiterhin alle drei Gewalten – Exekutive, Legislative und Judikative – dem Kaiser.

1955 wurde eine neue Verfassung, bestehend aus acht Kapiteln und 131 Artikeln, in Kraft gesetzt. Sie demokratisierte das Land wenig und enthielt einige Bestimmungen zum Schutz der Menschenrechte.

Eine vorgeschlagene Revision der Verfassung von 1955 wurde zwar 1974 veröffentlicht, aber nie umgesetzt.

Parlament[Bearbeiten]

Hauptartikel: Kronrat von Abessinien

Das 1931 entstandene abessinische Parlament, der äthiopische Kronrat (englisch: Crown Council of Ethiopia) war von 1931 bis 1974 das offizielle Parlament und ein Verfassungsorgan des Kaiserreichs. Das Parlament war ein Zweikammer-Parlament und bestand zuerst aus dem Rat und einem Senat und später aus dem Rat und dem Volksrepräsentantenhaus.

Das Parlament wurde 1957 zum ersten Mal gewählt und bestand aus 210 Mitgliedern, die direkt vom Volk für vier Jahre gewählt werden mussten. Das Parlament trat erstmals am 1. November 1957 zusammen, zu 20 Wahlkreisen lagen zu diesem Zeitpunkt noch keine Ergebnisse vor.[8] Zwischen 1957 und 1974 gab es insgesamt fünf Direktwahlen für das Parlament, wobei das Volk zuerst nur Mitglieder für das Volksrepräsentantenhaus und erst später auch Mitglieder für den Kronrat wählen durfte. Am Ende des ersten Mandates erreichte die Mitgliederzahl des Kronrates 250 und die des Volksrepräsentantenhauses 125. Mitglieder. Diese Struktur blieb bis 1974 weitgehend erhalten.

Der Kronrat hatte die Aufgabe das Volk zu repräsentieren und konnte nach Absprache mit dem Kaiser auch Gesetze erlassen. 1975 wurde der Rat aufgelöst und noch im gleichen Jahr in den Vereinigten Staaten wiedergegründet. Präsident des Rates ist seit 1983 Ermias Sahle-Selassie.

Außenpolitik[Bearbeiten]

Hauptartikel: Außenpolitik Abessiniens
Kaiser Haile Selassie mit Kaiser Hirohito 1956 in Japan

Hauptziele der abessinischen Außenpolitik waren nach 1945 die Einflussnahme auf neu entstandene afrikanische Nationalstaaten, die im Zuge der Dekolonisation Afrikas von den ehemaligen Kolonialmächten in die Unabhängigkeit entlassen worden waren und die Einnahme einer Führungsrolle in der afrikanischen Politik. Das Kaiserreich unterstützte nationalistische Bewegungen gegen die Kolonialherren in seinen Nachbarstaaten und leistete später den neu gegründeten Staaten Wirtschaftshilfe. 1960 war das Land Gründungsmitglied der Organisation für Afrikanische Einheit und stellte mit Kifle Wodajo den ersten Generalsekretär der Organisation.

Ein weiteres Ziel war die Einnahme einer aktiven Rolle in der globalen Politik. Abessinien war 1945 ein Gründungsmitglied der Vereinten Nationen und nahm 1951 an UN-Einsätzen im Koreakrieg teil. 1948 hatte die Monarchie die Gründung des Staates Israel stark unterstützt und konnte trotzdem die guten Beziehungen zur arabischen Welt aufrechterhalten. Ein von äthiopischen Muslimen geforderter Beitritt zur Arabischen Liga wurde von der abessinischen Regierung abgelehnt. Aus dem Nahostkonflikt hielt sich Abessinien nach dem Sechstagekrieg weitgehend heraus, bot sich aber nach dem Jom-Kippur-Krieg 1973 als Vermittler der Konfliktparteien an.

Mit dem Ausbruch des Kalten Krieges veränderte sich die internationale Stellung des Kaiserreichs erneut; Abessinien wurde zu einem engen Verbündeten der USA und des Westens in Afrika. Die Regierung unter Kaiser Haile Selassie erhielt Anfangs der 1970er Jahre massive Wirtschaftshilfe von Westeuropa. In den 1960er Jahren wurden, vor allem aus wirtschaftlichen Gründen, diplomatische Beziehungen zur Volksrepublik China und Indien aufgenommen. Mit der Revolution von 1974 änderte sich die Außenpolitik Äthiopiens grundlegend und das Land lehnte sich an die Sowjetunion und den Ostblock an.

Geschichte der Außenbeziehungen[Bearbeiten]

Die moderne abessinische Außenpolitik begann 1493 mit der Unterzeichnung eines Bündnisvertrages mit dem Königreich Portugal. Portugiesische Truppen unterstützen im Jahr 1543 die kaiserliche Armee Abessiniens gegen die Truppen des Sultanats Adal unter Ahmed Graññ, denen sie eine vernichtende Niederlage bescherten.

Während des europäischen Wettlaufs um Afrika, als zahlreiche europäische Länder die afrikanischen Völker kolonisieren wollten, blieb Abessinien standhaft und versuchte vielmehr eigene imperialistische Pläne umzusetzen. Unter Kaiser Theodor II. kam es zur Konfrontation mit Großbritannien. Aufgrund dieses diplomatischen Konfliktes nahm er ab 1865 alle Europäer in seinem Land als Geiseln gefangen. Dies führte zur militärischen Britischen Äthiopienexpedition von 1868 und zur Befreiung der Gefangenen.

Um 1870 kam es zur Konfrontation mit dem Osmanischen Reich, als dessen Truppen, wie schon im 16. Jahrhundert, mehrere kleinere Küstengebiete auf dem Gebiet des heutigen Staates Eritrea eroberten und in Richtung Abessinien vorstießen. Das Kaiserreich konnte sich aber durchsetzten. Später wurden die Beziehungen wieder friedlicher, so eröffnete das Osmanische Reich von 1910 bis 1912 ein Honorarkonsulat in der historischen Stadt Harar und ein Generalkonsulat in der Hauptstadt Addis Abeba. Im Jahr 1925 eröffnete die Republik Türkei eine Botschaft in Addis Abeba.

Unter Kaiser Johannes IV. verbesserten sich die Beziehungen zu Großbritannien und es wurden Kontakte zum Königreich Ägypten geknüpft. Der Kaiser hatte den Briten und Ägyptern bei der Evakuierung ihrer Garnisonen an der sudanesisch-abessinischen Grenze während des Mahdi-Aufstandes unterstützt.

Unter Kaiser Menelik II. verfolgte die Monarchie eine aggressive Außenpolitik und erweiterte ihr Staatsgebiet um das Vierfache. Es wurden die Reiche der Oromo im Süden, der Gurage im Südwesten, der Awsa, dem Staat der Afar im Nordosten, und der Somali im Osten vom abessinischen Heer beseitigt. Selbst der mächtige "Gottkönig" von Kaffa musste sich dem Expansionsdrang des äthiopischen Imperiums beugen.

Im Jahr 1895 kam es zum ersten Italienisch-Äthiopischen Krieg. Das Königreich Italien marschierte in Teilen des Kaiserreichs ein und konnte gewisse Anfangserfolge erzielen. Am 1. März 1896 kam es zur Schlacht von Adua bei der die Äthiopier die italienischen Kolonialsoldaten vernichtend schlugen. Die Niederlage führte zu einer schweren Regierungskrise in Italien und dem Sturz von Ministerpräsident Francesco Crispi. Nach dem Kolonialkrieg wurden die Beziehungen zu Frankreich und Russland, die Abessinien im Krieg unterstützt hatten, von Menelik II. erneuert.

In den 1890er Jahren kam es zur endgültigen Festlegung der Grenzen mit Französisch-Somaliland im März 1897, Britisch-Somaliland ein paar Monate später im Juni 1897, mit der italienischen Kolonie Eritrea im Jahr 1900, mit dem Anglo-Ägyptischen Sudan im Jahr 1902, Britisch-Ostafrika im Jahr 1907 und Italienisch-Somaliland 1908.

Am 7. März 1905 schloss Abessinien, nachdem es an der dschibutischen Küste mit französischen und an der Somaliküste mit italienischen Kolonialherren in Kontakt kam, mit einer deutschen Delegation unter Leitung von Friedrich Rosen und Kaiser Menelik einen Freundschafts- und Handelsvertrag mit dem Deutschen Reich ab. Am 28. September 1923 trat Abessinien, neben Liberia, als einziger unabhängiger Staat Afrikas dem Völkerbund bei.[9]

Am 3. Oktober 1935 begann nach einer internationalen Krise, hervorgerufen durch Italien und NS-Deutschland, der Abessinienkrieg. Das faschistische Königreich unter der Führung Benito Mussolinis besetzte große Teile des Staatsgebietes Äthiopiens und annektierte es nach dem Ende des Krieges am 9. Mai 1936. Abessinien blieb bis 1941 von Italien besetzt und war Teil der Kolonie Italienisch-Ostafrika. Nach der Befreiung durch äthiopische Partisanen und britische Truppen beteiligte sich die Monarchie aktiv am Zweiten Weltkrieg und erklärte zwischen 1942 bis 1943 den Achsenmächten den Krieg. Nach dem Zweiten Weltkrieg musste Italien als Reparation 25 Millionen Dollar zahlen. 1947 wurden die diplomatischen Beziehungen zu Italien und zum traditionellen Verbündeten Japan (seit 1920 bestanden enge Kontakte zum japanischen Kaiserreich), dem Abessinien aufgrund seines Eintritts in den Zweiten Weltkrieg auf Seiten der Alliierten 1942 den Krieg erklärt hatte, wieder aufgenommen.

Verwaltungsgliederung[Bearbeiten]

Provinzen des Kaiserreichs Abessinien ab 1941

Das Kaiserreich Abessinien bestand ab 1941 aus insgesamt 14 Provinzen, die in der Vergangenheit immer wieder neu organisiert wurden:

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  •  Saheed A. Adekumobi: The History of Ethiopia. Greenwood Press, Westport CT u. a. 2007, ISBN 978-0-313-32273-0.
  •  Richard Pankhurst: The Ethiopians. A History. Blackwell Publishing, Oxford u. a. 2001, ISBN 0-63122-493-9.
  •  Kevin Shillington (Hrsg.): Encyclopedia of African History. Routledge, London 2005, ISBN 1-57958-245-1.
  •  Carl Paul: Abessinien. Fr. Richter, Leipzig 2. Auflage 1901.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b The World Factbook 1990
  2. a b Abfrage bei der Weltbank
  3. World Economic Outlook (WEO) data, IMF abgerufen am 19. Juli 2012
  4.  Der Brockhaus in fünf Bänden. F. A. Brockhaus, Leipzig 2004. Seite 259
  5. a b c d  Saheed A. Adekumobi: The History of Ethiopia. Greenwood Press, Westport CT u. a. 2007, ISBN 978-0-313-32273-0, S. 10.
  6.  Richard Pankhurst: The Ethiopians. A History. Blackwell Publishing, Oxford u. a. 2001, ISBN 0-63122-493-9, S. 45.
  7. John W. Turner: Thomas P. Ofcansky and LaVerle Berry (Hrsg.): Country Studies 1991.
  8. Thomas P. Ofcansky, Thomas P. Ofcansky, Chris Prouty (Hrsg.): Historical Dictionary of Ethiopia. Scarecrow, 2004, ISBN 978-0-81-084910-5 S. 133
  9. Chris Proutky, Empress Taytu and Menelik II, Trenton: The Red Sea Press, 1986, p247-256 (englisch)