Kampfmittelräumdienst

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Ein Mitarbeiter des rheinland-pfälzischen Kampfmittelräumdienstes bei der Überprüfung einer britischen 1,8 Tonnen schweren Luftmine, die bei der Entschärfung am 4. Dezember 2011 zur Evakuierung in Koblenz führte.

Der Kampfmittelräumdienst (kurz: KRD), auch Kampfmittelbeseitigungsdienst (KMBD) oder Munitionsbergungsdienst (MBD), dient der zivilen Kampfmittelbeseitigung in Deutschland.

Zuständigkeiten[Bearbeiten]

Experten des Kampfmittelräumdienstes Rheinland, vor der Entschärfung einer 20-Zentner-Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg am 15. Juli 2014 auf den Rheinwiesen unterhalb der Mülheimer Brücke in Köln.

Die Kampfmittelräumdienste sind zuständig für herrenlos gewordene Kampfmittel (zur Kriegsführung bestimmte Teile und Bestandteile von Waffen, u. a. Munition und deren Inhaltsstoffe), die vor 1945 produziert wurden, sowie für Munition der Armeen des ehemaligen Warschauer Paktes. Kennzeichnend für herrenlose Kampfmittel ist, dass sie nicht fachgerecht beseitigt, sondern zum Beispiel vergraben, versenkt oder unfachmännisch gesprengt worden sind. Einen Arbeitsschwerpunkt der Kampfmittelräumdienste bilden die Entschärfung und Entsorgung von Blindgängern – also nicht detonierter Munition. Bei Fundmunition nach 1945 liegt die Zuständigkeit bei den Ortspolizeibehörden, was in den Bundesländern unterschiedlich geregelt ist. Bei der Zuständigkeit für die Sicherung ehemals militärisch genutzter Anlagen muss man auf der Suche nach der Zuständigkeit den Einzelfall betrachten. Die Kostenaufteilung für die Durchführung dieser Aufgaben regelt Art. 120 GG in Verbindung mit dem Allgemeinen Kriegsfolgengesetz.

Organisation[Bearbeiten]

Die Organisation der Kampfmittelräumdienste obliegt den Bundesländern. Da es sich um eine Aufgabe der allgemeinen Gefahrenabwehr handelt, findet man die grundsätzliche Zuständigkeit bei den Landesinnenministerien. Die operativen Aufgaben nehmen Dienststellen der Polizei (Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Bremen und Schleswig-Holstein), der Feuerwehr (Hamburg) oder der Landesvermessungsverwaltung Niedersachsen wahr. In Rheinland-Pfalz ist der Kampfmittelräumdienst der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion unterstellt, in Nordrhein-Westfalen den Bezirksregierungen[1]. In Thüringen, Hessen und Bayern gibt es keine staatlichen Kampfmittelräumdienste, diese fordern Amtshilfe bei den Sprengkommandos der Bundeswehr an oder beauftragen Unternehmen und behalten sich hier lediglich die Aufsicht über Unternehmen der Kampfmittelbeseitigung vor.[2]

Die meisten Bundesländer haben auf der Grundlage ihrer Landesverwaltungs-, Polizei- oder Sicherheits- und Ordnungsgesetze Landesverordnungen erlassen, die geeignete Verfahrensweisen beim Umgang mit und in Bezug auf Kampfmittel im Detail regeln.

Ausbildung des Personals[Bearbeiten]

Mitarbeiter der Kampfmittelräumdienste haben sehr unterschiedliche Ausbildungen. Es gibt in diesem Bereich keinen Ausbildungsberuf. Viele Mitarbeiter sind von der Bundeswehr ausgebildete Munitionsfachleute oder Feuerwerker und verfügen über die Ausbildung und Prüfung als fachtechnische Aufsichtsperson in der Kampfmittelbeseitigung und sind in der Regel Sprengberechtigte. Eine Spezialdisziplin ist die Auswertung alliierter Luftbilder, auf denen sich Kriegshandlungen nachvollziehen lassen. In diesem Bereich sind oft Vermessungstechniker tätig. Als ungelernte nicht fachkundige Kräfte und Teamkollegen der Fachkundigen Sprengmeister kommen so genannte Räumstellenhelfer oder Munitionsarbeiter zum Einsatz. Trotz professioneller und maximal vorsichtiger Herangehensweise kommt es bei Bombenentschärfungen immer wieder zu tödlichen Unfällen durch unkontrollierte Explosionen. In den Jahren 2000 bis 2010 sind so acht Kampfmittelräumer im Einsatz ums Leben gekommen,[3] davon allein drei bei der Detonation einer alliierten 500 kg Fliegerbombe am 2. Juni 2010 in Göttingen.[4]

Aufgaben[Bearbeiten]

Die Aufgaben des Kampfmittelräumdienstes bestehen aus:

  • Aufklärung (Auswertung von Luftbildern, Archivalien, Zeugenaussagen) sowie Untersuchungen vor Ort
  • Flächensondierung und Bescheinigung der Freiheit von Kampfmitteln
  • Flächenräumung (hier meist die Fachaufsicht über zugelassene Vertragsfirmen)
  • Beseitigung (Gefahrenabwehr bei Munitionsfunden, Gefährdungsbeurteilung, Entschärfen, Abtransportieren, Zerlegen und Vernichten)
  • Prävention (Öffentlichkeitsarbeit in Schulen und Einrichtungen mit dem Zweck der Sensibilisierung der Bürger bei Munitionsfunden)

Bedeutung[Bearbeiten]

Die Bedeutung der Kampfmittelräumdienste wird aus den Jahresberichten deutlich: Auch Jahrzehnte nach Ende des Zweiten Weltkriegs werden allein in Schleswig-Holstein pro Jahr noch rund 100.000 Stück Munition sichergestellt und der Vernichtung zugeführt. Durch Alterung der nach wie vor gefährlichen Kampfmittel kommt es in Deutschland statistisch zu einer Selbstdetonation pro Jahr. Darüber hinaus sind bis in die 1970er Jahre bis zu 1,8 Millionen Tonnen Kriegsmunition allein in der deutschen Nord- und der Ostsee[5] versenkt und bisher nur zum Teil wieder geborgen worden. In der jüngeren Vergangenheit, auch durch gestiegenes Umweltbewusstsein der Bevölkerung, wird diese Altlast als erhebliche Gefahr wahrgenommen.

Der Erfassung der Gefahr und der Entwicklung alternativer Beseitigungsmethoden der Kampfmittelentsorgung widmet sich federführend Schleswig-Holstein, als durch maritime Gefahren am stärksten betroffenes Bundesland. Seit dem Jahr 2008 versucht die Landesregierung, unter Beteiligung der übrigen Küstenanrainer und des Bundes, Lösungsansätze für dieses gesamtgesellschaftliche Problem zu erarbeiten. Am 5. Dezember 2011 hat die unter dem Dach des Bund-Länder-Messprogramms tätige Arbeitsgruppe[6] ihren ersten Bericht vorgelegt. Die Autoren betonen, dass auf Grundlage weiterer Untersuchungen ein international standardisiertes Verfahren zur Risikobewertung entwickelt werden sollte. Dieser Prozess sollte durch eine Überwachung der Meeresumwelt auf etwaige Umweltauswirkungen durch die versenkte Munition begleitet werden. Zur jährlichen Fortschreibung des Berichts ist von der Bund/Küstenländer Arbeitsgemeinschaft Nord- und Ostsee (BLANO) die ständige Arbeitsgruppe Expertenkreis Munition im Meer unter der Federführung Schleswig-Holsteins eingerichtet worden. Die erste Fortschreibung ist seit 31. Januar 2013 unter dem Titel Munitionsbelastung der deutschen Meeresgewässer – Entwicklungen und Fortschritt (Jahr 2012)[7] im Internet öffentlich verfügbar. Auch in der im Februar 2014 erschienenen 2. Fortschreibung[8] betonen die Experten die nach wie vor noch unzureichenden Kenntnisse im Hinblick auf die versenkte Munition sowie fehlende effiziente Bergungstechniken. Auch wird deutlich, dass die bereits begonnenen und noch anstehenden Arbeiten im Bereich der Offshore-Bautätigkeit für Windparks und Kabeltrassen in erheblichem Umfang beeinflusst werden. Allein auf einer einzigen Kabeltrasse wurden mehr als 30 Tonnen Kampfmittel geborgen. Die jeweils aktuelle Gesamtfassung des derzeit mehr als 1.250 Seiten umfassenden Gesamtberichts ist auf den Internetseiten der Landesregierung Schleswig-Holstein[9] verfügbar.

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Kampfmittelräumdienst – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. "Kampfmittelbeseitigung in Nordrhein-Westfalen". "Ministerium für Inneres und Kommunales des Landes Nordrhein-Westfalen". Abgerufen am 5. November 2013: „"Da der Umgang mit Kampfmitteln besondere Fachkunde voraussetzt, unterhält das Land zur Unterstützung der örtlichen Ordnungsbehörden einen Kampfmittelbeseitigungsdienst bei den Bezirksregierungen Arnsberg: für die Bezirke Arnsberg, Detmold und Münster, Düsseldorf: für die Bezirke Düsseldorf und Köln."“
  2. Beispiel Bayern: www.gesetze-bayern.de Ziff. 5.2 Bekanntmachung des Bayerischen Staatsministeriums des Innern vom 15. April 2010, Az.: ID4-2135.12-9, Fundstelle: AllMBl 2010, S. 136. Aufgerufen am 5. September 2013.
  3. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatVorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatKampfmittelräumdienst: Täglich Lebensgefahr. NDR.de, 6. Juni 2013, abgerufen am 6. Juni 2013.
  4. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatVorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatWorld War II bomb kills three in Germany. BBC News, 2. Juni 2010, abgerufen am 6. Januar 2013 (englisch).
  5. Munitionsbelastung der deutschen Meeresgewässer – Entwicklungen und Fortschritt (Stand 2012), PDF-Datei, aufgerufen am 12. Februar 2013
  6. Bund-Länder-Messprogramms, aufgerufen am 12. Februar 2013
  7. Munitionsbelastung der deutschen Meeresgewässer – Bestandsaufnahme und Empfehlungen (Stand 2011), aufgerufen am 12. Februar 2013
  8. Munitionsbelastung der deutschen Meeresgewässer – Entwicklungen und Fortschritt (Stand 2013), PDF-Datei, aufgerufen am 19. Februar 2014
  9. Munition im Meer: Munition im Meer, aufgerufen am 12. Februar 2013