Kampo

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Kampō (漢方, auch als Kanpō transliteriert) ist der japanische Name für eine Pflanzenheilkunde (Phytotherapie), die ihre Wurzeln in der Traditionellen Chinesischen Medizin hat, sich aber unter den spezifischen Bedingungen der Traditionellen Japanischen Medizin im Laufe der Neuzeit als eigenständige japanische Richtung herausbildete.[1]

Einer der ältesten Belege für das Wort Kampō (James Curtis Hepburn: A Japanese and English Dictionary; with an English and Japanese Index. London: Trübner & Co., 1867, p. 177.)

Der Begriff „Kampō“ kam in Japan erst auf, als es galt, eine Grenzlinie gegen die ins Land drängende westliche Medizin zu ziehen. Im Hintergrund stehen als "Paten" die edozeitlichen Termini Kangaku (漢学, Chinakunde), Rangaku (蘭学, Hollandkunde) und Rampō (蘭方, Holland-Richtung, Holländische Rezepte). „Kampō“ bedeutet so viel wie „chinesisches Verfahren“, „chinesische Rezepte“.[2]

Kampō darf heute in Japan anders als die Moxibustion und Akupunktur nur von approbierten Ärzten angewandt werden. Da seit alters her viele der Drogen importiert wurden, begann man in Japan zur Verringerung dieser Abhängigkeit während des 19. Jahrhunderts die wirksamsten Substanzen zu selektieren und einer pharmazeutischen Aufarbeitung zu unterziehen. Dies führte zu einem höheren Nutzungsgrad und geringeren Dosen als in den chinesischen Rezepturen. Zugleich ging die Zahl der verwendeten Drogen zurück. Traditionelle chinesische Apotheken halten zur Herstellung der gängigen Rezepturen einen Drogenvorrat von etwa 500 Einzelsubstanzen. Demgegenüber verwendet die japanische Kampō-Medizin Kombinationspräparate von etwa 250 Drogen. Gesetzliche Vorschriften zwingen die Hersteller zu rigorosen Rückstandskontrollen auf Insektizide und Herbizide sowie zu Überprüfungen auf mikrobiologische Verunreinigungen (z.B. Aflatoxine) und Schwermetallbelastungen.[3]

Geschichte[Bearbeiten]

Wie viele andere Disziplinen entwickelte sich in Japan die Heilkunde im engen Austausch mit China. Mit der ab 600 einsetzenden und bis 894 andauernden Entsendung von Gesandtschaften nach China kam auch die chinesische Medizin auf die japanischen Inseln. Das während der Heian-Zeit anhand chinesischer Werke kompilierte Ishinpō (医心方, 982) ist älteste medizinische Schrift japanischer Herkunft. Über die ersten Jahrhunderte hinweg wurden die chinesischen Lehren weitgehend unverändert übernommen.

Eine nachhaltige eigenständige Sichtweise kam erst im 16. Jahrhundert auf. Sie wurde von dem Mediziner Tashiro Sanki (1465–1537) eingeleitet, der aus China die während der Jin- und der Yuan-Dynastie entwickelten Lehren mitbrachte. Unter seinem Schüler Manase Dōsan (1507–1594) erlebte die von Tashiro begründete „Schulrichtung des späteren Zeitalters“ (Gosei-ha 後世派, auch Goseihō-ha 後世方派), eine starke Systematisierung. Zugleich befreite der Aufschwung dieser neuen Schule die japanische Medizin aus den Fesseln der bisherigen Klostermedizin. Doch schon bald regte sich Widerstand gegen die mit spekulativen und praxisfernen Elementen durchsetzten „neuen“ Konzeptionen. Eine sich als „Alte Schulrichtung“ (Kohō-ha 古方派) konstituierende Bewegung griff zum einen auf frühe chinesische Klassiker wie das Shang Han Lun (傷寒論) zurück, das die durch Kälte (han / ) verursachten Krankheiten diskutiert, und betonten zum anderen die Bedeutung von Beobachtung, Erfahrung und Praxis. Diese Haltung trug zur Rezeption der westlichen Medizin bei, sie ermöglichte zugleich die Ausbildung des Fundaments der japanischen Kampō-Medizin.

Der Eklektizismus der japanischen Ärzte während der Edo-Zeit macht die Grenzziehung zwischen einheimischer, chinesischer und westlicher Medizin schwierig. Moderne Gegenüberstellungen von Ost und West ignorieren nahezu durchweg den komplexen historischen Werdegang. Eine scharfe Trennung wurde erst in der Meiji-Zeit vorgenommen, nachdem die Regierung 1870 den Aufbau des Gesundheitswesens nach deutschem Vorbild beschlossen hatte, hierzu ein Approbationssystem einführte und die traditionelle Medizin nach Kräften eindämmte.

1967 nahm das Gesundheitsministerium vier Kampō-Präparate in die von der Staatlichen Krankenversicherung anerkannten Liste von Heilmitteln auf. 1976 waren es bereits 83 Präparate, inzwischen ist die Zahl auf 148 angestiegen. Der japanische Markt wird von den Firmen Tsumura (ツムラ) und Kracie ( クラシエ) dominiert.

Literatur[Bearbeiten]

  • Ulrich Eberhard: Leitfaden Kampo-Medizin. Japanische Phytotherapie. Elsevier (Urban & Fischer), 2003.
  • Ulrich Eberhard: Kampo - die japanische Phytotherapie. In: Deutsche Zeitschrift für Akupunktur, 47, 2, 2004, S.21–28.
  • Christian Oberländer: Zwischen Tradition und Moderne: die Bewegung für den Fortbestand der Kanpô-Medizin in Japan. Stuttgart: Steiner, 1995 (ISBN 3515066128)
  • Christian Oberländer: Traditionelle Medizin und Krankheitsverständnis im Japan der Moderne: der Weg von der sinojapanischen Heilkunde der Edo-Zeit zur Kanpō-Medizin der Gegenwart. In: Zeitschrift für medizinische Ethik: Wissenschaft, Kultur, Religion. Jahrg. 49, Heft 3 (2003), S. 277–286.
  • Keisetsu Otsuka: Kanpo - Geschichte, Theorie und Praxis der chinesisch-japanischen traditionellen Medizin; aus dem Japanischen ins Deutsche übertragen von Yasuo Otsuka. Tokyo: Tsumura Juntendo, 1976.
  • Robert Rister: Japanese Herbal Medicine. The Healing Art of Kampo. Garden City Park, N.Y.: Avery Pub, 1999
  • Akira Tsumura: Kampo - How the Japanese Updated Traditional Herbal Medicine. Japan Publications, 1991.
  • Yuzo Sato et al. (ed.): Introduction to Kampo - Japanese traditional medicine. Tokyo: Elsevier Japan, 2005.
  • Shibata Yoshiharu, Jean Wu: Kampo Treatments for Climacteric Disorders - A Handbook for Practitioners. Brookline (Mass): Paradigm Publications,1998.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vergleiche hierzu Subhuti Dharmananda: Kampo Medicine. The Practice of Chinese Herbal Medicine in Japan.
  2. Das Zeichen kan () steht für „China“ und () für „Methode“, „Verfahren“, „Rezept“. Die Lautfolge ’n'-'h’ wird im Japanischen zu 'mp' assimiliert. Im frühen 20. Jahrhundert verwendeten manche Autoren auch die Schreibung (漢法). Die Bezeichnung kōkan igaku (皇漢医学) ist mittlerweile außer Gebrauch.
  3. Eberhard (2004)