Kalavryta

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Gemeinde Kalavryta
Δήμος Καλαβρύτων
Kalavryta (Griechenland)
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Basisdaten
Staat: Griechenland
Region: Westgriechenland
Regionalbezirk: Achaia
Geographische Koordinaten: 38° 2′ N, 22° 7′ O38.03083333333322.108611111111Koordinaten: 38° 2′ N, 22° 7′ O
Fläche: 1.065,5 km²
Einwohner: 11.185 (2011[1])
Bevölkerungsdichte: 10,5 Ew./km²
Sitz: Kalavryta
LAU-1-Code-Nr.: f11
Gemeindebezirke: 4 Gemeindebezirke
Ortschaften: 67 Ortschaften
Website: www.kalavrita.gr
Lage in der Region Westgriechenland
Datei:2011 Dimos Kalavryton.png

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Kalavryta (griechisch Καλάβρυτα (n. pl.), auch Kalavrita) ist eine Kleinstadt mit rund 2.000 Einwohnern im Präfekturbezirk Achaia im Norden der Halbinsel Peloponnes. Gleichzeitig ist Kalavryta eine Gemeinde in der Region Westgriechenland, die durch Eingemeindungen vor allem in den Jahren 1997 und 2010 auf rund 11.000 Einwohner angewachsen ist.

Kalavryta erlangte als legendärer Ort des Beginns der Griechischen Revolution und aufgrund eines Massakers der deutschen Wehrmacht vom 13. Dezember 1943 Bekanntheit.

Geographie[Bearbeiten]

Der Ort liegt im fruchtbaren Hochtal des zum Golf von Korinth entwässernden Flusses Vouraikos am südlichen Hang in etwa 740 m Höhe, westlich flankiert vom Gebirgsmassiv des Erymanthos, 2221 m. Östlich dominiert, in großer Nähe, das Gebirgsmassiv des Aroania, 2338 m.

In dieser Gebirgslandschaft kommt es zwischen Dezember und April zu reichlichen Niederschlägen. Der Fluss führt daher das ganze Jahr über Wasser, obwohl diese Landschaft, wie fast der ganze Peloponnes, durch Karstphänomene und sehr regenarme Sommer geprägt ist.

Nach Klima, Gebirgslage und Verkehrsanbindungen gehört Kalavryta wie der Großteil des inneren Peloponnes zu den durch Strukturschwächen und Landflucht geprägten Städten und Dörfern. In der Region wurde daher der Tourismus, heute auch Agro-Tourismus, gefördert. Die wichtigste Straßenanbindung nach Diakopto an der Nordküste (ca. 40 km) gehört auch nach den 2005 erfolgten Ausbaumaßnahmen zur Kategorie der kurvenreichen „Landstraßen mit lokaler Bedeutung“. Die weiteren Verbindungen nach Nordwesten (Patras, 75 km) und Südosten (Tripolis, 90 km) bleiben ebenfalls kurvenreiche Trassen durch Gebirgslandschaft. Die Bahnstrecke Diakopto–Kalavryta, eine 1885 gebaute Schmalspur- und Zahnradbahn mit der Spurweite 750 mm, hat Bedeutung für den touristischen Verkehr und ist durch die Beschaffung neuer Triebfahrzeuge im Bestand gesichert.

Der Ort ist ein Häuser- und Straßenensemble mit einer baumbestandenen Platia, mehreren Hotels, einem Museum und einer nationalen Gedenkstätte. Wirtschaftliche Einnahmequelle ist der überwiegend innergriechische Tourismus. Wanderungen sind durch das Vouraikos-Hochtal und durch die Schlucht entlang der Bahntrasse möglich.

Der Ort ist von Athen über Straßen oder per Bahn erreichbar. Seit Eröffnung der Bahnverbindung vom Flughafen Athen nach Korinth im Jahr 2005 mit Direktanschluss an die meterspurige Schmalspurbahn Korinth-Diakopto-Patras ist Kalavryta per Bahn schneller als per Straße zu erreichen.

Geschichte[Bearbeiten]

Der Ort Kalavryta ist besonders durch zwei geschichtliche Ereignisse bekannt.

Am 25. März 1821 segnete der Metropolit (Bischof) Germanos von Patras im nahegelegenen Kloster Agia Lavra die Fahne der Befreiungskämpfer. Seitdem ist das Kloster ein Nationalheiligtum und der 25. März inzwischen Nationalfeiertag.

Während der deutschen Besetzung Griechenlands im Zweiten Weltkrieg kam es Mitte Oktober 1943 zur Gefangennahme von rund 80 deutschen Soldaten durch Partisanen der Griechischen Volksbefreiungsarmee ELAS. Die Partisanen hatten im Raum Kalavryta eine starke Position, obwohl die überwiegend konservativ eingestellte Bevölkerung ihnen gegenüber als distanziert galt. Es ist aus den zahlreich vorhandenen Dokumenten der Wehrmacht nicht feststellbar, ob die Forderung der Partisanen nach Austausch der gefangenen Soldaten gegen in deutscher Hand befindliche griechische Geiseln ernsthaft erwogen wurde. Ende November war der Befehl für das „Unternehmen Kalavrita“ (Vernichtung der „Banden“ – meint: Partisanen – und eine Vergeltungsaktion) schon ergangen. Die folgenden vermehrten Truppenbewegungen in das Gebiet von Kalavryta konnten den Partisanen nicht entgangen sein. Am 7. Dezember, rund zwei Monate nach der Gefangennahme, wurden die deutschen Soldaten getötet und am 8. Dezember von den Besatzern aufgefunden.

Daraufhin erging der Befehl zur „schärfsten Form der Sühnemaßnahmen“. Die unter dem Kommando des Generalmajors Karl von Le Suire stehende 117. Jäger-Division begann am folgenden Tag, dem 9. Dezember, mit der Zerstörung von Kalavryta und 25 Dörfern. Auch das oben genannte Nationalheiligtum Kloster Agía Lávra wurde völlig zerstört (was die Empörung der Griechen noch steigerte und bis heute nachwirkt). Am 13. Dezember wurden alle Dorfbewohner zur Schule befohlen. Alle Frauen und Mädchen des Ortes sowie alle Jungen unter zwölf Jahren wurden im Schulgebäude eingeschlossen, dann wurde das Gebäude in Brand gesetzt. Der Legende nach soll ein österreichischer oder deutscher Soldat die Tür der bereits lichterloh brennenden Schule wieder geöffnet haben, um den Eingeschlossenen die Flucht zu ermöglichen. Alle Männer wurden oberhalb des Ortes geführt und dort mit Maschinengewehrfeuer hingerichtet. 13 Männer überlebten das Massaker, weil sie von den Deutschen für tot gehalten wurden. Der Ort wurde in Schutt und Asche gelegt.

Zitate aus der unten genannten in allen Einzelheiten vor Ort und wissenschaftlich recherchierten Publikation von E. Rondholz:

„Kampfgruppenführer Ebersberger meldete 674 Erschossene. In der Abschlussmeldung an das General-Kommando des LXVIII. Armeekorps ist von 695 erschossenen Griechen im Verlauf des gesamten ‚Unternehmens Kalavryta‘ die Rede. (..) die Griechen gehen ihrerseits bis heute von einer wesentlich höheren Zahl von Toten aus“ (S. 144).

Der mit der Wehrmacht kollaborierende griechische Ministerpräsident Ioannis Rallis schrieb in einem im Ton devoten Brief an den Militärbefehlshaber Griechenlands, General Wilhelm Speidel, sechs Tage nach dem Massaker:

„Gestern erhielt ich Nachrichten, nach denen fast die gesamte männliche Bevölkerung der Stadt Kalavryta Massenhinrichtungen (…) zum Opfer fielen. Wenn meine Informationen richtig sind, betrugen die Opfer der Massenhinrichtung mehr als 650.“ (Rondholz, S. 157.)

Oberhalb des Ortes wurde eine Gedenkstätte errichtet. In hohe Betonwände sind die Namen aller Ermordeten eingegossen. Ein großes weißes Kreuz ist von jeder Position des Tals und des Ortes aus sichtbar. In der Mitte der Anlage befindet sich eine Betonskulptur, die eine trauernde Mutter zeigt. Auf dem Gelände sind mit großen weißen Steinlettern die Inschriften „OXI ΠIA ΠOΛEMOI“ (Nie wieder Krieg) und „ΕΙΡΗΝΗ“ (Frieden) gelegt. Am 4. April 2000[2] besuchte der deutsche Bundespräsident Johannes Rau Kalavryta und legte am Mahnmal einen Kranz nieder.

Der Völkerrechtler Norman Paech schrieb 2000 in Der juristische Schatten …:

„Trotz Hunderten von Ermittlungsverfahren wurde wegen Kriegsverbrechen in Griechenland nur ein Hauptverfahren vor dem Landgericht Augsburg eröffnet. Es ging um die Erschießung von sechs Zivilisten auf Kreta. Das Gericht übernahm den Standpunkt der Wehrmacht, (…), so qualifizierte das Landgericht diese Hinrichtungen als ‚völkerrechtliche Notwehr‘ und sprach den angeklagten Hauptmann frei ... Alle Bundesregierungen einschließlich der jetzigen haben sich bisher geweigert, mit der griechischen Regierung in Verhandlungen über die ungelöste Frage der Entschädigung für die Opfer der damaligen Massaker einzutreten.“

In Griechenland waren Klagen von Angehörigen der Opfer auf Wiedergutmachung von Gerichten mit der Begründung abgewiesen worden, die Bundesrepublik Deutschland genieße als souveräner Staat Immunität (das heißt, ein Staat – die Bundesrepublik – kann nicht vor einem Gericht eines anderen Staates – Griechenlands – verklagt werden[3]). Am 15. Februar 2007 wies auch der Europäische Gerichtshof in Luxemburg Schadensersatzansprüche an Deutschland wegen dieses Massakers der Wehrmacht ab. Die Kläger hatten versucht, ihre Ansprüche juristisch auf ein EU-internes Übereinkommen über die Zuständigkeit und Vollstreckung gerichtlicher Entscheidungen aus dem Jahre 1968 zu stützen, das der Gerichtshof aber in seinem Urteil für diesen Fall als nicht anwendbar ansah.[4] Im ähnlich gelagerten Fall um das Massaker von Distomo hat der Internationale Gerichtshof 2012 schließlich in einem Grundsatzurteil entschieden, dass Privatpersonen gegen einen Staat wegen des Grundsatzes Par in parem non habet imperium (Staatenimmunität) nicht klagen dürfen.[5]

Persönlichkeiten[Bearbeiten]

  • Thrasivoulos Zaimis (* 1822, Kalavryta; † 1880). Griechischer Politiker und Ministerpräsident Griechenland (1869 bis 1870 und 1871 bis 1872).

Literatur[Bearbeiten]

  • Eberhard Rondholz: Schärfste Maßnahmen gegen die Banden sind notwendig ... – Partisanenbekämpfung und Kriegsverbrechen in Griechenland. Aspekte der deutschen Okkupationspolitik 1941–1944 In: Repression und Kriegsverbrechen, die Bekämpfung von Widerstands- und Partisanenbewegungen gegen die deutsche Besatzung in West- und Südeuropa. Hrsg.: Ahlrich Meyer; Berlin 1997
  • Von Lidice bis Kalavryta: Widerstand und Besatzungsterror; Studien zur Repressalienpraxis im Zweiten Weltkrieg. Hrsg: Droulia, Loukia und Fleischer, Hagen; Berlin, 1999
  • Frank Hermann Meyer: Von Wien nach Kalavryta. Die blutige Spur der 117. Jäger-Division durch Serbien und Griechenland. Mannheim/Möhnesee 2002, ISBN 3-933925-22-3
  • Eberhard Rondholz: Kalvryta 1943. In: Gerd R. Ueberschär (Hrsg.): Orte des Grauens. Verbrechen im Zweiten Weltkrieg. Primus, Darmstadt 2003, ISBN 3-89678-232-0, S. 49–59.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Kalavryta – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Ergebnisse der Volkszählung 2011 (De-facto-Bevölkerung) beim Nationalen Statistischen Dienst Griechenlands (ΕΣΥΕ) (Excel-Dokument, 2,6 MB)
  2. Ansprache von Bundespräsident Rau unter http://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Reden/DE/Johannes-Rau/Reden/2000/04/20000404_Rede.html (abgerufen am 26. Juli 2013)
  3. beck-online
  4. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16. Februar 2007, S. 1.
  5. Tagesspiegel vom 19. November 2008.