Kandidatenturnier

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Die Kandidatenturniere im Schach dienen dem Zweck, den Herausforderer des Schachweltmeisters zu ermitteln.

Teilnehmer der Kandidatenturniere sind die „Weltmeister-Kandidaten“, welche die Endausscheidung erreicht haben und sich darum bewerben, den Weltmeister herausfordern zu dürfen. (Vereinzelt wurde der Begriff auch für andere Qualifikationsturniere im Schach verwendet, siehe Deutsches Kandidatenturnier.)

In der Schachgeschichte gab es bis zum Zweiten Weltkrieg mehrere Turniere, denen faktisch die Bedeutung eines Kandidatenturniers zukam. Zu den Vorläufern werden insbesondere das inoffizielle New Yorker Kandidatenturnier von 1927 und das AVRO-Turnier, welches 1938 in den Niederlanden stattfand, gezählt.

Die regulären Kandidatenturniere, für die sich die Teilnehmer über ein Zonen- und Interzonenturnier qualifizieren mussten, führte der Weltschachbund (FIDE) im Jahr 1950 ein. Dem lag der Beschluss zugrunde, den Herausforderer des (von der FIDE gekürten) Weltmeisters in einem Dreijahreszyklus zu ermitteln. Bis 1962 war das Kandidatenturnier ein Rundenturnier, das eine bestimmte Anzahl an Teilnehmern vorsah, die jeweils mehrere Partien gegeneinander spielen mussten.

Der US-amerikanische Großmeister Bobby Fischer rügte nach seiner Teilnahme im Jahr 1962 eine Reihe von vermuteten Manipulationen der sowjetischen Teilnehmer, die angeblich gegeneinander Partieresultate abgesprochen hatten.[1] Danach ließ die FIDE seit 1965 das Kandidatenturnier in Wettkampfform ausspielen. Diese Tradition der Kandidatenwettkämpfe wurde 1995 unterbrochen. Vor dem Hintergrund der Titelspaltung veranstaltete die Firma Braingames im Jahr 2002 wieder ein Kandidatenturnier zur Ermittlung des Herausforderers des „klassischen Weltmeisters“ Wladimir Kramnik, das im Rahmen der Dortmunder Schachtage stattfand und von Péter Lékó gewonnen wurde. Die FIDE schaffte später ihre umstrittenen K.-o.-Weltmeisterschaften wieder ab und begann (seit 2006) zur klassischen Form der Kandidatenturniere zurückzukehren.

Kandidatenturniere 1950 bis 1962[Bearbeiten]

Zyklus Turnier Sieger
WM 1951 Budapest 1950 David Bronstein, Isaak Boleslawski
WM 1954 Zürich 1953 Wassili Smyslow
WM 1957 Amsterdam 1956 Wassili Smyslow
WM 1960 Belgrad 1959 Michail Tal
WM 1963 Curaçao 1962 Tigran Petrosjan

Kandidatenwettkämpfe 1965–1993[Bearbeiten]

Nach der Reform von 1962 trugen die Kandidaten Wettkämpfe im K.o.-System aus. Bis zum Zyklus 1984 waren es 8 Kandidaten, danach wurde die Zahl auf 16 erhöht. Freiplätze bekamen der Verlierer des vorherigen WM-Kampfes und der unterlegene Finalist des vorangegangenen Kandidatenwettkampfs; vom Zyklus 1987 an auch die Halbfinalisten. Im Zyklus 1987 und 1990 kam ein vom Veranstalter nominierter Teilnehmer hinzu. Die übrigen Teilnehmer qualifizierten sich in Interzonenturnieren. Ein Sonderfall war der Zyklus 1987: Hier trugen die 16 Teilnehmer zunächst ein Rundenturnier aus, danach traten die vier bestplatzierten im K.o.-System gegeneinander an. Der Finalsieger (Andrei Sokolov) trat in einem „Superfinale“ gegen Anatoli Karpow an, der bei der außerhalb des 3-Jahres-Rhythmus angesetzten WM 1986 unterlegen war.

Zyklus Sieger Finalgegner Halbfinalisten weitere Teilnehmer
WM 1966 Spasski Tal Geller, Larsen Ivkov, Keres, Portisch, Smyslow
WM 1969 Spasski Kortschnoi Larsen, Tal Geller, Gligorić, Portisch, Reshevsky
WM 1972 Fischer Petrosian Larsen, Kortschnoi Geller, Hübner, Taimanow, Uhlmann
WM 1975 Karpow Kortschnoi Petrosjan, Spasski Byrne, Mecking, Polugajewski, Portisch
WM 1978 Kortschnoi Spasski Polugajewski, Portisch Hort, Larsen, Mecking, Petrosjan
WM 1981 Kortschnoi Hübner Polugajewski, Portisch Adorján, Petrosjan, Spasski, Tal
WM 1984 Kasparow Smyslow Kortschnoi, Ribli Beliavsky, Hübner, Portisch, Torre
WM 1987 Sokolov* Jussupow Timman, Vaganian Kandidatenturnier: Beliavsky, Csernyin, Kortschnoi, Nogueiras, Portisch, Ribli, Seirawan, Short, Smyslow, Spasski, Spraggett, Tal
WM 1990 Karpow** Timman Jussupow, Speelman Viertelfinale: Hjartarson, Portisch, Short, Spraggett
Achtelfinale: Ehlvest, Kortschnoi, Salow, Sax, Seirawan, Sokolov, Vaganian
WM 1993 Short Timman Jussupow, Karpow** Viertelfinale: Anand, Gelfand, Iwantschuk, Kortschnoi
Achtelfinale: Dolmatow, Drejew, Hübner, Judassin, Nikolić, Sax, Speelman
*In folgenden „Superfinale“ unterlag Sokolov gegen Karpow.
**Karpow wurde direkt in die zweite Runde (Viertelfinale) gesetzt

Kandidatenwettkämpfe während der Zweiteilung des Weltmeistertitels 1994–2002[Bearbeiten]

Die als Konkurrenzorganisation zur FIDE neu gegründete Professional Chess Association (PCA), angeführt von Garri Kasparow, dem die FIDE den Weltmeistertitel am grünen Tisch entzog, nahm die Tradition der Kandidatenkämpfe auf und veranstaltete zur Ermittlung von Kasparows nächstem Herausforderer in der Schachweltmeisterschaft 1995 ein Wettkampfturnier nach altem Muster. Bei der Schachweltmeisterschaft 2000 der PCA gab es keine reguläre Qualifikation; Weltmeister Kasparow wählte seinen Gegner Wladimir Kramnik selber aus. Zur Schachweltmeisterschaft 2004, der letzten WM der PCA, ermittelte der Sponsor Braingames den Herausforderer wiederum im K.-o.-System.

Die FIDE hatte nach Kasparows Disqualifikation eine separate Schachweltmeisterschaft 1993 veranstaltet, bei der die Unterlegenen des Kandidatenturniers Karpow und Timman gegeneinander antraten. Karpow gewann diesen Zweikampf und wurde zum FIDE-Weltmeister erklärt. Zur FIDE-WM 1996 wurde das Reglement geändert: Der amtierende Titelträger Karpow musste selbst am Kandidatenturnier teilnehmen. Allerdings wurde er direkt ins Halbfinale gesetzt. Das, was früher das Kandidatenfinale war, galt nun als Weltmeisterschaftskampf. Bei den folgenden FIDE-Schachweltmeisterschaften gab es überhaupt keine Kandidatenturniere mehr. Es wurden Turniere im K.-o.-System durchgeführt.

Zyklus Sieger Finalgegner Halbfinalisten weitere Teilnehmer
WM 1995 (PCA) Anand Kamsky Adams, Short Gulko, Kramnik, Romanyschyn, Tiviakov
WM 1996 (FIDE) Karpow* Kamsky Gelfand, Salow Viertelfinale: Anand, Kramnik, Timman
Achtelfinale: Adams, Chalifman, Judassin, Jussupow, Lautier, van der Sterren
WM 2004 (PCA) Lékó Topalow Barejew, Schirow Adams, Gelfand, Lutz, Morosewitsch
*Karpow wurde direkt ins Halbfinale gesetzt. Das Finale des Turniers war zugleich die Weltmeisterschaft.

Kandidatenturniere der vereinten WM-Titel (seit 2006)[Bearbeiten]

Mit der Schachweltmeisterschaft 2006 wurde die Zweiteilung des Weltmeistertitels beendet. Seither ging die FIDE schrittweise dazu über, wieder die anerkannten Kandidatenkämpfe auszurichten.

Für die Schachweltmeisterschaft 2007, die ein Rundenturnier war, wurden vier der acht Teilnehmer über Kandidatenwettkämpfe ermittelt. Diese vier Teilnehmer wurden im K.-o.-System aus den 16 Bestplatzierten im Schach-Weltpokal 2005 ermittelt.

In der Schachweltmeisterschaft 2010 wurde der Herausforderer in einem so genannten Herausforderermatch (Challenger Match) ermittelt, das einem Kandidatenfinale entsprach. Qualifiziert waren Wesselin Topalow, der dafür entschädigt wurde, dass er nicht wie ursprünglich vorgesehen an der Weltmeisterschaft 2007 teilnehmen konnte, und Gata Kamsky, der Gewinner des Schach-Weltpokals 2007. Topalow setzte sich durch.

Mit der Schachweltmeisterschaft 2012 kehrte die FIDE wieder ganz zur früheren Tradition der Kandidatenwettkämpfe zurück im K.-o.-Modus zurück. In den ersten beiden Runden wurden vier Partien, im Finale sechs Partien ausgetragen. Kritisiert wurde die sehr hohe Remisquote des Kandidatenturniers: Von 30 Partien mit normaler Bedenkzeit endeten 27 mit Remis, teilweise schon nach wenigen Zügen. Die meisten Wettkämpfe wurden daher erst im Tie-Break mit verkürzter Bedenkzeit entschieden. Silvio Danailow, Manager des in der ersten Runde ausgeschiedenen Wesselin Topalow, forderte daraufhin, dass künftig auch im Kandidatenturnier die Sofia-Regel gelten solle. Ihm wurde entgegengehalten, dass das Ziel der Spieler darin bestand, sich für die Weltmeisterschaft zu qualifizieren, und in einem Wettkampf über nur wenige Partien jeder Fehler das Aus bedeuten konnte. Jeder Spieler müsse das Recht haben, die Wettkampfstrategie zu wählen, von der er sich am meisten Erfolg verspreche.[2]

Das Kandidatenturnier 2013 fand in London statt und wurde als Doppelrundenturnier ausgetragen. Es gewann Magnus Carlsen, der punktgleich mit Vladimir Kramnik bei ausgeglichenem direktem Vergleich (zwei Remispartien) durch eine höhere Anzahl von erreichten Siegen den ersten Platz belegte.

Das Kandidatenturnier Chanty-Mansijsk 2014 wurde vom 12. bis 30. März 2014 in Chanty-Mansijsk ausgetragen, abermals als Doppelrundenturnier. Der ehemalige Weltmeister Viswanathan Anand gewann mit einem Punkt Abstand auf den Zweitplatzierten Sergei Karjakin. (Es kommt also bei der Schachweltmeisterschaft 2014 zu einem Revanchekampf zwischen Viswanathan Anand und Magnus Carlsen.)

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Bobby Fischer: Schacher im Schach. Das abgekartete Spiel der Russen, in: Der Spiegel, 41/1961, S. 94-97
  2. Kazan: the aftermath, Chessvibes.com, 28. Mai 2011