Kalasha (Architektur)

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kalasha-Krug mit Kokosnuss und überquellenden Mango-Blättern
kalasha-Krug mit überquellendem Blattwerk auf drei amalaka-Ringen als Teil einer Portaleinfassung (5./6. Jh.)

Als Kalasha wird ein steinerner krug- oder vasenförmiger Aufsatz auf einem Hindu-Tempel des nordindischen Nagara-Stils bezeichnet. Später wurden in einigen Fällen auch die Dächer von Palastbauten oder muslimischen Kuppelgräbern mit derartigen Aufsätzen überhöht; bei letzteren erscheint oft zusätzlich ein gerippter amalaka-Ringstein.

Ursprung[Bearbeiten]

Wahrscheinlich geht das Architekturelement zurück auf Opferkrüge gleichen Namens, die in Indien bei religiösen Zeremonien im häuslichen Bereich und bei Tempelbesuchen immer noch Verwendung finden. Diese Krüge können aus gebranntem Ton, Messing, Kupfer aber auch aus edleren Metallen wie Silber und Gold bestehen.

Symbolik[Bearbeiten]

Bereits in den Veden wird der in einem Krug aufbewahrte Unsterblichkeitstrank amrita (Sanskrit: अमृत, amṛta = Unsterblichkeit; vgl. auch Ambrosia) mit dem Göttertrank Soma gleichgesetzt. Sein Genuss verleiht Weisheit, Fülle und Unsterblichkeit. Einige Hindu-Gottheiten (Brahma, Lakshmi, Annapurna) halten manchmal einen derartigen Krug in ihren Händen.

Ein mit Getränken (Wasser, Milch, Kokosmilch) oder Früchten (Kokos, Mango etc.) gefüllter Krug wird in Indien als Purna-Kalasha (पूर्णकलश), Purna-Kumbha (पूर्णकुम्भ) oder Purna-ghata (पूर्णघट) bezeichnet und gilt vielen Indern bis auf den heutigen Tag als Sinnbild von Fülle und Überfluss und damit als Symbol für Fruchtbarkeit, Lebenskraft und Gesundheit schlechthin. Bei vielen häuslichen Feierlichkeiten (Geburt, Hochzeit, Hauseinweihung) wird ein derartiger Krug aufgestellt und geschmückt; auch die Gäste erscheinen oft mit einem Kalasha-Krug in ihren Händen.

Eine weiter verfeinerte Interpretation setzt den Krug und die mit ihm verbundenen Motive mit den fünf Elementen gleich: Basis = Erde (prithivi); Bauch = Wasser (ap); Rand = Feuer (agni); geöffneter Mund = Luft, Atem (vayu); Blattwerk = Äther (akasha).

Darstellung[Bearbeiten]

Vasen- bzw. Krugmotive mit hervorquellenden Blättern spielen eine wichtige Rolle bereits in der frühen nordindischen Tempelarchitektur (vgl. Gupta-Tempel). Hier finden sie sich jedoch vorzugsweise im oberen Teil von Pfeilern oder Portaleinfassungen. Erst in späterer Zeit erhalten sie – zusammen mit den Amalakas – eine erhöhte Position als oberer Abschluss von Shikhara-Türmen. Bei neueren Tempelbauten werden sie meist vergoldet.

Mausoleen und Paläste[Bearbeiten]

Vielleicht ist die Kalasha-Vase als Sinnbild für Unsterblichkeit der Grund dafür, dass dieses Architekturelement – ebenfalls kombiniert mit Amalakas – seit dem 14. Jahrhundert auch auf islamischen Mausoleen im Gebiet des Sultanats von Delhi erscheint; bei mogulzeitlichen Bauten des 16.–18. Jahrhunderts spielen kalashas hingegen keine Rolle mehr.

Die mit Abstand größte Anzahl vergoldeter kalashas findet sich auf den unzähligen kleinen Dächern des ‚Palasts der Winde‘ (Hawa Mahal) in Jaipur (Rajasthan)

Literatur[Bearbeiten]

  • Stella Kramrich: The Hindu Temple. Motilal Banarsidass, Delhi 2007, ISBN 978-81-208-0222-3, Bd. 2, S. 348 ff.
  • George Michell: Der Hindu-Tempel. Bauformen und Bedeutung. DuMont, Köln 1979, ISBN 3-7701-1096-X.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Kalasha – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien