Kammerton

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Der Kammerton ist der gemeinsame Ton, auf den die Instrumente einer Musikgruppe eingestimmt werden.

„Kammer-“ bezieht sich auf die fürstlichen Privatgemächer, in denen früher musiziert wurde. Daher gibt es historisch betrachtet einen Gegensatz zwischen „Kammerton“ und „Kirchenton“ beziehungsweise „Chorton“, wobei letzterer bis zu einem ganzen Ton tiefer oder höher [1] war. Außerdem gab es noch den Cornettton und den Opernton. Diese Unterscheidung verlor sich nach 1800.

Der seit 1939 in vielen Ländern gültige Standard-Kammerton oder Normalstimmton ist festgelegt auf a1 = 440 Hz (Schwingungen pro Sekunde). In deutschen und österreichischen Sinfonieorchestern ist jedoch eine Einstimmung auf a1 = 443 Hz üblich, in der Schweiz auf a1 = 442 Hz.

Statt der Tonbezeichnung a1 („eingestrichenes“ a, auch als a′ notiert) werden auch die internationale wissenschaftliche Bezeichnung A4 oder bei MIDI-Programmierung A3 verwendet.

Entwicklung[Bearbeiten]

Bis in das 19. Jahrhundert hinein gab es keine einheitliche Stimmhöhe, sondern es wurde abhängig von Ort oder Region wie auch nach Art der Musik unterschiedlich eingestimmt.

Verglichen mit dem heutigen Standardkammerton, lagen die Stimmtöne im 16. Jahrhundert um bis zu vier Halbtöne tiefer oder um bis zu drei Halbtöne höher, in der Mitte des 18. Jahrhunderts schwankten die Stimmungen etwa im Bereich von −2 bis +2 Halbtöne und Mitte des 19. Jahrhunderts im Bereich von −1 bis +1 Halbton, bezogen auf a1 = 440 Hz. Dabei waren die gemeinhin bevorzugten Stimmtöne der Tendenz nach in Österreich, Deutschland, Italien und den Niederlanden eher höher, die in Frankreich und England eher tiefer.[2]

Durch ein zunehmend interregionales und internationales Musikleben wuchs das Bedürfnis nach einer einheitlichen Höhe des Stimmtons. Im Jahr 1788 einigte man sich zunächst in Paris auf einen Stimmton von 409 Schwingungen pro Sekunde für das eingestrichene a, die (frühe) Pariser Stimmung. Später wurde dort 1858 durch die französische Akademie, unter Napoleon III., der Kammerton a′ dann auf 435 Schwingungen pro Sekunde festgelegt (mit der damaligen Bezeichnung als „435 Doppelschwingungen pro Sekunde“), für Frankreich gesetzlich eingeführt und in benachbarten Ländern übernommen.[3] Für Russland, Schweden, Italien und verschiedene deutsche Staaten beschloss eine internationale Stimmtonkonferenz 1885 in Wien einen internationalen Normstimmton mit ebenfalls 435 Schwingungen pro Sekunde.[4][5][6]

In der österreichischen Militärmusik und dadurch beeinflusst auch in der Blasmusik herrschte dagegen ab der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die 1960er Jahre der sogenannte türkische Ton mit 461 Hz vor, der auch heute noch von den Wiener Original Hoch- und Deutschmeistern verwendet wird.

Unterschiedliche Vorschläge für den Stimmton[Bearbeiten]

Joseph Sauveur[7][8] (1653–1716) und später auch Chladni (1756–1827) machten den Vorschlag einer auf C basierenden Stimmung, und zwar derart, dass eine Frequenz mit einer Schwingungs-Periode von genau einer Sekunde ein C und jeder weitere Ton C jeweils um den ganzzahligen Faktor 2 (eine Oktave) höher sei. Das gegenüber einem C von 1 Hz (C6) um acht Oktaven (Faktor 28) höhere eingestrichene C (c1 oder c′) hätte damit eine Frequenz von 256 Hz.

Dieser Vorschlag fand in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch im deutschsprachigen Raum zunehmend Fürsprecher und wurde in namhaften Publikationen wissenschaftlich diskutiert, so schreibt beispielsweise Gustav Schubring 1868:

  • „Eine noch etwas tiefere Stimmung hat Chladni schon im Anfange dieses [19.] Jahrhunderts vorgeschlagen, indem er nicht den Ton a als Grundlage benutzte, sondern C [...]. Der Ton C1 erhielt in Folge dessen die absolute Schwingungszahl 256 und daraus berechnen sich die verschiedenen in di[e]se Octave gehörigen Töne a wie folgt:[9]
die reine Sexte a1 = 42623,
die pythagoreische Sexte A1 = 432,
die gleichschwebende Sexte A1 = 430,538[96...].“[10]
„Der Einwurf dass dieselbe [Chladni’sche Stimmung] für die Musik zu tief sei ist nicht gerechtfertigt, denn sie stimmt fast genau überein mit der Pariser Stimmung von 1829 ([Rossini,]"Tell") [auf 431 Schwingungen]. Da man nun jetzt angefangen hat die seit 100 und mehr Jahren allmählich emporgeschraubte absolute Tonhöhe wieder herunterzusetzen, so kommt man vielleicht auch einmal wieder zu der natürlichen Stimmung von Chladni, und dann wird man hoffentlich definitiv bei ihr stehen bleiben.“[11]
(G. Schubring: Theorie und Berechnung der Tonleiter, Zeitschrift für die gesammten Naturwissenschaften, Band 32; Verlag Bosselmann, 1868, Seite 483, 485-486)
  • „Legt man der Berechnung das von Scheibler vorgeschlagene a′ mit 440 Schwingungen zu Grunde, so erhält man […] C' mit 264 Schwingungen in der Secunde; […].“[12]
    „Diese Stimmung wird jetzt vielfach als zu hoch angesehen und man hat daher auch in Deutschland schon an manchen Orten die oben erwähnte ‚tiefe Pariser Stimmung‘ [von 1858 auf 435 Schwingungen] eingeführt; aber selbst diese Stimmung ist in Vergleich zu den früher gebräuchlichen Stimmungen immer noch ziemlich hoch; Chladni z. B. giebt als eine mittlere Tonhöhe diejenige an, bei der die Schwingungszahlen aller C Potenzen von 2 sind. Hiernach kommen auf das Contra-C 32 Schwingungen, auf das grosse C 64.... auf das der eingestrichenen Octave 256 Schwingungen.
    […] Wollte man aber auf dem genannten Tone C' eine gleichschwebend temperirte Tonleiter aufbauen, so würde sich ein
A' mit 256 · 1,68179 = 430,538
Schwingungen ergeben, was also ziemlich genau der Tonhöhe des Orchesters in der grossen Oper zu Paris im Jahre 1822 entspricht, denn dasselbe hatte damals eine Stimmgabel mit 431 Schwingungen.“[13]
(G. Schubring: Die Tonleiter und ihre Berechnung, Zeitschrift für Mathematik und Physik: Organ für angewandte Mathematik, Band 13, Teubner, 1868, Seite 132, 133)

Giuseppe Verdi plädierte 1884 für eine Frequenz für a1 von 432 Schwingungen pro Sekunde.[14] Diesen Vorschlag Verdis befürworteten bzw. befürworten die Sänger Luciano Pavarotti, Dietrich Fischer-Dieskau, Peter Schreier und andere.[15]

Festlegung des Standardkammertons 440 Hz[Bearbeiten]

Die bis heute letzte internationale Stimmtonkonferenz wurde 1939 von der International Federation of the National Standardizing Associations in London durchgeführt und erstellte eine Norm für die Kammerton-Frequenz von 440 Hz bei 20 °C für den Ton a1 (Standard ISO 16), in Deutschland folgte das Deutsche Institut für Normung e.V. (DIN) dieser Regelung und erstellte die (nicht verbindliche) DIN 1317-1 für die Norm-Stimmtonhöhe allgemein, -2 der Stimmgabel und -3 der Orgel. Die Norm ist jedoch nur eine Empfehlung an die Mitglieder des DIN, die Entscheidung zu ihrer Anwendung bleibt jedem selbst überlassen. Der Europarat bestätigte diese Norm am 30. Juni 1971.[16][17]

Praxis[Bearbeiten]

Stimmgabel – hier eine für den Ton a1 mit 440 Hz

Die klassische Methode, den Kammerton anzugeben, ist die Stimmgabel, die 1711 von dem englischen Militärtrompeter John Shore entwickelt wurde; alternativ gibt es auch Stimmpfeifen. Heutzutage werden zunehmend elektronische Stimmgeräte eingesetzt. In manchen Telefonnetzen hat auch der Wählton 440 Hz; im Netz der Deutschen Telekom liegt er allerdings etwa einen Viertelton tiefer. In Österreich bietet das Bundesamt für Eich- und Vermessungswesen den Stimmton 440 Hz unter der Telefonnummer +43 1 21110 1507 [18] an.

In deutschen und österreichischen Orchestern hat sich – unabhängig von der nach wie vor international gültigen Normstimmhöhe von 440 Hz – die Frequenz von 443 Hz als Kammerton eingebürgert, insbesondere weil Saiteninstrumente bei höherer Frequenz durch die höhere Saitenspannung angeblich lauter und voller klingen. Dieser Ton wird zu Beginn der Probe oder der Aufführung von der Oboe angegeben, vom Konzertmeister (das heißt dem führenden Instrumentalisten der Stimmgruppe der ersten Geigen) abgenommen, der seine Geige nach diesem Ton stimmt und ihn dann ans Orchester weiterreicht. In anderen Ländern sind auch andere Stimmhöhen von 440 Hz bis 444 Hz üblich, beispielsweise herrscht in der Schweiz und Italien ein Stimmton von 442 Hz vor.[19][20] Die Berliner Philharmoniker verwendeten unter Herbert von Karajan in früheren Jahren sogar 445 Hz.[21] Für die Musizierpraxis auf historischen Instrumenten wird häufig ein Kammerton von 415 Hz (das ist gegenüber 440 Hz etwa einen Halbton tiefer) für barockes, 430 Hz für klassisches und 438 Hz für romantisches Instrumentarium verwendet.

Anmerkungen[Bearbeiten]

Die genannten unterschiedlichen Kammerton-Frequenzen zeigen, dass es bis jetzt keine eindeutige Herleitung eines allgemein gültigen Kammertons gibt. Bereits in den 1950er Jahren kamen Zweifel über die Festlegung der internationalen Stimmtonkonferenz auf 440 Hz auf (Protokoll der Academie des Sciences von 1950). Einige Musiker konnten die „Willkür“ der Entscheidung nicht nachvollziehen und hatten das Gefühl einer unausgewogenen Zufallsentscheidung.

Die Sopranistin Waltraud Meier hat sich für eine Reduktion der Tonhöhe des Kammertons eingesetzt: „Die Orchester sollten umdenken und, statt ausschließlich auf die eigene Brillanz zu achten, auch auf die Möglichkeiten der Sänger Rücksicht nehmen und in der Stimmung ein paar Hertz hinuntergehen.“[14] Auch der deutsche Komponist Richard Strauss kommentierte die gestiegene Höhe des Kammertons 1942 folgendermaßen: „Die hohe Stimmung unserer Orchester wird immer unerträglicher. Es ist doch unmöglich, dass eine arme Sängerin A-Dur-Koloraturen, die ich Esel schon an der äußersten Höhengrenze geschrieben habe, in H-Dur herausquetschen soll …“[14]

Solisten und Ensembles können nur in geringem Maß die Stimmhöhe selbst bestimmen, da einige Instrumente nicht ständig oder überhaupt nicht umgestimmt werden können (das betrifft z.B. Klaviere, Orgeln und Schlagzeuge), und folglich in mehrfacher Ausführung vorhanden sein müssten.

Menschen mit absolutem Gehör sind je nach Herkunft, Sozialisierung, Tagesform und Hörgewohnheiten auf unterschiedliche Kammertöne eingestellt. Daraus folgt, dass das absolute Gehör eine Tonhöhen-Erkennungs-Eigenschaft ist, aber mit der Qualitätsbeurteilung nicht direkt zu tun hat.

Außerdem kann die Stimmung zum Beispiel bei Blasinstrumenten oder Orgelpfeifen bei sich ändernder Temperatur wegen der Temperaturabhängigkeit der Schallgeschwindigkeit starken Schwankungen unterworfen sein.

Stimmtöne[Bearbeiten]

Zum Stimmen von Instrumenten können die folgenden Sinustöne verwendet werden:

431 Hertz?/i 432 Hertz?/i 433 Hertz?/i 434 Hertz?/i
435 Hertz?/i 436 Hertz?/i 437 Hertz?/i 438 Hertz?/i
439 Hertz?/i 440 Hertz?/i 441 Hertz?/i 442 Hertz?/i
443 Hertz?/i 444 Hertz?/i 445 Hertz?/i 446 Hertz?/i

Einzelnachweise und Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Bruce Haynes: A History of Performing Pitch: The Story of A
  2. Die Musik in Geschichte und Gegenwart: Stimmton. MGG Bd. 16, S. 1761 und 1760f. Bärenreiter-Verlag 1986
  3. Stimmung in Meyers Konversationslexikon 1905 oder Faksimile, 1885-1892
  4. 435 Hz, Stimmtonkonferenz, Wien; Zeitschrift für Instrumentenkunde (1881)
  5. 435 Hz, Stimmtonkonferenz, Wien; Zeitschrift für Instrumentenkunde (1891)
  6. 435 Hz, Stimmtonkonferenz, Wien; Grundlinien der Psychologie (1908)
  7. Joseph Sauveur et le Son fixe. Une première normalisation du "diapason"
  8. Joseph Sauveur
  9. Errechnet werden reine Sexte als 256· 5/3, pythagoreische Sexte als 256· 27/16 und gleichschwebende oder gleichstufige Sexte als 256· 23/4 durch Multiplikation mit dem entsprechenden Frequenzverhältnis.
  10. Zeitschrift für die gesammten Naturwissenschaften, Band 32; Verlag Bosselmann, 1868, Seite 483Online
  11. Zeitschrift für die gesammten Naturwissenschaften, Band 32; Verlag Bosselmann, 1868, Seite 485–486Online
  12. Zeitschrift für Mathematik und Physik: Organ für angewandte Mathematik, Band 13, Teubner, 1868, Seite 132 Online
  13. Zeitschrift für Mathematik und Physik: Organ für angewandte Mathematik, Band 13, Teubner, 1868, Seite 133 Online
  14. a b c Harenbergs Musik-Kalender 2008 (11. November)
  15. Petition des Schillerinstitutes [1]
  16. Res(71)16E on the standardisation of the initial tuning frequency
  17. Kommentar zur Resolution (71) 16 des Europarates vom 30. Juni 1971 über die Normierung der Frequenz des Stimmtones in: Fritz Winckel, Das Musikinstrument, 1972
  18. Amtsblatt für das Eichwesen, Wien, 2010, pdf, Seite 5
  19. Tabelle der Stimmhöhen europäischer Orchester, Teil 1
  20. Tabelle der Stimmhöhen europäischer Orchester, Teil 2
  21. Seite 4 von 10 | musik: Der Zauber des perfekten Klangs | Dossier | ZEIT ONLINE

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Die absolute Tonhöhe. In: Zeitschrift für die gesammten Naturwissenschaften, Band 32; Wiegandt & Hempel, Berlin 1868 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  • Bruce Haynes: A History of Performing Pitch: The Story of A (Scarecrow Press, 2002).
  • Arthur Mendel: Pitch in Western Music since 1500 – A Re-examination. In: Acta Musicologica, hg. von der Internationalen Gesellschaft für Musikwissenschaft, Edenda curavit: Hellmut Federhofer u.a., Band 50, Basel 1978, S. 1–275.
  • Gustav-Adolph Wettengel: Lehrbuch der Geigen- und Bogenmacherkunst. Voigt, Weimar 1869 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  • Publikationen zur (von Hans Cousto vorgeschlagenen) Kosmischen Oktave
  • 'History of Musical Pitch' - a table prepared by Mr. A. J. Ellis and published in 1880 (with additions from later publications) (dolmetsch.com)

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Kammerton – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen