Khilafatbewegung

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Bei der Khilafatbewegung setzten sich zahlreiche indische Moslems, empört über die Behandlung des türkischen Kalifen durch die Alliierten 1919 und die Unterstützung der Briten für Mustafa Kemal (später Atatürk genannt), für den osmanischen Sultan ein.

Seit der Herrschaft der Großmogulen in Indien, die durch die Briten 1761 beendet worden war, verehrten die indischen Moslems die türkischen Kalifen, da sie selbst nicht unter islamischer Herrschaft lebten.[1] Zur Unterstützung des Kalifen gründeten sie die Kalifat-Bewegung.

Mahatma Gandhi war von der Opferbereitschaft der Moslems beeindruckt und sah eine ausgezeichnete Möglichkeit, Moslems und Hindus miteinander auszusöhnen und zu verbrüdern, obwohl den Hindus die panislamischen Gefühle ihrer Mitbürger für den moralisch wenig würdigen osmanischen Kalifen in ihrer Mehrheit gleichgültig waren. Er erkannte darin ein echtes religiöses Bedürfnis der Moslems.[2]

Nach dem Amritsar-Massaker 1919 hielt der Indische Nationalkongress in Amritsar eine Parteiversammlung ab, an der eine große Zahl von wichtigen indischen Politikern, wie Gandhi, Motilal Nehru, Ali Jinnah, Hazrat Mohani, Bal Gangadhar Tilak, Chittaranjan Das und Madan Mohan Malaviya teilnahmen. Erschüttert von den Nachrichten über das Massaker berieten die Teilnehmer, wie sie auf die aus ihrer Sicht halbherzigen Reformabsichten der Briten (Montagu-Chelmsford-Reformen) reagieren sollten. Nicht zuletzt wegen des Massakers, wurde über einen Boykott britischer Waren debattiert. Im Vorfeld der Versammlung hatte Gandhi erfahren, dass es moslemische Stimmen gab, die Unterstützung für die Kalifat-Kampagne forderten und im Gegenzug bereit waren, den von den Hindus geforderten Verzicht auf die Schlachtung von Rindern anzubieten. Ihn störte der in Aussicht gestellte politische „Kuhhandel“, den er als unehrenhaft empfand.[3] Auf dieser Konferenz entwarf Gandhi erstmals die Kampagne der Nichtkooperation.

Ali Jinnah, der säkulare Repräsentant der Muslimliga, kritisierte Gandhis Unterstützung für die Kampagne zum Erhalt des Kalifats 1919/1920, die Jinnah als Unterstützung eines religiösen Zelotismus auffasste.[4]

Hintergrund[Bearbeiten]

Der osmanische Sultan Abdülhamid II. versuchte eine umfassende panislamische Propaganda zu entfalten. Sein Nachfolger Mehmed V. rief 1914 die Moslems in den Kolonien der Alliierten zum Dschihad auf. Dieser Aufruf hatte militärisch praktisch keine Folgen.

Am Ende des Ersten Weltkriegs diktierten die Alliierten im August 1920 dem letzten osmanischen Sultan Mehmed VI. den Vertrag von Sèvres, in dem das Osmanische Reich seine arabischen Territorien (arabische Halbinsel, Mesopotamien, Syrien, Palästina) endgültig verlor, armenische Territorien, Kilikien und Ostthrakien verlieren sollte, griechische, italienische und französische Besatzungen und kurdische Autonomie hinnehmen musste, die Meerengen Bosporus und Dardanellen internationalisiert und die Privilegien der europäischen Niederlassungen in Istanbul wiedergeherstellt werden sollte. Der Sultan akzeptierte, um seinen Thron zu retten, was Mustafa Kemal und die Jungtürken nicht hinzunehmen bereit waren. Daraufhin schaffte Mustafa Kemal und die von ihm gelenkte Nationalversammlung in Ankara 1924 nach dem Sultanat auch das osmanische Kalifat ab, das im osmanischen Reich nur noch geringe Bedeutung besaß, ein Vorgang, der von Intellektuellen in der moslemischen Welt noch lange diskutiert wurde.

Folgen[Bearbeiten]

Es ist umstritten, inwiefern Gandhis Unterstützung für die Kalifat-Kampagne klug war, denn sie gab der späteren Forderung nach muslimischen Separatismus möglicherweise Auftrieb. Mit der Abschaffung des Kalifats durch die neu gegründete türkische Republik 1924 wurde die Kalifat-Kampagne obsolet. Mit der Kalifat-Kampagne war die Muslimliga vorübergehend aus dem politischen Vordergrund verdrängt.[5]

Literatur[Bearbeiten]

  • Muhammad Naeem Qureshi: Pan-Islam in British Indian politics: a study of the Khilafat Movement, 1918 - 1924. Leiden [u.a.] : Brill, 1999.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Dietmar Rothermund: Unter Gandhis sanfter Führung – Der indische Freiheitskampf, in: Die Zeit-Lexikon Welt- und Kulturgeschichte, Band 13, Erster Weltkrieg und Zwischenkriegszeit, ISBN 3-411-17603-2, S. 475.
  2. Fischer Weltgeschichte, Band 33, Das moderne Asien, 1969, S. 36
  3. Mahatma Gandhi: Mein Leben, Frankfurt/M., 1983, ISBN 3-518-37453-2 (engl. Erstausgabe 1930), S. 242ff.
  4. Ayesha Jalal, The Sole Spokesman: Jinnah, the Muslim League and the Demand for Pakistan , Cambridge: CUP, 1994, ISBN 0-521-45850-1, S. 8
  5. Fischer Weltgeschichte, Band 33, Das moderne Asien, 1969, S. 38.